Lesezeit: 10 Minuten


Zuletzt aktualisiert: 05.08.2026

Zweitmeinung: Erfahrung, Einordnung und was wir daraus gelernt haben

Unsere fast dreijährige Tochter konnte plötzlich kaum noch laufen. In der Klinik fiel das Wort Borreliose, ein zweiter Arzt hielt eine akute Infektion für unwahrscheinlich, und wenige Tage später ging es ihr wieder gut. Lange erzählten wir diese Geschichte als Bestätigung für Bauchgefühl und Naturheilkunde. Heute schauen wir genauer hin: Was haben wir erlebt, was haben wir damals hineininterpretiert, und was lässt sich bis heute nicht klären?

Wichtig vorab: Dieser Text schildert unsere Erfahrung. Bei starken Schmerzen, Fieber, neurologischen Auffälligkeiten, einem geschwollenen Gelenk oder dem Verdacht auf eine Infektion braucht ein Kind zeitnah ärztliche Abklärung. Akut schwer kranke Kinder gehören in die Notfallversorgung.

Wie alles begann

Eines Morgens sagte unsere damals fast dreijährige Tochter, ihre Beine würden „wackeln“. Wir dachten zuerst an Müdigkeit oder etwas Vorübergehendes. Am Abend sagte sie es wieder. In der Nacht war sie unruhig, immer wieder wach und todmüde. Dann kamen starke Schmerzen dazu.

Niemand durfte ihr Knie berühren, auch die Bettdecke nicht. Unser Kind weinte. Wir fuhren mit ihr ins Krankenhaus.

Notaufnahme: die Szenen, die uns bis heute begleiten

Gegen vier Uhr morgens kamen wir in der Notaufnahme an und warteten nach unserer Erinnerung etwa eine Stunde. Wir waren übermüdet und hatten Angst. In dieser Lage ließen wir vieles geschehen, weil wir annahmen, der Ablauf müsse so sein.

Eine Pflegekraft maß bei unserer Tochter rektal Fieber. Sie schrie und wehrte sich. Später untersuchte eine junge Kinderärztin das Knie, bewegte es vorsichtig und machte einen Ultraschall. Beim Röntgen wurde das schmerzende Bein gerade gedrückt. Wieder weinte unsere Tochter. Wir standen daneben und fühlten uns zugleich verantwortlich und hilflos.

Heute würden wir früher unterbrechen und fragen: Was ist jetzt medizinisch nötig? Wie lässt sich die Untersuchung für unser Kind erträglicher gestalten? Damals fanden wir diese Worte nicht.

Ein langer Vormittag auf der Kinderstation

Auf der Kinderstation mischten sich Sorge, Erschöpfung und ganz gewöhnliches Familienleben. Mehrere Menschen hielten unsere Tochter fest, damit ein Venenkatheter gelegt und Blut abgenommen werden konnte. Ihr Jammern und Schreien traf uns tief. Kurz darauf bekam sie Ibuprofen. Das Mittel half spürbar gegen die Schmerzen.

Später lasen wir den Beipackzettel und erschraken über die Warnungen vor schweren Magen-Darm-Komplikationen. Heute ordnen wir diese Passage anders ein. Die Musterinformation des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte knüpft das Risiko unter anderem an Dosis und Anwendungsdauer und empfiehlt die niedrigste wirksame Dosis für den kürzesten nötigen Zeitraum. Bei Kindern richtet sich die Dosis nach Körpergewicht beziehungsweise Alter.[3] Damals hätten wir eine ruhige Erklärung gebraucht: Wofür bekommt unser Kind das Mittel, welche Risiken sind in ihrer Situation relevant, und worauf sollen wir achten?

Auch die kleinen Dinge jener Stunden sind uns im Gedächtnis geblieben. Das angebotene Essen passte kaum zu unserer veganen Ernährung. Eine Freundin brachte geschnittene Äpfel, Nüsse, Trockenobst, Rohkost-Cracker und Dattelriegel vorbei. Unsere Tochter freute sich darüber. Ihre neun Monate alte Schwester durfte zeitweise mit ins Gitterbettchen, das wir zum Tandemstillplatz machten. Eine Pflegekraft sah das ungern. Ein zusätzliches Bett wurde uns angeboten, kam aber nicht. So dämmerten wir abwechselnd auf einem Kinderstuhl vor uns hin.

Borreliose: ein Wort und viele offene Fragen

Gegen Mittag sagte uns der Chefarzt, das Blutbild weise auf Borrelien hin. Unsere Tochter solle Antibiotika über einen Tropf bekommen und mehrere Wochen in der Klinik bleiben. Welcher Test gemacht worden war, welche Antikörper man gefunden hatte und welche klinische Form der Borreliose vermutet wurde, verstanden wir damals nicht. Die Unterlagen liegen uns heute nicht mehr vollständig vor.

Diese Lücke entscheidet über die medizinische Einordnung. Das Robert Koch-Institut beschreibt die Lyme-Borreliose als klinische Verdachtsdiagnose, die Labordiagnostik stützt. Ein positiver Antikörperbefund kann auch von einer früheren, bereits überwundenen Infektion stammen; IgG- und IgM-Antikörper können über Jahre nachweisbar sein. Zugleich betrifft die Lyme-Arthritis häufig das Knie, und bei einem passenden klinischen Bild gehört die Serologie zur Diagnostik.[1] Die Leitlinie von IDSA, AAN und ACR empfiehlt bei Verdacht auf Lyme-Arthritis ebenfalls eine zweistufige Serum-Antikörperdiagnostik. Eine bestätigte Lyme-Arthritis wird antibiotisch behandelt.[2]

Aus der Formulierung „Borrelien im Blut“ lässt sich daher zu wenig ableiten. Entscheidend wären der genaue Befund, die Untersuchung unserer Tochter, mögliche andere Ursachen und die Dringlichkeit der Behandlung gewesen.

Warum wir die Klinik verließen

Wir verstanden die Begründung der geplanten Behandlung nicht und suchten Halt. Unsere Freundin kannte einen älteren Arzt, dessen Vortrag sie beeindruckt hatte. Patrick erreichte ihn telefonisch. Der Arzt ermutigte uns, mit den Befunden in seine Praxis zu kommen.

Als Patrick aus unserer Wohnung zurückkam, wo er bereits Koffer für den Klinikaufenthalt gepackt hatte, teilten wir dem Chefarzt unseren Entschluss mit. Nach unserer Erinnerung warnte er eindringlich vor schweren Folgen bis hin zu Lähmung und Blindheit. Er drängte auf die antibiotische Behandlung. Seine Worte machten mir große Angst. Zugleich fühlten wir uns in unseren Fragen übergangen.

Wir versprachen, direkt zu einem anderen Arzt zu fahren, und ließen unsere Tochter entlassen. Mit Blut- und Urinwerten sowie einem Schreiben der Klinik fuhren wir etwa 50 Kilometer in ein kleines Dorf in Thüringen. Unterwegs wussten wir nicht, ob wir eine mutige oder eine gefährliche Entscheidung getroffen hatten.

Die Zweitmeinung – und unsere heutige Einordnung

Der zweite Arzt nahm sich Zeit. Er erklärte uns die Laborwerte in einer Sprache, die wir verstanden. Nach seiner Einschätzung zeigten sie IgG-Antikörper gegen Borrelien, aber keine akute Infektion. Er vermutete Wachstumsschmerzen als Ursache der Kniebeschwerden.

Seine ruhige Art holte uns aus dem Angstmodus. Ein Teil seiner Erklärung überzeugt uns heute dennoch nicht. Für die damalige Aussage, die Borrelien-IgG-Antikörper könnten durch das Stillen in das Blut unserer fast dreijährigen Tochter gelangt sein, fanden wir bei der aktuellen Recherche keine fachliche Grundlage. Auch die Erklärung „Wachstumsschmerzen“ passt schlecht zu einem geschwollenen Gelenk. Eine klinische Übersichtsarbeit nennt Gelenkschwellung und eingeschränkte Beweglichkeit als Befunde, die weitere Diagnostik erfordern.[4]

Ob die Klinik eine behandlungsbedürftige Borreliose erkannt hatte oder ob der zweite Arzt mit seiner Einschätzung richtiglag, wissen wir bis heute nicht. Die schnelle Besserung beantwortet diese Frage ebenfalls nicht, denn Gelenkentzündungen können verschiedene Ursachen und Verläufe haben. Wir bezeichnen die erste Einschätzung deshalb heute nicht mehr als Fehldiagnose.

Was wir zu Hause taten

Der zweite Arzt stellte einen naturheilkundlichen Plan zusammen. Wir ernährten uns einige Tage ausschließlich von Rohkost, gaben Traumeel-Tropfen in frisch gepresste Säfte und unserer Tochter homöopathische „Zeckenbiss-Globuli“. Außerdem cremten wir ihr Knie mit einer Beinwellsalbe ein und legten Urinumschläge an.

Damals gab uns dieser Plan das Gefühl, etwas tun zu können. Zwei Tage später bewegte unsere Tochter das Knie wieder schmerzfrei. Dann schwoll vorübergehend das andere Knie an, schmerzte aber deutlich weniger. Nach zwei weiteren Tagen tanzte sie durch die Zimmer und sauste mit dem Laufrad durch die Wohnung.

Der zeitliche Verlauf beweist keine Wirkung. Für die „Zeckenbiss-Globuli“ fanden wir keinen Wirksamkeitsbeleg. Eine systematische Übersichtsarbeit zu nicht individualisierter Homöopathie bewertete die Evidenz insgesamt als niedrig; für keine einzelne Erkrankung lag darin verlässliche Evidenz vor.[5] Auch für Urinumschläge am entzündeten Knie fanden wir in der medizinischen Literatur keinen klinischen Wirksamkeitsnachweis. Rohkost war in dieser Situation Essen, keine Behandlung der möglichen Infektion.

Damals suchten wir zusätzlich eine psychische Erklärung. Unsere jüngere Tochter begann gerade zu laufen, während wir von der Großen immer mehr Selbstständigkeit erwarteten. Diese Beobachtung half uns, unseren Familienalltag zu überdenken. Die medizinische Ursache der Kniebeschwerden blieb offen.

Was eine gute Zweitmeinung leisten kann

Eine Zweitmeinung gibt euch die Chance, Befunde, Alternativen und Risiken noch einmal mit einer qualifizierten ärztlichen Person durchzugehen. Bei einer möglichen Infektion zählt dabei die Zeit. Zur zweiten Einschätzung gehört deshalb immer die Frage, wie lange eine Entscheidung medizinisch warten kann.

Vier Fragen hätten uns damals geholfen:

  • „Welche Diagnose vermuten Sie, und welche Befunde sprechen dafür?“
  • „Welche anderen Ursachen kommen in Betracht?“
  • „Welche Behandlung empfehlen Sie jetzt – und warum diese Form und Dauer?“
  • „Was kann passieren, wenn wir bis morgen oder bis zu einem vereinbarten Termin warten?“

Auch euer Bauchgefühl hat einen Platz. Es kann euch alarmieren, wenn der Umgang grob wird, Erklärungen fehlen oder das Tempo euch überrollt. Für die Diagnose braucht es Untersuchung, Befunde und fachliche Einordnung.

Was von jener Nacht geblieben ist

Die Freude über die Genesung war riesig. Unsere Tochter zog sich kurz darauf zum ersten Mal allein an, schälte Mandarinen, küsste ihre kleine Schwester und sprach plötzlich ganz sanft mit unserem ältesten Kater. Solche Details hatten wir aus der späteren Fassung gestrichen. Dabei gehören sie zu unserer Erinnerung: Nach Tagen voller Angst war unser Kind wieder ganz bei sich.

Geblieben ist auch die unbequeme Unsicherheit. Wir können aus dem Verlauf weder die Ursache der Beschwerden noch die Qualität der beiden damaligen Diagnosen ableiten. Sicher erinnern wir uns an zwei sehr verschiedene Erfahrungen: In der Klinik fühlten wir uns mit unseren Fragen und den Grenzen unseres Kindes oft allein. In der zweiten Praxis fühlten wir uns gehört. Gute Kommunikation machte die zweite Einschätzung für uns wertvoll; fachliche Richtigkeit garantiert sie trotzdem nicht.

Quintessenz

Eine Zweitmeinung kann euch aus Angst zurück ins Denken bringen. Ihr Wert liegt in einer nachvollziehbaren Begründung, einer fairen Prüfung der Alternativen und einer klaren Aussage zur Dringlichkeit. Die angenehmere Antwort verdient keinen Vertrauensvorschuss.

Für uns heißt das heute: Wir treten bei Untersuchungen früher für unser Kind ein. Wir fragen nach dem genauen Test und seiner Aussagekraft. Wir achten auf die Folgen eines Aufschubs. Und wir trennen das, was uns Trost oder Handlungsfähigkeit gibt, von dem, was eine Krankheit nachweislich behandelt.

Quellen zur medizinischen Einordnung

  1. Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Lyme-Borreliose, Stand 28.04.2025. Tragende Abschnitte: „Klinische Symptomatik“, dort „Lyme-Arthritis“, sowie „Diagnostik“, dort „Labordiagnostik“.
  2. Infectious Diseases Society of America, American Academy of Neurology und American College of Rheumatology: Guidelines for the Prevention, Diagnosis and Treatment of Lyme Disease, 2020. Tragende Abschnitte: „General Principles – Diagnostic Testing for Lyme Disease“ sowie XXI und XXII zur Lyme-Arthritis.
  3. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Musterfachinformation Ibuprofen für apothekenpflichtige Arzneimittel, 23.07.2024. Tragende Abschnitte: 4.2 „Dosierung und Art der Anwendung“, 4.4 „Besondere Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen“ und 4.8 „Nebenwirkungen“.
  4. Lehman, P. J.; Carl, R. L.: Growing Pains: When to Be Concerned. Sports Health 2017; 9(2):132–138. Tragende Fundstelle: Abstract, „Results“ und „Conclusion“. DOI: 10.1177/1941738117692533.
  5. Mathie, R. T. et al.: Randomised, double-blind, placebo-controlled trials of non-individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis. Systematic Reviews 2017; 6:63. Tragende Fundstellen: Abstract, „Results“ und „Conclusions“. DOI: 10.1186/s13643-017-0445-3.

(Titelbild: Marcelo Leal auf Unsplash)

CC BY-SA 4.0 Zweitmeinung bei Verdacht auf Borreliose: Was wir aus einer Klinik-Odyssee gelernt haben von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.