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Aktualisiert am 3. März 2026

Am Morgen des 26. November 2019 riss uns ein Erdbeben aus dem Schlaf. Wir waren in Bar, Montenegro, und plötzlich war das, was sich sonst „Haus" nennt, nur noch ein vibrierendes Versprechen.

Dieser Beitrag ist ein Erlebnisbericht mit Einordnung: Was wir in dieser Nacht wahrgenommen haben, was ein Erdbeben geologisch bedeutet, wie Kinder darauf reagieren können und welche Fragen bei Reisen durch seismisch aktive Regionen ganz von selbst auftauchen.

Kurzfassung: Das Hauptbeben hatte Magnitude 6,4 (Mw) in den Ereigniskatalogen von USGS und GFZ. In einzelnen wissenschaftlichen Arbeiten findet ihr auch Mw 6,3, je nach Datensatz und Methode. Solche Abweichungen sind in der Seismologie nicht ungewöhnlich.

4 Uhr nachts: das erste Beben

Ich liege im Bett. Plötzlich brummt irgendetwas tief, als würde irgendwo unter uns ein riesiger Motor anspringen. Dann wackelt das ganze Haus. Alle Hunde in der Nachbarschaft bellen. Die Gockelhähne krähen fast kreischend, als hätten sie beschlossen, jetzt sei definitiv Morgen. Das Bett rutscht und vibriert. Die Fenster schlagen auf und zu.

Der Kleinste wird wach und pullert vor Schreck ein. „Schatz!", rufe ich. „Patrick! Erdbeben!"

Patrick ist schneller wach als sonst. Wir liegen vollkommen regungslos in unserem großen, ruckelnden Bett, neben und zwischen unseren Kindern. Ich halte den Kleinen fest. Sollten wir rausgehen? Die nackten Kinder in Sicherheit bringen? Nur wo? Auf dem Dach? Schließlich befinden wir uns fast auf Meeresspiegelniveau, und ein Tsunami würde hier alles verschlingen. Wir schieben den Gedanken daran zur Seite (wir haben wohl zu viele Filme gesehen).

Dann verstummen die Tiere. Das Haus hört auf zu schaukeln. Nach einer Weile schlafen wir wieder ein, nicht weil alles „okay" wäre, sondern weil Müdigkeit manchmal stärker ist als Philosophie.

Weitere Erschütterungen am Morgen

Unsere zwei Großen werden frühs um kurz nach sieben Uhr vom nächsten Beben aus dem Schlaf gerissen. Über eine Stunde vergeht, dann folgt die nächste Welle. Eine Zeit lang fühlt sich der Vormittag an, als würde die Erde in unregelmäßigen Abständen kurz testen, ob wir noch aufmerksam sind.

Als Patrick endgültig wach ist, schaut er über digitale Nachrichtenquellen nach, was passiert ist. In solchen Momenten ist das Internet nicht Ablenkung, sondern Lagebericht.

Erdbeben in Albanien: was war das eigentlich?

Was ist ein Erdbeben? Ein Erdbeben entsteht, wenn sich Spannungen in der Erdkruste ruckartig lösen. Gesteinsblöcke bewegen sich entlang von Störungszonen, und die frei werdende Energie läuft als seismische Welle durch den Boden. Das spürt ihr dann nicht als „Wissen", sondern als Körpererfahrung.

Das Beben vom 26. November 2019 wird in den Ereigniskatalogen von USGS und GFZ/GEOFON mit Mw 6,4 geführt. USGS ordnet es als Überschiebung (thrust faulting) im Kontext der Plattengrenze zwischen Afrika und Eurasien ein. GFZ dokumentiert das Ereignis im GEOFON-Katalog ebenfalls als Mw 6,4.

Zur Einordnung, ohne falsche Genauigkeit: Die Herdtiefe wird je nach Auswertung in einer Größenordnung von gut 20 Kilometern angegeben. Solche Unterschiede sind normal, weil Modelle, Messnetze und Auswerteverfahren sich unterscheiden.

Primärquellen dazu:

USGS: Executive Summary zum M 6.4 Albania earthquake (26.11.2019)

GFZ/GEOFON: Ereignis gfz2019xdig (26.11.2019)

Albanien war unser nächstes Reiseziel

Das war der Teil, der sich leise in den Tag hineinschob: In vier Tagen wollten wir weiterreisen, weg aus Bar in Montenegro. Für den gesamten Dezember hatten wir eine Unterkunft in Albanien gemietet.

Und dann sitzen da plötzlich Fragen, die nicht theoretisch sind: Ist das Haus noch heil? Wie geht es unserem albanischen Vermieter? Ist das, was wir „Reise" nennen, gerade eine gute Idee oder nur Gewohnheit mit Rucksack?

Ich greife zum Smartphone, um unseren Vermieter zu kontaktieren. Es zeigt 10:20 Uhr. Während ich schreibe, spüren wir erneut ein Beben. Gardinen schwingen, die Schränke, die Tür. Laut Internet liegt das Epizentrum diesmal in der Nähe von Mostar in Bosnien und Herzegowina.

Zum Anrufen komme ich jetzt nicht. Wir wollen hinaus. Schauen, wie es in der Altstadt aussieht. Vor einigen Tagen waren wir dort. Sie liegt direkt vor den steilen Felsen. Die schmalen Wege hinauf zu einem orthodoxen Kloster erinnern an die Straßen im Himalaya, die, wo man so oft von Busunglücken hört.

Später wurde daraus mehr als ein „Plan": Wir waren tatsächlich dort. Falls euch interessiert, wie sich Albanien für uns mit Kindern angefühlt hat, findet ihr den ausführlichen Bericht hier: Ein Monat mit Kindern in Albanien.

Wer Montenegro nur als Postkarte kennt, kann hier mitlesen, wie es sich für uns jenseits von „Perle der Adria" anfühlte: Montenegro: weder Perle noch Juwel an der Adria.

Erinnerung an Schwarmbeben im Erzgebirge

Als wir noch im deutschen Erzgebirge wohnten, bekamen wir die ruckartigen Erdbewegungen auch zu spüren. Es war 2018, als die Erde bebte, ebenfalls in den Nachtstunden. Unser Bett auf dem Dachboden wackelte. Doch man hätte eher meinen können, eine übergewichtige Katze sei auf unser Bett gesprungen oder ein stark beladener LKW wäre zu schnell durch die Straßen gedonnert.

Montenegro und Albanien fühlten sich anders an. Größer. Eindeutiger. Als würde die Erde nicht nur anklopfen, sondern kurz die Tür aufdrücken.

Was es mit unseren Kindern macht

Den Praxisteil von Geografie und Geologie haben wir an diesem Tag noch einmal nachgeholt. Neben ihrem Spielzeug für unterwegs faszinieren sie die Nachforschungen und die Frage: Was passiert da eigentlich unter unseren Füßen?

Kinder erklären Plattentektonik mit Karte und Stoff: Erdbeben verstehen

Geologie und die Entstehung von Erdbeben: Wie Plattentektonik funktioniert

Die Mädchen holen eine Landkarte von Europa. Für das Mittelmeer, das Europa von Afrika trennt, nehmen sie ein blaues Stück Stoff. Langsam schieben sie die afrikanische Platte unter die eurasische. „Manchmal sind große Felsen im Weg, die verhindern, dass die eine Platte weiterkommt. Irgendwann wird der Druck zu groß. Wenn die Platten dann aneinander vorbeigleiten, bricht etwas. Und das ruckelt", erkläre ich.

Das ist keine perfekte Wissenschaftsstunde. Aber es ist eine brauchbare Brücke: von Angst zu Verstehen, von „es passiert mir" zu „es passiert, weil…".

Was die Erfahrung mit uns macht

Die verregneten Tage in Montenegro führen manchmal zu Langeweile. Die Erdbeben heute sorgten definitiv für Aufregung. Für Faszination. Für Begeisterung. Gleichzeitig denken wir an die Menschen in Albanien, die viel härter getroffen wurden als wir. Naturgewalt ist nie nur „spektakulär". Sie hat Namen, Häuser, Nächte.

Obwohl die Epizentren in Albanien lagen, haben wir das Beben im Nachbarland Montenegro deutlich gespürt. Es ist eine faszinierende Erfahrung, die unbändige Kraft der Erde zu fühlen. Gleichzeitig merkt man, dass das, was so fest und stabil scheint, doch überaus fragil ist, nur in einem viel gewaltigeren Maßstab.

Auch wenn die Erde bebt: Wir fühlen uns behütet. Es geht uns gut. Wir leben in Dankbarkeit und Sicherheit.

FAQ: Erdbeben auf Reisen

Kann man ein Erdbeben vorhersagen?

Nein, nicht im Sinn einer verlässlichen Vorhersage von Ort, Zeit und Stärke. Es gibt Frühwarnsysteme, die nach Beginn eines Bebens Sekunden Vorsprung geben können, aber das ist etwas anderes als Vorhersage.

Warum nennen Quellen unterschiedliche Magnituden wie 6,3 und 6,4?

Weil Magnitude kein einzelner „Messwert" wie Körpergröße ist, sondern aus Daten und Modellen abgeleitet wird. Je nach Datensatz, Methode und Korrekturen kann für dasselbe Ereignis eine leicht andere Mw angegeben werden. Für den Alltag ist wichtiger, dass ihr die Größenordnung versteht und verlässliche Dienste für Ereignisdaten nutzt.

Warum nennen Quellen unterschiedliche Tiefen und Epizentren?

Weil die Berechnung auf Modellen basiert: Messnetze, Auswertemethoden und Annahmen unterscheiden sich. Für die Einordnung reicht oft der Bereich, nicht die letzte Nachkommastelle.

Ist Magnitude 6,4 „sehr stark"?

Magnitude 6,4 kann erheblichen Schaden anrichten, besonders bei ungünstigen Bauweisen und in der Nähe des Epizentrums. Wie schlimm es wird, hängt stark von Entfernung, Untergrund, Gebäuden und Dauer der Erschütterung ab.

Was hilft in den ersten Sekunden, ohne in Panik zu geraten?

Viele Menschen orientieren sich instinktiv an zwei einfachen Beobachtungen: Abstand zu Glas und wackeligen Regalen fühlt sich oft sicherer an, und tragende Innenbereiche wirken häufig ruhiger als Fensterzonen. Was sinnvoll ist, hängt immer von Gebäude, Situation und Region ab.

Wie kann man Kindern Erdbeben erklären, ohne sie zusätzlich zu verängstigen?

Uns hat geholfen, beim Konkreten zu bleiben: Was haben wir gespürt, was hat sich bewegt, was sagt die Karte? Kinder greifen Mechanismen oft spielerisch auf. Das nimmt nicht jede Angst, aber es gibt Halt.

Welche Quellen sind für schnelle, belastbare Infos sinnvoll?

Für Ereignisdaten und erste Einordnung eignen sich seismologische Dienste wie USGS und GFZ/GEOFON. Medienberichte helfen bei der Lage, sind aber für technische Details nicht immer die stabilste Basis.

Quellen und Vertiefung

Primärdaten (Ereignis):

USGS: M 6.4 Albania earthquake (Executive Summary)

GFZ/GEOFON: Event gfz2019xdig

Forschung (zwei Hauptanker plus Varianz-Beispiel):

Ganas et al. (2020): Ground Deformation and Seismic Fault Model of the M6.4 Durres (Albania) Nov. 26, 2019 Earthquake. DOI: 10.3390/geosciences10060210

Teloni et al. (2021): Seismogenic fault system of the Mw 6.4 November 2019 Albania earthquake. DOI: 10.1144/jgs2020-193

Govorčin et al. (2020): Geodetic source modeling of the 2019 Mw 6.3 Durrës earthquake (Beispiel für methodische Magnituden-Varianz). DOI: 10.1029/2020GL088990

CC BY-SA 4.0 Erdbeben in Albanien 2019: Wie es uns nachts aus dem Schlaf riss von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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