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Zuletzt aktualisiert: 12. März 2026
Auf unseren Langzeitreisen haben wir zwei Dinge besonders schätzen gelernt: Freundschaften und Löwenzahn. Beide hatten wir vor vier Jahren unterschätzt. Würden wir uns in der Fremde einsam fühlen, weil wir niemanden kannten? Und würden wir das frische Grün vermissen, weil im trockenen Süden scheinbar nichts wächst? Südalbanien gab uns auf beide Fragen eine ziemlich schöne Antwort.
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Ein Winter an der Lagune
Es war einer unserer letzten Tage in Albanien. Wir spazierten entlang der Laguna e Pasha Limanit, die Sonne schien, die Kinder tanzten im flachen Wasser, unser Hund stürmte den Straßenhunden entgegen, die uns nachliefen. Wir dachten daran, wie unbeschwert dieser Winter für uns gewesen war.

Eigentlich hatten wir andere Pläne. Eine Beerdigung warf unsere Reise durcheinander, die Zeit reichte plötzlich nicht mehr, um zu einer Gemeinschaft von Unschooling-Familien zu fahren. Statt drei Monaten mit anderen Familien in Italien oder Ägypten verbrachten wir den Winter also in Südalbanien. Mit niemandem, den wir kannten.
Wie Kontakte auf Reisen entstehen
Trotzdem ergab sich der Austausch fast von selbst. Bei einem Treffen mit anderen Bitcoinern und auf einem Campingplatz fanden wir schnell Gleichgesinnte.
Manchmal fragt ihr uns, wie wir unterwegs Leute kennenlernen. Mit Bekanntschaften auf Reisen ist es wie mit Pusteblumen: Man muss nicht erzwingen, was von selbst kommt. Familien, die ähnlich leben oder lernen, finden wir zum Beispiel über Facebook-Gruppen mit Suchen wie „unschooling“ plus Land. Bei Instagram helfen Hashtags. Manchmal fragen wir, wer gerade in der Gegend ist. Und manchmal passiert es einfach auf dem Spielplatz, beim Kaffee mit Nachbarn oder irgendwo zwischen Meer und Schilf.
Das DE-Kennzeichen zieht Menschen oft genauso an wie unsere vier blonden Kinder in der Fußgängerzone. Wer offen auftritt, kommt leichter ins Gespräch.
Wildpflanzen auf Reisen
Ähnlich geht es uns mit dem Essen. Zwischen heimischen Maisspitzen-Smoothies und trockenen Brombeerhecken liegen zwar Welten. Wer aber hinschaut, findet auch im Süden mehr als erwartet. Im deutschen Winter ist die Kräutersuche mühsam, in Südeuropa wirkt sie oft erstaunlich leicht.

An dem Tag an der Lagune trafen wir Menschen, die Löwenzahn zupften. Dieses Bild begegnete uns in Albanien immer wieder: meist ältere Frauen, die auf Brachflächen und am Strand Wildkräuter sammelten, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Für viele hier ist es das auch. Diesmal sprach uns ein Paar auf Englisch an. Die beiden kamen aus Oklahoma. Wir redeten über Ostdeutschland, den Sozialismus und selbstbestimmtes Lernen auf Reisen. Dann tauschten wir Wildkräutertipps aus, und sie zeigten uns ihre liebsten Sammelstellen. Die beiden leben weder vegan noch rohkoststreng. Den „dandelion“ lieben sie trotzdem als Salat.
Löwenzahn: Was ich daran wirklich interessant finde

Das Gespräch hat mein Interesse neu geweckt, also habe ich nachgelesen. Was ich dabei festgestellt habe: Die Wirklichkeit ist nüchterner als viele Kräuterseiten suggerieren, aber gerade deshalb spannend.
Eine Pflanze, die zu Unrecht als Unkraut gilt
Blätter, Blüten und Wurzeln des Löwenzahns werden seit Langem als Wildgemüse und in der Pflanzenheilkunde genutzt, quer durch viele Kulturen. Bei uns endet er meist im Kompost. Anderswo landet er geliebt auf dem Teller. Das sagt einiges darüber, wie sehr Gewohnheit unsere Wahrnehmung prägt.
Junge Blätter schmecken zarter als ältere. In einem gemischten Salat fallen sie kaum auf, außer durch ihre bittere Note. Die Blüten sind milder. Junge Stängel mögen manche Kinder einfach deshalb, weil sie sich seltsam anfühlen und zwischen den Zähnen quietschen. Muss ja nicht immer Superfood-Rhetorik sein.

Verdauung: Tradition, Bitterkeit und dünne Studienlage
Spannend am Löwenzahn finde ich vor allem seine bittere Note und die lange Tradition als Wildgemüse und Heilpflanze. Für klare medizinische Wirkungen beim Menschen ist die Studienlage aber dünn.
Die Europäische Arzneimittel-Agentur ordnet Löwenzahnwurzel als traditionell verwendete Heilpflanze bei milden Verdauungsbeschwerden ein, etwa bei Völlegefühl und Blähungen. „Traditionell“ bedeutet dabei: lange genutzt, für diesen Rahmen plausibel genug, aber durch starke klinische Studien am Menschen kaum belegt. Das ist ein Unterschied, den ich für wichtig halte.
Und, ich sage es mal so: Wer regelmäßig Bitterstoffe isst, dem entweicht laut Überlieferung seltener ein unerwünschtes Lüftchen. 🙂
Die Leber, das Krankenhaus und ein Kind mit Löwenzahn
Ich war noch ein Schulkind, als meine Eltern an Hepatitis erkrankten. Ich saß vor dem Krankenhaus und zupfte Löwenzahn vom Beet. Damals leuchtete mir eine Verbindung zur Leber ein. Heute weiß ich: So eindeutig, wie es mir als Kind schien, ist die medizinische Lage nicht. Aber die Szene ist mir geblieben.
Starke Versprechen brauchen starke Belege
Krebs, Diabetes, Immunstärkung, Leberreinigung: Diese Behauptungen finden sich auf vielen Kräuterseiten. Sie stützen sich fast immer auf Labor- oder Tierstudien, selten auf überzeugende Forschung am Menschen. Das macht Löwenzahn nicht wertlos. Es heißt nur, dass man genauer hinsehen sollte. Als Wildgemüse ist er interessant. Als Alleskönner klingt er schnell nach Werbung mit Wurzel.
Noch ein praktischer Hinweis
Wer Wildpflanzen sammelt, sollte Pflanzen sicher bestimmen und Blätter von stark befahrenen Straßenrändern meiden. Bei Allergien gegen Korbblütler oder bei Erkrankungen der Gallenwege lohnt es sich, bei Löwenzahnwurzel als Heilpflanze genauer hinzuschauen. Als Salat ist das eine andere Sache als ein konzentriertes Präparat, aber der Unterschied wird online gern übersehen.
Was Löwenzahn und Freundschaften gemeinsam haben
An diesem Tag an der Lagune wurde mir wieder klar, warum mir beides so lieb ist. Freundschaften und Löwenzahn findet man oft genau dann, wenn man aufgehört hat, verkrampft danach zu suchen. Man muss draußen sein, ansprechbar bleiben, sich umsehen. Dann stehen plötzlich zwei Menschen aus Oklahoma neben einem und reden über Weltbilder, Sozialismus und Salat.
Ich wünsche euch schöne Begegnungen und den Mut, euch manchmal einfach treiben zu lassen.

Wenn ihr weiterlesen möchtet: Unser Beitrag über Wildkräuter im November passt gut dazu. Und wenn euch der Bildungsaspekt interessiert, findet ihr hier unsere Grundgedanken zu Unschooling und selbstbestimmtem Lernen sowie unseren älteren Reisebeitrag zu selbstbestimmtem Lernen auf Reisen.
Quellen
- NCCIH: Dandelion: Zur Wirkung beim Menschen ist bisher sehr wenig erforscht.
- EMA-Monographie Taraxacum officinale radix: Traditionelle Anwendung bei milden Verdauungsbeschwerden.
- Sweeney et al. 2005: Ältere systematische Übersicht.
- Kania-Dobrowolska & Baraniak 2022: Neuere Übersicht, überwiegend präklinische Daten.
Eure Evelin
Freundschaften sind wie Löwenzahn: Kostbar und (fast) überall zu finden von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.