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Wieso die Frau zwei Brüste hat – Tandemstillen

TandemstillenWie soll das eigentlich funktionieren, dieses Tandemstillen – zwei Brüste: voll ausgenutzt? Wir haben es probiert und für gut befunden.

Angstfreies Stillen von Anfang an

Längst vor unserer Familienplanung war klar, dass unsere Kinder von Anfang an die von der Natur vorgesehene Nahrung bekommen würden. Als dann Nummer Eins bei uns schlüpfte, kam es genau so. Wir hatten keine Milchpülverchen, Sauger oder Nuckelflaschen als Alternative vorsorglich im Küchenschrank bereitstehen. Es gab für uns, wie bei der Hausgeburt auch, überhaupt keinen Grund zum Zweifeln über mangelhaft funktionsfähige Brüste.

Unser Baby wurde also gestillt – ohne Uhr, ohne Gewichtskontrolle, ohne Saugverwirrung durch Beruhigungssauger, ohne Angst vorm Verwöhnen, ohne Zufüttern. Stattdessen mit dem Zuspruch unserer Hebamme, dem Vorbild einer großen Schwester und befürwortender Lektüre wie dem Stillbuch von Hannah Lothrop.

Vom Vollstillen zum Langzeitstillen zum Trockenstillen

Ab dem achten Monat interessierte sich unser Kind für größere Mengen unser Speisen, deckte seinen Bedarf dennoch fast bis zum ersten Geburtstag hauptsächlich aus den zwei vertrauten Brüsten. So konnten wir uns erst dann realistische Gedanken über weiteren Nachwuchs machen – schließlich freuten wir uns über die Schwangerschaft unseres zweiten Wunschkindes – als unser Erstling 15 Monate zählte.

Mit Beginn der ersten Beerenernte und reichlich Milchzähnen im Gebiss lernte unsere Große innerhalb eines Vierteljahres, genügend Festes in ihren Speiseplan zu integrieren.

Vollkommen ungefährlich

Falls die Versorgung des ungeborenen Babys unter dem Weiterstillen des großen Kindes leiden würde, so erklärte uns unsere Hebamme, fährt der schlaue Körper der Mutter die Milchproduktion zurück. Diesen Zeitpunkt erreichten wir im Laufe des zweiten Trimesters der Schwangerschaft. Weil die Brustwarzen in der Schwangerschaft sehr empfindlich wurden und nun Vertrauens- und Schutzbasis statt Versorgungsstation übernahmen, praktizierten wir fast ausschließlich “trockenes” Einschlafstillen. Trocken zu stillen bedeutet, dass das Kind an der mütterlichen Brust saugen kann, dabei jedoch keine Muttermilch fließt. Dabei sei erwähnt, dass der Fluss der Muttermilch nicht bei jeder Frau komplett versiegt.

Viele berichten auch, dass die großen Stillkinder während der Schwangerschaft behaupten, es käme nach wie vor Milch. Unsere Tochter versicherte mir genau das, obwohl man erst in den letzten Wochen vor der Geburt wenige Tröpfchen der gelben Vormilch ausstreichen konnte. Während der “Trockenphase” lief für sie wohl die Milch der Liebe und Vorbereitung, die sie nicht anders beschreiben konnte.

Ohne sicher zu sein, ob es für künftiges Tandemstillen Sinn ergeben würde, fanden wir bald eine Vereinbarung: Aus der “Brust mit Punkt” (Leberfleck) könnte unser großes Mädchen trinken, aus der anderen, der “Babybrust”, das Baby.

Von wegen wehenauslösend

Immer noch warnen manche Frauenärzte vor der Stimulation der Brustwarzen während der Schwangerschaft; allein deshalb wäre Stillen in dieser Zeit tabu. Tatsache ist jedoch, dass das Stillen bis kurz vor der Geburt nicht wehenfördernd wirkt. Eine ebensolche Erfahrung durften wir auch machen: Die Geburt unseres zweiten Kindes wurde nicht durch nächtliches Stillen unserer Großen ausgelöst; Wir setzten wieder auf die “altbewährte Methode” wie zur ersten Hausgeburt (den Geburtsbericht findest Du hier: http://www.freeyourfamily.net/2016/01/geburtsbericht-aus-sicht-eines-vaters/).

Die erste Zeit zu … viert

TandemstillenAllerdings verzichteten wir während der Geburt auf jegliche Brustwarzenstimulation. Nach der Geburt unseres zweiten Mädchens bestand das geübte Stillkind schon bald darauf, ebenfalls mit angelegt zu werden. So nuckelte das große Kind Kolostrum (die Vor- bzw. Erstmilch) an der “Punktbrust”, das Baby an der “Babybrust”. Das erste gemeinsame Tandemstillen fühlte sich sehr beglückend an. Das Baby war geboren, aus dem großen Mädchen war eine große Schwester geworden und aus einer Kreißenden eine Mutter, die unterschiedlich alte Kinder gleichzeitig von den Anstrengungen ihrer jeweiligen Geburtsbeteiligung beruhigen konnte. Die Hebammen hatten keine Einwände gegen das Tandemstillen, erwähnten aber, dass darauf geachtet werden muss, dass das Baby zum Trinken des Kolostrum zuerst angelegt werden soll.

Da unser großes Kind sowieso nicht aus der “Babybrust” trank, änderte sich dort an der Zusammensetzung nichts. War das große Geschwisterkind außer Haus, konnte das Baby abwechselnd an beiden Seiten angelegt werden. Zuhause wollte unsere Große jedoch viel vom Baby sehen und viel von Mama haben. Entsprechend zeitig kam ein sanfter Milcheinschuss: Das kräftige Mitstillen half nicht nur bei einer schnellen Rückbildung der Gebärmutter, es ließ bereits in der zweiten Nacht die weiße, süße Milch bilden. Die Milchbar fühlte sich nicht hart oder gestaut an, wie man es oft beim ersten Milcheinschuss erlebt. Diesmal war keine Massage oder warme Dusche nötig, um die Milchkanäle zu öffnen und die Milch zum Fließen zu bringen. Das Stillen des großen Geschwisterkindes erleichtert ungemein. Unsere damals Zweijährige war eine dankbare Hilfe, wenn es darum ging, große Mengen zu trinken, Spannungsgefühle zu mindern und Milchstau zu lösen. Später half sie manchmal dem Baby, indem sie zwei Schlucke aus der “Babybrust” abtrank, wenn sich das Kleine ständig verschluckte.

Stillpositionen fürs Tandemstillen zu finden ist gar nicht so leicht

TandemstillenTandemstillen bedeutet nicht, dass beide Kinder tatsächlich auch gleichzeitig gestillt werden. Ein Tandemfahrrad bleibt ja auch ein Tandemfahrrad, wenn nur ein Radfahrer darauf sitzt. Die Schwierigkeit beim gleichzeitigen Anlegen bestand für uns darin, eine geeignete Stillposition zu finden. Mütter von Zwillingen bekommen den Dreh recht schnell raus und wissen ihre Sprösslinge beide anzulegen.

Ungewohnte Positionen können ein großes Geschwisterkind aber überfordern. Von unserer großen Tochter verlangten wir nach der Geburt ihrer Schwester, sich auf die Hüfte der Mami zu legen, während diese “bequem” auf der Seite liegend zum Baby gedreht war. Eifersucht und Zorn waren oft die Folge. Sitzpositionen, bei denen das Baby im Schoß der Mutter lag und das Kleinkind halb sitzend, halb hockend versuchen musste, an die “Punktbrust” zu gelangen, waren ebenso wenig befriedigend. Unserer Großen gefiel die Position in Seitenlage auch nicht, in dem das Baby auf ihrem Körper ruhte. Als das Baby etwas größer war, funktionierte das Tandemstillen auf dem Sofa im Sitzen: das Baby auf dem Schoß liegend, das große Geschwisterkind seitwärts an Mama gekuschelt.

Beide Kinder im Bett liegend zu stillen, ist für die Arme, auf denen die Köpfe der Kinder aufliegen, nicht zu unterschätzen. Eine richtige Lieblingsposition hat sich bei uns zwar nicht entwickelt, inzwischen ist es aber sehr einfach geworden, den Bedürfnissen der beiden mal eben schnell am Straßenrand gerecht zu werden.

Künftigen Tandemstillern kann man demnach empfehlen, verschiedene Stillpositionen vorbereitend zu üben.

Eifersucht und Leidenschaft

Eifersucht zwischen unseren Kindern blieb trotz Tandemstillen weder im Wochenbett noch heute aus. Doch es ist unglaublich schön, wenn sich beide Kinder beim Stillen anschauen oder streicheln und somit kennenlernen können.

Sind beide Kinder größer, bereitet das Tandemstillen unvergessliche Momente: Die großen Säuglinge klatschen sich gegenseitig in die Hände, vertragen sich nach einem Streit schnell wieder an ihrer Milchquelle oder summen sich abwechselnd Töne vor, um den anderen zum Kichern zu bringen.

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Über die Autorin
Evelin ist vegetarisch aufgewachsen und lebt seit 20 Jahren vegan. Sie hat als Erzieherin gearbeitet und schließlich studiert, um sich noch mehr für das Recht auf eine Kindheit in Würde, Frieden und ohne Manipulation durch Erziehung einzusetzen - nicht nur für die eigenen drei kindergarten- und schulfreien Kinder. Ihre Lieblingsthemen sind u.a. „Unerzogen“, „Attachment Parenting“, Hochsensibilität und Veganismus.


CC BY-SA 4.0 Wieso die Frau zwei Brüste hat – Tandemstillen von Free Your Family ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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