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Hochsensibilität – ein Leben mit geschärften Sinnen

mit feinen SensorenWer sich mit Hochsensitivität oder Hochsensibilität auseinandersetzen will, findet hier unsere Worte in Schriftform – ganz ohne bewegtes Bild. Zum Video geht es hier entlang.

In unserem ersten Artikel zur Hochsensibilität gehen wir auf allgemeine “Symptome” und kurz und bündig auf die bedeutsamsten neurologischen Ursachen ein. Auf YouTube laden wir künftig zusätzliche Videos zur Hochsensibilität von Babys, kleinen wie großen Kindern und Erwachsenen hoch.

Zum besseren Verständnis

Seit etwa einem halben Jahr wissen wir, weshalb unsre Älteste so ist, wie sie ist. Was uns einst zur Verzweiflung und Ratlosigkeit brachte, verwandelt sich für uns mehr und mehr in Verständnis und Akzeptanz gegenüber unserem heftig emotional reagierenden Kind.

Hochsensible Menschen nennt man, um ihnen einen positiveren Anklang zu verleihen, auch hochsensitiv. Bei Kindern spricht man von “Orchideen-Kindern”, die mehr Aufmerksamkeit benötigen als die überall problemlos gedeihenden “Löwenzahn-Kinder”.

Der Volksmund meint, Hochsensibilität sei übertrieben; die Kinder seien durch Verwöhnung zu „Sensibelchen“ verzogen worden – weil die Mütter „Glucken sind“. Derartige Äußerungen haben ihren Ursprung in der westlichen Kultur: Gefühle zu zeigen, gilt überwiegend als schwächlich. In fernöstlichen Lebensarten werden Emotionen und tiefgründigen Überlegungen indes elementare Bedeutungen beigemessen und Mitgefühl geschätzt. Aus diesem Grund muss ein Mann dort nicht den Machos heraushängen lassen.

Charakteristika hochsensibler Menschen

Man spricht bei Hochsensibilität nicht von einer Krankheit und stellt beim Vergleich mit Kindern, denen Autismus oder ADHS konstatiert wird, nur geringe Gemeinsamkeiten fest. Fakt ist, dass hochsensitive Charaktere mit ultrafeinen Sensoren ausgestattet sind. Aus dem Grund besitzen sie eine ausgeprägte Intuition und sind hochemotional. Von unserer Tochter kennen wir eskalierende Wutausbrüche genauso wie Ihr enormes Mitgefühl und Ihre Sorge um andere. Alle Arbeiten erledigt sie gründlich und detailliert, und „gute Manieren“ erscheinen ihr unverzichtbar. Unserer Tochter ist ihre Höflichkeit nicht abzusprechen.

Hochsensible Menschen beziehen Aussagen anderer und konkrete Gegebenheiten oft auf sich persönlich. Selbstvorwürfe bleiben demzufolge nicht aus. Der Aufenthalt unter vielen Menschen führt zu Stress. Hochsensible sind für gewöhnlich lärmempfindlich. Teamarbeit erfreut sich bei ihnen keiner Beliebtheit und Entscheidungen zu treffen, bereitet ihnen Schwierigkeiten, weil in der Tat alles bedacht wird.

Hochsensibilität, Bindung und Vererbung

Man vermutet heute, dass hochsensible Erwachsene verstärkt zu Ängsten und Depressionen neigen, wenn sie nur über mangelnde Bindungserfahrung aus der frühen Kindheit verfügen – das trifft traurigerweise auf viele Menschen zu.

Bei einem schreienden Säugling erwartet erst einmal niemand, dass er hochsensitiv ist. Erscheint das Schreien wiederkehrend schrill und das Baby ist nach erlebnisreichen Tagen nur unzureichend zu beruhigen, kann unter Beachtung zusätzlicher Faktoren Hochsensibilität in Betracht gezogen werden. Darauf gehen wir im nächsten Video bzw. Artikel zum Thema ein.

Hochsensiblen Babys tut die unmittelbare Nähe ihrer Vertrauenspersonen gut. Größeren hilft Ausgleich durch Sport oder der Aufenthalt in der Natur.

Hochsensibilität ist in gerader Linie vererbbar. Das betrifft zwei von drei hochsensible Menschen. Bei dem anderen Drittel vermutet man, dass es sich um eine erworbene Hochsensibilität handelt, weil sie z.B. traumatisierende Kindheitserlebnisse erfuhren.

Schüchternheit und die Verarbeitung von Eindrücken

Sensiblen Menschen wird Schüchternheit nachgesagt. Dabei ist es ein erworbener Charakterzug, den man von anderen zugesprochen bekommt und nachfolgend verinnerlicht.

Unser vierjähriges Mädchen ist nicht schüchtern. Sie teilt mit fremden Menschen, die sich ihr kurz zugewandt haben, mit Euphorie alles, was sie im gegenwärtigen Moment bewegt: Wer ist momentan schwanger? Wie heißt die Schwester? Welcher Unfall ist wo passiert? Usw. usf.

In der Zeit, in der sie einen Kinderchor besucht und sittsam auf ihrem Stuhl sitzt, fühlt sie sich nicht vom Nachbarjungen animiert, mit ihm herumzublödeln. Sie benötigt eine Weile, um die Situation zu beobachten und zu bewerten. Der Denkapparat spielt alle erdenklichen Folgen durch. „Wie benehmen sich die anderen Kinder? Welche Frisuren tragen die Mädchen? Können sie die Töne gut halten?“ – Das beschäftigt das Kind ebenso wie das Lied, das gesungen wird, und hängt nicht mit „Schüchternheit“ zusammen, sondern mit einem intensiven Vorgang.

Welche neurologischen Ursachen hat Hochsensibilität?

Untersuchungen zeigen, dass hochsensible Babys eine große Menge Noradrenalin in ihrem Blut und Gehirn aufweisen. Noradrenalin wirkt im Gehirn als biochemischer Botenstoff, als Neurotransmitter. Neurotransmitter transportieren Signale von einer Nervenzelle zur anderen. Wem mehr Botenstoffe zur Verfügung stehen, dessen Erregungen werden deutlicher übertragen. In der Folge ist das Denken wach und aufmerksam; das Gehirn arbeitet effizienter.

Vereinfacht dargestellt wirkt Hochsensibilität wie folgt: Ein Geräusch oder eine Stimme werden lauter wahrgenommen, ungewohnte Umstände wirken rasch unangenehm, eine andersartige Umgebung führt zu Unruhe und höchster Konzentration.

Nicht betroffene Personen nehmen konträr dazu Stimmen oder Geräusche im Hintergrund nicht hervorstechend wahr. In neuen Situationen gehen sie ohne Ablenkung ihren Aufgaben nach. Ungewohnte Umgebungen werden kurz betrachtet, doch nicht weiter beachtet, und müssen daher nicht aufwendig verarbeitet werden.

Hochsensiblen kann vieles nervender, unangenehmer oder schmerzhafter erscheinen. Alle Eindrücke und Signale von außen kommen verstärkt im Bewusstsein an.

Hochsensibilität ist fantastisch!

Hochsensibilität hat ihre Vorteile: Beispielsweise vollbringen sehr viele hochsensitive Menschen erstaunliche und exzellente Leistungen, z.B. in Kunst und Musik. Sanfte Impulse werden wahrgenommen und mitunter auf ewig abgespeichert. Häufig wählen hochsensible Menschen therapeutische und soziale Berufe, um ihre feinen Sensoren für andere zu nutzen.

Wir staunen über das Elefantengedächtnis unserer Tochter. Sie fühlt mit ihrer Schwester ausgesprochen intensiv mit, wenn diese sich verletzt hat, und ist oft die Erste, die an alle im Haus denkt, die aktuelle Hilfe gebrauchen könnten. Wir finden unser großes Mädchen bewundernswert und außergewöhnlich.

Um ein außergewöhnliches Kind großzuziehen, muss man auch bereit sein, sich auf ein außergewöhnliches Kind einzulassen. – Elaine Aron

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Über die Autorin
Evelin ist vegetarisch aufgewachsen und lebt seit 20 Jahren vegan. Sie hat als Erzieherin gearbeitet und schließlich studiert, um sich noch mehr für das Recht auf eine Kindheit in Würde, Frieden und ohne Manipulation durch Erziehung einzusetzen - nicht nur für die eigenen drei kindergarten- und schulfreien Kinder. Ihre Lieblingsthemen sind u.a. „Unerzogen“, „Attachment Parenting“, Hochsensibilität und Veganismus.
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