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Ein süßes Häschen zum Ausmalen

Aktualisiert am 6. März 2026

In diesem Beitrag geht es nicht darum, Ausmalbilder zu verbieten. Es geht um Gewichtung. Um die Frage, was im Alltag mehr Raum bekommt: das Ausfüllen vorgegebener Formen oder das freie Malen, in dem Kinder ihre eigene Bildsprache entwickeln.

Wenn ihr euch fragt, ob Malvorlagen harmloser Zeitvertreib, pädagogisch sinnvolle Übung oder doch ein stilles Training in Konformität sind, findet ihr hier eine klare Einordnung, meine persönliche Perspektive und einen kurzen Blick auf das, was Forschung dazu tatsächlich hergibt.

Ausmalbilder gelten oft als „pädagogisch wertvoll“. Kinder wählen Farben, bleiben dran, üben Stifthaltung. Das stimmt manchmal. Nur trifft es nicht den Kern dessen, was Malen für Kinder so kostbar macht.

Wenn Kinder zeichnen, übersetzen sie Welt in Zeichen. Nicht sauber, nicht korrekt, sondern eigen. Das ist keine Vorbereitung auf „richtig“, sondern ein Ausdruck von Denken, Fühlen, Erleben. Genau diese eigene Bildsprache geht leicht verloren, wenn das Blatt schon entscheidet, was „gemeint“ ist.

Wer sind wir, dass wir meinen, Kinder brauchen Vorlagen? Kann das Kind seine Kreativität nicht viel mehr entfalten, wenn man ihm die Wahl lässt, was es malen möchte?

Durch all die Klischeedarstellungen in Malbüchern, aber leider auch in den Fluren der Kindergärten und Schulen, verlernen Erwachsene schnell, Kinderbilder als das zu lesen, was sie sind: ein eigener Dialekt.

Wie Ausmalbilder Vorstellungen mitliefern

Vorlagen wirken harmlos. Sie sind es oft auch. Trotzdem transportieren sie still eine Idee: „So sieht ein Auto aus“, „so sieht eine Prinzessin aus“, „so sieht ein Tier aus“. Wenn Mädchen und Jungen dann nur noch nach Malheften von „Anna und Elsa“ oder „Cars“ verlangen, sind sie auf dem Weg, unkritische Konsumenten zu werden. Menschen, die annehmen, was man ihnen vorgibt. Das ist nichts Schlimmes, wenn sich Eltern für ihr Kind ein „ganz normales Leben“ wünschen. Wer sich jedoch wünscht, dass Kinder früh ein eigenes Urteil entwickeln, sollte bei den leisen Gewohnheiten anfangen. Bei dem, was selbstverständlich nebenher passiert.

Genau deshalb passt das Thema für mich auch zu anderen Fragen, die auf den ersten Blick ganz woanders liegen: zu der Idee vom angeblich „pädagogisch wertvollen“ Spielzeug und zu all den kleinen Alltagsangeboten, die schon fertig erzählen, was Kinder mögen, wollen und darstellen sollen.

Nehmen wir Kinder manchmal zu wenig ernst?

Bevor nun die Mistgabeln und Hacken gegen mich erhoben werden: Nein, man kann sicher nicht alles in einen Topf hauen.

Es geht mir nicht darum, etwas schlechtzureden. Ich sehe nur, wie früh die Industrie Kinderwelten besetzt: unrealistische Tiere, Autos mit Augen, Mädchen mit Barbie-Figur. Viele Kinder lieben das. Gleichzeitig braucht es ein Gegengewicht. Eines, das nicht „gegen“ etwas kämpft, sondern „für“ etwas steht: für eigenes Erfinden.

Mit Malvorlagen ist es ähnlich wie mit

  • der übertriebenen Kindergartentantenstimme,
  • greller Kleidung mit „kindgerechten“ Aufdrucken,
  • bunten, verführerisch abgepackten Süßigkeiten und
  • dudelnder, nervtötender Musik.

Alles wirkt wie eine Sonderwelt. Alles signalisiert: Kinder sind „eine eigene Gattung“, die man anders behandeln muss. Das klingt freundlich. Es kann aber auch klein machen.

Mandala-Ausmalbilder von der geliebten Yoga-Lehrerin - der neue Puppenhausteppich

Mandala-Ausmalbilder von der geliebten Yoga-Lehrerin – der neue Puppenhausteppich

Beschäftigungsbilder – warum werden sie eingesetzt? Aus Langeweile? Zur Beschäftigung? Damit man mal was zu loben hat? Weil es dem Kind Freude macht?

Beschäftigungsbilder – warum werden sie eingesetzt? Aus Langeweile? Zur Beschäftigung? Damit man mal was zu loben hat? Weil es dem Kind Freude macht?

Kunsterziehung in Kindergärten und Schulen

Wenn ihr Talentfächer benotet, bewertet ihr nicht nur ein Produkt. Ihr bewertet einen Prozess. Oft sogar Mut. Und das kann Kinder bremsen, selbst wenn die Note „gut“ ist.

Was ist es wert, wenn Kinder

  • vorgegebene Formen nachbilden,
  • Schablonen ausschneiden oder
  • in der Gruppe gleichartige Farbübungen durchführen?

Solche Aufgaben trainieren bestimmte Fertigkeiten. Sie können auch beruhigen. Sie sind nur kein Ersatz für freies Gestalten. Wer immer nach Schema arbeitet, verliert mit der Zeit leichter das Vertrauen ins eigene Sehen.

Dieser Text ist ursprünglich 2019 entstanden. Die Grundfrage ist für mich noch immer aktuell. Zugleich gilt: Wie mit Malen, Basteln und freiem Gestalten in Kindergärten oder Schulen umgegangen wird, hängt stark von einzelnen Menschen, Gruppen und Einrichtungen ab. Es gibt keine faire Pauschaldiagnose für alle.

Was die Forschung dazu hergibt und was nicht

Meine Kritik an Ausmalbildern ist zuerst eine Haltung und eine Beobachtung aus dem Alltag mit Kindern. Die Forschungslage ist deutlich schmaler, als manche laute Gewissheit vermuten lässt.

Wissenschaftliche Einordnung (kurz): Eine oft zitierte Behauptung aus der Kunstpädagogik lautet, Malbücher würden kreative Entwicklung grundsätzlich schädigen. Irvin L. King hat genau diese pauschale Lowenfeld-Lesart kritisch geprüft und gezeigt, dass die Beleglage dafür schwächer ist, als lange behauptet wurde (JSTOR; bibliografischer Nachweis: ERIC).

Peter Duncum hat die üblichen Rechtfertigungen für das Ausmalen im frühen Kindesalter ebenfalls hinterfragt und stattdessen Alternativen beschrieben, die stärker auf Spontaneität, Wahlfreiheit und Spiel setzen (DOI: 10.1177/183693919502000308).

Daneben gibt es Forschung aus der Kunsttherapie, die eher Erwachsene als Kinder untersucht. Sie zeigt: Strukturierte Formate wie Ausmalen oder Mandalas können durchaus beruhigend wirken, offenes Gestalten stößt aber teilweise andere Prozesse an, zum Beispiel bei positiver Stimmung, Selbstwirksamkeit und dem Erleben eigener Kreativität (DOI: 10.1080/08322473.2017.1375827). Das ist kein Beweis gegen Ausmalbilder für Kinder. Es ist eher ein Hinweis darauf, dass freies Gestalten etwas anderes leistet als das Ausfüllen vorgegebener Formen.

Genau deshalb bleibe ich bei meiner Gewichtung: Ausmalbilder können vorkommen. Freies Malen sollte trotzdem das größere Stück vom Kuchen bekommen.

Ich finde es jedenfalls viel schöner, wenn Kinder ihren eigenen Sinnbildern freien Ausdruck geben. Dann entsteht keine „richtige“ Welt. Es entsteht ihre Welt.

Kinderbild: Die Elsa auf dem Stuhl im Zimmer will nicht mehr rausgehen

„Die Elsa auf dem Stuhl im Zimmer will nicht mehr rausgehen“

Intuitives Malen: Bunt für bunt

Bunt für bunt. Das macht Spaß.

Kinderzeichnung: Schwangerschaft und Geburt

Eines von vielen Geburtsbildern

Kinderzeichnung: Dinos, die sich beißen

Dinos, die sich beißen

Kinderzeichnung: Wunschzettel

Wunschzettel: „eine Puppe für meinen Bruder, ein Rock, eine Krone und eine Blume“

Kinderzeichnung: Eis für alle

Eis für die ganze Familie

Kinderzeichnung: Vogel und Handyelsa

Kinderzeichnungen brauchen keine Bewertung. Auch kein „Das hast du aber schön gemalt.“ Teilt lieber die Freude darüber, dass euer Kind gestaltet.

Warum freies Malen für mich mehr Gewicht hat

In der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern taucht dieser Gedanke eigentlich auf: Der Prozess zählt. Nicht das Produkt. In der Praxis rutscht das trotzdem oft weg, weil Alltag drückt und Gruppen groß sind. Malbücher wirken dann wie eine schnelle Lösung.

Es gibt solche und solche Kindergärten. Und es gibt solche und solche Erzieher:innen. Manche erinnern sich an die Inhalte. Manche nicht. Wenn ihr mögt, schickt diesen Artikel weiter. Vielleicht öffnet er eine Tür, ohne dass jemand das Gesicht verliert.

Wer an dieser Stelle weiterdenken möchte, landet schnell bei größeren Fragen: Was trauen wir Kindern zu? Wie viel Vorgabe steckt in scheinbar harmlosen Angeboten? Und wo beginnt die Gewohnheit, Kinder eher zu beschäftigen als ihnen wirklich zu begegnen? Genau an dieser Stelle berührt das Thema auch beziehungsorientierte Perspektiven auf Familie und Lernen, wie ihr sie zum Beispiel in unserem Grundlagenbeitrag über Attachment Parenting und beziehungsorientierte Elternschaft findet.

BuNtgEkLecKstE Grüße
Evelin

Häufige Fragen zu Ausmalbildern und freiem Malen

Sind Ausmalbilder grundsätzlich schlecht?

Nein. Sie sind nicht automatisch schlecht. Sie werden für mich erst dann problematisch, wenn sie freies Malen verdrängen oder still die Botschaft mitsenden, dass das Vorgegebene wichtiger ist als der eigene Blick des Kindes.

Ab welchem Alter sind Malvorlagen problematisch?

Das lässt sich nicht sauber an einem Alter festmachen. Entscheidend ist eher, wie oft Vorlagen auftauchen, wie eng sie mit Erwartungen verknüpft sind und ob Kinder daneben genug Raum für eigenes Gestalten haben.

Was ist mit Mandala-Ausmalbildern?

Mandalas können beruhigend wirken. Das spricht ihnen niemand ab. Nur erfüllen sie eben eine andere Funktion als freies Malen. Beruhigung ist nicht dasselbe wie Bildsprache, Erfindung und Ausdruck.

Wie könnt ihr freies Malen im Alltag fördern?

Am schlichtesten: Papier hinlegen, Stifte zugänglich machen, nicht zu früh eingreifen, nicht dauernd bewerten. Kinder brauchen dafür oft weniger Anleitung, als Erwachsene denken.

Was könnt ihr im Kindergarten oder in der Schule sagen?

Ein ruhiger Satz reicht oft: „Uns ist wichtig, dass unser Kind häufiger frei malen kann.“ Das ist konkreter und hilfreicher als eine Grundsatzdebatte über richtig und falsch.

Solltet ihr Bilder eurer Kinder dann gar nicht loben?

Mir geht es nicht um ein starres Lobverbot. Mir geht es darum, dass Kinderzeichnungen nicht dauernd benotet oder nach Schönheitsmaßstäben abgeklopft werden. Anteilnahme, Freude und echtes Hinschauen tragen weiter als reflexhaftes „Wie schön“.

Buchtipp: kindliche Bildsprache besser verstehen

Wenn ihr tiefer einsteigen wollt, ist dieses Buch ein guter Start. Es erklärt kindliche Bildsprache verständlich und bleibt nah an der Praxis.

Warum es hier passt: Der Gedanke hinter diesem Beitrag ist nicht, Kindern etwas wegzunehmen, sondern ihren eigenen Ausdruck ernster zu nehmen. Genau dafür liefert das Buch einen hilfreichen Unterbau.

„Wenn man mit Kindern malen will, wenn man ihre Fähigkeit, sich in Bildern auszudrücken und ihre Freude am Malen, angemessen fördern möchte, muss man als Voraussetzung ihre Bildsprache verstehen. Knut Philipps versucht mit diesem Buch, Eltern und Erzieher/innen die Bildsprache des Kindes und ihre Eigengesetzlichkeiten zu erschließen. Kurz und bündig, übersichtlich und verständlich ist hier zusammengestellt, was Eltern und Erzieher/innen als Grundlage über das Malen mit Kindern wissen sollten. Mit über 180 meist farbigen Abbildungen wird der begleitende Text anschaulich gemacht. Ein Augenschmaus für jeden, der Freude daran hat, wie Kinder sich mit der erlebten Welt in eigenen Bildzeichen auseinandersetzen. Streng geht der Verfasser mit Klischees, Schablonen und einseitigen Bastelangeboten ins Gericht.“ – Klappentext

Warum das Huhn vier Beine hat: Das Geheimnis der kindlichen Bildsprache*

Falls ihr Bücher lieber nicht bei Amazon bestellt, findet ihr passende Titel auch bei buch7 oder bei Thalia für Familien.

Weiterlesen auf FreeYourFamily

Wer nach dem Lesen nicht bei der Malmappe stehenbleiben möchte, sondern den größeren Zusammenhang sehen will, findet hier passende Anschlussstücke:

CC BY-SA 4.0 Ausmalbilder für Kinder: Warum freies Malen oft mehr kann von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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