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Stillen in der Öffentlichkeit

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische Beratung. Wenn ihr Schmerzen habt, euer Baby nicht ausreichend zunimmt oder ihr euch unsicher fühlt, holt euch bitte zeitnah Hilfe bei Hebamme, IBCLC-Stillberatung oder Kinderärzt*in.

Stillen in der Öffentlichkeit ist erstaunlich banal. Ein Baby hat Hunger oder braucht Nähe, eine Mutter reagiert. Und doch kippt die Szene in manchen Köpfen sofort in Moral, Scham und Kommentardrang. Dieser Text soll euch Rückenwind geben. Nicht als Kampfansage, sondern als ruhige Erinnerung: Ihr dürft euer Kind stillen. Punkt.

1. Warum es überhaupt Diskussionen gibt

Vor vielen Jahren fragte mich jemand mit ernster Miene, wie wir ein Baby „überhaupt ernähren“ wollten. Als wäre das eine Spezialdisziplin. „Wir stillen“, sagte ich. Dann kamen die üblichen Nebenfragen: Ob das bei „kleinen Brüsten“ überhaupt gehe. Ob man „das“ dürfe, draußen, im Bus, im Café.

Heute würde ich anders antworten. Nicht schärfer, sondern klarer: Stillen ist weder Mutprobe noch Show. Es ist Versorgung. Und es ist Beziehung. Beides darf öffentlich sein.

Ein Satz ist mir dabei wichtig: Nicht jede Frau kann stillen, und nicht jede will es. Stillen ist häufig möglich, aber es ist nicht immer leicht. Körperliche Gründe, psychische Belastung, frühere Erfahrungen, fehlende Unterstützung, medizinische Situationen: Es gibt vieles. Dieser Beitrag soll niemanden beschämen. Er soll schützen.

Dass es trotzdem Übergriffe gibt, ist belegt und wird immer wieder berichtet: Anfeindungen im Bus, Forderungen nach „Diskretion“, manchmal sogar der Versuch, Stillen in Toiletten zu verbannen. Ein Beispiel findet ihr hier: Stillen im Bus verboten?

2. Recht und offizielle Rückendeckung

In Deutschland gibt es kein Gesetz, das Stillen in der Öffentlichkeit verbietet. Im Gegenteil: Öffentliches Stillen wird in der Praxis durch Aufklärung und Empfehlungen gestützt.

Die Nationale Stillkommission hat im Kontext einer Befragung zur Akzeptanz von Stillen in der Öffentlichkeit Botschaften und Vorschläge zur Förderung formuliert. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat dazu Informationen veröffentlicht: BfR: „Stillen ist gesund und kann nicht warten“ (Internet-Archive)

Wenn ihr arbeitet: Das Mutterschutzgesetz kennt Stillzeiten. Hier der einschlägige Paragraph: MuSchG § 7 Stillzeit

3. Was Daten und Forschung tatsächlich sagen

Steinskulptur: stillende Mutter
Der Stein des Anstoßes. (CC0 Public Domain, Quelle: Pixabay)

Es lohnt sich, zwei Ebenen zu trennen: Was Menschen fühlen, und was Daten zeigen. In Befragungen geben einige Mütter an, dass Reaktionen aus dem Umfeld Stillentscheidungen beeinflussen können. Gleichzeitig nehmen viele Menschen stillende Mütter im Alltag kaum wahr oder es ist ihnen egal. Konflikte sind real, aber sie sind nicht die Norm.

Eine zweite Ebene betrifft die Gesundheit. Stillen hat gut untersuchte Vorteile. Und trotzdem gilt: Studien messen oft Zusammenhänge, nicht Schicksale. Stillen ist kein Schutzzauber. Es ist ein Faktor unter vielen. Genau deshalb ist saubere Sprache wichtig.

4. Drei Botschaften für den Alltag

4.1 Stillen kann nicht warten

Babys kommunizieren früh und leise. Schmatzen, Suchbewegungen, Händchen im Mund, Unruhe. Wenn diese Signale übergangen werden, eskaliert es oft in Schreien. Das ist nicht „Drama“, das ist Kommunikation. Stillen nach Bedarf kann dabei helfen, Spannung abzufangen.

WHO und UNICEF empfehlen, Säuglinge in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen und danach mit Beikost weiterzustillen, bis zu zwei Jahren oder länger. WHO: Breastfeeding und WHO: Continued breastfeeding

Erstes Stillen in der Öffentlichkeit im Tropenhaus Erfurt
Erstes Stillen in der Öffentlichkeit: diskret, ohne großes Theater.

4.2 Öffentlich stillen ist normal

Stillen war die längste Zeit der Menschheitsgeschichte Alltag. Neu ist nicht das Stillen. Neu ist die Idee, es müsse versteckt werden, während dieselbe Gesellschaft die weibliche Brust permanent als Werbefläche benutzt.

Was „normal“ wirkt, entsteht durch Gewöhnung. Je öfter Menschen sehen, dass eine Mutter ihr Kind stillt, desto weniger Projektionsfläche bleibt übrig.

Historisches Foto: stillende Frau (ca. 1860)
Historisches Foto (ca. 1860). Quelle: Wikimedia Commons

4.3 Gesundheitliche Vorteile, nüchtern betrachtet

Stillen wird mit verschiedenen gesundheitlichen Vorteilen in Verbindung gebracht. Für Mütter zeigen Meta-Analysen beispielsweise Zusammenhänge mit einem geringeren Brustkrebsrisiko sowie einem niedrigeren Risiko für Typ-2-Diabetes. Für Kinder gibt es Hinweise auf geringere Infektionsrisiken und im Mittel leicht höhere Werte in kognitiven Tests. Das sind Durchschnittseffekte, keine Garantien.

Wenn ihr tiefer einsteigen wollt, findet ihr unten Primärquellen mit DOI.

5. Wenn jemand stört: Konflikte ohne es krachen zu lassen

Wenn euch jemand anspricht, helfen oft drei Sätze, die nicht eskalieren:

  • „Mein Baby braucht gerade Nahrung oder Nähe.“
  • „Ich stille hier. Das ist erlaubt.“
  • „Wenn es euch unangenehm ist, könnt ihr gern wegsehen oder den Platz wechseln.“

Manchmal reicht das. Manchmal nicht. Dann ist es legitim, Unterstützung zu holen. Personal in Cafés, Begleitung, andere Mütter. Nicht, weil ihr euch rechtfertigen müsst, sondern weil Grenzen soziale Realität sind.

Wer sich für gesellschaftliche Aktionen interessiert: In mehreren Ländern gibt es „Breastfeeding welcome“-Initiativen. Beispiel Großbritannien: Breastfeeding Welcome Scheme (Archiv)

Symbol für Stillorte
Ein Bildzeichen kann Stillorte auffindbar machen.

Auch Protestformen wie „Nurse-Ins“ haben Diskussionen sichtbar gemacht. Ein bekanntes Beispiel: BBC: Nurse-In campaign

6. Praktische Tipps

6.1 Stillprobleme

Wenn Stillen schmerzt, wenn euer Baby unruhig bleibt oder wenn ihr euch überfordert fühlt: Ihr müsst das nicht allein tragen. Hebammen und Stillberater*innen (IBCLC) können sehr konkret helfen. Seriöse Infos und Begriffe findet ihr zum Nachschlagen hier: Still-Lexikon und hier: La Leche Liga.

Zu Alkohol, Rauchen und Medikamenten in der Stillzeit gibt es gut aufbereitete Informationen, zum Beispiel hier: Gesund ins Leben.

Stillen in stützender C-Form
Stillpositionen können entlasten. Entscheidend ist, was für euch funktioniert.
Übung zum Lösen eines Milchstaus
Milchstau gehört in gute Hände. Im Zweifel lieber früher Hilfe holen.

Ein Video kann Basics erklären, ersetzt aber keine persönliche Begleitung. Hier ein Überblicksvideo zu häufigen Stillproblemen: YouTube: Häufige Stillprobleme

6.2 Stillen in der Öffentlichkeit, ganz praktisch

  • Übt an Orten, die stillfreundlich sind: Stillcafé, Rückbildung, Treff mit vertrauten Menschen.
  • Tragetuch oder Tragehilfe kann euch Nähe und Sichtschutz geben, wenn ihr das mögt.
  • Ein schlichtes Tuch kann reichen. Es muss aber nicht. Ihr seid niemandem Diskretion schuldig.
  • Wenn ihr arbeitet: Stillzeiten sind ein Recht, kein Gefallen. MuSchG § 7

Ein Satz, der oft hilft: „Ich stille, damit mein Baby essen kann.“ Mehr Erklärung ist selten nötig.

7. Vegan und Formula: wenn Stillen nicht geht

Antispeziesistisch gedacht und trotzdem nüchtern: Wenn Stillen nicht möglich ist, gehört Säuglingsnahrung in die Kategorie „streng reguliertes Produkt“. Sie ist keine Spielwiese für Weltanschauungen und keine Bühne für DIY-Rezepte.

In der EU regelt die Delegierte Verordnung (EU) 2016/127 Zusammensetzung und Kennzeichnung von Säuglingsanfangs- und Folgenahrung. Das ist wichtig, weil Babys keine „Ausweichkalorien“ haben. EUR-Lex: Delegierte Verordnung (EU) 2016/127

„Vegan“ ist bei Formula in der Praxis oft komplizierter als ein Etikett vermuten lässt, etwa wegen einzelner Vitaminträger. Was es aber gibt, sind zugelassene Formeln mit pflanzenbasierten Proteinquellen, insbesondere Sojaproteinisolat, teils auch hydrolysiertes Reisprotein. Ob das im Einzelfall passt, ist eine medizinisch-ernährungsfachliche Frage. Wenn ihr aus ethischen Gründen tierfrei bleiben wollt, besprecht die konkrete Produktwahl am besten mit Kinderärzt*in oder einer qualifizierten Ernährungsfachperson. Gemeint sind ausdrücklich nicht Pflanzendrinks oder selbst gemischte „Formeln“.

Wer die Evidenzlage nachlesen will: Unten stehen zwei Primärquellen (ESPGHAN, Academy of Nutrition and Dietetics) mit DOI.


Quellen

Institutionen und Recht

Wissenschaftliche Primärquellen (DOI)

Weiterführend

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