Seid gegrüßt, liebe Freunde des Rechnens, des freien Lernens und des Zweifelns!

Begegnet ihr öfters dieser Aussage: „Das mit dem Lesen lernen ohne Schule, das kann ich mir ja noch vorstellen. Aber Mathe? Da bleiben die Kinder ohne Unterricht weit zurück!“? Mathematik ist ein heikles Thema, bei dem sich die Geister im „Lernen ohne Schule“ scheiden. Es herrscht große Verunsicherung.

Letztlich werden sie also doch alle unterrichtet – zumindest im mathematischen Bereich: die Homeschooler, die Freilerner und die netten Kinder aus den Wohnmobilen an Spaniens Küsten. Entweder sind es ihre Eltern, die Lehrer spielen – oder ihre Tablets. Schließlich zweifelt man selbst an der freien Art des Lebens: Können Kinder die Rechenkunst überhaupt ohne jegliche Beschulung erlernen? Einfach so, von selbst?

Unsere Kinder werden in keinem einzigen Schulfach unterrichtet oder unterwiesen. Sie nutzen so gut wie nie Online-Lernplattformen, Übungshefte oder Lehrbücher. Und ich bin überzeugt: Meine Kinder lernen alles im freien Spiel. Es ist meiner Meinung nach sogar unmöglich, einen Bogen um die großen und kleinen Zahlen mit allem drum und dran zu machen. Doch das sehen nicht alle so.

Mathe lernen kann so einfach sein – ohne Fremderziehung

Verwandte haben bereits in großer Sorge versucht, unseren „armen, dummen“ Kindern etwas beizubringen. Die Jungs sind noch nicht im Schulalter. Bei ihnen „reicht“ es, die Zahlen von eins bis zehn abzufragen. Aber in die großen Mädchen wollte man die Malfolgen eintrichtern. Mit dem üblichen Auswendiglernen. Die Folge: Die Kinder waren genervt. Sie fühlten sich kleingemacht und wollten „nie wieder was mit Zahlen zu tun haben“.

Zwei Wochen vergingen. Sie mieden den Kontakt vorübergehend – nicht nur zu den Zahlen, sondern auch zu ihrem „Lehrer“, den sie eigentlich so sehr mochten. Dann stellte sich ein „Erfolg“ ein: Die Neunjährige konnte die Achter-Reihe. Das lag jedoch an ihrem inneren Interesse, an der spielerischen Notwendigkeit, die das Falten ihrer Adventssterne mit sich brachte. Meine Tochter erzählte mir von den Vorgängen in ihrem Gehirn, als wir unsere Fenster weihnachtlich schmücken wollten:

„Wenn ich aus einem Transparentpapier vier Blätter schneide, dann brauche ich für jeden Stern acht kleine Blätter. Weil ich acht verschiedene Farben nutze, muss ich also acht große Blätter schneiden. Daraus kriege ich vier bunte Sterne. Wenn ich acht bunte Sterne falten will, brauche ich zwei mal 32 kleine Blätter, also acht mal acht. Das sind dann 64.“

spielerisch Mathe lernen: Adventssterne aus Transparentpapier basteln

Genauso selbstständig rechnen Kinder, wenn sie mit Lego, Zwillingen, Brezeln mit drei Löchern, Händen usw. umgehen. Was glaubt ihr, wie viel Spaß Kinder an Mathe haben, wenn man sie einfach mit diesem Schulgenerv‘ in Ruhe lässt?

Meine zweite Tochter, sie wäre jetzt in der ersten Klasse, hat die Uhrzeit gerade für sich entdeckt. Was sie genau dazu veranlasste, bekam ich nicht mit. Irgendwann ging es um Sanduhren, Bahnhofsuhren, Küchenuhren, Armbanduhren und ihr Spiel entwickelt sich weiter.

selbstgebastelte Uhr zum Uhr lernen

Zu meinen Aufgaben gehört es, Rede und Antwort zu stehen. Ich mache mit, wenn Material, meine Hilfe oder Ideen gewünscht sind. Alles ergibt sich ohne Lehrveranstaltungen.

Uhr gelegt aus Naturmaterialien

Ist es in Wirklichkeit unser Problem mit der Mathematik?

Für selbstverständlich halten die schlauen Erwachsenen das Altbewährte: Am besten lernt man auswendig. Man wendet schön brav an, wie’s der Lehrer vormacht. Das war für uns damals in der Schule vielleicht nicht so angenehm, aber anders geht’s eben nicht. Schließlich sind wir heute dank des Unterrichts alle durch die Bank weg topfit im Kopf-, Prozent- und Integralrechnen. Oder doch nicht? Der Gedanke daran, dass das Lernen ohne Schule wegen der Mathematik scheitern müsste, rührt vielleicht von unserer eigenen Unsicherheit her. Besonders, was Arithmetik angeht.

Lesen oder Schreiben traut sich heute jeder zu. Zumindest, wenn man nicht zu den 10,8 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland gehört. Eine erstaunliche Zahl für ein Land, in dem eine strenge Schulpflicht herrscht! Man schreibt anderen über WhatsApp, tätigt kurze Facebookeinträge oder postet Geschichten auf Instagram. Sind unsere Texte voll von falsch gesetzten Satzzeichen und Rechtschreibfehlern? Egal! Die anderen werden schon wissen, was man meint. Ein paar ohne Verstand gesetzte Kommas sind kein Grund, einen roten Kopf zu kriegen.

Bedeckt hält man sich im Kontrast dazu eher, wenn man sich in der Zahlenkunde nicht siegessicher wähnt: Wenn wir – trotz jahrelangen Schulbesuchs, ständigen Klassenarbeiten und Prüfungen – nach ein paar Jahren nichts mehr von der Rechenkunst verstehen, machen wir das lieber nicht öffentlich. Und wenn das mit der Mathematik so kompliziert erscheint – vielleicht traut man sie den jungen Menschen deshalb nicht zu? Im anderen Fall müssten wir zugeben, dass wir nicht gut genug lernten, zu dumm sind oder die Schule weniger Nutzen hatte, als wir dachten.

Schule zu DDR-Zeiten

„Man will uns mehr oder weniger glauben lassen, es sei notwendig, Routinen zu vermeiden, und wichtig, aus der eigenen Komfortzone – oder derjenigen des Kindes, das wir erziehen – herauszutreten.

Davon ausgehend, das Kind sei von Natur aus faul und es käme nie voran, würden wir es nicht stoßen, erfindet jeder Methoden, um den kleinen Esel voranzutreiben, ohne dass diese Handhabungen und Maßnahmen sich wirklich von der Karotte oder vom Stecken entfernen.

 

(Zitat: André Stern in „Die Rhythmen und Rituale unserer Kinder“)

Mathe lernen: Was die Gehirnforschung zum Matheunterricht sagt

Der Neurobiologe und Nobelpreisträger Marek Kaczmarzyk fand heraus, dass es sich auf den Großteil der Kinder negativ auswirkt, sie vor dem zehnten Lebensjahr zu ihrem „Glück“ in der Rechenkunde zu zwingen. Der Zwang, sich vor diesem Alter mit Mathematik zu beschäftigen, kann zu einem endgültigen Trauma führen …

… „und damit unweigerlich zum Gefühl einer persönlichen Unfähigkeit: »Ich bin eine Null«, »Das ist nichts für mich« − wie es nicht anders möglich ist, wenn ein Thema aufgegriffen wird, bevor man über das Werkzeug verfügt, mit welchem man es erst verstehen könnte. Leider ist die überwiegende Mehrheit der Kinder – und damit die Mehrheit unter uns – davon betroffen, weil Mathematik lange vor dem 10. Lebensjahr unterrichtet wird (mit der aufrichtigen, aber schädlichen Absicht, den Kontakt mit diesem für die Zukunft wichtigen Instrument so früh wie möglich herzustellen). Die wenigen Kinder, deren Hirn vor dem 10. Lebensjahr bereit ist für die Mathematik, befinden sich in der Gruppe, von der wir behaupten, sie sei »begabt für Mathematik«.

 

Diese Analyse ist nicht nur falsch, sie ist ungerecht den anderen gegenüber, die für Mathematik genauso »begabt« sein könnten, aber nicht zum selben Zeitpunkt.“

 

(Zitat: André Stern in „Die Rhythmen und Rituale unserer Kinder“)

Wenn wir Eltern oder Lehrer uns für die selbstbestimmte Bildung unserer Kinder entscheiden, geschieht das nicht aus dem Bauch heraus. Es passiert auch nicht, um uns zu rächen. Wir tun es mit dem Wissen, dass unsere Nachkommen mit Freuden alles lernen werden, was sie brauchen. Und wir wälzen Unmengen an Literatur, die das Vorhaben mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Gehirnforschung stützt.

Es ist an der Zeit, der neuen Generation keine Steine mehr in den Weg zu schmeißen! Unsere Kinder in den Käfigen unser eigenen Erwartungen und Vorstellungen gefangen zu halten, ist ungeheuer praktisch. Da braucht es ein kleines bisschen Mut und ein kleines bisschen mehr Vertrauen – und wir könnten sie frei lassen.

Lasst eure Gedanken dazu doch schon mal vorausfliegen. Mit dem passenden Song meiner Freundin Julia Piney verabschiede ich mich.

Bis bald!
Eure Evelin

PS: Wer im Erwachsenenalter noch Probleme mit Mathe hat oder seinen Kindern ein paar Tricks zeigen will, wie man vermeintlich komplizierte Aufgaben elegant lösen kann, dem kann ich den YouTube-Kanal von Professor Dr. Rafael Bastos (aka Mr. Bean da Matemática) empfehlen. Ihr werdet staunen! :D

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