Zuletzt aktualisiert: 14.01.2020

Geburtsbericht aus Vatersicht - Hausgeburt

Wir wünschten uns für unser erstes Kind eine Hausgeburt. Wie wird es wohl sein, Vater zu werden und die Mama bei der Geburt unseres Babys zu begleiten? Genau das schildere ich in diesem Geburtsbericht.

Der Abend zuvor

Am Abend gehe ich mit Evelin ins Kino. Wir naschen Salzstangen und gruseln uns beim zweiten Teil von Silent Hill.

Ich ahne noch nicht, dass das Ereignis, das schon seit einiger Zeit seine Schatten voraus wirft, so schnell unser Leben auf den Kopf stellen sollte.

Die Nacht ist still und friedlich.

Einleitung der Geburt

Am nächsten Morgen: Es ist ein Dienstag und ich habe frei. Also beschließen wir, uns den Schlitten zu schnappen und in den Wald zu fahren, um rodeln zu gehen. Nach einem entspannten Frühstück wird Evelin plötzlich müde und verkrümelt sich im Bett.

Verliebt, wie ich bin, lasse ich sie nicht schlafen … Ein Feuerwerk aus Glückshormonen durchströmt unsere Körper. Auch die Prostaglandine leisten ganze Arbeit.

Ja, damit ist der Rodelausflug wohl gestrichen.

Ahaaauuuiiioooh!

Gegen elf Uhr setzen Evelins Wehen ein. Wie pünktlich! Es sind noch zwei Tage bis zum errechneten Entbindungstermin. Die Wehen sind viel stärker als die „Übungswehen“ der Tagen und Wochen zuvor.

Evelin kniet grinsend im Bett. Mit einem Mal ruft sie: „Ahaaauuuiiioooh“ … und vergisst dabei das „e“.

Ich soll nach ihrem Muttermund tasten. Er ist leicht geöffnet.

Die Wehen kommen jetzt regelmäßig. Also rufe ich Katja an. Sie ist Hebamme im Geburtshaus Erfurt und für uns in Rufbereitschaft. Ich erwische sie gerade in einem Kurs zur Rückbildung. Der ist damit wohl beendet. In einer halben Stunde will sie bei uns sein.

Die Eröffnungswehen

Evelin sagt zu mir: „Ich glaube ja nicht, dass unser Kind jetzt schon auf die Welt kommt.” Aber ich bin überzeugt: Heute ist es soweit! Evelins Eröffnungswehen sind heftig und schmerzhaft. Sie ist kurz vorm Weinen. Ich stütze Evelin und wir gehen gemeinsam ins Wohnzimmer.

„Schnell, einen Eimer!“, ruft sie. Ich wusste bis zur Stunde gar nicht, ob wir in unserer neuen Wohnung überhaupt einen Eimer hatten. Gerade noch rechtzeitig finde ich ihn und Evelin wird ihr Frühstück wieder los. „Im Vergleich zu den Wehen ist das gerade das schönste Gefühl auf der ganzen Welt“, sagt sie.

Die Hebamme ist da

Katja klingelt pünktlich an der Tür. Ich bitte sie herein.

Evelin kniet vor unserem Sofa und bekommt ihre Wehen alle drei bis vier Minuten. Es fällt ihr schwer, gut mitzuatmen. Katja leitet sie kurz an, womit es gleich besser wird.

Mein Spickzettel

In meinem Kopf gehe ich die Ratschläge aus dem Geburtsvorbereitungskurs durch. Weil mir nicht alles einfällt, gehe ich ins Bad. Denn dort habe ich mir extra einen „Spickzettel“ aufgehängt. So kann ich meine motivierenden Sätze einbringen.

Evelin wird das später liebevoll „abarbeiten“ nennen. Sie bekommt mein Spicken sehr wohl mit und grinst innerlich über mein wiederholtes „Du machst das sehr gut, jaaa!“

Mutter und Kind leisten ganze Arbeit

Um 13.30 Uhr wird Evelin von Katja untersucht. Das Köpfchen des Babys steht zu diesem Zeitpunkt noch über dem Becken und der Muttermund ist vier Zentimeter geöffnet.

Zwanzig Minuten später muss Evelin aufs Klo. Doch sie hat dort keinen Spickzettel. Die Wehen kommen nun alle drei Minuten und Evelin muss sich noch einmal übergeben.

Bei der nächsten Untersuchung um 14.16 Uhr macht sie staunend große Augen. Denn die Hebamme teilt ihr mit: „Dein Muttermund ist schon acht Zentimeter weit geöffnet.“

Gleich kommt es!

Meine Liebste kniet wieder vor mir am Sofa.

Während sie alle zwei bis drei Minuten von starken Wehen erschüttert wird, massiere ich ihr Kreuzbein. Evelin tut mir so leid mit ihren Schmerzen und ich fühle mich überfordert und hilflos, weil ich ihr nicht besser helfen kann. Andererseits grinse ich die ganze Zeit, da ich bei jeder weiteren Wehe denke, dass das Baby gleich geboren wäre.

Vor Aufregung muss ich wieder aufs Klo. Allerdings nicht, ohne meinen „Spickzettel“ noch mal zu studieren.

Widerspenstige Fruchtblase

Gegen 15 Uhr kam die zweite Hebamme bei uns an.

Kurz darauf untersucht Katja Evelin erneut: Der Kopf des Babys befindet sich jetzt auf Höhe des Beckens. Am Muttermund ist ein kleiner Saum zu spüren. Die Fruchtblase wölbt sich bei jeder Wehe stark nach außen. Die Hebamme versucht, die Fruchtblase zu öffnen, um den gewaltigen Druck der Wehen zu mindern. Doch das ist nicht möglich.

Um 15.24 Uhr legt sich Evelin auf die Seite und „verhechelt“ ihre Wehen. „Du machst das seeehr gut“, spreche ich ihr immer wieder zu. Sie setzt kurz ihren strengen Lehrerinnen-Blick auf. Ich aber lasse mir nicht anmerken, dass ich diesen genialen Satz von meinem Spickzettel habe.

Blasensprung und Gewalt

Eine halbe Stunde später kommt es bei der vaginalen Untersuchung durch die Hebamme zum Blasensprung. Mäßig klares Fruchtwasser fließt ab. Ich sitze auf dem Sofa. Und Evelin wechselt nun öfter zwischen Stehen, Laufen und Kniestand.

Um 16 Uhr sinkt sie erneut auf die Knie und hält sich an meinen Beinen fest. Die folgenden Wehen sind so kräftig, dass sie sich mit all ihrer Kraft in meine Oberschenkel krallt. Ich gebe zu: Ich zucke kurz auf und verziehe mein Gesicht dabei.

Unsere Hebammen erklären um 16.05 Uhr: „Das Köpfchen des Babys tritt nun ins Becken seiner Mama ein. Der Saum am Muttermund ist verschwunden. Und bei den Wehen ist das kleine Köpfchen in der Tiefe schon zu sehen.“

Wie, sie kann nicht mehr?

16.30 Uhr jammert Evelin, dass sie nicht mehr kann. Ich sehe die Hebammen lächeln. Deshalb glaube ich meiner Liebsten nicht. „Fühl doch mal!“, sagen die beiden. Evelin tut, wie ihr geheißen und plötzlich lacht und wimmert sie vor Glück. Das Köpfchen war ertastbar. Dieser Anblick – ich werde ihn nie vergessen. Ich lasse mich von ihr anstecken und fange an, vor Freude zu weinen. Denn ich weiß: „Bald ist es geschafft!“

Mit den nächsten starken Wehen höre ich meine Freundin zum ersten Mal so richtig laut brüllen. Im Vierfüßlerstand um 16.40 Uhr bringt sie unser erstes gemeinsames Kind in 1. vorderer Hinterhauptslage („I. vo. HHL“) zur Welt – also ganz normal.

„Hey, mein kleiner Schatz! Wir haben es geschafft.“

Das kleine Mädchen liegt vor uns. Sie gibt niedliche Geräusche von sich und macht ihre ersten Bewegungen in einer für sie neuen Welt. Wir sind überglücklich, dass dieser kleine Erdenbürger nun endlich unter uns weilt und die Strapazen vorbei sind.

Evelin spricht zu unserem Baby: „Hey, mein kleiner Schatz! Wir haben es geschafft.“ Sie zieht in Windeseile ihr T-Shirt aus und nimmt das kleine Bündel in ihre Arme. Bemerkenswert: Unsere Tochter verströmt den leichten Duft von Salzstangen.

Nabelschnur und Mutterkuchen zur Kaffeezeit

Wir lassen die Nabelschnur auspulsieren. Dann nehme ich die Schere, die Katja mir reicht, und kappe unter ihrer Anleitung die Verbindung zwischen meiner Tochter und der Plazenta.

Etwas später …

Evelin sitzt auf dem Gebärhocker und hält unser Kleines in ihrem Arm, als sie gegen fünf Uhr nachmittags die Plazenta gebiert. Das ist anscheinend schmerzlos, denn sie schreit nicht mehr.

Danach legt sich Evelin aufs Sofa und kuschelt mit dem Baby auf ihrer Brust und stillt es. „Bonding“ nennt man das. Evelin erklärte mir den Begriff irgendwann mal vor der Schwangerschaft während ihres Studiums.

Das große Glück

Um 18.45 Uhr führt unsere Hebamme die U1 in meinem Beisein durch. Die folgenden Zahlen kann ich bis heute im Schlaf aufsagen: „ Das Baby wiegt 3.040 Gramm, ist 52 Zentimeter lang und hat einen Kopfumfang von 33,5 Zentimetern.“ Katja zählt die Finger und Fußzehen unseres rosigen und vitalen Neugeborenen und sagt: „Es ist alles super.“ Das Baby bekommt zwei Tropfen Vitamin K von ihr.

Anschließend legen wir zwei … halt: nicht die Hebamme und ich, sondern Evelin und ich … uns ins Bett – mit unserem Baby. Ein Wahnsinnsgefühl! Von nun an sind wir eine richtige Familie!

Um 20.15 Uhr verabschiedet sich Katja von uns, da Mutter und Kind wohlauf sind. „Ich bin für euch weiterhin telefonisch erreichbar und komme morgen zur Wochenbettbetreuung wieder“, sagt sie.

Die Geburt ist für mich ein wahrlich spirituelles Ereignis. Ich bin unendlich stolz auf Evelin! Denn sie ließ mich an Ihrer weiblichen Schöpferkraft teilhaben.

 

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