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Praxis der Antipädagogik: Kinder im Straßenverkehr

Kinder im StraßenverkehrZu unserem Youtubevideo “Warum wir jede Art von Erziehung ablehnen” wurde uns folgende Frage zur Antipädagogik mit Kindern im Straßenverkehr gestellt:

Angenommen, ihr geht mit eurem Kind spazieren. Es hat Spaß und erfreut sich seines Lebens, tollt herum und beachtet die Erwachsen nicht. Dann rennt es ohne zu gucken auf die Straße. Wie verhindert ihr das konkret? Ich bin auch kein Freund von vielen Verboten etc. Wenn die Tasse heiß ist und das Kind sie trotz Hinweis anfassen will, dann tut es halt mal kurz weh. Jedoch geht mir das “eigene Erfahrung sammeln” bei einer Kollision mit einem Lastwagen dann doch zu weit. Wie wird hier z.B. Angst durch Erpressung verhindert?

Wie wir in unserem Blogbeitrag Begriffsverwirrung Erziehung darlegten, richtet sich die Antipädagogik gegen die substantielle Erziehung, die im Straßenverkehr wenig hilfreich ist. Sie ist im Gegenteil sogar besonders kontraproduktiv, wie wir Dir in den nachfolgenden Ausführungen erläutern.

Im Straßenverkehr benötigen wir andere Herangehensweisen.

Insbesondere der „funk­tio­nalen Erzie­hung“, also dem „funk­tio­na­len Ler­nen“ des Kindes, was alles einschließt, was vom Kind erlebt wird, fällt eine Schlüsselrolle zu. Desweiteren ist die “ergänzende Erziehung” im Straßenverkehr hilfreich, also die Beantwortung von Kinderfragen und die Einmischung in Situationen, die unsere Kinder wahrscheinlich noch nicht allein bewältigen können.

Nun plaudern wir mal ein wenig aus unserem Erfahrungsschatz.

Funktionales Lernen der Kinder im Straßenverkehr

Unsere frei aufwachsenden Kinder sind von Anfang an immer mit uns unterwegs. Sie sehen, wie wir uns verhalten und im Straßenverkehr reagieren. Als Traglinge bekommen sie von Anfang an mit, dass wir Großen uns ebenfalls nicht mit diesen vorbeirauschenden Ungetümen anlegen und beim Überqueren der Straße Vorsicht walten lassen.

Ergänzende Erziehung der Kinder im Straßenverkehr

Wenn unsere Kinder, wie in der gestellten Frage dargestellt, quietschvergnügt herumtollen und bereits seit geraumer Zeit nichts passiert ist, nehmen sie uns schon viele unserer Ängste. Dadurch, dass sie, wie im Abschnitt zuvor beschrieben, gelernt haben, wie mit dem Straßenverkehr umzugehen ist, halten wir es für unwahrscheinlich, dass sie “einfach so” auf die Straße rennen.

Sollten wir dennoch Angst um unsere Kinder im Straßenverkehr haben, sagen wir ihnen in der konkreten Situation, dass wir sie wegen unserer eigenen Angst jetzt lieber auf dem Arm tragen wollen. Vor allem beim Überqueren stark befahrener Straßen nehmen wir unsere Kinder hoch.

Sie lieben es sowieso total, getragen zu werden und es gab bisher noch nie das Problem, dass sie unbedingt ganz allein die Straßenseite wechseln wollten.

Bei normal befahrenen Straßen bieten wir unseren Kindern die Hand, damit sie sich sichern können.

Schützt (substantielle) “Erziehung” im Straßenverkehr?

All die vielen verunglückten Kinder im Straßenverkehr, die von ihren Eltern doch wirklich oft genug ermahnt, beschimpft und denen Verbote ausgesprochen wurden, sprechen nicht dafür.

Im Grunde führen solche “Erziehungsmaßnahmen” dazu, dass die Kinder immer unselbständiger, verantwortungsloser und schließlich lebensmüder werden.

Täglich kann man erzogene Kinder sehen, die ohne Vorsicht einem Ball auf die Straße nachlaufen, weil die elterlichen Ermahnungen in dieser Situation verblassen; Denn wichtig ist für das Kind in diesem Moment nur der davonrollende Ball.

Psychologisch betrachtet: Die Kommandos der Eltern werden im “Über-Ich” gespeichert. Bei Erwachsenen kann z.B. Alkohol das “Über-Ich” außer Kraft setzen. Bei den Kindern ist es die Dringlichkeit, den Ball wiederzuerlangen.

Eigene Erfahrungen werden hingegen im “Ich” gespeichert und bleiben dort erhalten. Wenn sich Kinder ohne störende Erziehungsakte mit der Wirklichkeit und der Wirksamkeit des Straßenverkehrs auseinandersetzen können, bleibt das also im Bewusstsein des Kindes verankert.

Vorführungen, die beeindrucken

Besser als die schönsten Ermahnungen helfen kleine Vorführungen im Straßenverkehr:

Weil unsere große Tochter immer etwas waghalsig ist, nahmen wir sie mit an eine Straße, an der seitlich die Autos parkten und stellten eine typische Situation nach: Ein Kind rennt plötzlich zwischen zwei parkenden Autos auf die Straße und die nahenden Fahrzeuge können es nicht sehen.

Selbstverständlich sollte unsere Tochter nicht wirklich auf die Straße laufen. Wir warteten einfach auf die vorbeifahrenden Autos. Das plötzliche Auftauchen und das Getöse der Fahrzeuge erschreckten sie (und uns ;-)).

Wir erklärten ihr noch, dass die Leute in den vorbeifahrenden Autos sie zwischen den Autos nicht sehen können. Deshalb können sie nicht rechtzeitig bremsen, wenn unsere Tochter plötzlich auf die Straße liefe.

Oh ja, das verstand sie.

Wir denken, mit solchen Vorführungen kann man Kinder so intensiv beeindrucken, dass sich das Erlebte im “Ich” abspeichert.

Antipädagogik, also “Nichterziehen”, bedeutet nicht, Kindern Lerngelegenheiten vorzuenthalten.

Was, wenn das Kind doch auf die Straße läuft?

Im Notfall retten wir unser Kind, wie wir jeden anderen auch retten würden. Je näher uns ein solcher Schock geht, desto weniger werden wir zum Schimpfen (oder zur “Verkehrserziehung”) neigen. Es ist doch ein Grund zur Freude und Erleichterung, wenn wir das Kind z.B. vor dem Überfahren gerettet haben und nichts weiter passiert ist.

Wir rufen also ein entschiedenes “Halt!” oder “Stopp!” und halten das Kind auf.

Offenbar haben wir in diesem Fall das Problem noch nicht ausreichend veranschaulicht. Das zwingt uns Erwachsene, beherzt einzugreifen, bevor die Situation außer Kontrolle gerät und es zu einem Unfall kommt – nicht ohne eine Entschuldigung dem Kind gegenüber dafür, dass man das Problem wohl zuvor nicht richtig verständlich machte: “Es tut mir leid, dass ich Dich gerade so ruppig behandelt habe, aber ich habe Dir die Gefahr, die von heranfahrenden Autos droht, nicht ausreichend erklärt.”

In Gefahrensituationen solltest Du kein Risiko eingehen und auf Dein Gefühl vertrauen.

Vielleicht helfen Dir die mit dem oft nachgefragten Praxisbeispiel “Kinder im Straßenverkehr” veranschaulichten Darstellungen unserer Überzeugungen und der antipädagogischen Vorgehensweise, Deine eigene Konditionierung zu überwinden und nachzuvollziehen, was wir hier eigentlich tun. :-)

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Kommentare 3

  • Vielen Dank für diesen spannenden Artikel, liebe Evelin und lieber Patrick!
    Er inspiriert und ermutigt, sich selbst und den Kindern zu vertrauen.

    Ich sehe keinen Widerspruch, wenn man im Ernstfall (z.B. Kind will auf befahrene Strasse rennen) physisch eingreift. Dafür sind Eltern (und andere Bezugsmenschen) ja da, um das Kind seine eigenen Erfahrungen machen zu lassen und um einzugreifen, wenn es gefährlich wird bzw. um etwas geht, dass das Kind noch nicht einschätzen kann. Verantwortungsbewusste Menschen wissen, wann welches Vorgehen angebracht ist.
    Wie Euer Bericht eindrücklich zeigt, ist es “trotz” oder eben wegen Eurem Nichterziehensstils gar nicht nötig, ständig massiv eingreifen zu müssen. Wie wunderbar!

    Danke für den wertvollen Beitrag den Ihr leistet für eine bewusstere und liebevollere Welt!
    Die besten Wünsche für Euch und Eure schöne Familie :-)

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