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Zuletzt aktualisiert: 12. März 2026
In etlichen Grundschulen werden „schwache Schüler“ gern neben „starke Schüler“ gesetzt. Man mag sich an Bezeichnungen wie diese gewöhnen und sie als normal empfinden. Ich finde sie doof. Ja, ich finde sie sogar übergriffig. Denn diese Begriffe beschreiben meist kein Kind. Sie beschreiben, wie gut ein Kind ins schulische Bewertungssystem passt.
Durch das ungestörte und nicht vorgegebene Lernen von Kindern haben nonkonformistische Eltern einen anderen Blick auf Kinder. Sie lehnen die Einteilung in gut und schlecht, in lieb und böse, in intelligent und weniger schlau ab.
Natürlich erhoffen sich viele Lehrkräfte viel von der Theorie ihrer Sitzpläne: Der Starke soll den Schwachen unterstützen. Wer als leistungsschwaches Kind neben einem Streber sitzt, sei zudem motivierter, sich anzustrengen. Womöglich kennt ihr auch noch die strenge Sitzordnung aus eurer Schulzeit? Als Schwatz-Bremse sitzen manchmal sogar nur Mädchen neben Jungen. Und allein für die ganz Schüchternen gibt es vielleicht mal eine Ausnahme. Vergessen wird dabei, dass man Hausaufgaben ja auch lieber mit einem Freund statt mit irgendeinem Klassenkameraden macht.

Es ist verständlich und leicht, den alten Mustern zu folgen, da sie uns vorgelebt wurden. Aber ist es nicht notwendig, neue Wege zu gehen, um Frieden und Freiheit für alle zu erreichen?
Inhalte
Wenn wir Freiheit wollen, sollten wir sie kultivieren
Ich frage mich, wie die Einteilung in stark und schwach nützt, wenn sie doch spaltet. Die Schablone für Schüler trägt eben doch den Aufkleber „Förderung zur gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ statt „Bemühung um Wahrung der Einzigartigkeit“.
Unser Bildungssystem ist nicht dafür gebaut, individuelle Wege zu gehen. Es zwingt alle in dasselbe Muster. Dieses Muster passt für manche gut. Für viele andere wird es schnell zur Falle.
Einteilung ist Bewertung
Ich habe eine Freundin, die Mutter von einem Sohn ist. Ich kenne ihr Kind und finde es, so wie meine Freundin, einfach klasse. Es spielt, baut Buden mit dem Nachbarsjungen, kampelt und verträgt sich, interessiert sich für Eisenbahnen und noch viel mehr. Kurz: Der Junge ist ein tolles Kind.

Seine Lehrerin sieht hingegen nur seine „Leistung“ in der Schule. In seiner Klasse geht es laut her. Aber die Lehrerin unterrichtet eher leise und vielen Schülern fällt es schwer, ihr zu folgen. Egal, wie die Umstände sind: Statt sich ein neues Bildungskonzept für die Schüler zu überlegen oder der Lehrerin weitere Fachkräfte zur Seite zu stellen (ist ja wegen des Lehrermangels sowieso nicht drin), gelten die Kinder als unaufmerksam. Es hagelt schlechte Noten, Einträge ins Muttiheft und Kritik am Verhalten.
Selbst wenn wir Bewertungen gut fänden, würden wir bei einem Kind, das wir mögen, Zweifel an dieser Bewertung hegen. Wir würden sagen, dass der aufgedrückte Stempel unfair ist. Bestimmt können wir die Verzweiflung der Pädagogin spüren. Aber gegen die Bezeichnung „schwacher Schüler“ würden wir als Eltern wahrscheinlich Einspruch erheben.
Es kommt nicht nur auf die „Leistung“ an
Man stelle sich vor, in der Klasse ist ein Mädchen namens Klein-Lieschen, das schon flüssig lesen kann, die Lehrer mit einem breiten Lächeln begrüßt und die Rechenaufgaben schnell und fehlerfrei löst. Ein echtes Vorbild für die anderen Schüler. In diesem Fall gilt sie als „starke“ Schülerin.
Was aber, wenn sie in den Pausen ihre Mitschüler mit unfairen Tricks erpresst oder andere Gemeinheiten begeht? Auch dann bleibt sie für Lehrer*innen und andere Erwachsene eine „starke“ Schülerin, obwohl ihr Verhalten in den Pausen ein ganz anderes Bild zeigt.

Dies ist ein Beispiel für falsche Beliebtheit, Angeberei und Ausgrenzung, die von den Erwachsenen oft nicht bemerkt wird. Aber das heißt nicht, dass es nicht passiert. Und auch nicht, dass es richtig ist.
Wie würde dieselbe Einteilung beim Unschooling aussehen?
In Dänemark, Kroatien und Deutschland lernten wir Familien kennen, in denen die Kinder oberhalb des Grundschulalters lagen. Sie besuchten keine Schule. Es gab keine Bewertung. Ich schätzte den Austausch mit den Eltern, weil sie nicht mit den Lernerfolgen ihrer Kinder prahlten. Vielleicht kennt ihr Eltern, die verschwenderisch protzen, weil ihr Kind so ein unglaublich talentierter Unschooler ist. Dabei ist es gerade mal im Vorschulalter.
Unter erfahrenen Unschooling-Familien kenne ich niemanden, der seine Kinder über alle Maßen lobt. Ich meine sogar, es ist nicht üblich, mit den Lernerfolgen der Kinder zu prahlen. Es passiert wohl eher den „Neulingen“ in der Szene und wird von anderen schnell als nervig angesehen. Denn ein „Schau her, was mein Kind Tolles kann“ impliziert oft ein Vergleichen mit anderen. Oder es setzt die Erwartung voraus, dass das Gegenüber hören will, dass andere Kinder in dem Alter noch nicht dies und das konnten.
Ich mag das Vergleichen deshalb nicht, weil man sich dabei, wie in den Schulen, aus den gleichen Schubladen bedient. „Mein Kind kann A, dein Kind kann ja nur B. Mein Kind ist toll, deshalb ist es besser als deins. Mein Kind ist stark, deins ist schwach.“
Statt Prahlerei
„Funktioniert“ selbstbestimmte Bildung bei euch zu Hause? Falls ja, dann speichert es für eure inneren, noch in der Zukunft liegenden Zweifel, anstatt damit vor aller Welt zu prahlen. (Sowas kann man einfach den Großeltern überlassen.)
Bekommt ihr das Gefühl, dass das Lernen gerade stockt, dann tauscht euch mit erfahrenen Familien aus. An welchen Projekten arbeiten die Kinder aktuell? Welche Materialien kommen gut an? Was beschäftigt wen? Erinnert euch gegenseitig an das Bild vom freien Kind.
Uns Unschooling-Familien verbindet das Vertrauen in unsere Kinder. Egal, wie sie sind. Wir denken, dass Kinder von Natur aus zum Lernen geschaffen sind. Für alles, was sie brauchen, und jedes zu seiner Zeit. Es gibt keine starken und schwachen Unschooler. Es gibt Kinder, die zeitig lesen oder später, solche, die erst Bruchrechnen lernen und später die Uhr. Dann gibt es die, die Pflanzenbücher auswendig lernen, während andere ihren Tauchschein machen. Und es gibt manche, die sich auf einen Schulabschluss vorbereiten, und wiederum andere, die ohne offizielle Ausbildung in einen Beruf rutschen.

An allem, was getan, gelernt und gearbeitet wird, klebt die Begeisterung unserer Kinder. Sie ist das, weshalb Kinder, die nicht bewertet werden, etwas schaffen, experimentieren, herausfinden, sich Wissen aneignen und Ziele verfolgen.
Das Problem mit dem Lob zuhause und in Schulen
Bekämen Erwachsene wieder volles Vertrauen in ihre Kinder, veränderte sich auch ihr Blick auf die (Un-)Notwendigkeit einer Erziehung mitsamt des Einteilens, Strafens und Lobens. Weil wir selbst durch Lob und Strafe sozialisiert wurden, fällt uns der Verzicht auf Erziehung und der Schritt zur liebevollen Begleitung freilich nicht leicht.
Rutscht man auch hin und wieder zurück: Die Wirkung von Lob und Strafe sollte uns bewusst sein. Dass Strafe blöd ist, hat sich längst herumgesprochen.
Anders sieht es mit dem Loben aus. Loben wird oft gleichgesetzt mit Anerkennung. Doch das ist es nicht. Mit einem Lob bringe ich Kinder in ein Abhängigkeitsverhältnis. Hauen wir Kleinkindern schon beim Heruntersausen auf der Spielplatzrutsche jedes Mal ein „Na fein, prima! Gut gemacht, bravo, bravo!“ um die Ohren, finden sie bald normal, dass man ihr Tun immerzu bewertet.
Vom Töpfchentraining zum Bild malen und Lesen lernen: Loben zieht sich durch ihre Kindheit, bis ihnen als Teenager auffällt, wie peinlich es ist, gelobt zu werden. Bis es soweit ist, erwartet das lobgewohnte Kind für alles ein Lob. Motivationsforscher beobachten, dass bestimmte Lobformen, besonders personenbezogenes Lob wie „Du bist so klug“, Druck und Abhängigkeit von Fremdbewertung verstärken können. Echte Verbindung zum Kind sieht anders aus. Mehr dazu in unserem Artikel über Erziehung und warum wir sie ablehnen.
Mit unserem Lob zeigen wir einem Kind, wie es sich zu fühlen hat. Es geht um die Beurteilung. Und kein Mensch mag es, beurteilt zu werden.
Kinder mit einem geringen Selbstwertgefühl oder ängstliche Kinder werden von Erwachsenen intuitiv noch stärker gelobt. Forschungsbefunde deuten darauf hin, dass übersteigertes Lob ihr Selbstwertgefühl eher weiter belasten kann, weil die Messlatte, die das Lob aufgestellt hat, schwer zu halten ist. Schüler trauen sich dann seltener, sich zu Wort zu melden, denn ihre Antwort könnte zeigen, dass sie des Lobes nicht wert sind.
Anerkennung statt Lob
Echte Anerkennung zeigen wir, indem wir richtige Gespräche mit unseren Kindern führen: Zuhören, Gedanken ohne Bewertung austauschen, einander fragen und aussprechen lassen, erzählen und überlegen, was einem guttut, gefällt und hilft. Freut euch mit, wenn euer Kind zum ersten Mal etwas geschafft hat.

Überlegen wir uns doch einmal, wie wir mit einer Freundin sprechen würden. Stellen wir uns vor, sie hätte eine langersehnte Stelle in ihrem Traumjob bekommen. Würden wir sagen: „Hey, ich freue mich mit dir!“ Oder eher: „Ja ganz große Klasse, das hast du fein gemacht!“?
Lasst das Vergleichen sein
Es gibt keine schwachen Schüler und auch keine starken. Wer Kinder ständig mit anderen vergleicht, borgt sich fremde Augen. Man sieht dann nicht mehr, wer da sitzt, spielt, fragt und wächst. Man sieht nur noch Abstände und Abstufungen. Das Kind selbst gerät aus dem Blick.
Was es stattdessen gibt, sind Bewertungssysteme, die Kinder früh in Rollen pressen. Und Kinder, die durch diese Rollen betrachtet werden, anstatt durch das, was wirklich in ihnen steckt.
Lasst uns das Einteilen und Vergleichen ad acta legen. Die Würde unserer Kinder hängt nicht an ihrer Leistung. Und ihre Zukunft beginnt schon jetzt.
Nur Mut,
eure Evelin
Starke Schüler, schwache Schüler: Warum diese Begriffe Kindern schaden von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.