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Hausgeburt aus Sicht eines Vaters – ein Bericht

Titelbild Geburtsbericht Noch bevor ich Evelin kannte, dachte ich über die Natürlichkeit von Schwangerschaft und Geburt nach, weil ich hoffte, selbst einmal Papa zu werden. Vieles, was ich in Bezug auf diese Thematik mitbekommen habe, kam mir einfach falsch vor. Ich stellte mir Fragen wie:

Warum sollte man zur Geburt in ein Krankenhaus gehen, wo doch niemand krank ist? Der Begriff “Krankenhaus” trifft heute auf die meisten dieser Einrichtungen tatsächlich zu. Eigentlich sollten Krankenhäuser “Heilanstalten” sein. Bei der sterilen und unpersönlichen Atmosphäre in den Klinikräumen wundert es mich ehrlich gesagt nicht, wenn die Gebärenden sich z.B. nicht ausreichend entspannen können, die Wehentätigkeit aufhört oder es zu Komplikationen im Geburtsverlauf kommt. Zudem sind die ersten Eindrücke, welche die kleinen Babys dort wahrnehmen, das Piepen von Apparaten und fremde Stimmen, die nicht zur Familie gehören.

Wieso wird seitens der Ärzteschaft so massiv in einen von Grund auf richtigen Vorgang eingegriffen? Da werden wehenauslösende, wehenhemmende, schmerznehmende Arzneien verabreicht, die Babys mit Saugglocken, Zangen oder gar per Kaiserschnitt “geholt” – auch in Fällen, wo nichts einer natürlichen Geburt entgegensteht. Die Neugeborenen werden sofort nach der Geburt abgenabelt und der Mama wegen der Erstuntersuchung entrissen. Danach zieht man die Babys an, wickelt sie und steckt sie in kleine transparente Behältnisse am Fußende des Krankenbettes der Mutter. Und immer wieder kommen fremde Menschen vorbei, die die Neugeborenen anfassen, untersuchen und dazu der mütterlichen Obhut entreißen.

All dies wünsche ich mir für meine Kinder und ihre Mama keinesfalls. Wenn sich natürlich im Vorfeld oder auch während einer Geburt herausstellen sollte, daß etwas nicht stimmt, kann die Verlegung ins Krankenhaus lebensrettend für Mutter und Kind sein. So viel “Sicherheit” die Geburt in der Klinik aber auch suggerieren mag: Ich denke, all dies ist im Normalfall unnötig oder für die gesunde Entwicklung des Kindes nicht förderlich. Ich bin sehr froh darüber, mit Evelin eine Frau kennengelernt zu haben, mit der ich bei dieser Thematik auf einer Wellenlänge liege. Ich habe absolutes Vertrauen in die Natur und den weiblichen Körper, wenn es um die Geburt geht.

Die Zeit davor

Anno 2012: Ich wünschte mir für mein Baby eine sanfte, selbstbestimmte und natürliche Geburt zu Hause, im Schutze der Familie, in entspannter Atmosphäre, ohne Stress und unnötige Eingriffe in des Geburtsgeschehen. Wir recherchierten im Vorfeld sehr viel zum Thema “Hausgeburt” (an dieser Stelle möchte ich Dir die Bücher “Die selbstbestimmte Geburt” von Ina May Gaskin und “Geborgene Babys” von Julia Dibbern empfehlen) und knüpften Kontakte zu den Hebammen des Erfurter Geburtshauses, wo wir einen Geburtsvorbereitungskurs für Paare besuchten. Schnell war für uns klar, dass die Hebammen des Geburtshauses die Schwangerschaft und die Hausgeburt begleiten sollten.

Die Geburt rückt näher

Als wir am Abend im Kino waren und Salzstangen naschten, ahnte ich noch nicht, dass das große Ereignis, welches bereits seit einiger Zeit seine Schatten voraus warf, schon in Kürze mein Leben – und natürlich auch das meiner Frau – auf den Kopf stellen sollte. Die Nacht war ruhig und friedlich.

Am Morgen des nächsten Tages – es war Dienstag und ich hatte frei – beschlossen wir, den Schlitten zu schnappen und gemeinsam in den Wald zu fahren, um dort rodeln zu gehen. Nach einem entspannten Frühstück wurde Evein müde und verkrümelte sich im Bett. Verliebt, wie ich war, ließ ich sie nicht schlafen. Das hierbei entstandene Wehenhormon Oxytocin und die Prostaglandine (Gewebshormone, die den Muttermund und die Gebärmutter weich machen) leisteten ganze Arbeit. Der Rodelausflug war gestrichen.

Ahhhhhaaaauuuuuuiiiiiiiiioooohhh

Gegen elf Uhr setzten Evelins Wehen ein. Sie hatten ganz offensichtlich eine andere Qualität als die Übungswehen, die gegen Ende der Schwangerschaft immer wieder einmal auftraten: Grinsend kniete Evelin, mit einem Mal ein “Ahhhhhaaaauuuuuuiiiiiiiiioooohhh”-Laut ausrufend, im Bett. Ich fühlte nach ihrem Muttermund und merkte, dass er schon leicht geöffnet war. Da auch eine gewisse Regelmäßigkeit zwischen den Wehen war, beschloss ich, unsere Hebamme Katja anzurufen, die für uns gerade Rufbereitschaft hatte.

Sie kündigte ihr Kommen in ca. einer halben Stunde an. Evelin sagte zwar, dass sie nicht glaubt, dass unser Kind jetzt schon auf die Welt kommt, aber ich war überzeugt: Heute ist es soweit! Evelins Geburtswehen waren heftig und sehr schmerzhaft und sie war kurz vorm Weinen. Ich stützte Evelin und wir gingen gemeinsam ins Wohnzimmer.

Flink sollte ich ihr einen Eimer bringen. Ich wusste bis zur Stunde gar nicht, ob wir in unserer neuen Wohnung überhaupt einen Eimer hatten. Gerade noch rechtzeitig fand ich ihn und Evelin wurde ihr Frühstück wieder los. “Im Vergleich zu den Wehen ist das gerade das schönste Gefühl auf der ganzen Welt.” teilte sie mir mit.

Die Hebamme kommt

Als Katja pünktlich eintraf, kniete Evelin vor unserem Sofa und bekam ihre Wehen alle drei bis vier Minuten. Sie hatte etwas Schwierigkeiten, gut mitzuatmen. Doch nachdem Katja ihr eine kurze Atemanleitung gegeben hatte, wurde es besser. In meinem Kopf ging ich die beim Geburtsvorbereitungskurs gegebenen Ratschläge durch. Hierfür habe ich mir extra einen “Spickzettel” im Badezimmer aufgehangen. So konnte ich meine motivierenden Sätze einbringen – Evelin sagt heute liebevoll “abarbeiten”, denn sie erkannte mein Spicken sehr wohl und grinste innerlich über mein regelmäßiges “Du machst das sehr gut, jaaa!”

Um 13.30 Uhr wurde Evelin von Katja untersucht. Das Köpfchen des Babys befand sich zu diesem Zeitpunkt noch über dem Becken und der Muttermund war bereits vier Zentimeter geöffnet. Zwanzig Minuten später musste Evelin auf Toilette. Wie ich anschließend feststellte, hatte sie keinen Spickzettel.

Die Wehen kamen nun alle drei Minuten und Evelin musste sich noch mal übergeben. Zur nächsten Untersuchung um 14.16 Uhr machte sie staunend große Augen, als die Hebamme mitteilte, der Muttermund wäre schon 8 cm offen.

“Gleich kommt es!”

Meine Liebste kniete bald wieder vor mir auf am Sofa. Ich massierte ihr Kreuzbein, während sie alle zwei bis drei Minuten von starken Wehen erschüttert wurde. Evelin tat mir so leid mit ihren Schmerzen und ich fühlte mich manchmal auch überfordert und hilflos. Ansererseits grinste ich die ganze Zeit und bei jeder weiterer Wehe dachte ich, dass das Baby gleich geboren wäre. Vor Aufregung musste ich dann aufs Klo, allerdings nicht ohne mir meinen “Spickzettel” noch einmal durchzulesen.

Etwa gegen 15 Uhr kam die zweite Hebamme bei uns an. Als Katja kurz darauf noch einmal eine Untersuchung bei Evelin vornahm, stellte sie fest, dass der Kopf des Babys sich bereits auf Beckenhöhe befand, am Muttermund vorn ein kleiner Saum zu spüren war und die Fruchtblase sich in der Wehe mit starkem Druck nach außen wölbte. Die Hebamme versuchte, die Fruchtblase zu öffnen, um den starken Druck der Wehen zu mindern, doch das war nicht möglich.

Um 15.24 Uhr legte sich Evelin auf die Seite und “verhechelte” ihre Wehen. “Du machst das seeehr gut.”, sprach ich ihr immer wieder zu. Sie setzte kurz einen strengen Lehrerinnenblick auf, aber ich ließ mir nicht anmerken, dass ich diesen genialen Satz von meinem Spickzettel hatte.

Eine halbe Stunde später kam es zum Blasensprung während der vaginalen Untersuchung durch die Hebamme und zum Abgang von mäßig klarem Fruchtwasser. Evelin wechselte nun öfter zwischen Stehen, Laufen und Kniestand. Um 16 Uhr kam sie erneut in den Kniestand und hielt sich an meinen Beinen fest. Die folgenden Wehen waren so kräftig, dass sie sich mit all ihrer Kraft in meine Oberschenkel krallte. Ich gebe zu: ich zuckte kurz auf und verzog mein Gesicht dabei.

Unsere Hebammen erklären um 16.05 Uhr, dass das Köpfchen unseres Babys ins Becken seiner Mama eintritt, der Saum am Muttermund nun verschwunden und während den Wehen das kleine Köpfchen in der Tiefe sichtbar wäre.

Wie, sie kann nicht mehr?

16.30 Uhr jammerte Evelin, dass sie nicht mehr kann. Ich sah die Hebammen lächeln und glaubte meiner Liebsten deshalb nicht. Sie solle doch mal fühlen, sagten die beiden. Evelin tat, wie ihr geheißen und plötzlich lachte und wimmerte sie vor Glück. Das Köpfchen war ertastbar. Dieser Anblick – ich werde ihn nie vergessen. Ich ließ mich von ihr anstecken und fing an, vor Freude zu weinen. Ich wusste: “Bald ist es geschafft!” Mit den nächsten starken Wehen gebar Evelin im Vierfüßlerstand um 16.40 Uhr unser gemeinsames Kind in 1. vorderer Hinterhauptslage (I. vo. HHL) – also ganz normal.

“Hey, mein kleiner Schatz! Wir haben es geschafft.”

Das kleine Mädchen lag nun vor uns, gab niedliche Geräusche von sich und machte ihre ersten Bewegungen in einer für sie neuen Welt. Wir waren überglücklich, dass dieser neue, kleine Erdenbürger nun endlich unter uns weilt und die Strapazen nun endlich vorbei waren. Evelin sprach zu unserem Baby: “Hey, mein kleiner Schatz! Wir haben es geschafft.”, zog in Windeseile ihr T-Shirt aus und nahm sie hoch in ihre Arme. Bemerkenswert: Unsere Tochter roch nach Salzstangen.

Nach dem Auspulsieren durchtrennte ich unter Hebammenanleitung die Nabelschnur. Heute bereue ich dieses frühzeitige Abnabeln, denn während der Schwangerschaft mit unserer zweiten Tochter sind wir auf die “Lotusgeburt” gestoßen. Hierauf gehen wir an anderer Stelle noch ein.

Evelin hielt unser kleines Kind noch immer in ihren Armen, als sie nachmittags gegen fünf Uhr auf dem Gebärhocker die Plazenta gebar. Das geschah anscheinend schmerzlos, denn sie schrie nicht mehr. Danach legte sich Evelin aufs Sofa und kuschelte mit dem Baby auf ihrer Brust. “Bonding” – diesen Begriff erklärte mir Evelin schon irgendwann mal vor der Schwangerschaft während ihres Studiums – und Stillen folgten nun.

Um 18.45 Uhr führte unsere Hebamme die U1-Untersuchung in meinem Beisein durch. Folgende Zahlen kann ich bis heute im Schlaf aufsagen: Unser Baby wog 3040 Gramm, maß 52 Zentimeter und hatte einen Kopfumfang von 33,5 Zentimetern. Katja zählte die Finger und Fußzehen unseres rosigen und vitalen Neugeborenen und sagte, es ist alles super. Das Baby bekam zwei Tropfen Kanavit (Vitamin K) von ihr.

Anschließend legten wir zwei (halt: ich meine nicht unsere Hebamme und mich, sondern Evelin und mich) uns ins Bett – mit unserem Baby. Wahnsinnsgefühl!

Von nun an waren wir eine richtige Familie! Um 20.15 Uhr verabschiedete sich Katja von uns, da Mutter und Kind wohlauf waren. Sie sagte uns, sie wäre für uns weiterhin telefonisch erreichbar und käme morgen zur Wochenbettbetreuung wieder.

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