Unser von André Stern signiertes BuchAndré Sterns Buch “…und ich war nie in der Schule” verschlangen wir aus der Neugier heraus, wie ein Leben ohne Schule tatsächlich aussehen könnte.
Unsere Kinder besuchen bewusst keinen Kindergarten und sollen ebenso nicht beschult werden. Deshalb gönnten wir uns dieses Jahr ein etwas anderes Hochzeitstagsgeschenk und besuchten den Vortragsabend der Sterns in Erfurt.

Hier möchten wir zunächst einige Impulse des Vortrages „Ökonomie der Kindheit“ von André Stern wiedergeben. Seinem Vortrag folgte der seines Vaters Arno Stern: „Der Malort und das Malspiel“. Beide Vorträge waren wahnsinnig motivierend und ergreifend, doch werden wir an anderer Stelle auf den Malort in Verbindung mit Arno Stern eingehen.

Zunächst genossen wir die tolle Atmosphäre, die im Saal herrschte: Ganz selbstverständlich stellten manche Schulkinder eine kurze Zwischenfrage, Kleinkinder liefen barfuß im Gang und Babys experimentierten mit ihren eigenen Lauten, ohne dass deren Eltern böse Blicke ernteten, während André Stern so unbeschreiblich lebendig und herzlich von den vier Veranlagungen sprach, mit denen wir ausgestattet sind. Es ist auf jeden Fall empfehlenswert, die Sterns einmal live zu hören, denn mit Begeisterung und einem Schwung neuer Energie für sein eigenes Familienleben wird man den Abend verlassen.

André Stern berichtete also über die vier Veranlagungen, mit denen wir Menschen alle ausgestattet sind. Dabei versah er seine Erklärungen mit Beispielen aus seiner Kindheit, seinem Vatersein, Übungen für das Publikum und band in seine Rede schon so viele Fragen ein, die man wohl jedem Nie-Schulbesucher stellen würde.

Die Veranlagung zum Spielen

Hier wurden gleich zwei Fragen an das Publikum gerichtet.
Frage 1: Was tun Kinder, wenn man sie in Ruhe lässt? Die Antwort kennt jeder: Kinder … na? Kinder spielen, was sonst.
Frage 2: Warum unterbrechen wir ihr Spiel immer wieder? Hier fällt uns wahrscheinlich nicht gleich eine plausible Antwort ein.
Es scheint, als läge dies am fehlenden Vertrauen. Wir haben Angst, dass unsere Kinder im Leben nichts erreichen und wir haben Angst, dass wir in unserem pädagogischen Eifer etwas versäumen könnten.

Doch erklärte André Stern hier, dass Spielen das allerbeste Lernwerkzeug wäre. „Zum Lernen gibt es nichts besseres als das Spielen.“ Der Drang zu spielen sei für Kinder viel wichtiger als alles andere. Sollte das nicht eine Einladung zu neuem Vertrauen sein?

Bei unseren Mädchen ist so: Wir zwei Großen wollen die zwei Kleinen zum Anziehen bewegen, denn wir wollen noch vor Einbruch der Dämmerung aus dem Haus. Doch mit dem roten Seidentuch, das schon zwei Wochen hinter dem verstaubten Schränkchen lag und genau im hektischsten Moment zum Vorschein kommt, muss eben noch ein Vulkanausbruch im Wohnzimmer dargestellt werden…

Unser intellektuelles Verdauungssystem, also das Spielen, sagt uns hier: „Stopp, ich muss das jetzt spielen!“ und erlaubt uns dadurch die Simulation von Dingen, die in der realen Welt gefährlich wären – in Schutz und Geborgenheit.

André erinnerte uns daran, dass Spielen unsere letzte Freiheit ist. Diese hat man uns nicht genommen. Doch unsere Welt hat Spielen und Lernen voneinander getrennt. Für unsere Kinder wird es an diesem Punkt schwierig, denn „Spielen“ und „Lernen“ sind für sie Synonyme. Mit einem Beispiel wurde das im Vortrag auf den Punkt gebracht: Sagt man seinem Kind, es solle jetzt lernen und nicht mehr spielen entspricht das der Aussage, man soll nun Luft holen ohne zu atmen. Doch da kein Kind diese absurde Aussage seiner Eltern infrage stellen würde, wird es eher zu dem Schluss kommen, dass mit ihm selbst etwas nicht stimmt.

Die Veranlagung zur Begeisterung

Immer wieder hörten wir früher, Intelligenz sei erblich bedingt. Und auch heute singen es die Spatzen oft noch von den Dächern. Der Gehirnforscher Gerald Hüter, u.a. Autor der Bücher “Jedes Kind ist hoch begabt” und “Etwas mehr Hirn, bitte”, ist Dir sicher bekannt.

André zitierte ihn, um uns zu verdeutlichen, dass für das Lernen Begeisterung von Nöten ist: Die Gehirnregion, die für die Beweglichkeit des Daumens zuständigt ist, vergrößerte sich in unseren Gehirnen vor ca. 15 Jahren. Wer unseren Blogartikel gerade auf seinem Smartphone liest, erkennt rasch die Ursache: Die Bedienung des Mobiltelefons und das Texten mit dem Daumen. Man zieht daraus den Schluss, dass sich das Gehirn so entwickelt, wie es verwendet wird: durch Begeisterung, einem regelrechten „Gehirndünger“. Begeisterung ist die einzige grenzenlose Ressource der Welt. Interessant war Andrés Anmerkung: Kinder begeistern sich jede zweite oder dritte Minute, Erwachsene ca. vier Mal pro Jahr. Dabei sollten wir es sein, die diese einzige grenzenlose Ressource der Welt nutzen müssten!

Ebenso wertvoll, wie Kinder aus Spielen und Begeisterung schöpfen, ist:

Die Veranlagung zur Befreiung von Hierarchien

Genau das trainieren wir unseren Kindern aber schnell ab. Spätestens in der Schule merken wir, dass wir gute Noten in den Hauptfächern brauchen werden, um Ärzte, Ingenieure, Forscher oder Bankiers zu werden, damit wir nicht als Floristen, Straßenfeger oder Maurer enden. Die Hierarchie von Berufen und Schulfächern sitzt fest in unseren Köpfen.

André brachte den ganzen Saal zum Lachen, als er berichtete, welche Begegnungen sein Sohn ohne jegliches hierarchisches Denken mit Müllmännern, Mähdrescher-Fahrer und Pizzabäcker machte.

Ebenso positionieren wir uns Erwachsenen den Kindern gegenüber. Davon sollten wir uns trennen, ebenso von der ironischen Haltung gegenüber Kindern. Zum besseren Verständnis möchte ich Andrés Beispiel wiedergeben, wie ihm mit damals 23 Jahren sein Freund Werni, ein Schweizer Gitarrenbaumeister, Holz für den Bau einer Gitarre eben nicht überreichte: (Lieber André, solltest Du auf unseren Artikel stoßen, hoffen wir, dass es Dich nicht ärgert, wenn wir Deine kleine Geschichte weitergeben. Sie ist so gut, dass wir sie nicht für uns behalten können.)

„Hier André, weißt du was das ist? Hmm?“ „Das ist Holz.“ „Seeehr gut, richtig! Und weißt du auch, wo das Holz herkommt? Naaa, weißt du das?“ „Das ist vom Baum.“ „Ahhh, fein! Das Holz ist vom Baum. Aber weißt du denn auch, wo das Holz herkommt?“ …

Nun, wir würden uns bescheuert fühlen, wenn mit uns so gesprochen würde. Wir als Eltern fühlten uns hier ertappt, da auch wir unseren Kindern in der Vergangenheit in dieser „überlegenen“ Art statt auf ebenbürtige Weise gegenübertraten. Genau das zeigt dem Kind jedoch das Gefühl der Ausgrenzung. Für Kinder sei Ausgrenzung das schlimmste Gefühl überhaupt, sagte André Stern. Kinder wollen Teil des Teams sein. Sie wollen sein wie wir. Es ist diskriminierend dem Kind immer wieder zu zeigen, dass es noch nicht „dazugehört.“

Ökonomie der Kindheit bedeutet, eine bewusstere Haltung einzunehmen, die uns dazu bringt, neue Fragen zu stellen. Statt der Bemühung nachzugehen, dem Kind etwas beizubringen und wie man es erziehen kann, stelle man sich einfach die Frage: „Was kann ich von meinem Kind lernen?“ Wie wäre es da z.B. mit der Offenheit des Geistes? Denn wir wissen es alle: Die Kinder sind es, die auf Menschen ohne Rassismus und mit offenen Herzen zugehen. Sie kennen keine Intoleranz. Sie zeigen uns den Weg in eine bessere Welt.

Der Drang, in die Welt hinauszuziehen

Gesagt sei, dass Kinder zunächst Teamworker sind. Kinder wissen um die gegenseitige Bereicherung durch Verschiedenartigkeit. Deshalb ist das Kind dazu gemacht, in die Welt hinauszuziehen. Es hilft nichts, wenn wir das Kind zu Hause lassen würden, weil es nur das Wissen seiner Eltern nutzen könnte. Auch die Ängste der Eltern würden nichts neues zulassen. Hier kann man sich mit einem Beispiel konfrontieren: Würdest Du Dir zutrauen, selbst einen Baum hinaufzuklettern? Wahrscheinlich ja. Würdest Du das deinem Kind zutrauen? Ja, aber nicht so hoch und nur, wenn die Erzieherin in der Nähe ist und auch nur, wenn die Schnürsenkel zu sind…

Diese Gedanken kann man nicht beenden, ohne dabei an Schule zu denken. Wir bringen unsere Kinder aufgrund absurder Merkmale wie Alter und Wohnort zusammen statt Interessengemeinschaften zu bilden. Wir zwingen in unsere Kinder dasselbe Wissen am selben Ort zur selben Zeit. Hier fragte André offen: „Entsteht so Bereicherung?“

Nun – in unseren Schulen wird alles auswendig gelernt, was eben als Wissen vorgesetzt wird. Doch weiß jemand mehr, entsteht Konkurrenz. Und wie wir nun wissen, kann keiner mit Freuden lernen, wenn das zu Lernende nicht berührt.

In diesem Sinne – bleiben wir auf der Seite der Begeisterung.

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Über die Autorin
Evelin ist vegetarisch aufgewachsen und lebt seit 20 Jahren vegan. Sie hat als Erzieherin gearbeitet und schließlich studiert, um sich noch mehr für das Recht auf eine Kindheit in Würde, Frieden und ohne Manipulation durch Erziehung einzusetzen – nicht nur für die eigenen drei kindergarten- und schulfreien Kinder. Ihre Lieblingsthemen sind u.a. „Unerzogen“, „Attachment Parenting“, Hochsensibilität und Veganismus.
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CC BY-SA 4.0 André Sterns Vortrag zur “Ökonomie der Kindheit” von Free Your Family ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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