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Zuletzt aktualisiert: 15. August 2026
Liebe Eltern von Freilernern und solchen, die es werden wollen,
in etlichen Grundschulen werden „schwache Schüler“ gern neben „starke Schüler“ gesetzt. Man mag sich an Bezeichnungen wie diese gewöhnen und sie als normal empfinden. Ich finde sie doof. Ja, ich finde sie sogar übergriffig. Denn meistens erzählen diese Wörter weniger über das Kind als darüber, wie gut es gerade in ein schulisches Bewertungssystem passt.
Durch das ungestörte und nicht vorgegebene Lernen von Kindern haben nonkonformistische Eltern einen anderen Blick auf Kinder. Anders gesagt: Die Einteilung in gut und schlecht, in lieb und böse, in intelligent und weniger schlau lehnen sie ab.
Natürlich erhoffen sich viele Lehrkräfte viel von der Theorie ihrer Sitzpläne: Der Starke soll den Schwachen unterstützen. Wer als leistungsschwaches Kind neben einem Streber sitzt, sei zudem motivierter, sich anzustrengen. Womöglich kennt ihr auch noch die strenge Sitzordnung aus eurer Schulzeit? Als Schwatz-Bremse sitzen manchmal sogar nur Mädchen neben Jungen. Und allein für die ganz Schüchternen gibt’s vielleicht mal eine Ausnahme. Vergessen wird dabei, dass man Hausaufgaben ja auch lieber mit einem Freund statt mit irgendeinem Klassenkameraden macht.

Wenn wir Freiheit wollen, sollten wir sie kultivieren
Ich frage mich, wie die Einteilung in stark und schwach nützt, wenn sie doch spaltet. Die Schablone für Schüler trägt eben doch den Aufkleber „Förderung zur gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ statt „Bemühung um Wahrung der Einzigartigkeit“.
Natürlich muss eine Schule Unterricht organisieren, und eine Sitzordnung oder Lerngruppe ist noch kein Urteil über einen Menschen. Problematisch wird es dort, wo aus einer momentanen Leistung eine Eigenschaft des Kindes wird. Nur weil ein Kind nicht lehrbuchmäßig auswendig lernt oder andere Rechenwege sucht, als es üblich ist, soll es „schwach“ sein?
Überraschung: Kinder haben Gefühle
Was Erwachsene als praktische Einteilung verstehen, kann bei Kindern ganz anders ankommen. Deirdre McGillicuddy und Dympna Devine befragten und begleiteten für eine Studie 100 Kinder in drei irischen Grundschulen. Kinder in niedrigen Leistungsgruppen berichteten unter anderem von Scham, Niedergeschlagenheit und Minderwertigkeitsgefühlen; Kinder in höheren Gruppen eher von Stolz, Freude und Selbstvertrauen. Das ist nicht dieselbe Situation wie ein deutscher Sitzplan und beweist nicht, dass jedes Etikett dieselbe Wirkung hat. Aber es zeigt, dass Einteilungen nach zugeschriebener Leistung für Kinder mehr sein können als eine organisatorische Kleinigkeit.
Einteilung ist Bewertung
Ich habe eine Freundin, die Mutter von einem Sohn ist. Ich kenne ihr Kind und finde es, so wie meine Freundin, einfach klasse. Es spielt, baut Buden mit dem Nachbarsjungen, kampelt und verträgt sich, interessiert sich für Eisenbahnen und noch viel mehr. Kurz: Der Junge ist ein tolles Kind.

Seine Lehrerin bewertet dagegen vor allem seine „Leistung“ in der Schule. In seiner Klasse geht es laut her. Aber die Lehrerin unterrichtet eher leise und vielen Schülern fällt es schwer, ihr zu folgen. Egal, wie die Umstände sind: Statt sich ein neues Bildungskonzept für die Schüler zu überlegen oder der Lehrerin weitere Fachkräfte zur Seite zu stellen – sofern die Schule sie überhaupt hat –, gelten die Kinder als unaufmerksam. Es hagelt schlechte Noten, Einträge ins Muttiheft und Kritik am Verhalten.
Selbst wenn wir Bewertungen gut fänden, würden wir bei einem Kind, das wir mögen, Zweifel an dieser Bewertung hegen. Wir würden sagen, dass der aufgedrückte Stempel unfair ist. Gegen die Bezeichnung „schwacher Schüler“ würden wir als Eltern wahrscheinlich Einspruch erheben.
Es kommt nicht nur auf die „Leistung“ an
Man stelle sich vor, in der Klasse ist ein Mädchen namens Klein-Lieschen, das schon flüssig lesen kann, die Lehrer mit einem breiten Lächeln begrüßt und die Rechenaufgaben schnell und fehlerfrei löst. Ein echtes Vorbild für die anderen Schüler. In diesem Fall gilt sie als „starke“ Schülerin.
Was aber, wenn sie in den Pausen ihre Mitschüler mit unfairen Tricks erpresst oder andere Gemeinheiten begeht? Auch dann bleibt sie für Lehrer*innen und andere Erwachsene eine „starke“ Schülerin, obwohl ihr Verhalten in den Pausen ein ganz anderes Bild zeigt.

Wie würde dieselbe Einteilung beim Unschooling aussehen?
In Dänemark, Kroatien und Deutschland lernten wir Unschooling-Familien kennen, in denen die Kinder oberhalb des Grundschulalters lagen. Sie besuchten keine Schule. Es gab keine schulische Bewertung. Ich schätzte den Austausch mit den Eltern, weil die Lernerfolge ihrer Kinder nicht ständig als Vergleich auf dem Tisch lagen.
Unter den alten Unschooling-Hasen kenne ich niemanden, der seine Kinder über alle Maßen lobt oder mit ihren Lernerfolgen prahlt. Das erlebe ich eher bei „Neulingen“ in der Szene. Vielleicht kennt ihr solche Gespräche auch: „Schau her, was mein Kind Tolles kann.“ Dahinter steckt schnell der Vergleich mit anderen: Mein Kind kann A, deins nur B. Mein Kind ist stark, deins ist schwach. Genau deshalb mag ich das Vergleichen nicht: Man bedient sich dabei, wie in den Schulen, aus den gleichen Schubladen.
Statt Prahlerei
„Funktioniert“ selbstbestimmte Bildung bei euch zu Hause? Falls ja, dann speichert es für eure inneren, noch in der Zukunft liegenden Zweifel, anstatt damit vor aller Welt zu prahlen. (Sowas kann man einfach den Großeltern überlassen.)
Bekommt ihr das Gefühl, dass das Lernen gerade stockt, dann tauscht euch mit erfahrenen Familien aus. An welchen Projekten arbeiten die Kinder aktuell? Welche Materialien kommen gut an? Was beschäftigt wen? Erinnert euch gegenseitig an das Bild vom freien Kind.
Uns Unschooling-Familien verbindet das Vertrauen in unsere Kinder. Egal, wie sie sind. Wir denken, dass Kinder von Natur aus zum Lernen geschaffen sind. Für alles, was sie brauchen, und jedes zu seiner Zeit. Es gibt keine starken und schwachen Unschooler. Es gibt Kinder, die zeitig lesen oder später, solche, die erst Bruchrechnen lernen und später die Uhr. Dann gibt es die, die Pflanzenbücher auswendig lernen, während andere ihren Tauchschein machen. Und es gibt manche, die sich auf einen Schulabschluss vorbereiten, und wiederum andere, die ohne offizielle Ausbildung in einen Beruf rutschen.

An vielem, was unsere Kinder tun, lernen und ausprobieren, klebt ihre Begeisterung. Mit ihr schaffen sie etwas, experimentieren, finden Dinge heraus, eignen sich Wissen an und verfolgen ihre Ziele.
Das Problem mit dem Lob zuhause und in Schulen
Bekämen Erwachsene wieder volles Vertrauen in ihre Kinder, veränderte sich auch ihr Blick auf die (Un-)Notwendigkeit einer Erziehung mitsamt des Einteilens, Strafens und Lobens. Weil wir selbst durch Lob und Strafe sozialisiert wurden, fällt uns der Verzicht auf Erziehung und der Schritt zur liebevollen Begleitung freilich nicht leicht. Rutschen wir hin und wieder in alte Muster zurück, lohnt sich deshalb ein genauer Blick darauf, was Lob eigentlich tut.
Anders sieht es mit dem Loben aus. Loben wird oft mit Anerkennung gleichgesetzt. Für mich ist das nicht dasselbe. Lob bewertet. Anerkennung kann auch einfach heißen: Ich sehe, was du tust, und ich freue mich mit dir. Ein einzelnes „Gut gemacht!“ sagt darüber wenig. Die Form und das Muster des Lobes können einen Unterschied machen.
Hauen wir Kleinkindern schon beim Heruntersausen auf der Spielplatzrutsche jedes Mal ein „Na fein, prima! Gut gemacht, bravo, bravo!“ um die Ohren, wird die Bewertung schnell zum ständigen Begleiter. Vom Töpfchentraining zum Bild malen und Lesen lernen: Loben kann sich durch die ganze Kindheit ziehen.
Claudia Mueller und Carol Dweck fanden in sechs Studien mit Kindern in der fünften Klasse, dass Lob für Intelligenz wie „Du bist so klug“ nach einem Misserfolg ungünstiger wirkte als Lob für Anstrengung: Die so gelobten Kinder zeigten unter anderem weniger Ausdauer, weniger Freude an der Aufgabe und schlechtere Leistungen.
Gerade bei Kindern mit geringem Selbstwertgefühl greifen Erwachsene häufig besonders tief in die Lobkiste. Eddie Brummelman und Kolleg:innen fanden, dass Erwachsene ihnen häufiger überhöhtes Lob geben. In einem Experiment wählten Kinder mit geringem Selbstwertgefühl nach solchem Lob seltener eine schwierige Aufgabe; in einer späteren Längsschnittstudie mit 120 Eltern-Kind-Paaren hing häufigeres überhöhtes Lob mit einem später niedrigeren Selbstwertgefühl der Kinder zusammen. Das heißt nicht, dass Lob grundsätzlich schadet. Es heißt: Mehr Lob ist nicht automatisch hilfreicher.
Mehr dazu in unserem Artikel über Erziehung und warum wir sie ablehnen.
Anerkennung statt Lob
Echte Anerkennung zeigen wir, indem wir richtige Gespräche mit unseren Kindern führen: Zuhören, Gedanken ohne Bewertung austauschen, einander fragen und aussprechen lassen, erzählen und überlegen, was einem guttut, gefällt und hilft. Freut euch mit, wenn euer Kind zum ersten Mal etwas geschafft hat.

Überlegen wir uns doch einmal, wie wir mit einer Freundin sprechen würden. Stellen wir uns vor, sie hätte eine langersehnte Stelle in ihrem Traumjob bekommen. Würden wir sagen: „Hey, ich freue mich mit dir!“ Oder eher: „Ja ganz große Klasse, das hast du fein gemacht!“?
Lasst das Vergleichen sein
Es gibt keine schwachen Schüler und auch keine starken. Wer Kinder ständig mit anderen vergleicht, borgt sich fremde Augen. Man sieht dann nicht mehr, wer da sitzt, spielt, fragt und wächst. Man sieht nur noch Abstände und Abstufungen. Das Kind selbst gerät aus dem Blick.
Lasst uns das Einteilen und Vergleichen ad acta legen. Die Würde unserer Kinder hängt nicht an ihrer Leistung. Und ihre Zukunft beginnt schon jetzt.
Nur Mut,
eure Evelin
Starke Schüler, schwache Schüler: Warum diese Begriffe Kindern schaden von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
Ich habe gerade keine Worte. Ich will nur ein/mei Herz hier lassen❤️
Liebe Evelin,
Ich lese immer mal wieder mit viel Vergnügen in eurem Blog
Jetzt brennt es mir unter den Nägeln, eine Nachricht zu diesem Artikel zu schreiben.
Nicht die ANDEREN sind Schule, sondern wir alle!
Nicht die ANDEREN sind die Kreidestaublehrer (das finde ich einen extrem herablassenden und verletzenden Begriff für einen engagierten modernen Lehrer, der kreativ genug ist auch mit Steinzeitmitteln seinen Unterricht zu machen), sondern WIR ALLE sind Lehrer!
Lehrer, dass sind nicht ein paar Beamte, sondern auch die zahlreichen Seiteneinsteiger, die die gleiche Arbeit für weniger Geld und mehr Idealismus tun, Zoopädagogen, Museumsmitarbeiter, Planetariummitarbeiter u.v.m. und vor allem wir Eltern!
Jeden Tag im Leben unseres Kindes, in dem wir ihm den Weg zu Dingen zeigen, die es vorher nicht kannte und indem wir unser Kind begleiten, mal an die Hand nehmen und mal auffangen, wenn es fällt und trösten und zum Weitermachen ermutigen.
Alle guten Eltern, die guten Zugang zu inneren und äußeren Ressourcen haben, sind ihren Kindern gute Lehrer.
Es haben nicht alle Eltern gleichen Zugang zu ihren inneren und äußeren Ressourcen. Einige stehen mit leeren Händen und Herzen voller Verzweiflung da und wünschen dennoch ihren Kindern die bestmögliche Lehre. Nur können sie selbst nicht aus dem Vollen schöpfen.
Eltern und Kinder haben Angst vor Ablehnung und sind einerseits voller Hoffnung, andererseits voller Skepsis gegenüber dem System.
Nicht die ANDEREN sind Lernende, sondern wir alle, auch wir Berufslehrer.
Leider lernen wir häufig für die Schule und nicht für das Leben (das gilt nicht nur für die Schüler, sondern auch für und Berufslehrer).
Wir alle schimpfen völlig zurecht über ein veraltetes Schulsystem, Eltern, Schüler und Lehrer. Wir alle sind enttäuscht.
Und WIR alle leben in dem völligen Irrtum, jemand anderes müsse mal etwas tun.
Wir begeben uns in eine passive, abwartende unmündige Haltung. Bestenfalls jammern und klagen geht noch. Es mag zutiefst wünschenswert sein sich eine Änderung herbeizuwünschen, aber es ist weder sinnvoll, noch richtig, noch realistisch, dass dies durch Wünschen funktioniert. Also, einfach mal machen!
Mein Apell und meine Bitte an euch: Überlasst die Schule nicht den Schulsystemfundamentalisten, werdet aktiv, kommt aus eurer Schutzhaltung und tretet ein Stück aus eurer Familienidylle heraus und bietet die helfende Hand. Vor allem denen, die einen Mangel an Familienzusammenhalt und Wärme haben.
Ihr seid eine BILDUNGSREICHE Familie, teilt den Schatz mit anderen und zieht euch nicht unter andere Reiche zurück und bestätigt euch dort ständig, dass euch die Bildungsarmut der anderen Systemidioten ankotzt.
Bitte seid so gut und gebt ein wenig von eurem Reichtum und eurem Wissen und eurer Weisheit an andere arme Familien ab, die gar keine Wahl haben, als in der Schule ihren Bildungshunger zu stillen (manchen geht es so schlecht, dass sie nicht einmal mehr das natürliche Hunger-Bedürfnis und den natürlichen Wissensdurst verspühren)
Nicht alle Kreidestaublehrer sind Engel, bei weitem nicht. Wir sind überforderte Sozialarbeiter, übernächtigte Psychologen und Seelsorger, Streitschlichter und Ersatzmamas und -papas für unsere angenommenen Großfamilien. Die meisten von uns lassen ihre Kinder nicht im Stich und kämpfen an ganz vielen Fronten. Wir telefonieren in unserer Freizeit mit Jugendämtern, Psychologen, organisieren für unsere Kinder Ausflüge und Fahrten an die See, Fahrten in den Wald, um das Ökosystem zu erklären, machen bei Film- und Biowettbewerben (wie z.B. BioLogisch) mit, bieten viele AGs, in denen Schüler sich als Erstehilfesanis, Medienscouts, Streitschlichter, Aulatechniker, Schachspieler, Guitarrenspieler, Gärtner usw. ausprobieren.
Und bei allem was wir Berufslehree leisten ist unser Ruf in diesem Land so schlecht wie nie zuvor!
Wir modernen Berufslehrer arbeiten längst nicht mehr nach dem Schwächen-ausbügeln-Prinzip, sondern versuchen gezielt Stärken zu Stärken. Anders würde ich meinen Lehrerverufsalltag ohne Burnout gar nicht überleben. Und zur Ausübung meines Berufs muss ich sagen, dass ich unter Beruf Berufung verstehe und eine große Portion Idealismus. Des Geldes wegen mache ich es gewiss nicht (Ich hab diesen Beruf auch nicht studiert und bin nicht verbeamtet. Ich kann jederzeit gehen, wenn ich will und muss um keine Pensionsansprüche fürchten).
Würde ich in Thailand beruflich unterrichten hätte ich mit lächelnden, dankbaren, respektvollen Schülern und dankbaren Eltern zu tun. Hier kann ich froh sein, wenn ich nach einem beherzten Einschreiten in eine Schülerprügelei keine Anzeige der Eltern bekomme, weil ich ihr Kind festgehalten habe (weil es gerade auf ein anderes Einschlagen wollte).
Und dennoch, ich liebe sie, meine Schule, ich liebe meine Schüler und meine lieben Kollegen, die vielen Kindern ein Gefühl von Angenommenheit und Liebe vermitteln, egal ob sie unseren Kindern in der Klasse 5 die Schuhe zubinden oder die Reißverschlüsse schließen, weil das niemand für sie macht. Egal ob wir weinende Eltern trösten, die sich mit ihren Kindern überfordert fühlen oder zwischen prügelnde Schüler treten und versuchen ihnen eine sprachliche Alternative anzubieten und die Grundbegriffe der GFK.
Bitte, bitte berücksichtigt das in Zukunft und denkt einmal darüber nach, dass nicht alle Kinder die gleiche Freiheit Zuhause haben und vermittelt bekommen wie eure.
Ihr seid so reich an inneren Ressourcen, dass ihr euch leisten könnt eure Kinder auf eure familieninterne Privatschule des Lebens schicken zu können, fern vom Kreidestaublehrern und den ganzen Schmuddelkindern, die das dreckige Schulsystem nutzen müssen.
Seid bitte dankbar für diesen Herzensluxus und gebt bitte bei Gelegenheit etwas an Erfahrung an die einfachen Massenschulen zurück.
Vielen Dank für’s Lesen,
eure regelmäßige Blogleserin Flo,
die Lehrerin an einer Brennpunktschule ist und dort „ihre“ Kinder hat, die sie nicht im Stich lassen möchte und die selbst Mama eines Freilernerkindes (nenn ich nur normalerweise nicht so, weil ich den Ausdruck genau so blöde und schubladenbehaftet finde wie Kreidestaublehrer) ist, das schon immer an alles mit Wissensdurst und Appetit auf neuen Input herangeht und seit dem zweiten Lebensjahr Freude an Buchstaben und Zahlen hat (welche meist erst als typische Schul- und maximal Vorschulthemen gelten) und welches nun in die reguläre Schule kommt. Dort darf es hoffentlich so anders sein darf wie es ist mit all seinen Stärken und Schwächen und einfach nach dem Motto lernen und Spielen. “The goal is not simply to ‘work hard, play hard.’ The goal is to make our work and our play indistinguishable.” – Simon Sinek
PS: Zu deinem Verhältnis als Pädagogin (du bist die gelernte Pädagogin, ich bin die Verhaltensbiologin) zur Schule noch ein schönes Zitat für dich und deinen Weg: :Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ – Mahatma Gandhi
Danke Dir! 🙂
Liebe Evelin,
noch etwas zu den Headlines, bzw. den dazugehörigen Abschnitten:
1. (Zum Titel) Schwache Schüler gibt’s nicht beim Freilernen
– Die gibt es tatsächlich nicht, es gibt nur Menschen mit Stärken UND Schwächen (egal ob es sich um Schüler:innen oder Lehrkräfte handelt)
Genau so stimmt der Satz, schwache Lehrer gibt es nicht, nur Menschen mit Schwächen UND Stärken
2. Wenn wir Freiheit wollen, sollten wir sie kultivieren
Das sehe ich auch so. Kurz gesagt, statt meckern einfach mal (anders) machen.
3. Überraschung: Kinder haben Gefühle.
Ist für mich jetzt nicht so überraschend, aber auch hier gilt.
Überraschung: Erwachsene haben auch (noch) Gefühle und manche von ihnen sind sogar Berufslehrer MIT Gefühlen
4. Einteilung ist Bewertung
Ja, das ist so. Ich fühle mich gerade auch von dir in die Kreidestaublehrerschublade eingeteilt und mit einer sehr negativen Note bewertet.
Damit kann ich umgehen und viele Schüler können das auch, aber nicht alle. Doof finde ich Bewertung trotzdem, aber nicht alles an Schulen wird bewertet, die AGs bei uns zum Beispiel nicht und andere Projekte auch nicht und Ausflüge und Klassenfahrten auch nicht.
Ich empfehle dir übrigens ganz dringend den Film „Freedom Writers“ nach einer wahren Begebenheit an einer Schule in den USA im sozialen Brennpunkt. Diese Idee wird auch in Deutschland umgesetzt (ich bin gerade dabei unsere Schule als Partnerschule dafür zu gewinnen, bisher sind 150 Schulen dabei)
Es kommt nicht nur auf die „Leistung“ an.
Da sind wir uns einig. Häufig mag ich die Schüler mit den schlechtesten Noten in anderen Fächern besonders. Generell mag ich einfach Menschen, die den Mut zum Anders-sein haben, ganz besonders dann, wenn sie sich für Schwächere einsetzen (Damit mein ich jetzt nicht wieder unbedingt schulischen Lernerfolg, sondern z.B. meinen russisch-sprachigen Schüler, der der neuen ukrainischen Schülerin die Kunstaufgabe übersetzt, den Schüler, der sich als Streitschlichter oder Pate für die neuen Fünftklässler einsetzt, die Schülerin, die laut dazwischengeht als ein anderes Kind von zwei seiner Mitschülern bedrängt wird und nicht einmal auf unserer Realschule ist, sondern auf dem Nachbargymnasium, die Schülerin, die eine bestimmte Modemarke boykottiert, seitdem sich diese als dickenfeindlich geäußert haben (und nein diese Schülerin ist selbst nicht dick), die Schüler die erst Regenwürmer eklig fanden, dann aber nach einigen Tagen Arbeit mit dem fleißigen Erdbewohner, diesem einen Namen gaben und sich rührend um ihn sorgten so lange er Gast bei uns war.
5. Wie würde dieselbe Einteilung bei Freilernern aussehen?
Ich befürchte, es gibt auch bei Freilernern eine Einteilung. Und ich befürchte ebenfalls, dass nicht alle Freilerner das Freilernen aus den „richtigen“ (das ist zugegeben jetzt subjektiv) Motiven heraus nutzen. Einige sind mit Sicherheit auch keine weltoffenen Lerner. Fragt euch am besten immer, ob ihr genau so freundlich von Freilernergruppe XY aufgenommen worden wäret, wenn eure Hautfarbe lila, eure Religion die des Flying Spaghetti-Monsters und euer Kleidungsstil spezieller oder traditioneller wäre und ihr einer anderen Ethnie entsprechen würdet als der eher nordisch-europäischen.
6.Statt Prahlerei…
-Sehe ich ähnlich.
7. Das Problem mit dem Lob zuhause und in Schulen und 8. Anerkennung statt Lob
– Im Alltag schwer zwischen Lob und Anerkennung zu trennen. Ist meiner Meinung nach eine Grauzone. Die meisten meiner Schüler wollen ein Lob, suchen abe r eigentlich Anerkennung, können damit aber (zunächst) nichts anfangen. Beispiel „Wie finden Sie mein Bild bisher?“ „Ich sehe, du hast…Wie gefällt es dir denn bisher?“ Mit der Rückfrage können meine Schüler erstmal nichts anfangen. Bis aus der extrinsische eine intrinsische Motivation wird, dauert.
8. Lasst das Vergleichen sein
-Ja, ich bitte darum. Es gibt keine schwachen und starken Schulsysteme. Es gibt nur solche, die von Menschen mit Schwächen und Stärken mit Lebendigkeit gefüllt werden. Für alle Menschen gilt gleichermaßen:
Vergleiche dich nicht mit anderen, sondern nur mit dir selbst wie du vor einem Tag warst und frage dich selbst ehrlich- bin ich ein bißchen besser?
Hallo Flo,
so viele Zeilen, so viel Mühe: Danke!
Nun, ich hoffe, dass in meinem Artikel hauptsächlich zum Ausdruck kommt, dass die Einteilung in starke oder schwache Schüler*innen an Grundschulen ein Problem hervorrufen kann, unter dem Grundschüler*innen leiden.
Ich beleidige keine Lehrer*innen, ich schreibe auch von „Kreidestaubpädagogen“ als Synonym für Lehrer*innen, die an alten Schulkonzepten festhalten, um Wortwiederholungen zu vermeiden. Niemand muss sich hierdurch angesprochen fühlen.
Mir ist bewusst, dass es viele engagierte Grundschullehrer*innen gibt und ich bin froh darüber. Du zeigst mir, welche Personengruppen für dich „Lehrer“ sind. Das ist auch in Ordnung, aber letztendlich geht es mir um die Grundschulen.
Es ist eine falsche Annahme, dass ich Schulen verteufle. Ich mag Schulen und sehe in ihnen großes Potenzial. Wo sonst gibt es so viel tolles Lernmaterial? Noch dazu mit Menschen, die sich in ihrem Beruf ganz bewusst für die Bildung von Kindern einsetzen wollen. Ich habe auch nichts gegen berufsbildende Schulen, denn gerade dort können junge Menschen ihre Begeisterung ausleben (im Idealfall noch mehr als an allgemeinbildenden Schulen, weil sie dort ihrer Berufung nachgehen können).
Ich habe nie behauptet, dass Freilernen für alle Familien geeignet ist. „Früher“ antwortete ich gerne „Bitte nicht nachmachen!“, wenn mich Eltern in Mails mit zahllosen Rechtschreib- und Kommafehlern um Tipps zum Freilernen baten.
Später brachte Corona nicht wenige Familien dazu, ihre Kinder zu „Freilernern“ zu ernennen. Auf Reisen, in Deutschland und in verschiedenen Netzwerken lernen wir Eltern kennen, die zum Teil auswandern, um dann ihren Kindern die flache Erde, Fremdenfeindlichkeit oder urkomische Verschwörungen zu „vermitteln“.
Unterricht nach den Maßstäben der Eltern ist vielleicht Homeschooling, aber mit Freiheit hat das wenig zu tun.
Unter den alten Hasen der „ Freilernenden“ gibt es natürlich Augenrollen, wenn schon wieder eine „ Freilerner-Familie „ nach Lerngruppen für Mathematik in Klasse 1 (oder 2, 3, x) fragt. Aber klar, statt einfach eine neue Gruppe für „Coronaflucht-Freilerner“ zu eröffnen, investieren wir unsere Zeit, zeigen und erklären, was Lernen für uns und unsere Kinder bedeutet.
Soviel zur Arbeit nach außen, die man im Blog nicht sehen kann.
Was weiteres Auftreten nach außen angeht: Telefonate, Interviews und Korrespondenz mit Bildungsformaten bekommt hier auch niemand mit. (Und da bin ich als Freilerner-Mama nicht allein, denn fast jeder ist, wenn er nicht gerade mit einem Rechtsstreit wegen Schulpflichtverletzung kämpft, ständig damit beschäftigt, Veranstaltungen zu organisieren, Vorträge zu halten, Spenden zu sammeln, zu unterstützen, sich zu vernetzen und in Bildungsvereinen zu arbeiten, die sich an die Öffentlichkeit richten).
Ich habe nicht das Gefühl, in unserer Familienidylle festzustecken. Obwohl ich das auch gerne mal hätte – einfach „nur“ Familie! Schade, dass dafür manchmal einfach die Zeit fehlt.
Der Artikel richtet sich in erster Linie an Eltern von Freilernenden (im Sinne von „selbstbestimmter Bildung“). Es ist mir wichtig, zu Wort kommen zu lassen, was beim Freilernen geht und was nicht.
Allein das Lob bezieht sich auf die freilernenden Kinder. Mir ist klar, dass Lob und Anerkennung in der Schule vermischt werden, weil ich der Meinung bin, dass das erst einmal in den Krippen, Kindergärten und Familien ankommen muss.
Ich glaube aber, dass zum Beispiel unsere Freunde von den Unschoolern und auch die Pädagogen und Pädagoginnen in den freien Schulen weltweit sehr gut darin sind, auf Anerkennung statt auf Lob zu setzen.
Deshalb wünsche ich mir, dass es sich unter uns Unschoolern verbreitet, unsere Kinder nicht in Starke und Schwache einzuteilen, damit eben keiner Lobeshymnen singt: „Die einzig Wahren sind wir tollen Freilerner, trallala …“.
Liebe Grüße, Evelin