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Aktualisiert am: 7. August 2026

Kinder im StraßenverkehrZu unserem Youtubevideo „Warum wir jede Art von Erziehung ablehnen“ wurde uns folgende Frage zur Antipädagogik mit Kindern im Straßenverkehr gestellt:

Angenommen, ihr geht mit eurem Kind spazieren. Es hat Spaß und erfreut sich seines Lebens, tollt herum und beachtet die Erwachsen nicht. Dann rennt es ohne zu gucken auf die Straße. Wie verhindert ihr das konkret? Ich bin auch kein Freund von vielen Verboten etc. Wenn die Tasse heiß ist und das Kind sie trotz Hinweis anfassen will, dann tut es halt mal kurz weh. Jedoch geht mir das „eigene Erfahrung sammeln“ bei einer Kollision mit einem Lastwagen dann doch zu weit. Wie wird hier z.B. Angst durch Erpressung verhindert?

Wie wir in unserem Blogbeitrag Begriffsverwirrung Erziehung darlegten, richtet sich die Antipädagogik gegen die substantielle Erziehung. Welche Formen der Begleitung Kinder im Straßenverkehr tatsächlich sicherer machen, ist davon eine eigene Frage. Dazu gibt es inzwischen auch Forschung.

Im Straßenverkehr benötigen wir andere Herangehensweisen.

Insbesondere der „funk­tio­nalen Erzie­hung“, also dem „funk­tio­na­len Ler­nen“ des Kindes, was alles einschließt, was vom Kind erlebt wird, fällt eine Schlüsselrolle zu. Desweiteren ist die „ergänzende Erziehung“ im Straßenverkehr hilfreich, also die Beantwortung von Kinderfragen und die Einmischung in Situationen, die unsere Kinder wahrscheinlich noch nicht allein bewältigen können.

Nun plaudern wir mal ein wenig aus unserem Erfahrungsschatz.

Funktionales Lernen der Kinder im Straßenverkehr

Unsere frei aufwachsenden Kinder sind von Anfang an immer mit uns unterwegs. Sie sehen, wie wir uns verhalten und im Straßenverkehr reagieren. Als Traglinge bekommen sie von Anfang an mit, dass wir Großen uns ebenfalls nicht mit diesen vorbeirauschenden Ungetümen anlegen und beim Überqueren der Straße Vorsicht walten lassen.

Ergänzende Erziehung der Kinder im Straßenverkehr

Wenn unsere Kinder, wie in der gestellten Frage dargestellt, quietschvergnügt herumtollen und bereits seit geraumer Zeit nichts passiert ist, nehmen sie uns schon viele unserer Ängste. Dadurch, dass sie, wie im Abschnitt zuvor beschrieben, gelernt haben, wie mit dem Straßenverkehr umzugehen ist, halten wir es für unwahrscheinlich, dass sie „einfach so“ auf die Straße rennen.

An gefährlichen Stellen verlassen wir uns darauf allerdings nicht. Die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass jüngere Kinder Verkehr aufgrund ihrer körperlichen und kognitiven Entwicklung anders überblicken als Erwachsene. Unter anderem können Entfernung, Geschwindigkeit und Richtung fahrender Fahrzeuge schwieriger einzuschätzen sein; auch mehrere Reize gleichzeitig zu verarbeiten kann jüngeren Kindern schwerfallen.[1]

Sollten wir dennoch Angst um unsere Kinder im Straßenverkehr haben, sagen wir ihnen in der konkreten Situation, dass wir sie wegen unserer eigenen Angst jetzt lieber auf dem Arm tragen wollen. Vor allem beim Überqueren stark befahrener Straßen nehmen wir unsere Kinder hoch.

Sie lieben es sowieso total, getragen zu werden und es gab bisher noch nie das Problem, dass sie unbedingt ganz allein die Straßenseite wechseln wollten.

Bei normal befahrenen Straßen bieten wir unseren Kindern die Hand, damit sie sich sichern können.

Schützt (substantielle) „Erziehung“ im Straßenverkehr?

Ob eine bestimmte Form von „Erziehung“ Kinder im Straßenverkehr schützt, lässt sich aus einzelnen Unfällen oder Alltagsszenen allein nicht ableiten. Interessanter ist, was Kinder durch verschiedene Formen des Lernens tatsächlich wissen und tun.

Eine systematische Übersichtsarbeit von Olivier Duperrex, Frances Bunn und Ian Roberts wertete 15 randomisierte Studien zur Verkehrssicherheitsbildung aus, 14 davon mit Kindern. Die Programme konnten Wissen und beobachtbares Verhalten beim Überqueren von Straßen verändern. Die Studien untersuchten jedoch nicht, ob dadurch tatsächlich weniger Kinder bei Verkehrsunfällen verletzt wurden.[2]

Eine spätere Meta-Analyse von David Schwebel und Kolleg:innen fasste 25 Studien zu verhaltensbasierten Trainings zusammen. Die untersuchten Trainings verbesserten die Verkehrssicherheit der Kinder in den gemessenen Wissens- und Verhaltensmaßen im Mittel auch noch bei Nachuntersuchungen einige Monate später. Die Autor:innen bewerteten die Qualität der Evidenz als niedrig bis moderat. Besonders günstig schnitten unter anderem Übungen zum plötzlichen Loslaufen, zum Überqueren zwischen parkenden Autos und zur Wahl sicherer Überquerungsstellen ab.[3]

Ein Ball, der plötzlich auf die Straße rollt, zeigt das Problem ziemlich gut: In diesem Moment kann die Aufmerksamkeit des Kindes am davonrollenden Ball hängen. Wissen, Erfahrung und Übung helfen dabei, Verkehrssituationen besser einzuschätzen. Die Verantwortung für eine unmittelbare Gefahr tragen trotzdem wir Erwachsenen.

Vorführungen, die beeindrucken

Besser als die schönsten Ermahnungen helfen kleine Vorführungen im Straßenverkehr:

Weil unsere große Tochter immer etwas waghalsig ist, nahmen wir sie mit an eine Straße, an der seitlich die Autos parkten und stellten eine typische Situation nach: Ein Kind rennt plötzlich zwischen zwei parkenden Autos auf die Straße und die nahenden Fahrzeuge können es nicht sehen.

Selbstverständlich sollte unsere Tochter nicht wirklich auf die Straße laufen. Wir warteten einfach auf die vorbeifahrenden Autos. Das plötzliche Auftauchen und das Getöse der Fahrzeuge erschreckten sie (und uns ;-)).

Wir erklärten ihr noch, dass die Leute in den vorbeifahrenden Autos sie zwischen den Autos nicht sehen können. Deshalb können sie nicht rechtzeitig bremsen, wenn unsere Tochter plötzlich auf die Straße liefe.

Oh ja, wir hatten den Eindruck: Das verstand sie.

Bei unserer Tochter hatten wir den Eindruck, dass diese Vorführung den Zusammenhang sehr anschaulich gemacht hat. Die Forschung zu Verkehrstrainings zeigt ebenfalls, dass Kinder Verkehrssituationen durch Übung lernen können. Sie erlaubt allerdings keine Aussage darüber, wie nachhaltig genau unsere kleine Vorführung gewirkt hat.[3]

Antipädagogik, also „Nichterziehen“, bedeutet nicht, Kindern Lerngelegenheiten vorzuenthalten.

Mehr darüber, was wir unter Nichterziehung verstehen, findet ihr auch in Was ist Nichterziehung eigentlich? und Wieso wir jede Art von Erziehung ablehnen.

Was, wenn das Kind doch auf die Straße läuft?

Im Notfall retten wir unser Kind, wie wir jeden anderen auch retten würden. Je näher uns ein solcher Schock geht, desto weniger werden wir zum Schimpfen (oder zur „Verkehrserziehung“) neigen. Es ist doch ein Grund zur Freude und Erleichterung, wenn wir das Kind z.B. vor dem Überfahren gerettet haben und nichts weiter passiert ist.

Wir rufen also ein entschiedenes „Halt!“ oder „Stopp!“ und halten das Kind auf.

Was genau dazu geführt hat, können wir aus diesem einen Moment allein nicht wissen. Ein Kind kann etwas über Straßenverkehr verstanden haben und seine Aufmerksamkeit in einer bestimmten Situation trotzdem auf etwas anderes richten. Die WHO beschreibt bei jüngeren Kindern unter anderem kürzere Aufmerksamkeitsspannen, impulsives Verhalten und Schwierigkeiten, mehrere Anforderungen gleichzeitig zu bewältigen.[1]

Die akute Gefahr zwingt uns Erwachsene dann, beherzt einzugreifen, bevor die Situation außer Kontrolle gerät und es zu einem Unfall kommt. Wenn wir unser Kind dabei ruppig anfassen, gehört für uns hinterher auch eine Entschuldigung dazu: „Es tut mir leid, dass ich Dich gerade so ruppig behandelt habe. Ich hatte Angst, dass Du auf die Straße läufst und verletzt wirst.“

In Gefahrensituationen greifen wir ein, sobald wir eine unmittelbare Gefahr sehen.

Vielleicht helfen euch die mit dem oft nachgefragten Praxisbeispiel „Kinder im Straßenverkehr“ veranschaulichten Darstellungen unserer Überzeugungen und der antipädagogischen Vorgehensweise dabei, nachzuvollziehen, was wir hier eigentlich tun, und eure eigene Haltung dazu zu prüfen. 🙂

Weitere Gedanken dazu findet ihr auch in Was ist Nichterziehung eigentlich?, Wieso wir jede Art von Erziehung ablehnen und unserem Beitrag über beziehungsorientierte Elternschaft und Attachment Parenting.

Quellen

  1. World Health Organization: Road traffic injuries: Children, 6. Dezember 2023, Abschnitt „Why are so many children involved in road traffic crashes?“
  2. Duperrex O, Bunn F, Roberts I: Safety education of pedestrians for injury prevention: a systematic review of randomised controlled trials. BMJ. 2002;324:1129. DOI: 10.1136/bmj.324.7346.1129. Tragende Stellen: Abstract, „Results“ und „Conclusions“.
  3. Schwebel DC, Barton BK, Shen J, Wells HL, Bogar A, Heath G, McCullough D: Systematic Review and Meta-Analysis of Behavioral Interventions to Improve Child Pedestrian Safety. Journal of Pediatric Psychology. 2014;39(8):826–845. DOI: 10.1093/jpepsy/jsu024. Tragende Stelle: Abstract, „Results“ und „Conclusions“.

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