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Aktualisiert am 14.08.2026

Die Geschichte spielt im August 2020, mitten in der Corona-Pandemie. Unsere Große war sieben Jahre alt und wollte zum ersten Mal Schule ausprobieren.

„Hurra, ich bin ein Schulkind …“ Liebe Freund:innen des selbstbestimmten Lernens, dieses „Hurra“ solltet ihr hören! Mein „Hurra“ klingt wie ein jaulender Welpe, wie eine fiepende Flöte oder ein zittriger Leierkasten. Hingegen wird das „Hurra“ meiner Siebenjährigen seiner Bedeutung gerecht.

Eigentlich steht bei mir ein Blogartikel in den Startlöchern, wieso meine Kinder nicht zur Schule gehen sollen. Doch nun muss ich etwas Aktuelleres schreiben. Seit dem „Hurra“ ahnt ihr es vielleicht: Meine große Tochter, mein Freilerner-Kind, das bis zum heutigen Tag weder Kindergarten, Homeschooling oder irgendeine andere Form der „Lehr-Unterweisung“ kennt, will in die Schule gehen.

Reisen in der Pandemie oder wohnen im Nachbarland?

Die Geburt des vierten Kindes und Corona haben uns nach Deutschland gebracht. Ich ermöglichte meinen Kindern weiterhin, sich selbstbestimmt zu bilden – frei vom „Schulzwang“.

Das Reisen durch Europa ist beschränkt. Oder sagen wir besser: Es wird vom Fiebermessen abhängig gemacht. Und von einem auf den anderen Tag können Staaten wieder ihre Grenzen schließen.

Lange haben wir „unsere Lösung“ für mehr Freiheit ersonnen: Wir wollten vorläufig als Grenzgänger:innen leben. In einem Land wie Tschechien, dessen Schulrecht individuelle Bildung ohne regelmäßige Teilnahme am Unterricht vorsieht, sollte unser Häuschen stehen. Die Arbeit und die Familie wären nur einen Katzensprung über die Grenze entfernt.

Freilernen aus Überzeugung

Vor wenigen Tagen besuchten wir ein großartiges Freilerner-Camp. Ich finde, man merkt immer schnell, wie „anders“ die Kinder dort ticken. Ausgrenzung, Mobbing, Sticheleien, „Teenie-Allüren“ – all das sucht man vergebens. Das harmonische Miteinander unter den jungen Menschen jedweden Alters macht mich jedes Mal baff. Es stärkt das Leben ohne Beschulung.

Meine große Tochter stellte am Abend unserer Rückkehr fest: „Auf Freilerner-Kinder muss man viel weniger aufpassen. Die Mamas von anderen (beschulten) Kindern sind viel strenger: ‚Bleib hier!!!‘ Freilerner-Kinder fragen nie nach dem Alter. Andere fragen: ‚Bist du sieben? Oder acht? Oder neun?‘ Bei Freilernern ist das egal. Wir spielen einfach mit allen und grenzen niemanden aus.“

Schwungtuch-Spiel beim Freilerner-Treffen

Und dann passiert das:

„Ding dong. Schön‘ guten Tag! Ich bin Fräulein Unplanbar … Was macht ihr, wenn euer Freilerner-Kind eines Tages in die Schule gehen will?“

Es gibt Eltern, die ihr Kind in die Schule zwingen. Und es gibt Eltern, die ihrem Kind die Schule verbieten. Wie finde ich den Mittelweg?

Wieso will mein Kind zur Schule?

Kann es sein, dass unser Mädchen in die Schule will, weil …

  • die Cousinen und die Freund:innen zur Schule gehen?
  • wir dank des Virus, in der Zeit des Lockdowns, nahezu völlig auf Museen, Spielplätze, Konzerte und das Planetarium verzichten mussten?
  • die Eltern, Großeltern und befreundete Hebammen (ihr Traumjob) auch in die Schule gingen?
  • es unbewusst von ihr erwartet wird (zum Beispiel von der Verwandtschaft)?
  • ihr die Frage „Gehst du schon in die Schule?“ auf den Zeiger geht?
  • sie mitreden will, wenn ich über das selbstbestimmte Lernen und die Schule debattiere?

Genau kann es meine Tochter nicht sagen. Es ist wohl eine Mischung aus allem. Die Frage, wie ich damit umgehe, bleibt.

Was mein Kind in der Grundschule erwartet

Unsere Große ist aufgeschlossen, interessiert und neugierig – wie die Schule sich die Kinder wünscht. Und die Lehrer:innen der Grundschule erwarten von den Kindern nicht, dass sie sich länger als zehn Minuten auf einen „Lern-Gegenstand“ konzentrieren. Es würden sogar Bewegungs-Spiele eingebaut werden. Und am Ende des Tages würden die Kinder nach Hause kommen und auf die Frage, was sie heute gemacht haben, antworten: „Wir haben gespielt!“

Aber, so meint die Grundschule weiter, ein Kind muss auch „zurückstecken“ können.

Vor Strafe, Lob, Bewertung, Stillsitzen, Fremd-Kontrolle und Bevormundung will ich meine Kinder unbedingt bewahren. Ich weiß noch aus meiner Schulzeit, dass die Lehrer:innen in der örtlichen Grundschule durchsetzen, was sie wollen. Selbstbestimmung ist ein Fremdwort. Meine Tochter weiß das. Die Nachbarskinder wissen es. „Probier das nicht aus! Schule ist doof!“, raten sie ihr. Sie will trotzdem hin.

Ich akzeptiere ihre Entscheidung. Statt diese schlecht zu reden, unterstütze ich sie so:

1. Schultüte zur Sensibilisierung

In wenigen Tagen ist Einschulung. Eine Astronauten-Zuckertüte steht parat. Eine weitere – ohne Raumfahrer:in – für die Lehrerin. Unsere kleine Astronautin bekommt eine bunte Füllung. Und die Lehrerin eine dünne, kurzweilige Lektüre, durch die sie einen Blick in alternative Konzepte im Umgang mit Schüler:innen festigen kann. Es soll ein Geschenk von Herzen werden, und keine Demütigung.

2. Wertschätzung statt Verhaltens-Ampeln

Kennt ihr diese kleinen Hilfs-Kärtchen und Poster an den Schulwänden, auf denen steht, wie sich die Schüler:innen zu verhalten haben? Es gibt unzählige, schreckliche Sprüche, die an eine Haftanstalt erinnern: „Tu dies nicht, tu das nicht, mach immer schön brav das, was von dir verlangt wird.“ Wie wäre es stattdessen mit ermutigenden Sätzen, die jede:n im Klassenzimmer wertschätzen? Ich finde, wir dürfen davon ausgehen, dass Menschen im Grunde gut sind und nicht mit Regeln überhäuft werden sollten.

Schöne Ideen dazu zeigt Daniela in ihrem Blog „Ideenreise“. Ich glaube, eine Lehrerin wie sie wünschen sich viele Schüler:innen.

3. Ungerechtigkeit ansprechen – Gespräche mit den Lehrer:innen suchen

Ich werde nicht darauf warten, bis sich Kinder mit ihrer scheinbar ausweglosen Lage abfinden. Den „Lern-Stoff“ kann ich nicht abwenden. „Verhaltens-Maßnahmen“ hingegen schon. In der Ecke stehen war früher. Heute sind es Bestrafungen und öffentliche Bewertungen. Bestimmen sie den Schulalltag, greife ich bestimmt nicht nur zum Telefon, sondern auch zur Klinke der Lehrerzimmertür.

Hier die Eindrücke vom Tag der offenen Tür, die ich sehr traurig finde:

Ampel zur öffentlichen Bewertung oder Bestrafung von Schüler:innen

Aushang zu Strafen in der Grundschule

4. Zum Kind stehen

Beim ersten Elternabend rief die Direktorin alle Eltern auf, künftig zur Lehrerin und zu den Entscheidungen der Schule zu stehen. Kinder würden zum Beispiel bei einem Streit nur sich ganz alleine sehen (sie könnten noch nicht anders) … Ähm, nein. Wie sagte meine Freundin so schön: „Ich werde zu den unangenehmen Eltern gehören, die nicht einfach alles hinnehmen.“ Wie praktisch für mich! Da sind wir an dieser Schule zumindest schon zu zweit! 🙂

Auch in der Schule haben Kinder Rechte. Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention gibt ihnen das Recht, ihre Sicht in allen Angelegenheiten zu äußern, die sie betreffen; diese Sicht ist entsprechend Alter und Reife zu berücksichtigen. Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes bezieht dieses Beteiligungsrecht ausdrücklich auf Bildung und Schule. Was davon im Schulalltag an echter Entscheidungsmacht ankommt, ist eine andere Frage. Sie sollten aber eine Lobby haben: Eltern, die hinter ihnen stehen!

Früher sagte man mir oft: „Oh, du bist Mama von Freilernern. Das finde ich mutig.“ Ich entgegnete: „Eltern von Schulkindern sind doch die Mutigen. Sie müssen sich mit den Lehrer:innen auseinandersetzen. Ich nicht.“

Ich fände es am besten, wenn sich zwischen Eltern, Lehrer:in und Kind ein Verhältnis entwickelt, das auf Respekt, Vertrauen und Würde beruht – vielleicht sogar Freundschaft. Man kann über alles reden und Lösungen finden, mit denen alle Beteiligten glücklich sind.

5. Eine Lösung zum Freilernen finden?

Ich hoffe, dass das „Ausprobieren“ ein schnelles Ende hat. Bis dahin gilt es für mich, mutig zu sein. Ich werde mutig genug sein, um aufzustehen und zu zeigen, was ungerecht ist. Vielleicht darf ich wider Erwarten relaxt feststellen: Schule ist gar nicht so schlecht und dient nicht als Erziehungsanstalt.

Wege, die andere Familien 2020 versucht haben

Dieser Abschnitt gehört ins Jahr 2020. Heute richtet sich die rechtliche Lage nach dem Schulrecht des jeweiligen Bundeslands. Die Kultusministerkonferenz verlinkt die aktuellen Schulgesetze der Länder; ihr Überblick steht auf Juni 2026. Die rechtliche Zulässigkeit unterscheidet sich je nach Weg, Bundesland und Einzelfall.

Manche Kinder, die dieses Jahr nicht in die Schule wollen, haben bereits Lösungen gefunden. Hier sind ein paar davon, die bei manchen Familien funktionieren. Ich erwähne sie, weil wir immer wieder danach gefragt werden. Sie …

  • haben ein ärztliches Attest aufgrund der Corona-Pandemie.
  • leben abgemeldet in Deutschland und „verstecken“ sich (was aber abhängig vom Umfeld ist).
  • sind im Ausland gemeldet oder wohnen im Ausland.
  • reisen ohne Wohnsitz dauerhaft mit ihren Familien.
  • bekamen eine Fernschule, wie Clonlara, genehmigt.
  • lassen sich auf Bußgelder und den einen oder anderen Rechtsstreit ein.

Mehr dazu könnt ihr beim Bundesverband Natürlich Lernen! e. V. oder in persönlichen Geschichten, zum Beispiel in dem Buch „Wir sind so frei“, nachlesen.

Diese „Lösungen“ spiegeln jedoch nicht wider, dass ich mit meinem kritischen Blick bezüglich der Maßregelungen gegenüber Schüler:innen meinem Kind unbewusst weitergebe, Schule sei im Grunde schlecht.

Wenn ihr weiter über Freilernen und Schule lesen möchtet

Falls ihr gerade an einer ähnlichen Stelle steht, führen diese Beiträge am direktesten weiter:

FAQ: Wenn euer Kind in die Schule will

Ist es „Verrat“ am Freilernen, wenn ein Kind Schule ausprobieren möchte?

Für mich gehört ausgerechnet das zum Freilernen: Meine Tochter darf auch eine Entscheidung treffen, bei der sich mein eigener Magen zusammenzieht. Sie ist neugierig auf Schule. Ich kann ihr erzählen, was mir daran Bauchschmerzen macht, und trotzdem ernst nehmen, dass sie es selbst erleben möchte. Viel schwieriger finde ich die Frage, wie viel von meiner Skepsis ich ihr unbewusst mitgebe.

Woran merke ich, ob mein Kind wirklich Schule will oder nur „dazugehören“ möchte?

Bei unserer Tochter gab es darauf keine einzelne Antwort. Cousinen, Freund:innen, die Fragen aus dem Umfeld, der Lockdown, ihre Neugier – vieles kam zusammen. Mir hilft deshalb eher das Gespräch über ihre Vorstellung: Worauf freut sie sich? Auf die anderen Kinder, die Lehrerin, den Schulranzen, bestimmte Fächer, den Tagesablauf? Aus solchen Antworten verstehe ich mehr als aus der Frage, ob ein Wunsch „wirklich“ echt ist.

Was, wenn ich Schule kritisch sehe, aber mein Kind trotzdem hingehen möchte?

Genau da sitze ich ja gerade. Meine Tochter findet Schule spannend. Ich sehe Strukturen kritisch. Ihre Neugier gehört ihr, meine Erfahrungen und Sorgen gehören mir. Für den Alltag zählt für mich, was sie tatsächlich erlebt und was sie mir davon erzählt.

Wie spreche ich mit Lehrer:innen, ohne sofort als „schwierig“ zu gelten?

Ich komme mit einem konkreten Erlebnis leichter ins Gespräch als mit dem ganzen Schulsystem im Gepäck. Wenn ich zum Beispiel sehe, dass Kinder vor der Klasse öffentlich auf einer Verhaltensampel eingeordnet werden, kann ich genau darüber mit der Lehrerin sprechen: Was ist passiert? Wie erlebt meine Tochter das? Welche andere Lösung wäre möglich? So weiß die Lehrerin, worum es mir geht, und ich höre zugleich ihre Sicht.

Was ist, wenn in der Klasse öffentlich bewertet, beschämt oder bestraft wird?

Dann wird es für mich sehr praktisch. Zuerst möchte ich wissen, was passiert ist und wie meine Tochter die Situation erlebt hat. Danach suche ich das Gespräch mit der Lehrerin. Mein Maßstab sind Würde und Beteiligung: Wie wurde mit dem Konflikt umgegangen? Konnte meine Tochter ihre Sicht schildern? Welche andere Lösung wäre möglich?

Und wenn wir über Schulpflicht nachdenken?

Schulrecht ist Landesrecht. Die Kultusministerkonferenz verlinkt die Schulgesetze aller Länder; ihr Überblick steht auf Juni 2026. Welche Ausnahmen, Befreiungen oder Folgen in einem konkreten Fall möglich sind, hängt vom Bundesland und vom Einzelfall ab. Für eine eigene rechtliche Entscheidung sind der aktuelle Gesetzestext des Bundeslands und bei Bedarf fachkundige Rechtsberatung die belastbareren Grundlagen.

Was, wenn das Experiment scheitert?

Wenn Schule für ein Kind am Ende doch nicht passt, wissen Kind und Familie danach wenigstens mehr über diesen Lernort. Rechthaben interessiert mich dabei wenig. Entscheidend wäre, welche Umgebung unsere Tochter dann braucht.

Bücher, die bei dem Thema mit am Tisch liegen

Zwei Bücher standen schon damals neben diesem Text. Wenn ihr online bestellen möchtet, findet ihr beide Titel auch über buch7 (Affiliate-Link).

  • André Stern: „Werde, was du warst: Manifest für eine Ökologie der Kindheit“
  • Remo H. Largo: „Schülerjahre: Wie Kinder besser lernen“

In ein paar Wochen stimme ich mein „Hurra“ erneut an. Mal hören, ob es dann immer noch wie ein zittriger Leierkasten klingt.

In welchen Tönen könnt ihr als (frei-lernende) Eltern zu dem Thema pfeifen? Lasst es mich in den Kommentaren wissen.

Eure Evelin

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