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Ich beantworte den Leserbrief einer Frau, die als Hebamme in einem ukrainischen Entbindungsheim arbeitet. Sie spielt mit dem Gedanken, ein Kind zu adoptieren. Sollte sie es an ihrer Brust stillen?
Aktualisiert am 10.08.2026.
Meine kurze Antwort: Ja, Stillen kann auch bei einer Adoption möglich sein. Ob es für eine bestimmte Mutter und ihr Baby passt, hängt von der Milchbildung, der sicheren Ernährung des Babys, der Gesundheit der Mutter, den Reaktionen des Babys und dem Erleben der Mutter ab. Darum wird meine Antwort ein bisschen länger.
Stillen bei Adoption: Was bedeutet induzierte Laktation?
Wenn eine Adoptivmutter Milch bildet, ohne dieses Kind geboren zu haben, heißt das induzierte Laktation. Eine Milchbildung kann auch ohne vorausgegangene Schwangerschaft angeregt werden. Ein Scoping-Review aus dem Jahr 2020 wertete 24 Veröffentlichungen dazu aus. Die untersuchten Wege reichten von Bruststimulation und direktem Saugen bis zu medikamentösen Verfahren. Bruststimulation spielte in den ausgewerteten Arbeiten eine zentrale Rolle; die erreichte Milchmenge unterschied sich, und die Verfahren waren wenig standardisiert.1
Wie viel Milch entsteht, lässt sich im Voraus schwer vorhersagen. Der Review beschreibt deutliche Unterschiede zwischen den ausgewerteten Fällen und Verfahren.1 Je nach Milchmenge kann das Baby zeitweise zusätzliche Nahrung brauchen.4
Ein 2023 veröffentlichter Fallbericht aus American Family Physician beschreibt die induzierte Laktation einer Adoptivmutter unter ärztlicher Begleitung. Die Autor:innen betonen dabei sorgfältige Beratung und klinische Beurteilung, weil die veröffentlichte Literatur zu Sicherheit und Wirksamkeit weiterhin begrenzt ist.2
Ammenstillen und Milk Sharing: Was ist anders?
Stillt eine bereits laktierende Frau das Baby einer anderen Familie direkt an ihrer Brust, nennt die ABM das Wet-Nursing oder Cross-Nursing, auf Deutsch meist Ammenstillen. Die ABM ordnet eine Amme funktional als Milchspenderin ein. Ihre Position zum informellen Milk Sharing nennt deshalb eine medizinische Anamnese und ein Screening der Spenderin als wichtige Sicherheitsmaßnahmen. Bei abgepumpter Milch kommt die sichere Handhabung hinzu. Die ABM nennt unter anderem übertragbare Erkrankungen und bestimmte Medikamente als mögliche Risiken und rät von anonymer, internetbasierter Milchweitergabe ab. Diese Position bezieht sich auf gesunde, termingeborene Säuglinge.3
Eine Adoptivmutter, die selbst eine Laktation für ihr Kind aufbaut, befindet sich in einer anderen Ausgangslage. Hier geht es um ihre eigene Gesundheit, ihre Milchbildung und darum, wie das Baby während des Aufbaus zuverlässig ernährt wird. Diese Unterscheidung macht aus zwei ähnlich klingenden Fragen zwei verschiedene Situationen.
Was bedeutet Stillen für Nähe und Bindung?
Stillen bringt Füttern und engen Körperkontakt zusammen. Für eine Adoptivmutter kann genau das wertvoll sein. Die hier verwendeten Quellen zur induzierten Laktation behandeln vor allem Methoden, Milchbildung und klinische Begleitung. Eine besondere Bindungswirkung bei adoptierten Säuglingen liegt außerhalb ihrer untersuchten Endpunkte.12
Die erlebte Nähe hat ihren eigenen Wert. Für eine besondere psychologische Wirkung auf die Bindung des adoptierten Babys bräuchte es passende Forschung.
Mehr über Bindung, Nähe und die Grenzen solcher Aussagen findet ihr in unserem Beitrag Bindung in der frühen Kindheit: Nähe, Mythen, Hilfe. Wenn euch interessiert, wie Stillen mit mehr als einem Kind im Familienalltag aussehen kann, findet ihr außerdem unsere Erfahrungen zum Tandemstillen.
„Zwinge ich dem Baby etwas auf?“
Diese Frage im Leserbrief berührt für mich den entscheidenden Punkt. Ein Säugling antwortet auf eine solche Situation vor allem mit seinem Verhalten. Er kann andocken, saugen und dabeibleiben. Er kann sich lösen, wegdrehen oder unruhig werden. Die Bedeutung einzelner Reaktionen kann mehrdeutig sein; zusammen geben sie den Erwachsenen Hinweise darauf, wie sich die Situation gerade entwickelt.
Stillen kann deshalb ein Angebot von Ernährung und Nähe sein, dessen Tempo sich auch am Baby orientiert. Gleichzeitig braucht ein Säugling jederzeit eine verlässliche Ernährung. Wenn die eigene Milchmenge dafür noch nicht ausreicht, gehört zusätzliche Nahrung zur Versorgung.4
Ist Ammenstillen oder Stillen bei Adoption „natürlich“?
Das Wort „natürlich“ hilft mir bei dieser Frage wenig. Für die Entscheidung zählen die Ernährung des Babys, seine Reaktionen auf die Brust und die Gesundheit der stillenden Person. Ammenstillen wird seit langer Zeit in unterschiedlichen Kulturen praktiziert; die ABM beschreibt Wet-Nursing als weiterhin vorkommende Form des informellen Milk Sharing.3
Für die einzelne Familie zählen deshalb andere Fragen: Ist das Baby sicher versorgt? Wie reagiert es auf das Stillen? Möchte die Mutter diesen Weg gehen? Welche gesundheitlichen Punkte brauchen vorher fachliche Klärung? Darin steckt für mich viel mehr Orientierung als in dem Etikett „natürlich“.
Meine Antwort
Wenn ihr ein Baby adoptiert und stillen möchtet, kann daraus eine sehr eigene Stillbeziehung entstehen. Vielleicht kommt viel Milch, vielleicht wenig. Vielleicht nimmt das Baby die Brust gern an, vielleicht entwickelt sich ein anderer Weg. Für mich zählt, wie ihr euer Kind versorgt, seine Reaktionen wahrnehmt und eure Beziehung gestaltet.
Ich würde Stillen deshalb als Möglichkeit sehen: als Ernährung, als Körperkontakt, als Nähe. Die sichere Versorgung des Babys, seine beobachtbaren Reaktionen und die Gesundheit der Mutter geben dabei den Rahmen. So kann sich Schritt für Schritt zeigen, welcher Weg zu euch passt.
Quellen
- Cazorla-Ortiz G, Obregón-Guitérrez N, Rozas-Garcia MR, Goberna-Tricas J: Methods and Success Factors of Induced Lactation: A Scoping Review. Journal of Human Lactation 2020;36(4):739–749. DOI: 10.1177/0890334420950321. Tragende Stellen: Abstract, Unterabschnitte „Methods“, „Results“ und „Conclusion“.
- Glover K, Casey JJ, Gilbert M: Case Report: Induced Lactation in an Adoptive Parent. American Family Physician 2023;107(2):119–120. Tragende Stellen: Fallbeschreibung und Schlussabsatz auf S. 119–120.
- Sriraman NK, Evans AE, Lawrence R, Noble L, Academy of Breastfeeding Medicine Board of Directors: Academy of Breastfeeding Medicine’s 2017 Position Statement on Informal Breast Milk Sharing for the Term Healthy Infant. Breastfeeding Medicine 2018;13(1):2–4. DOI: 10.1089/bfm.2017.29064.nks. Tragende Stellen: „Overview“ und „Evidence and Recommendations“, besonders Wet-Nursing/Cross-Nursing und Donor-Screening.
- American Academy of Pediatrics: Induced Lactation: Breastfeeding for Adoptive Parents. HealthyChildren.org, zuletzt aktualisiert am 09.05.2022. Tragende Stellen: „Prescription medications to stimulate milk production“ und „At-breast nursing supplementers“.
Frau, die ein fremdes Kind stillt – unnatürlich? von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
Hallo, ich bin zufällig auf Euren YT- Kanal gestoßen und möchte mich auch „einmischen“.
Mein Sohn musste krankheitsbedingt 1 1/2 Tage nach der Geburt nach Chemnitz auf eine Säuglingsstation verlegt werden. Für die ersten Tage wurde er künstlich, aber auch mit Muttermilch ernährt, die ich täglich nach Chemnitz gebracht habe. Nach einer Woche konnte ich mein Kind erstmals Stillen. Irgendwie haben wir es geschafft, obwohl leider keine Hebamme oder Still- Beraterin verfügbar war. Leider war durch das Abpumpen zu viel Milch da, was ich nur durch Stillen nicht regulieren konnte. Also habe ich weiter mein Kind gestillt und den Rest abgepumpt. Ich habe mein Kind 2 Jahre gestillt und nebenbei viele Liter Muttermilch gespendet, die dankbar angenommen und sogar zu Hause (40 km entfernt) abgeholt wurde. Ein fremdes Kind hätte ich wahrscheinlich nicht gestillt, dass wäre mir zu intim. Das sollte aber jede Frau für sich entscheiden.
Ein paar Themen zu Euren Videos möchte ich noch kurz anschneiden:
Damals eher total unüblich, habe ich meinen Sohn auch mehrere Jahre in einem Tragetuch durch die Gegend getragen, habe ihn mit Stoffwindeln gewickelt (er war mit 1 Jahr und 2 Monaten trocken) und es gab selbst gekochten Brei (vegetarisch)- aber erst ab 8 Monaten.
Dafür musste ich wirklich sehr viel Kritik einstecken. „Wie kann man sein Kind nur so lange Stillen? Nimm doch den fertigen Brei… Warum benutzt du nicht Wegwerfwindeln, dass ist doch das Kind angenehmer und trocken… im Tragetuch bekommt das Kind einen krummen Rücken…. “ Und, und, und…
Heute, mein Sohn ist 19 Jahre alt, kann ich nur noch darüber lachen, obwohl es mich damals schon fertig gemacht hat.
Wahrscheinlich wird es Euch bei dem einen oder anderem Thema ähnlich ergehen, zum Beispiel bei der veganen Ernährung. (Ich ernähre mich seit 6 Jahren vegan und könnte auch darüber ein kleines Buch schreiben.)
Ich finde es ganz großartig, wie Ihr mit Euren Kindern und dem Leben umgeht, macht weiter so!
Liebe Grüsse aus Mittelsachsen, Jaccqueline
Liebe Jacqueline,
vielen Dank für Deinen ausführlichen Erfahrungsbericht aus der Ammenperspektive.
Dass es damals solche Kommentare zu Deiner unkonventionellen Elternschaft gab, verwundert mich nicht. Es war eine andere Zeit.
Ich finde es bemerkenswert, dass man sich von manchen Leuten heute immer noch solche Vorwürfe gefallen lassen muss. Das kommt zwar nicht oft vor, aber gerade auf Youtube treffen wir oft auf Unverständnis.
Über die vegane Ernährung von Kindern haben wir bewusst noch nichts geschrieben oder erzählt, weil es definitiv irgendwen dazu verleitet, unqualifizierte Kommentare abzugeben – obwohl es auch hier umfassende Literatur gibt, z.B. das Buch „Vegane Ernährung“ von Gill Langley.
Liebe Grüße
Patrick