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Aktualisiert am 27. Februar 2026
Ein inzwischen gelöschter Clip, der RT Deutsch zugeschrieben wurde, behauptete: In der russischen Stadt Woronesch trennte man Babys von ihren Müttern, wenn die Mütter an COVID-19 erkrankt waren.
Den Clip gibt es nicht mehr, weil das Konto gelöscht wurde. Ich kann das Material deshalb nicht prüfen. Übrig bleibt die Reaktion. Und sie verdient einen zweiten Blick, weil sie viel über uns zeigt.
Darum geht es hier: Ich schaue mir an, was solche Videos in uns auslösen, und ich zeige, was Fachstellen zur Versorgung von Neugeborenen bei COVID-19 sagen. Außerdem frage ich, wie wir Empathie konsequent leben, ohne sie als Keule zu nutzen.
Inhalte
- 1 Die Reaktionen: viel Schmerz, wenig Kontext
- 2 Was ich sicher sagen kann und was nicht
- 3 Was Fachstellen zu Neugeborenen, Nähe und COVID-19 sagen
- 4 Warum das so emotional ist
- 5 Die eigentliche Frage hinter der Empörung
- 6 Kein Einzelfall: Trennung gibt es nicht nur bei Menschen
- 7 Not the same, but equal: Was der Vergleich leisten kann und was nicht
- 8 Weiterlesen: sinnvoller nächster Schritt
- 9 FAQ
- 9.1 Ist das ursprüngliche Video verlässlich?
- 9.2 Was bedeutet „Rooming-in“?
- 9.3 Wird SARS-CoV-2 über Muttermilch übertragen?
- 9.4 Warum haben Kliniken dennoch zeitweise getrennt?
- 9.5 Ist der Vergleich zu Kälbern nicht unfair?
- 9.6 Was kann ich konkret tun, wenn ich weniger Tiermilch nutzen will?
- 9.7 Unterstützt ihr euch über Affiliate-Links?
Die Reaktionen: viel Schmerz, wenig Kontext
Unter dem Video und in geteilten Ausschnitten standen Kommentare wie diese:
Reaktionen auf YouTube
„Unfassbare, kranke Welt.“
„Das ist das Grausamste, was ich je gesehen habe.“
„Wie schwachsinnig. Die hatten 9 Monate äußerst intimen Kontakt und jetzt werden sie getrennt. Unfassbar.“
„Psychopathen …“
„Was soll das?! Das ist sooo grausam. Wir sind in der Hölle, habe ich langsam das Gefühl. Schlimmer geht’s eigentlich nicht mehr.“
„Das ist so pervers … krank und abartig.“
„… wie Gegenstände werden die Babys behandelt.“
„Eine Menschheit, die so etwas zulässt, hat ihr Recht auf diesem Planeten verwirkt.“
Reaktionen auf Twitter
Wenn Babys nach der Geburt den Müttern weggenommen werden: Reaktionen auf Twitter
„Was für eine widerliche, kranke Welt.“
„Das ist einfach nur grausam.“
„Geisteskrank.“
„Schon das Anschauen des Videos ist absolut unerträglich.“
„Das bricht mir als Mutter das Herz! Babys ohne Nähe, ohne Liebe. Mütter ohne ihre Kinder.“
„Das ist ein Verbrechen!“
Reaktionen auf Instagram
Wenn Babys nach der Geburt den Müttern weggenommen werden: Reaktionen auf Instagram
„Kein Hautkontakt, kein Blickkontakt, keinen Herzschlag der Mama hören, keine Milch, kein gar nichts. Ganz davon abgesehen, was das mit einer Mama macht, die ihr Baby 9 Monate unter ihrem Herzen getragen hat… Mir wird schlecht.“
„Was für eine kranke Scheiße. Ich würde so ausrasten, das geht überhaupt nicht, einer Mutter das Neugeborene entziehen.“
Was ich sicher sagen kann und was nicht
Ich weiß nicht, ob das Video echt war. Ich weiß auch nicht, aus welchem Krankenhaus es stammte. Jemand könnte es gekürzt haben, und es könnte wichtiger Kontext fehlen. Ich kenne außerdem die medizinische Lage im Hintergrund nicht. So etwas passiert, wenn ein Clip verschwindet und nur Empörung bleibt.
Trotzdem weiß ich: Die Frage „Trennung oder Nähe?“ war in der Geburtshilfe während COVID-19 real, aber viele Länder beantworteten sie unterschiedlich. Genau deshalb sollten wir nicht beim Bauchgefühl stehenbleiben.
Was Fachstellen zu Neugeborenen, Nähe und COVID-19 sagen
Kurze Antwort
Große Gesundheitsorganisationen betonten: Mütter dürfen auch bei vermutetem oder bestätigtem COVID-19 stillen. Mutter und Baby dürfen oft zusammenbleiben, auch mit Hautkontakt, wenn Schutzmaßnahmen greifen und die Mutter sich dazu in der Lage fühlt.
Etwas ausführlicher, mit Quellen
Die WHO empfiehlt: Mütter mit vermutetem oder bestätigtem COVID-19 dürfen weiter stillen. Sie sollen, wenn möglich, mit ihrem Baby zusammenbleiben, auch mit Haut-zu-Haut-Kontakt, weil die Vorteile deutlich größer sind. (WHO, 23. Juni 2020: Breastfeeding and COVID-19)
Auch die CDC schreibt: Stillen bleibt bei COVID-19 möglich, und sie nennt praktische Schutzmaßnahmen wie Maske, Händehygiene und Hygiene beim Pumpen. Weil die CDC die Seite laufend aktualisiert, verlinke ich hier die Übersicht. (CDC: COVID-19 and Breastfeeding)
Am Anfang der Pandemie schwankten Empfehlungen, weil Daten fehlten und weil Ressourcen nicht überall gleich verfügbar waren. Manche fielen vorsichtig aus, andere widersprachen sich, und deshalb fühlten Familien sich oft allein gelassen. Zugleich erklärt das, warum manche Debatten klangen, als sprächen alle über zwei verschiedene Fragen.
Ein Beispiel: Eine prospektive Multicenter-Studie aus Italien fand, dass unter Schutzmaßnahmen eine Übertragung beim Rooming-in selten war. (Ronchi et al., JAMA Pediatrics 2021: Evaluation of Rooming-in Practice…)
Eine frühe Meta-Analyse zu neonatalen SARS-CoV-2-Fällen diskutiert: Wenn man nicht trennt, kann das mit späteren Infektionen zusammenhängen, während Stillen in dieser Auswertung nicht als Risikofaktor herausstach. Der Text zeigt vor allem eins: Wir müssen genau prüfen, wie Studien „Trennung“ und „Exposition“ definieren, und wir sollten sehen, wie stark Fallberichte verzerren können. (Raschetti et al., Nature Communications 2020, DOI: 10.1038/s41467-020-18982-9)
Warum das so emotional ist
Hier geht es nicht nur um Infektionsschutz, sondern auch um Bindung. Auch Erholung nach der Geburt und der Stillstart spielen mit hinein. Dazu kommt ein Nervensystem, das gerade erst lernt: Hier bleibt jemand.
Die eigentliche Frage hinter der Empörung
Wenn Menschen schreiben, es zerreiße ihnen das Herz, spielen sie nicht zwingend Theater. Oft reagiert ihr Körper sofort, weil viele Nähe als Grundrecht empfinden und Trennung als Gewalt erleben.
Genau hier wird es ernst: Wie konsequent ist unsere Empathie?
Kein Einzelfall: Trennung gibt es nicht nur bei Menschen
In der Milchindustrie trennt man Kälber in vielen Systemen sehr früh von ihren Müttern. Forschung beschreibt akute Stressreaktionen, und sie sucht zugleich nach Alternativen, die Tierwohl, Gesundheit und Praxis zusammenbringen. Aus antispeziesistischer Sicht gibt es eine Alternative: Wir konsumieren keine Milch und keine Milchprodukte.
Ein systematischer Review fasst zusammen: Frühe Trennung kann in manchen Settings akute Stressreaktionen senken, aber längerer Kontakt bringt oft längerfristige Vorteile für Kälber, zum Beispiel sozialeres Verhalten. Das ist kein moralischer Freifahrtschein, sondern es beschreibt Zielkonflikte, die man in der Praxis oft ökonomisch löst. (Beaver et al., Journal of Dairy Science 2019, DOI: 10.3168/jds.2018-15603)
Wissenschaftliche Übersichten sprechen auch darüber: Milchkühe leben insgesamt deutlich kürzer als ihre mögliche natürliche Lebensspanne, weil wirtschaftliche Entscheidungen die „produktive Lebensdauer“ stark prägen. (De Vries, Journal of Dairy Science 2020, DOI: 10.3168/jds.2019-17361)
Wer an dieser Stelle innerlich zurückzuckt, reagiert verständlich. Die menschliche Geburt ist nicht die Milchindustrie. Beides sind verschiedene Welten, und beides bringt verschiedene Pflichten mit. Trotzdem sehe ich eine gemeinsame Linie: Wie gehen wir mit Abhängigkeit um, wenn sie unbequem wird?
Not the same, but equal: Was der Vergleich leisten kann und was nicht
Ich will menschliche Babys und Kälber nicht als austauschbare Einheiten „verrechnen“, weil das niemanden gerechter macht.
Trotzdem stelle ich mir eine unbequeme Frage: Wir empfinden Trennung bei Menschen oft sofort als Grausamkeit. Warum schalten wir bei Tieren so oft um und nennen es plötzlich „normal“?
Wenn euch das Thema interessiert, findet ihr einen ruhigen Einstieg hier: Antispeziesismus: Definition und Ethik.
Weiterlesen: sinnvoller nächster Schritt
Wenn ihr die Brücke zwischen Gefühl, Fakten und Haltung weitergehen wollt, helfen diese Stationen:
- Neu hier? So ticken wir bei FreeYourFamily
- Dominion: Doku-Einordnung und Kontext
- Not your mom, not your milk: Gedanken zur Milch
FAQ
Ist das ursprüngliche Video verlässlich?
Ich kann es nicht verifizieren, weil es nicht mehr verfügbar ist. Einzelne Clips können außerdem Kontext weglassen. Darum zählt hier vor allem, was sich unabhängig prüfen lässt: Leitlinien, Studien und Grundprinzipien der Versorgung.
Was bedeutet „Rooming-in“?
Rooming-in heißt: Mutter und Baby bleiben nach der Geburt zusammen im gleichen Raum, und man trennt sie nicht routinemäßig. Das erleichtert Bonding, Stillen und Versorgung im Alltag.
Wird SARS-CoV-2 über Muttermilch übertragen?
Große Gesundheitsstellen sehen Muttermilch nicht als typischen Übertragungsweg, aber sie empfehlen Schutzmaßnahmen, weil Ansteckung vor allem über Atemwegssekrete passiert. (WHO: Breastfeeding and COVID-19, CDC: COVID-19 and Breastfeeding)
Warum haben Kliniken dennoch zeitweise getrennt?
Am Anfang der Pandemie herrschte Unsicherheit, und Schutzkleidung fehlte teils. Kliniken bewerteten Risiken unterschiedlich, was Entscheidungen erklärt, sie aber nicht automatisch gut macht. Darum brauchen wir klare Evidenz und transparente Abwägungen.
Ist der Vergleich zu Kälbern nicht unfair?
Er wird unfair, wenn er Menschen und Tiere gegeneinander ausspielt. Sinnvoll kann er sein, wenn er Empathie als Maßstab prüft: Wo gilt er, wo nicht, und warum?
Was kann ich konkret tun, wenn ich weniger Tiermilch nutzen will?
Viele starten pragmatisch: Sie probieren aus, was schmeckt, und sie prüfen, was sie vertragen. Danach schauen sie, was im Alltag klappt. Eine Übersicht für vegane Grundversorgung findet ihr hier: Vegane Familienküche: Velivery-Erfahrungen.
Unterstützt ihr euch über Affiliate-Links?
Ja, teilweise. Wenn ihr über Links in unseren Empfehlungen einkauft, unterstützt ihr den Blog mit, ohne dass es euch mehr kostet. Unsere Übersichtsseite dazu: Empfehlungen.
Über buch7 unterstützt ihr beim Bücherkauf soziale Projekte. Alternativ findet ihr Bücher auch über Thalia.
Herzliche Grüße
Patrick
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