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Zuletzt aktualisiert: 13. März 2026

„Unerzogen“ ist bei uns ein bewusst gewählter Begriff. Keine Diagnose, kein Geständnis fehlender Disziplin. Eine Haltung: Beziehung geht vor Gehorsam. Was das bei Hunden konkret bedeutet, wo Forschung diese Haltung stützt und wo sie es nicht tut, und warum Bello für uns ein vollständiges Familienmitglied ist, genau so wie er ist.

Was wir mit „unerzogen“ meinen

Wer unsere Texte kennt, weiß, dass „unerzogen“ bei uns kein Schimpfwort ist. Wir haben diesen Begriff für unsere Kinder entwickelt und ihn positiv besetzt: als Absage an Gehorsam als Beziehungsgrundlage, als Plädoyer für Vertrauen statt Kontrolle. Was das für Kinder bedeutet, haben wir in zehn Jahren ohne Kindererziehung beschrieben.

Bei Hunden formuliere ich es etwas bescheidener. Hunde sind keine Kinder, und ich werde diese beiden Dinge nicht einfach gleichsetzen. Aber die Grundfrage ist dieselbe: Muss Gehorsam der Anfang einer Beziehung sein? Oder kann Beziehung der Anfang von allem anderen sein?

Für uns lautet die Antwort: Beziehung zuerst. Das heißt nicht: keine Struktur, keine Verlässlichkeit, keine Verantwortung. Es heißt: Ein Hund muss kein Kommando beherrschen, um in unserer Familie willkommen zu sein.

Hund sitzt entspannt mit am Tisch

Bello kam nicht als Projekt

Als Bello zu uns kam, hatte er rund zehn Jahre an einer Eisenkette und in einem matschigen Zwinger verbracht. Er kam nicht als leere Leinwand. Er kam mit Geschichte, mit Angst, mit Gewohnheiten und mit dem Recht, erst einmal anzukommen. Wer seine Geschichte noch nicht kennt, kann sie in „Familienzuwachs: Hund aus Rumänien“ nachlesen.

Unser erster Impuls war deshalb: schauen, zuhören, verstehen. Warum bleibt er stehen? Warum zieht er? Warum friert er ein? Ein zurechtgestutzter Busch am Wegesrand konnte ihn für einen Moment komplett lahmlegen. Kein Ungehorsam. Eine Erinnerung seines Körpers an etwas, das wir nicht kennen.

Bello schaut aufmerksam und vorsichtig in die Kamera

Als ich noch fast ein Kind war, zog ich unseren Cocker Spaniel genervt von der Stelle, wenn er schnüffeln wollte. Bello hat mir erst wirklich klargemacht, was ich da eigentlich getan hatte. Für Hunde ist Schnüffeln kein Herumtrödeln. Es ist Weltzugang. Zeitung lesen. Es kann Beruhigung, Informationsverarbeitung und mentale Auslastung in einem sein.

Eine Sprache, die älter ist als unser Zusammenleben

Auf „Bello“ reagiert er kaum. Den Namen hat ihm unsere älteste Tochter gegeben. Auf „guter Hund“ reagiert er sofort. Das war sein Name in seinem alten Leben, und er sitzt tiefer als alles, was wir später eingebaut haben.

Auch manche rumänischen Wörter lösen bei ihm noch etwas aus. Ein einfaches „Vino“ lässt ihn aufhorchen, als käme da etwas Vertrautes aus weiter Ferne. Das ist keine Sturheit. Das ist Biografie.

Bellos Retterin ist die beste Spielgefährtin

Für uns ist das ein zentraler Gedanke der unerzogenen Haltung: Ein Lebewesen bringt sein Leben mit. Wer es ernst nimmt, fängt dort an, wo dieses Leben steht, und nicht dort, wo man es gerne hätte.

Was Forschung dazu sagen kann und was nicht

Der stärkste wissenschaftliche Befund zu diesem Thema liegt nicht im Begriff „unerzogen“, sondern bei Bindung. Seit den 1990er Jahren gibt es gute Hinweise, dass Hunde zu ihren Bezugspersonen bindungsähnliche Muster zeigen: Sie suchen Nähe, reagieren auf Trennung und Wiederkehr selektiv und nutzen vertraute Menschen als Sicherheitsanker. Das bedeutet nicht, dass Hund und Kind dasselbe sind. Es bedeutet: Bindung ist hier kein Kitschwort, sondern ein brauchbarer Rahmen für bestimmte Verhaltensmuster.

In Experimenten arbeiteten Hunde an Aufgaben ausdauernder, wenn ihre Bezugsperson anwesend war. Der Mensch war nicht nur Zuschauer, sondern sichere Basis. Genau das meine ich, wenn ich „bedürfnisorientiert“ sage: verlässliche Verfügbarkeit, kein Laissez-faire.

Weniger klar wird es bei den großen Etiketten. Für das Gesamtpaket „unerzogener Hund“ gibt es keine direkte Forschung. Es gibt gute Daten zu einzelnen Bausteinen. Das sollte man offen sagen, sonst behauptet man mehr, als man belegen kann.

Sehr deutlich ist die Forschung dagegen bei aversiven Methoden. Training über Angst oder Schmerz belastet Hunde nachweislich: mehr Stresssignale und schlechtere Wohlfahrtsindikatoren. Entsprechend empfehlen Fachverbände belohnungsbasierte Methoden.

Auch beim Thema Rasse lohnt Nüchternheit. Neuere Genom- und Verhaltensforschung hat populäre Rassestereotypen deutlich relativiert. Einzelhund, Umwelt, Lerngeschichte und Alltag erklären mehr als die Rasse allein.

Beziehung ist nicht dasselbe wie Planlosigkeit

Wenig Strafe bedeutet nicht wenig Struktur. Das ist ein häufiger Denkfehler. Bello lernt ständig: Wege, Räume, Routinen, Stimmungen, sichere Orte. Nur eben ohne Drill und ohne Vorführgehorsam.

Unerzogen heißt bei uns: Beziehung ersetzt Strafe, aber nicht Verantwortung. Manche Hunde hören zuverlässig auf ein leises Signal. Andere brauchen Management: Schleppleine, Abstand, Zeit, gute Vorbereitung. Das ist keine Niederlage. Das ist saubere Führung.

Bello wird auf dem Arm gehalten und beruhigt

Wenn Bellos Vergangenheit nachts wieder hereinplatzt und Panik aus ihm herausbricht, reagieren wir mit Nähe. Wir tragen ihn, beruhigen ihn, lassen ihn nicht allein mit seiner Überforderung. Manche nennen das Vermenschlichung. Wir nennen es eine schlichte Frage des Anstands. Ein Lebewesen in Angst braucht zuerst Sicherheit.

Wenn Strafe die Beziehung ersetzt

Im Bekanntenkreis erleben wir auch das andere Muster. Da wird geschimpft, wenn der Hund bellt. Wütend erklärt, was er falsch gemacht hat. Wenn die Hunde weglaufen, gibt es kein Futter. Manchmal werden sie zur Strafe am Gartenzaun angebunden. Auf „Fuß“ hören sie trotzdem nicht.

Das ist keine Überraschung. Futter oder Wasser als Druckmittel einzusetzen ist tierschutzrechtlich heikel und für tragfähiges Lernen hochproblematisch. Aus Hundesicht sendet es vor allem eine Botschaft: Der Mensch, auf den ich angewiesen bin, kann selbst zur Bedrohung werden. Wer so erlebt wird, baut keine Beziehung auf.

Angst kann Verhalten unterdrücken. Vertrauen baut sie nicht auf. Was nur unterdrückt ist, taucht irgendwann anderswo wieder auf.

Zur rechtlichen Einordnung: § 2 TierSchG verpflichtet Tierhalter zur angemessenen Ernährung, Pflege und verhaltensgerechten Unterbringung. Die Anbindehaltung von Hunden ist nach § 7 TierSchHuV grundsätzlich verboten und nur mit engen Ausnahmen zulässig.

Hund und Katze liegen entspannt beieinander

Ein großer weißer Hund und ein altes Vorurteil

Eines Vormittags in einem kleinen ungarischen Dorf kam meine elfjährige Tochter voller Aufregung in die Küche gerannt. „Mama, Mama! Ich habe einen Hund kennengelernt, und er ist superlieb. Er ist so wie unser Bello, und ich glaube, er wird auch nicht erzogen!“

Ich wusste noch nicht, um wen es ging. Ich wusste nur: Meine Kinder gehen mit Tieren achtsam um. Also vertraute ich erst einmal diesem Bericht.

Es stellte sich heraus, dass meine Tochter bereits die Erlaubnis des Besitzers eingeholt hatte, den Hund zu bürsten und mit ihm zu spielen. Und es stellte sich heraus, dass es sich um einen Dogo Argentino handelte. Groß, muskulös, weiß, stark. Genau die Rasse, bei der viele in Westeuropa schon gedanklich den Rollladen herunterlassen.

Dogo Argentino liegt ruhig und aufmerksam da

Die Wirklichkeit interessierte sich wenig für dieses Klischee. Dieser Hund war sanft, geduldig und sozial bemerkenswert fein. Bald schlossen auch meine jüngeren Kinder Freundschaft mit ihm. Seinen Besitzer lernte ich später besser kennen: ein gelassener Mensch, der seinem Hund Vertrauen gibt und Freiheit lässt, aber weiß, wann Verlässlichkeit zählt, im Straßenverkehr zum Beispiel, oder wenn Fremde vorbeigehen. Auch wenn mal eine Matratze zerfetzt wird, bleibt er gelassen. Das ist keine Gleichgültigkeit. Das ist Priorität.

Kind sitzt entspannt neben einem Dogo Argentino

Unsere Erfahrung mit einem einzelnen Hund ersetzt keine Statistik. Aber sie erinnert daran, wie grob viele Menschen über Hunde urteilen. Aus der Rasse wird ein Urteil. Aus dem Urteil wird Vorsicht. Aus der Vorsicht wird Distanz. Und aus der Distanz wird eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Was Schnüffeln wirklich ist

Auf unseren Spaziergängen fällt mir manchmal auf, wie viele Hunde nie wirklich Hund sein dürfen. Kaum nähern sie sich etwas Interessantem, werden sie weitergezogen. Kein Moment für das Gras, keiner für den Stein am Wegesrand.

Für Bello gehört genau das zu den Highlights. Jeden Grashalm, jeden Geruch, jedes Büschel Erde darf er untersuchen, so lange er will. Wenn er fertig ist, kommt er von selbst weiter. Kein Ruf, kein Zug. Ein natürlicher Rhythmus, der für uns beide funktioniert.

Neugieriger Hund genießt die albanische Küstenlandschaft

Forschung zu Kognition und Wohlbefinden bei Hunden zeigt: Schnüffeln kann Beruhigung, Informationsverarbeitung und mentale Auslastung in einem sein. Hunde, die dazu keine Gelegenheit bekommen, sind oft nicht brav. Sie sind unterfordert.

Was unsere schwedischen Freunde uns gezeigt haben

Mein erstes Kind war sieben Monate alt, als wir unsere „Schwedenfreunde“ kennenlernten. Ihr Umgang mit Kindern fiel mir sofort auf: weder lax noch streng. Konsequent respektvoll. Grenzen gab es, aber nicht als Machtdemonstration. Führung gab es, aber nicht als Demütigung. Diese Haltung hat mich geprägt und irgendwann auch zu Bello geführt.

Jahre später nahmen unsere Freunde zwei Rottweiler auf. Auch diese Rasse gilt manchen als Risiko. Was wir erlebten, waren zwei Hunde, die sich als Hunde verhalten durften, in einer Familie, in der das auch für Kinder galt. Entspannte Hunde. Freundliche Hunde. Hunde, die lernten, was in dieser Familie passt, ohne Angst vor Konsequenzen.

Auch wenn ich herkömmliche Hundeschulen mit ihren Kommandokaskaden nach wie vor befremdlich finde: Es gibt inzwischen viele Trainerinnen und Tierbegleiter, die gewaltfreies Arbeiten mit Hunden ernst nehmen. Das stimmt mich zuversichtlich.

Was im Alltag wichtiger ist als Gehorsam

  • Beobachten statt etikettieren: Erst schauen, dann benennen. Nicht jedes unerwünschte Verhalten ist Ungehorsam.
  • Sicherheit vor Show: Verlässliche Routinen und Schutz bei Überforderung zählen mehr als Vorführgehorsam.
  • Schnüffeln ist kein Zeitverlust: Es gehört für viele Hunde zum Spaziergang wie das Laufen selbst.
  • Klare Signale statt Lautstärke: Faire, vorhersehbare Hinweise helfen mehr als Einschüchterung.
  • Management ist keine Schwäche: Leine, Abstand, Pausen oder Umwege sind oft die klügere Wahl als Eskalation.

Bello läuft mit einem anderen Hund zusammen

Das klingt unspektakulär. Ist es auch. Gutes Zusammenleben besteht selten aus großen Trainingsmomenten. Es besteht aus vielen kleinen Entscheidungen, in denen ein Hund merkt: Dieser Mensch ist lesbar. Dieser Mensch hilft mir durch die Welt.

Unerzogen: Was wir damit meinen

Unerzogen heißt bei uns nicht: Es fehlt etwas. Es heißt das Gegenteil. Ein Hund muss nicht auf Kommando funktionieren, um vollständig dazuzugehören. Würde hängt nicht von Nützlichkeit ab. Nicht bei Kindern. Nicht bei Tieren.

Bello lebt mit Geschichte, mit Eigenheiten, mit Angststellen und mit erstaunlich viel Freundlichkeit trotz allem. Er ist kein Zirkushund. Er ist ein Familienmitglied. Die Forschung gibt uns nicht in allem recht, was wir tun. Das muss sie auch nicht. Sie stützt aber einen wichtigen Kern: Bindung ist real, aversive Methoden schaden, und grobe Rassestereotypen erklären weniger als die meisten glauben.

Den Rest nenne ich Lebenskunst: hinschauen statt urteilen, begleiten statt beherrschen, die Biografie eines Hundes als Ausgangspunkt nehmen und nicht als Hindernis.

Für uns ist Bello unerzogen. Und das ist eines der schönsten Komplimente, das wir vergeben.

Bello sucht Körperkontakt und Nähe

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Quellen und Einordnung

CC BY-SA 4.0 Unerzogen bei Hunden: Beziehung statt Gehorsam von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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