Wieso die Frau zwei Brüste hat - Tandemstillen

Wie soll das eigentlich funktionieren, dieses Tandemstillen? Ich habe es probiert und für gut befunden. In diesem Beitrag will ich meine Erfahrungen mit Dir teilen. Ich will Dich ermutigen, es auf einen Versuch ankommen zu lassen, wenn Du Dich mit dem Gedanken trägst, auch die Geschwister Deines Babys zu stillen.

Was ist Tandemstillen?

Tandemstillen heißt, dass die Mama zwei oder mehr Kinder stillt. Das können Zwillinge sein, aber auch ältere Geschwister des Babys.

Angstfreies Stillen von Anfang an

Schon lange vor unserer Familienplanung war mir klar: Meine Kinder werden von Anfang an die von der Natur vorgesehene Nahrung bekommen. Als unsere große Tochter dann geboren war, kam es genau so.

Ich stillte mein Baby. Ein Blick auf die Uhr hätte dabei nur gestört. Eine Gewichtskontrolle hätte mich nur verunsichert. Zufüttern? Das ist unnötig; Babys zeigen genau, wenn sie sich bereit fühlen, das Essen der Großen zu erkunden. Ein Schnuller hätte nur zu Saugverwirrung geführt. Und vor allem hatte ich keine Angst, mein Kind zu verwöhnen.

Kinder können nicht verwöhnt werden, indem sie zu viel von dem bekommen, was sie wirklich brauchen. – Jesper Juul

Milchpulver, Sauger oder Nuckelflasche? Brauchte ich nicht! Es gab für mich – wie bei der Hausgeburt auch – überhaupt keinen Grund, an der ordnungsgemäßen Funktion der weiblichen Brust zu zweifeln. Was sich jedoch als praktisch erwies, waren Still-BHs und stillfreundliche Oberteile – wie die von baby-walz.

Ich hatte den Zuspruch unserer Hebamme, das Vorbild meiner großen Schwester und befürwortende Lektüre wie das Stillbuch von Hannah Lothrop. Was könnte da schon schiefgehen?

Vom Vollstillen zum Langzeitstillen und zur zweiten Schwangerschaft

Ab dem achten Monat interessierte sich unser Kind für größere Mengen unser Speisen. Dennoch deckte sie den Großteil ihres Bedarfs an Nahrung fast bis zum ersten Geburtstag aus den beiden Brüsten ihrer Mama.

Erst danach konnten wir klare Gedanken fassen und weiteren Nachwuchs planen. Als unser Erstling 15 Monate alt wurde, freuten wir uns über die Schwangerschaft mit unserem zweiten Wunschkind. Ja, man kann trotz Stillen schwanger werden, wenn die Beikost dazu führt, dass das Kind nicht mehr so viel Muttermilch braucht.

Durch die erste Beerenernte im Jahr und reichlich Milchzähne im Gebiss nahm unsere Große innerhalb von drei Monaten ausreichend feste Nahrung zu sich.

Schwanger mit Kleinkind: Weiterstillen ist ungefährlich für das Ungeborene

„Das Baby nimmt sich, was es braucht. Wenn die Versorgung des Babys im Bauch unter dem Stillen des großen Kindes leidet“, so erklärte mir die Hebamme, „fährt der schlaue Körper der Mutter die Milchproduktion zurück“. Im Laufe des zweiten Trimesters der Schwangerschaft geschah genau das.

Meine Brustwarzen wurden zudem sehr empfindlich. Die Brüste sollten von nun an die Funktion einer Vertrauens- und Schutzbasis übernehmen – und nicht mehr die einer Versorgungsstation. So stillten wir zum Einschlafen fast ausschließlich „trocken“. Trocken zu stillen bedeutet, dass das Kind an der mütterlichen Brust saugen kann, dabei jedoch keine Muttermilch fließt. Dabei sei erwähnt, dass der Fluss der Milch nicht bei jeder Frau komplett versiegt.

Viele Mütter berichten, dass die großen Stillkinder während der Schwangerschaft behaupten, es käme nach wie vor Milch. Unsere Tochter versicherte mir genau das, obwohl ich erst in den letzten Wochen vor der Geburt wenige Tröpfchen der gelben Vormilch ausstreichen konnte. Während der „Trockenphase“ lief für sie wohl die „Milch der Liebe und Vorbereitung“, die sie nicht anders beschreiben konnte.

Ohne sicher zu sein, ob es für künftiges Tandemstillen Sinn ergeben würde, fanden wir bald eine Vereinbarung: Aus der „Brust mit Punkt“ (Leberfleck) könnte unser großes Mädchen trinken, aus der anderen, der „Babybrust“, das Baby.

Die Zuweisung einer eigenen Brust eigentlich nicht nötig, aber aus Gründen der Hygiene manchmal sinnvoll. So wird zum Beispiel verhindert, dass sich das eine Kind mit dem Mundsoor des anderen ansteckt.

Stillen während der Schwangerschaft ist nicht „wehenauslösend“!

Immer noch warnen manche Frauenärzte, die Stimulation der Brustwarzen in der Schwangerschaft löse Wehen aus. Allein deshalb wäre Stillen in dieser Zeit tabu. Fakt ist jedoch, dass das Stillen bis kurz vor der Geburt nicht wehenfördernd wirkt – obwohl das Gehirn das „Kuschelhormon“ Oxytocin dabei ausschüttet.

Denn erst wenn es an der Zeit ist, steigt die Zahl der Oxytocin-Rezeptoren in der Gebärmutter. Und erst dann kann das Stillen die Wehen auslösen.

Genau diese Erfahrung durften wir auch machen: Die Geburt unseres zweiten Kindes wurde nicht durchs nächtliche Stillen ausgelöst. Vielmehr setzten wir wieder auf die „altbewährte Methode“ wie zur ersten Hausgeburt. Welche das ist, erfährst Du in Patricks Geburtsbericht.

Die erste Zeit zu viert: Tandemstillen – was galt es zu beachten?

Bei der Geburt war die Stimulation der Brustwarzen für mich tabu. Nach der Geburt bestand unser geübtes Stillkind schon bald darauf, zusammen mit dem Baby angelegt zu werden. So nuckelte das große Kind Kolostrum (so nennt man die Vor- bzw. Erstmilch) an der „Brust mit dem Punkt“ und das Baby trank an der „Babybrust“. Das erste gemeinsame Tandemstillen fühlte sich sehr beglückend an.

Stillen macht glücklich - Tandemstillen

Stillen macht glücklich

Die Hebammen hatten keine Einwände gegen das Tandemstillen. Sie erwähnten aber, dass ich darauf achten solle, dass ich das Baby zum Trinken des Kolostrums zuerst anlege.

Da unser großes Kind sowieso nicht aus der „Babybrust“ trank, änderte sich dort an der Zusammensetzung nichts. War das große Geschwisterkind außer Haus, konnte ich das Baby abwechselnd an beiden Seiten anlegen.

Tandemstillen – Die Vorteile

Zuhause wollte unsere Große jedoch viel vom Baby sehen und viel von ihrer Mama haben. Entsprechend zeitig kam ein sanfter Milcheinschuss. Ja, das kräftige Mitstillen half nicht nur bei der raschen Rückbildung der Gebärmutter, sondern ließ auch schon in der zweiten Nacht die weiße, süße Milch bilden.

Die Milchbar fühlte sich nicht hart oder gestaut an, wie Frauen es oft beim ersten Milcheinschuss erleben. Diesmal war keine Massage oder warme Dusche nötig, um die Milchkanäle zu öffnen und die Milch zum Fließen zu bringen.

Das Stillen des großen Geschwisterkindes erleichtert ungemein. Unsere damals Zweijährige war eine dankbare Hilfe, wenn es darum ging, große Mengen zu trinken, Spannungsgefühle in der Brust zu mindern und Milchstau zu lösen.

Später half sie manchmal dem Baby, indem sie zwei Schlucke aus der „Babybrust“ abtrank, wenn sich das Kleine ständig verschluckte.

Stillpositionen fürs Tandemstillen

Tandemstillen heißt nicht, dass beide Kinder tatsächlich auch gleichzeitig gestillt werden. Ein Tandemfahrrad bleibt ja auch ein Tandemfahrrad, wenn nur ein Radfahrer darauf sitzt.

Das gleichzeitige Anlegen bedeutete für mich, eine Stillposition zu finden, in der sich alle wohlfühlen. Das war schwierig. Mütter von Zwillingen bekommen den Dreh recht schnell raus. Ein spezielles Stillkissen ist eine große Hilfe, um die Kinder beidseitig anzulegen.

Ungewohnte Positionen können ein großes Geschwisterkind überfordern. Von unserer großen Tochter verlangte ich nach der Geburt ihrer Schwester, sich auf meine Hüfte zu legen, während ich „bequem“ auf der Seite liegend zum Baby gedreht war. Eifersucht und Zorn waren oft die Folge.

Sitzpositionen, bei denen das Baby in meinem Schoß lag und das Kleinkind halb sitzend, halb hockend versuchen musste, an die „Punktbrust“ zu gelangen, waren ebenso wenig befriedigend. Unserer Großen gefiel auch die Position in Seitenlage nicht, in der das Baby auf ihrem Körper ruhte.

Als mein Baby etwas größer war, funktionierte das Tandemstillen auf dem Sofa im Sitzen: Das Baby lag auf meinem Schoß, das große Geschwisterkind kuschelte sich seitwärts an mich.

Tandemstillen - zwei Kinder gleichzeitig

Unsere Große und ihre Schwester beim Stillen

Was ich als Nicht-Muskelprotz sagen kann: Beide Kinder im Bett liegend zu stillen, ist für die Arme, auf denen die Köpfe der Kinder aufliegen, nicht zu unterschätzen.

Eine richtige Lieblingsposition hat sich bei uns nicht entwickelt. Mit der Zeit ist es aber sehr einfach geworden, den Bedürfnissen beider Kinder schnell gerecht zu werden.

Mein Rat für Mütter, die das Tandemstillen in Betracht ziehen: Es hilft sehr, verschiedene Stillpositionen mit dem Geschwisterkind zu üben, bevor das Baby zur Welt kommt.

Eifersucht und Leidenschaft

Die Eifersucht zwischen den Kindern blieb trotz Tandemstillen weder im Wochenbett noch in der Zeit danach aus. Ich fand es aber unglaublich schön, wenn sich beide Kinder beim Stillen anschauten oder streichelten. So lernten sie sich viel besser kennen. Das dämmte das „Entthronungstrauma“ der großen Schwester ausreichend ein.

Beide Kinder wurden größer und älter. Und so bereitete mir das Tandemstillen unvergessliche Momente:

  • Die großen Säuglinge klatschten sich gegenseitig in die Hände.
  • Nach einem Streit vertrugen sie sich schnell wieder an ihrer Milchquelle.
  • Oder sie summten sich abwechselnd Töne vor, um den anderen zum Kichern zu bringen.
Tandemstillen: Gleichzeitiges Stillen zum besseren Kennenlernen

Gleichzeitiges Stillen zum besseren Kennenlernen

Update mit Kind Nr. 3: Abstillen oder Tandemstillen?

Nun, inwischen stille ich drei Kinder. Aber von vorn …

Schon recht bald hatten sich die Mädchen während meiner letzten Schwangerschaft abgestillt. Wie das verlief, erzählte ich unter anderem hier:

Unsere Erstgeborene verkündigte, dass sie mit ihren damals vier Jahren nicht mehr gestillt werden bräuchte und die Brust gerne dem Baby überlässt. Die Mittlerste ist sehr kooperativ und fand es okay, erst wieder nach dem Milcheinschuss mitzutrinken.

Nach der Geburt unseres Nesthäkchens stellte sich heraus, dass unsere Große mir nicht mehr beim Abtrinken helfen konnte. Das Saugbedürfnis von Kindern lässt um das sechste Lebensjahr nach. Durch die lange Stillpause veränderte sich auch die Fähigkeit, zu stillen. Uns beiden das einzugestehen, war ernüchternd.

Ist die Große krank oder hat immensen Weltschmerz, kann ich sie inzwischen wieder stillen. Allerdings braucht das etwas Anlauf; die Milch muss dazu entweder schon „laufen“ oder die Brust eine Minute im Mund stecken, bis sie den Dreh raus hat.

Unser Stillalltag mit dem dritten Kind

Der Einjährige wird wach, pinkelt in sein Töpchen, kuschelt sich wieder neben mich und ich stille ihn. Er ist schnell fertig und stapft schon mal durch die Wohnung. Das weckt seine Schwestern. Die Große, inzwischen sechs Jahre, springt ihm hinterher. Die Mittlerste, demnächst vier Jahre alt, legt sich an eine volle Brust und trinkt sie leer.

Tagsüber stille ich fast nur noch den Buben. Die Mädchen trinken selten mit uns und verlangen auch keine „Einschlaf-Mumi“, wenn wir abends ins Familienbett schlüpfen.

Hast du immer noch genug Milch?

Hätte ich Drillinge oder wären alle drei Kinder gleichzeitig krank, wäre es kein Problem, sie zu stillen. Die Milchmenge passt sich entsprechend an.

Von zu wenig Milch kann ich nur sprechen, wenn ich selbst nicht ausreichend gegessen habe, zum Beispiel bei Krankheit. So macht sich ein Fastentag durch eine stark reduzierte Milchproduktion sofort bemerkbar.

In der Stillzeit verbrennt man etwa 300 bis 600 Kilokalorien am Tag zusätzlich. Stillen macht hungrig und durstig. Wenn ich ein Kind anlege, ist der Durst sofort da. Bei der Auswahl natürlicher und gesunder Lebensmittel vertraue ich meinem Körper. Er weiß, was ich und mein Kind am meisten brauchen.

Schlussworte

Wie beim Stillen unterwegs (in der Öffentlichkeit) gilt auch beim Tandemstillen: Es ist ganz allein die Angelegenheit von Dir und Deinen Kindern. Ihr müsst euch da nicht reinreden lassen. Solange es sich für euch richtig anfühlt, könnt ihr stillen, wie ihr es braucht. Denn die Muttermilch ist das Beste für Deine Kinder.

Mein persönliches Fazit für jegliches Tandemstillen bleibt nach wie vor marktwirtschaftlich: Die Nachfrage reguliert das Angebot. Biete ich die Brust häufig an, regt das die Milchbildung an. Mache ich dies nicht, könnte ich bald wieder meine Mädchen-Bustiers anziehen.

Aber davon halten meine Milchknilche noch nichts. ;-)
Bis bald, Deine Evelin

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