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Zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2026

Liebes Tagebuch,

dieser besondere Sonntag im Mai, der offiziell nach Ausschlafen und Kaffeeduft aussieht: Das jüngste Kind fährt mir mit einem Spielzeugauto übers Gesicht. Das zweite ruft vom Klo, dass es „feeertig“ ist. Also taumle ich aus dem Bett, wische einen kleinen Hintern sauber und begehe den klassischen Fehler, mich danach noch einmal hinzulegen. Schlafen geht nicht mehr. Aber ich lausche. Vielleicht klappert ja jemand in der Küche mit Geschirr. Ein gedeckter Frühstückstisch, frische Brötchen, ein Sträußchen, Kaffeeduft. Wäre doch mal der Stoff, aus dem Feiertage gemacht sind.

„Mama, der hat mir die Decke weggezogen!“, schleudert es mir stattdessen um die Ohren. Ich rapple mich auf, werfe meinem Kind die Decke ins Hochbett. Im Bad beeile ich mich. Große Schönheitspflege ist heute ohnehin nicht vorgesehen. Man soll ja richtig nach Mutter aussehen. (Nebenbei: Die Bezeichnung „Mutti“ klingt für mich nach DDR und Kittelschürze. Obwohl ich meine Mutter unter anderem so nenne, will ich NIEMALS „Mutti“ genannt werden.)

Vorfreudig eile ich in die Küche. Es erwarten mich drei ausgekippte Puddingpäckchen, drei dreckige Stofftaschentücher, die Klamotten des männlichen Sandwichkindes und die Reste des Nachtsnacks meiner ältesten Tochter. „Muttertag, so schön wie jedes Jahr“, kann ich mir nicht verkneifen. Liebreizend erwidert mein Gatte im Nebenraum: „Gleich machen wir einen schönen Spaziergang, mein Schatzi. Ich muss erst noch meine Hose anziehen.“ Ich schnappe seine Jeans vom Küchenstuhl und schieße sie nach drüben. „Die ziehe ich nicht mehr an. Die ist dreckig.“ „Dann soll sie in die Wäsche.“ Wenigstens Schatzi schenkt mir im Vorübergehen noch einen liebevollen Hundeblick. Sein Vorteil ist, dass er wirklich ein Hund ist.

Ich beseitige das Chaos in der Küche.

Mein weibliches Sandwichkind schenkt mir ein selbstgebasteltes Lesezeichen. Die Älteste überreicht einen Mama-Herz-Zettel samt Werbeprospekt eines indischen Restaurants, in das wir sowieso nicht einkehren werden.

Ich bedanke mich. Wirklich. Aber wenn ich ehrlich bin, freue ich mich an allen anderen Tagen im Jahr tausendmal mehr über meine Kinder als ausgerechnet am Muttertag. Was mich stört, ist diese Markierung im Kalender. Plötzlich soll Dankbarkeit auf Kommando stattfinden. Als wären gebastelte Herzen und Kritzelbilder der Ausgleich für alles, was Mütter sonst still nebenbei tragen: organisieren, erinnern, versorgen, mitdenken, Konflikte abfedern, Reste wegräumen, Gefühle sortieren.

Was mich am Muttertag nervt

Das schreibe ich aus meiner Perspektive, nicht als allgemeine Wahrheit. Vielleicht erlebt ihr diesen Tag ganz anders. Für mich riecht er weniger nach Wertschätzung als nach Rollenpflege. Mütter werden kurz auf ein Podest gestellt. Danach läuft möglichst unaufgeregt weiter, was ohnehin an ihnen hängen bleibt.

Was mich stört, ist das Bild dahinter. Ein Tag voller Herzchen, Brötchen und Pflichtgefühl soll warm aussehen und überdeckt dabei, wie oft Familienarbeit noch ungleich verteilt bleibt.

Der Blumenstrauß findet übrigens doch noch zu mir. Bei der Hunderunde ließ sich etwas auftreiben, dazu ein paar Stängel tränendes Herz aus dem Garten. In einer Vase auf dem Tisch bekommen sie ihren Platz.

Ich bestehe darauf, heute ordentlich gemeinsam zu frühstücken. Mein Mann rümpft etwas die Nase. Es ginge schließlich viel schneller, würde ich den Kindern einfach wie immer ihren Frühstücksporridge kochen.

Da sitzen wir also als Familie und „genießen“ Brötchen. Meine beiden Töchter treten sich unter dem Tisch. Der Jüngste neben mir kleckert so mit seinem Joghurtlöffel, dass ich mich jetzt doch fast für die Kittelschürze entscheiden würde. Mein Mann rülpst, ohne es mitzubekommen, und gefühlt reden alle durcheinander. Die Blumenstängel in der Vase biegen sich traurig nach unten. Alle. Auch das tränende Herz. Ach, wäre ich damals nur mit dem sexy Kindergärtner durchgebrannt! Ich bin mir sicher, dass ich mich heute nicht über Chaos oder Undankbarkeit ärgern würde … Ein tränendes Herz als Muttertagsblume, ist das nicht eher was für Beerdigungen? Zusammen mit Maiglöckchen, weil die so nach altem Frauenparfüm riechen?

Aber ach was, bei uns ist eben nicht immer alles perfekt. Und dieser Moment ist vielleicht ehrlicher als der ganze Rest. Familie sieht selten aus wie ein Hochglanzheft. Sie ist laut, klebrig, widersprüchlich, manchmal anstrengend und oft trotzdem schön. Gerade darum brauche ich keinen Feiertag, der mir einmal im Jahr zuflüstert, ich dürfe mich jetzt bitte wertgeschätzt fühlen.

Blumenstrauß zum Muttertag

Tränendes Herz – passt prima zum Muttertag! 😀

Nicht die Kinder sind das Problem

Meine Kinder machen an diesem Tag nichts grundsätzlich anderes als sonst. Sie spielen, kleckern, streiten, schenken, vergessen, freuen sich, nerven und lieben gleichzeitig. Kinder eben. Mein Ärger richtet sich auch gegen niemanden aus meiner Familie persönlich. Er richtet sich gegen ein Bild. Gegen die alte Erzählung, dass Mütter sich aufopfern, sich an Symbolen freuen sollen und dabei bitte nicht zu genau hinschauen, wie Fürsorge, Erwartungen und Zuständigkeiten verteilt sind.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem mich der Muttertag triggert: Er feiert Mütter. Dabei konserviert er oft auch eine Rolle. Eine nette, florale, bastelbare Rolle, die weich aussehen soll und erstaunlich viel aushält. Bei der selten gefragt wird, wer an den übrigen 364 Tagen die Arbeit sieht, die Müdigkeit mitträgt oder Verantwortung teilt.

Morgen, wenn wieder alles normal ist, freue ich mich vermutlich viel unverkrampfter über meine Kinder. An ihrem Spielen, ihrem Streiten und Versöhnen, ihrer Energie, ihrem Witz. Vielleicht sogar mehr als heute. Morgen muss niemand Dankbarkeit aufführen.

Solange sinniere ich besser nicht sehnsüchtig darüber, wann sich Haushalt und Geschwisterstreit von selbst erledigen.

Wer sich für Familienleben jenseits starrer Rollenbilder interessiert, findet dazu unseren Beitrag über beziehungsorientierte Elternschaft. Und wer sich im Alltag eher mit Geschwisterstreit als mit Feiertagskitsch herumschlägt, dürfte sich auch in diesem Text wiederfinden.

Allen, die den Muttertag mögen, gönne ich ihn. Ich selbst würde ihn trotzdem gern aus dem Kalender streichen.

Mit zukunftsgläubigen Grüßen,
Eure Evelin

CC BY-SA 4.0 Muttertag abschaffen! Gedanken zum blöden Ehrentag von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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