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Zuletzt aktualisiert: 14.01.2020
Inhaltlich überarbeitet: 05.08.2026

Ihr lest hier einen persönlichen Erfahrungsbericht über die Hausgeburt unseres ersten Kindes aus meiner damaligen Perspektive als Vater. Er beschreibt diesen einen Geburtsverlauf. Für medizinische Entscheidungen braucht ihr eine individuelle Einschätzung durch eure Hebamme oder eure Ärztin beziehungsweise euren Arzt.
Wie würde es wohl sein, Vater zu werden und die Mutter des eigenen Kindes bei der Geburt zu begleiten? Genau das schildere ich in diesem Geburtsbericht.
Warum wir uns eine Hausgeburt wünschten
Schon bevor ich Evelin kannte, dachte ich darüber nach, wie ich die Geburt eines eigenen Kindes einmal erleben wollte. Als Evelin schwanger war, wünschten wir uns eine ruhige und selbstbestimmte Geburt zu Hause. Wir lasen viel über Hausgeburten, nahmen im Geburtshaus Erfurt an einem Geburtsvorbereitungskurs für Paare teil und lernten dort die Hebammen kennen. Sie sollten uns während der Schwangerschaft und bei der Hausgeburt begleiten. Wir wussten zugleich, dass wir bei medizinischen Problemen in eine Klinik wechseln würden.
Der Abend davor
Am Abend waren wir im Kino und naschten Salzstangen. Ich ahnte noch nicht, dass das große Ereignis, das schon seit einiger Zeit seine Schatten vorauswarf, schon bald unser Leben auf den Kopf stellen würde. Die Nacht war ruhig und friedlich.
Am nächsten Morgen, einem Dienstag, hatte ich frei. Nach einem entspannten Frühstück beschlossen wir, den Schlitten zu schnappen und im Wald rodeln zu gehen. Dann wurde Evelin müde und verkrümelte sich ins Bett.
Verliebt, wie ich war, ließ ich sie nicht schlafen. Es wurde innig. Der Rodelausflug war damit gestrichen.
Ahhhhhaaaauuuuuuiiiiiiiiioooohhh
Gegen elf Uhr setzten Evelins Wehen ein. Sie fühlten sich deutlich anders an als die Übungswehen gegen Ende der Schwangerschaft. Evelin kniete grinsend im Bett und rief mit einem Mal: „Ahhhhhaaaauuuuuuiiiiiiiiioooohhh“
Ich tastete nach ihrem Muttermund und merkte, dass er leicht geöffnet war. Weil die Wehen regelmäßig kamen, rief ich unsere Hebamme Katja an, die für uns Rufbereitschaft hatte. Sie kündigte an, in etwa einer halben Stunde bei uns zu sein.
Evelin glaubte noch immer, dass unser Kind an diesem Tag nicht zur Welt kommen würde. Ich war überzeugt: Heute war es so weit. Die Wehen waren heftig und schmerzhaft, Evelin war kurz vorm Weinen. Ich stützte sie, und wir gingen gemeinsam ins Wohnzimmer.
Dann sollte ich ihr schnell einen Eimer bringen. Bis zu diesem Moment wusste ich nicht einmal, ob wir in unserer neuen Wohnung überhaupt einen hatten. Gerade noch rechtzeitig fand ich ihn, und Evelin wurde ihr Frühstück wieder los. „Im Vergleich zu den Wehen ist das gerade das schönste Gefühl auf der ganzen Welt“, sagte sie.
Die Hebamme und mein Spickzettel
Als Katja pünktlich eintraf, kniete Evelin vor unserem Sofa. Die Wehen kamen alle drei bis vier Minuten. Mitzuatmen fiel Evelin schwer. Katja gab ihr eine kurze Atemanleitung. Gleich ging es besser.
In meinem Kopf ging ich die Ratschläge aus dem Geburtsvorbereitungskurs durch. Dafür hatte ich mir im Bad einen „Spickzettel“ aufgehängt. So konnte ich meine motivierenden Sätze einbringen. Evelin nannte das später liebevoll „abarbeiten“. Wie sie mir erzählte, bemerkte sie mein Spicken sehr wohl und grinste innerlich über mein regelmäßiges „Du machst das sehr gut, jaaa!“
Vier Zentimeter, dann acht
Um 13.30 Uhr untersuchte Katja Evelin. Das Köpfchen unseres Babys befand sich noch über dem Becken, der Muttermund war vier Zentimeter geöffnet.
Zwanzig Minuten später musste Evelin zur Toilette. Dort hatte sie allerdings keinen Spickzettel. Die Wehen kamen nun alle drei Minuten, und Evelin musste sich noch einmal übergeben.
Bei der nächsten Untersuchung um 14.16 Uhr machte sie große Augen: Der Muttermund war bereits acht Zentimeter geöffnet.
„Gleich kommt es!“
Meine Liebste kniete bald wieder vor mir am Sofa. Ich massierte ihr Kreuzbein, während alle zwei bis drei Minuten starke Wehen kamen. Evelin tat mir leid, und ich fühlte mich manchmal überfordert und hilflos, weil ich ihr diese Schmerzen nicht abnehmen konnte. Gleichzeitig grinste ich die ganze Zeit. Bei jeder weiteren Wehe dachte ich, dass unser Baby gleich geboren würde.
Vor Aufregung musste ich wieder zur Toilette – allerdings erst, nachdem ich meinen Spickzettel noch einmal studiert hatte.
Die Fruchtblase hält stand
Gegen 15 Uhr kam die zweite Hebamme bei uns an. Kurz darauf untersuchte Katja Evelin erneut. Der Kopf unseres Babys befand sich nun auf Höhe des Beckens. Am Muttermund war vorn noch ein kleiner Saum zu spüren, und die Fruchtblase wölbte sich bei jeder Wehe stark nach außen. Katja versuchte, die Fruchtblase zu öffnen, um den starken Druck der Wehen zu mindern. Das gelang ihr nicht.
Um 15.24 Uhr legte sich Evelin auf die Seite und „verhechelte“ ihre Wehen. „Du machst das seeehr gut“, sprach ich ihr immer wieder zu. Sie setzte kurz ihren strengen Lehrerinnenblick auf. Ich ließ mir jedoch nicht anmerken, dass ich diesen genialen Satz von meinem Spickzettel hatte.
Eine halbe Stunde später sprang die Fruchtblase während der vaginalen Untersuchung durch die Hebamme. Mäßig klares Fruchtwasser floss ab. Evelin wechselte nun öfter zwischen Stehen, Laufen und Kniestand.
Um 16 Uhr sank sie erneut auf die Knie und hielt sich an meinen Beinen fest. Die folgenden Wehen waren so kräftig, dass sie sich mit aller Kraft in meine Oberschenkel krallte. Ich gebe zu: Ich zuckte kurz zusammen und verzog das Gesicht.
Um 16.05 Uhr erklärten die Hebammen, dass das Köpfchen unseres Babys nun ins Becken eintrat. Der Saum am Muttermund war verschwunden, und während der Wehen war das Köpfchen in der Tiefe bereits zu sehen.
Wie, sie kann nicht mehr?
Um 16.30 Uhr sagte Evelin, dass sie nicht mehr könne. Ich sah die Hebammen lächeln und nahm ihr diesen Satz deshalb nicht ganz ab. Die beiden schlugen ihr vor, selbst einmal zu fühlen. Evelin ertastete das Köpfchen und lachte und wimmerte plötzlich vor Glück.
Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Ich ließ mich von Evelin anstecken und begann vor Freude zu weinen. Ich wusste: „Bald ist es geschafft!“
Mit den nächsten starken Wehen brachte Evelin um 16.40 Uhr im Vierfüßlerstand unser erstes gemeinsames Kind in 1. vorderer Hinterhauptslage („I. vo. HHL“) zur Welt.
„Hey, mein kleiner Schatz! Wir haben es geschafft.“
Vor uns lag ein kleines Mädchen. Sie gab niedliche Geräusche von sich und machte ihre ersten Bewegungen in einer für sie neuen Welt. Wir waren überglücklich. Die Strapazen waren vorbei, und unsere Tochter war da.
Evelin sagte zu unserem Baby: „Hey, mein kleiner Schatz! Wir haben es geschafft.“ Dann zog sie in Windeseile ihr T-Shirt aus und nahm die Kleine in ihre Arme.
Bemerkenswert: Unsere Tochter roch nach Salzstangen.
Nabelschnur und Plazenta zur Kaffeezeit
Wir warteten, bis die Nabelschnur auspulsiert hatte. Dann reichte Katja mir die Schere, und ich durchtrennte die Nabelschnur unter ihrer Anleitung.
Gegen fünf Uhr nachmittags saß Evelin auf dem Gebärhocker und hielt unsere Tochter im Arm, als sie die Plazenta gebar. Damals hielt ich das für schmerzlos, weil Evelin nicht mehr schrie. Mehr konnte ich von außen wohl auch nicht beurteilen.
Danach legte sie sich aufs Sofa, kuschelte mit dem Baby auf ihrer Brust und stillte es. Evelin hatte mir schon vor der Schwangerschaft während ihres Studiums den Begriff „Bonding“ für diesen frühen Hautkontakt erklärt.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt heute, frühen und ununterbrochenen Hautkontakt zwischen Mutter und Kind möglichst bald nach der Geburt zu ermöglichen.[3]
Das große Glück
Um 18.45 Uhr untersuchte Katja unsere Tochter in meinem Beisein. Im ursprünglichen Bericht bezeichnete ich diese Untersuchung als U1. Die folgenden Zahlen kann ich bis heute im Schlaf aufsagen: Unsere Tochter wog 3.040 Gramm, war 52 Zentimeter lang und hatte einen Kopfumfang von 33,5 Zentimetern.
Katja zählte die Finger und Fußzehen unseres rosigen und vitalen Neugeborenen und sagte, alles sei in Ordnung. Im ursprünglichen Bericht hielt ich außerdem fest, dass unsere Tochter zwei Tropfen Kanavit (Vitamin K) bekam.
Medizinische Einordnung: Die Kinder-Richtlinie in der seit 1. Januar 2026 wirksamen Fassung sieht die U1 innerhalb der ersten 30 Minuten nach der Geburt vor. Ob im ursprünglichen Bericht die Uhrzeit oder die Bezeichnung der Untersuchung stimmt, lässt sich rückblickend nicht klären.[1] Das aktuelle Kinderuntersuchungsheft des Gemeinsamen Bundesausschusses enthält bei der U1 das Feld „Dosis: 2 mg oral“ sowie ein Feld für eine abweichende Dosis. Die Angabe „zwei Tropfen Kanavit“ dokumentiert ausschließlich unsere damalige Erfahrung.[2]
Anschließend legten wir zwei uns ins Bett – halt: Gemeint waren Evelin und ich, nicht die Hebamme und ich. Unser Baby lag bei uns. Ein Wahnsinnsgefühl!
Von nun an fühlte ich: Wir waren eine Familie. Um 20.15 Uhr verabschiedete sich Katja, weil Mutter und Kind wohlauf waren. Sie war weiterhin telefonisch für uns erreichbar und wollte am nächsten Tag zur Wochenbettbetreuung wiederkommen.
Was mir von diesem Tag geblieben ist
Wenn ich heute zurückdenke, erinnere ich mich an meine Hilflosigkeit – und daran, dass ich trotzdem etwas tun konnte. Ich stützte Evelin, massierte ihr Kreuzbein und blieb bei ihr. Sogar der Spickzettel erfüllte seinen Zweck.
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Quellen zur medizinischen Einordnung
Die Quellen ordnen einzelne medizinische Begriffe nach dem Stand vom 5. August 2026 ein. Der Geburtsbericht selbst schildert unsere persönliche Erfahrung aus dem Jahr 2012.
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Richtlinie über die Früherkennung von Krankheiten bei Kindern, zuletzt geändert am 15. Mai 2025, in Kraft seit 1. Januar 2026, § 3 U1, PDF-Seiten 8–10. ↩
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Kinderuntersuchungsheft, Fassung vom 15. Mai 2025, Abschnitt U1, PDF-Seiten 6–8. ↩
- World Health Organization: Early initiation of breastfeeding to promote exclusive breastfeeding, 9. August 2023, Abschnitt „WHO Recommendations“. ↩
Geburtsbericht: Hausgeburt aus Sicht eines Vaters von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
Was für ein schöner Bericht. Erinnert mich sehr an unsere Hausgeburt. Toll geschrieben
Vielen Dank! 🙂
Wirklich sehr schön geschrieben. War sehr berührend und hab kurz nasse Augen bekommen. 😀
Kann diesen Standpunkt nur absolut befürworten. Ich freue mich schon auf meine Lotusgeburt im Geburtshaus. 🙂
Liebe Grüße
Dein Lob ehrt uns. Wir freuen uns über Deine Entscheidung und wünschen Dir bis dahin eine schöne Schwangerschaft. Auf die Lotusgeburt werden wir auf jeden Fall noch eingehen. 🙂
Danke für den schönen Bericht&für das Aufschreiben aus Vatersicht <3
Solche Berichte sind selten und dabei doch soooo wichtig! Hoffentlich kannst du viele Väter inspirieren, "ihre" Geburt auch aufzuschreiben…
Danke für Dein Feedback, Franzi! 🙂 Um viele Väter zu inspirieren hoffe ich, dass der Geburtsbericht geteilt wird und große Kreise zieht. Gerade bei der noch immer zugespitzten Lage für unsere Hausgeburtshebammen ist das Thema sehr bedeutend. 🙂