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Zuletzt aktualisiert: 15. August 2026
„Wir sind Wölfe“ von Katrina Nannestad ist ein Kinder- und Jugendroman über Wolfskinder im ehemaligen Ostpreußen am Ende des Zweiten Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die deutsche Ausgabe wird ab 10 Jahren empfohlen. Aus meiner Erfahrung lohnt es sich trotzdem, vorher selbst hineinzulesen – gerade bei Kindern, die solche Geschichten sehr tief mitnehmen.
Liebe (Buch- und Geschichts-)Freunde, unsere Kinder sind groß geworden. Wer uns ein wenig kennt, weiß, dass unsere Kinder ohne Schule aufwachsen und neben den Lerninhalten auch ihre Lernmaterialien weitgehend selbst wählen. Bei unserem selbstbestimmten Lernen bedeutet das unter anderem: eine große Auswahl an Büchern zu immer komplexeren Themen.
Beim letzten Besuch in der Buchhandlung fiel uns „Wir sind Wölfe“ in die Hände. Ein Kinderbuch über drei Geschwister, die sich durch das kriegszerstörte Ostpreußen schlagen. Ich war sofort neugierig – und ziemlich skeptisch.
Ich kenne die grausamen Schicksale dieser Zeit aus den Erzählungen unserer Großelterngeneration. Wie erzählt man Kindern vom Leid deutscher Kinder, ohne den historischen Zusammenhang glattzubügeln? Und kippt ein solches Buch vielleicht in die andere Richtung: so viel pädagogischer Zeigefinger, dass am Ende vor lauter Botschaft kaum noch eine Geschichte übrig bleibt?
Und, ganz ehrlich: Versteht eine australische Autorin genug von dieser deutschen Geschichte, um sie für Kinder zu erzählen?
Worum es in „Wir sind Wölfe“ geht
Stellt euch vor, ihr seid elf Jahre alt und müsst plötzlich die Verantwortung für eure jüngeren Geschwister übernehmen, während um euch herum alles zusammenbricht. Genau das passiert Liesl. Zusammen mit Otto und der kleinen Mia muss sie sich durch das kriegszerstörte Ostpreußen schlagen. Es geht um Hunger und Kälte, um Angst, Misstrauen und immer wieder um dieselbe sehr konkrete Frage: Wie kommen wir durch den nächsten Tag?
Historisch knüpft der Roman an die sogenannten Wolfskinder an: Kinder, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und danach ohne Eltern, Schutz und verlässliche Versorgung durch das ehemalige Ostpreußen zogen und teilweise bis nach Litauen gelangten. Gute Einstiege in ihre Geschichte bieten die Bundeszentrale für politische Bildung und die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung.
Was mich an dem Buch überzeugt hat
Natürlich musste dieses Buch mit. Ich wollte wissen, wie Katrina Nannestad all dieses Leid so erzählt, dass junge Leser:innen es nachvollziehen können, ohne dass daraus eine einzige Aneinanderreihung von Grausamkeiten wird.
Und was soll ich sagen? Ich war beeindruckt.
Nannestad bleibt sehr nah bei Liesl. Sie darf elf Jahre alt sein, obwohl sie Entscheidungen treffen muss, die kein elfjähriges Kind treffen sollte. Sie ist stur, hat Humor und beobachtet die Erwachsenen um sich herum ziemlich genau. Dadurch wird sie nicht zur historischen Symbolfigur, sondern zu einem Kind, mit dem man durch diese Geschichte geht.
Was mir ebenso wichtig war: Der Roman erzählt vom Leid deutscher Kinder, ohne daraus eine Entlastungsgeschichte über Deutschland zu machen. Nationalsozialismus, Holocaust und der historische Zusammenhang des Krieges verschwinden aus meiner Sicht dabei nicht. Gleichzeitig behandelt Nannestad Liesl, Otto und Mia als Kinder – und nicht als Träger irgendeiner kollektiven Schuld.
Genau davor hatte ich beim Kauf ein bisschen Angst: vor einer Geschichte, die entweder verharmlost oder mit erhobenem Zeigefinger erzählt. Beides habe ich beim Lesen nicht empfunden.
Und je tragischer ein Kinder- und Jugendbuch ist, umso wichtiger wird für mich das Ende. Das ist hier – man mag es kaum glauben – ein gutes.
Die Fahrradszene: mitten im Krieg plötzlich lachen
Eine Szene ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Liesl bringt Soldaten der Roten Armee das Fahrradfahren bei.
Einer lernt ziemlich schnell, wie man vorwärtskommt – nur hat ihm offenbar niemand erklärt, wie man wieder anhält. Also fährt er einfach weiter und verschwindet irgendwann hinter einem Hügel. Später versucht sich Kommandant Sokolow, ein riesiger Mann, auf einem viel zu kleinen Kinderfahrrad.
Mitten in dieser schweren Geschichte wird es für ein paar Seiten absurd und komisch. Bewaffnete Männer, vor denen Liesl guten Grund hat, Angst zu haben, eiern plötzlich wie Anfänger auf Fahrrädern herum.
Die Bedrohung verschwindet dadurch nicht. Aber für diesen kurzen Moment sieht Liesl Menschen beim Scheitern, Lernen und Lachen. Gerade diese seltsame Nähe von Gefahr und Komik ist mir von dem Buch geblieben.
Für welche Kinder „Wir sind Wölfe“ passen kann
Zuerst habe ich „Wir sind Wölfe“ still für mich gelesen – mit ein paar Unterbrechungen für meine Tränen. Dann habe ich es in den Schrank gestellt. Für meine damals acht- und zehnjährigen Töchter war mir die Geschichte zunächst einfach zu tragisch. Mein Plan war, noch ein oder zwei Jahre zu warten.
Der Vorsatz hielt nicht lange. Die Kinder entdeckten das Buch und wollten es lesen. Also beschlossen wir, es gemeinsam zu lesen.
Das war für uns eine gute Lösung. Beim gemeinsamen Lesen konnte ich Pausen einbauen, wenn es nötig war, wir konnten über einzelne Episoden sprechen und Fragen sofort aufgreifen. Gerade bei einem solchen Stoff merkt man ziemlich gut, wann ein Kind weiterhören möchte und wann genug ist.
Bei unseren Leseabenden beende ich ein Kapitel abends deshalb nicht an der letzten, dramatischsten Zeile, sondern suche lieber eine Stelle, an der etwas Hoffnung liegt. Das nimmt der Geschichte nichts. Es hilft nur dabei, dass niemand mit der schlimmstmöglichen Szene im Kopf einschlafen muss.
Die deutsche Ausgabe wird ab 10 Jahren empfohlen. Für mich ist das ein sinnvoller Anhaltspunkt, aber keine magische Grenze. Kinder reagieren sehr verschieden auf Krieg, Verlust und Bedrohung. Wenn ihr wisst, dass euer Kind Eindrücke lange mit sich herumträgt, würde ich das Buch vorher selbst lesen und dann entscheiden, ob Alleinlesen, gemeinsames Lesen oder noch etwas Warten gerade besser passt.
Wenn euch das Thema beschäftigt, findet ihr bei uns auch einen allgemeinen Einstieg dazu, was Hochsensibilität bei Kindern bedeuten kann. Und wenn ihr weitere Kinderbücher über Geschichte sucht, haben wir eine Übersicht mit weiteren Empfehlungen zusammengestellt.

Unser Fazit zu „Wir sind Wölfe“
Für mich ist „Wir sind Wölfe“ ein richtig gutes Kinder- und Jugendbuch über eine verdammt schwere Zeit. Katrina Nannestad traut jungen Leser:innen einiges zu, ohne das Grauen zum Spektakel zu machen. Vor allem aber lässt sie Liesl, Otto und Mia Kinder sein: verletzlich, eigensinnig, manchmal komisch und erstaunlich stark, wenn ihnen eigentlich viel zu viel zugemutet wird.
Ich würde das Buch wieder mit meinen Kindern lesen.
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Wir sind Wölfe: Ein berührender Roman über eine Flucht im Zweiten Weltkrieg*
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Kennt ihr Kinder- und Jugendbücher, die schwere Geschichte ehrlich erzählen und trotzdem gut mit Kindern lesbar sind?
Ich wünsche euch allen eine gute Lesezeit!
Eure Evelin
„Wir sind Wölfe“: Kinderbuch über Wolfskinder, Krieg und Menschlichkeit von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.