Lesezeit: 11 Minuten
Aktualisiert am 27.02.2026
„Hurra, ich bin ein Schulkind …“
Liebe Freund:innen des selbstbestimmten Lernens, dieses „Hurra“ solltet ihr hören. Mein „Hurra“ klingt wie ein jaulender Welpe, wie eine fiepende Flöte oder ein zittriger Leierkasten. Hingegen wird das „Hurra“ meiner Siebenjährigen seiner Bedeutung gerecht.
Eigentlich stand bei mir ein Blogartikel in den Startlöchern, wieso meine Kinder nicht zur Schule gehen sollen. Doch nun muss ich etwas Aktuelleres schreiben. Seit dem „Hurra“ ahnt ihr es vielleicht: Meine große Tochter, mein Freilerner-Kind, das bis zum heutigen Tag weder Kindergarten, Homeschooling oder irgendeine andere Form der „Lehr-Unterweisung“ kennt, will in die Schule gehen.
Und damit stehe ich vor einer Frage, die sich nicht mit Parolen löst: Es gibt Eltern, die ihr Kind in die Schule zwingen. Und es gibt Eltern, die ihrem Kind Schule verbieten. Wie finde ich den Mittelweg?
Inhalte
- 1 Reisen in der Pandemie oder wohnen im Nachbarland?
- 2 Freilernen aus Überzeugung
- 3 Wieso will mein Kind zur Schule?
- 4 Was mein Kind in der Grundschule erwartet
- 5 Mein Mittelweg: Kind ernst nehmen, Schule nicht verklären
- 6 Was andere Familien in solchen Situationen versuchen (ohne Garantie)
- 7 Weiterlesen auf FreeYourFamily (passend zum Thema)
- 8 FAQ: Wenn euer Kind in die Schule will
- 8.1 Ist es „Verrat“ am Freilernen, wenn ein Kind Schule ausprobieren möchte?
- 8.2 Woran merke ich, ob mein Kind wirklich Schule will oder nur „dazugehören“ möchte?
- 8.3 Was, wenn ich Schule kritisch sehe, aber mein Kind trotzdem hingehen möchte?
- 8.4 Wie spreche ich mit Lehrkräften, ohne sofort als „schwierig“ zu gelten?
- 8.5 Was ist, wenn in der Klasse öffentlich bewertet, beschämt oder bestraft wird?
- 8.6 Und wenn wir über Schulpflicht nachdenken?
- 8.7 Was, wenn das Experiment scheitert?
- 9 Buchtipps (Transparenz: Affiliate)
Reisen in der Pandemie oder wohnen im Nachbarland?
Die Geburt des vierten Kindes und Corona haben uns nach Deutschland gebracht. Ich ermöglichte meinen Kindern weiterhin, sich selbstbestimmt zu bilden, frei vom „Schulzwang“.
Das Reisen durch Europa ist beschränkt. Oder sagen wir besser: Es wird vom Fiebermessen abhängig gemacht. Und von einem auf den anderen Tag können Staaten wieder ihre Grenzen schließen.
Lange haben wir „unsere Lösung“ für mehr Freiheit ersonnen: Wir wollten vorläufig als Grenzgänger:innen leben. In einem Land wie Tschechien, in dem es die „Schulgebäude-Anwesenheitspflicht“ nicht gibt, sollte unser Häuschen stehen. Die Arbeit und die Familie wären nur einen Katzensprung über die Grenze entfernt.
Freilernen aus Überzeugung
Vor wenigen Tagen besuchten wir ein großartiges Freilerner-Camp. Ich finde, man merkt immer schnell, wie „anders“ die Kinder dort ticken. Ausgrenzung, Mobbing, Sticheleien, „Teenie-Allüren“: all das sucht man vergebens. Das harmonische Miteinander unter den jungen Menschen jedweden Alters macht mich jedes Mal baff. Es stärkt das Leben ohne Beschulung.
Meine große Tochter stellte am Abend unserer Rückkehr fest:
„Auf Freilerner-Kinder muss man viel weniger aufpassen. Die Mamas von anderen (beschulten) Kindern sind viel strenger: ‚Bleib hier!!!‘ Freilerner-Kinder fragen nie nach dem Alter. Andere fragen: ‚Bist du sieben? Oder acht? Oder neun?‘ Bei Freilernern ist das egal. Wir spielen einfach mit allen und grenzen niemanden aus.“

Und dann passiert das:
„Ding dong. Schön‘ guten Tag! Ich bin Fräulein Unplanbar … Was macht ihr, wenn euer Freilerner-Kind eines Tages in die Schule gehen will?“
Wieso will mein Kind zur Schule?
Kann es sein, dass unser Mädchen in die Schule will, weil …
- die Cousinen und die Freund:innen zur Schule gehen?
- wir dank des Virus in der Zeit des Lockdowns nahezu völlig auf Museen, Spielplätze, Konzerte und das Planetarium verzichten mussten?
- die Eltern, Großeltern und befreundeten Hebammen (ihr Traumjob) auch in die Schule gingen?
- es unbewusst von ihr erwartet wird (zum Beispiel von der Verwandtschaft)?
- ihr die Frage „Gehst du schon in die Schule?“ auf den Zeiger geht?
- sie mitreden will, wenn ich über das selbstbestimmte Lernen und die Schule debattiere?
Genau kann es meine Tochter nicht sagen. Es ist wohl eine Mischung aus allem. Die Frage, wie ich damit umgehe, bleibt.
Was mein Kind in der Grundschule erwartet
Unsere Große ist aufgeschlossen, interessiert und neugierig, wie die Schule sich Kinder wünscht. Und die Lehrkräfte der Grundschule erwarten von den Kindern nicht, dass sie sich länger als zehn Minuten auf einen „Lern-Gegenstand“ konzentrieren. Es würden sogar Bewegungs-Spiele eingebaut werden. Und am Ende des Tages würden die Kinder nach Hause kommen und auf die Frage, was sie heute gemacht haben, antworten: „Wir haben gespielt!“
Aber, so meint die Grundschule weiter, ein Kind muss auch „zurückstecken“ können.
Vor Strafe, Lob, Bewertung, Stillsitzen, Fremd-Kontrolle und Bevormundung will ich meine Kinder unbedingt bewahren. Ich weiß noch aus meiner Schulzeit, dass die Lehrkräfte in der örtlichen Grundschule durchsetzen, was sie wollen. Selbstbestimmung ist ein Fremdwort. Meine Tochter weiß das. Die Nachbarskinder wissen es. „Probier das nicht aus! Schule ist doof!“, raten sie ihr. Sie will trotzdem hin.
Ich akzeptiere ihre Entscheidung. Ich rede sie nicht schlecht. Ich versuche, sie zu begleiten, ohne meine Bauchschmerzen zum Gesetz zu machen.
Mein Mittelweg: Kind ernst nehmen, Schule nicht verklären
Ich merke, wie leicht man in Extreme rutscht. Das eine Extrem heißt: „Wenn du willst, dann ist alles gut.“ Das andere Extrem heißt: „Wenn du willst, dann weißt du es noch nicht besser.“ Beides wird dem Kind nicht gerecht.
Stattdessen halte ich mich an fünf praktische Leitplanken, die für uns gerade funktionieren:
- Wunsch nicht wegdiskutieren: „Du willst das ausprobieren“ ist erst einmal eine Information, kein Angriff.
- Erwartungen benennen: Was genau stellt sich das Kind unter Schule vor? Was klingt verlockend, was ist unklar?
- Kind stärken, nicht aufladen: Ich will nicht, dass mein Unbehagen zum Rucksack wird, den sie täglich trägt.
- Beobachten statt spekulieren: Nicht jede Sorge ist sofort eine Prognose. Manche Sorgen sind nur Sorgen.
- Kontakt halten: Mit dem Kind, mit der Lehrkraft, mit der Klasse, mit dem eigenen Kompass.
Und jetzt, ganz konkret: So unterstütze ich sie.
1. Schultüte zur Sensibilisierung
In wenigen Tagen ist Einschulung. Eine Astronauten-Zuckertüte steht parat. Eine weitere, ohne Raumfahrer:in, für die Lehrkraft. Unsere kleine Astronautin bekommt eine bunte Füllung. Und die Lehrkraft eine dünne, kurzweilige Lektüre, durch die sie einen Blick in alternative Konzepte im Umgang mit Schüler:innen festigen kann. Es soll ein Geschenk von Herzen werden, und keine Demütigung.
2. Wertschätzung statt Verhaltens-Ampeln
Kennt ihr diese kleinen Hilfs-Kärtchen und Poster an den Schulwänden, auf denen steht, wie sich Schüler:innen zu verhalten haben? Es gibt unzählige, schreckliche Sprüche, die an eine Haftanstalt erinnern: „Tu dies nicht, tu das nicht, mach immer schön brav das, was von dir verlangt wird.“
Wie wäre es stattdessen mit ermutigenden Sätzen, die jede Person im Klassenzimmer wertschätzen? Ich finde, wir dürfen davon ausgehen, dass Menschen im Grunde gut sind und nicht mit Regeln überhäuft werden sollten.
Schöne Ideen dazu zeigt Daniela in ihrem Blog „Ideenreise“. Ich glaube, eine Lehrkraft wie sie wünschen sich viele Schüler:innen.
3. Ungerechtigkeit ansprechen, Gespräche suchen
Ich werde nicht darauf warten, bis sich Kinder mit ihrer scheinbar ausweglosen Lage abfinden. Den „Lern-Stoff“ kann ich nicht abwenden. „Verhaltens-Maßnahmen“ hingegen schon.
In der Ecke stehen war früher. Heute sind es Bestrafungen und öffentliche Bewertungen. Bestimmen sie den Schulalltag, greife ich bestimmt nicht nur zum Telefon, sondern auch zur Klinke der Lehrerzimmertür.
Hier die Eindrücke vom Tag der offenen Tür, die ich sehr traurig finde:


4. Zum Kind stehen
Beim ersten Elternabend rief die Direktorin alle Eltern auf, künftig zur Lehrkraft und zu den Entscheidungen der Schule zu stehen. Kinder würden zum Beispiel bei einem Streit nur sich ganz alleine sehen (sie könnten noch nicht anders) … Ähm, nein.
Wie sagte meine Freundin so schön: „Ich werde zu den unangenehmen Eltern gehören, die nicht einfach alles hinnehmen.“ Wie praktisch für mich. Da sind wir an dieser Schule zumindest schon zu zweit.
Was die Selbstbestimmung in Schulen angeht, haben Kinder keine Rechte. Sie sollten aber eine Lobby haben: Eltern, die hinter ihnen stehen.
Früher sagte man mir oft: „Oh, du bist Mama von Freilernern. Das finde ich mutig.“ Ich entgegnete: „Eltern von Schulkindern sind doch die Mutigen. Sie müssen sich mit den Lehrkräften auseinandersetzen. Ich nicht.“
Ich fände es am besten, wenn sich zwischen Eltern, Lehrkraft und Kind ein Verhältnis entwickelt, das auf Respekt, Vertrauen und Würde beruht, vielleicht sogar Freundschaft. Man kann über alles reden und Lösungen finden, mit denen alle Beteiligten glücklich sind.
5. Eine Lösung zum Freilernen finden?
Ich hoffe, dass das „Ausprobieren“ ein schnelles Ende hat. Bis dahin gilt es für mich, mutig zu sein. Ich will mutig genug sein, um aufzustehen und zu zeigen, was ungerecht ist.
Vielleicht darf ich wider Erwarten relaxt feststellen: Schule ist gar nicht so schlecht und dient nicht als Erziehungsanstalt.
Was andere Familien in solchen Situationen versuchen (ohne Garantie)
Manche Kinder, die dieses Jahr nicht in die Schule wollen, haben bereits Lösungen gefunden. Ich erwähne sie, weil wir immer wieder danach gefragt werden. Diese Wege funktionieren nur in bestimmten Konstellationen, und sie bringen jeweils eigene Risiken, Kosten und Konflikte mit sich.
- Sie haben ein ärztliches Attest aufgrund der Corona-Pandemie.
- Sie leben abgemeldet in Deutschland und „verstecken“ sich (was aber abhängig vom Umfeld ist).
- Sie sind im Ausland gemeldet oder wohnen im Ausland.
- Sie reisen ohne Wohnsitz dauerhaft mit ihren Familien.
- Sie bekamen eine Fernschule, wie Clonlara, genehmigt.
- Sie lassen sich auf Bußgelder und den einen oder anderen Rechtsstreit ein.
Mehr dazu könnt ihr beim Bundesverband Natürlich Lernen! e. V. oder in persönlichen Geschichten, zum Beispiel in dem Buch „Wir sind so frei“, nachlesen.
Diese „Lösungen“ spiegeln jedoch nicht wider, dass ich mit meinem kritischen Blick bezüglich der Maßregelungen gegenüber Schüler:innen meinem Kind unbewusst weitergebe, Schule sei im Grunde schlecht.
Weiterlesen auf FreeYourFamily (passend zum Thema)
Damit ihr euch nicht durch die Site suchen müsst, hier ein paar Beiträge, die inhaltlich direkt andocken:
- Was ist Unschooling? Selbstbestimmtes Lernen als Bildungsalternative
- Anmeldung, Abmeldung & Befreiung von der Schulpflicht
- Keine Anmeldung an der Grundschule?
- Schule statt Freilernen: ein erstes Resümee
- Freilernen in Dänemark
FAQ: Wenn euer Kind in die Schule will
Ist es „Verrat“ am Freilernen, wenn ein Kind Schule ausprobieren möchte?
Ich empfinde es nicht als Verrat, sondern als Entscheidung eines Kindes, das neugierig ist. Für mich ist der schwierige Teil nicht das Ja zur Schule, sondern der Versuch, dabei in Beziehung zu bleiben, ohne das Kind zu instrumentalisieren.
Woran merke ich, ob mein Kind wirklich Schule will oder nur „dazugehören“ möchte?
Viele Wünsche bestehen aus mehreren Gründen. Mir hilft, nach konkreten Bildern zu fragen: Was genau freut dein Kind an Schule? Menschen, Rituale, Materialien, Geschichten? Je konkreter die Antwort, desto eher wird sichtbar, was gesucht wird.
Was, wenn ich Schule kritisch sehe, aber mein Kind trotzdem hingehen möchte?
Dann prallen zwei Wahrheiten aufeinander: eure Erfahrung und der Wunsch eures Kindes. Ich versuche, meine Kritik nicht als Urteil über das Kind zu formulieren, sondern als Sorge über Strukturen. Das nimmt Druck aus der Beziehung.
Wie spreche ich mit Lehrkräften, ohne sofort als „schwierig“ zu gelten?
Ich komme besser voran, wenn ich nicht mit einem Grundsatz starte, sondern mit einem konkreten Anliegen: Was braucht mein Kind, um würdevoll behandelt zu werden? Wo wünsche ich mir Transparenz? Das bleibt konfliktfähig, aber anschlussfähig.
Was ist, wenn in der Klasse öffentlich bewertet, beschämt oder bestraft wird?
Dann wird es für mich nicht mehr philosophisch, sondern praktisch. Ich suche das Gespräch, bleibe bei Beobachtungen und frage nach Alternativen. Ich will nicht warten, bis mein Kind gelernt hat, dass es sich an Demütigung gewöhnt.
Und wenn wir über Schulpflicht nachdenken?
Das Thema ist in Deutschland rechtlich heikel und stark vom Bundesland geprägt. Wenn ihr konkrete Schritte plant, holt euch bitte qualifizierte Beratung. Im Blog teilen wir Erfahrungen und Perspektiven, aber keine Rechtsberatung.
Was, wenn das Experiment scheitert?
Dann war es trotzdem ein echter Erkenntnisweg. Das Ziel ist nicht, „recht zu behalten“, sondern ein Umfeld zu finden, in dem euer Kind wachsen kann, ohne klein gemacht zu werden.
Buchtipps (Transparenz: Affiliate)
Wenn ihr euch ein paar Gedanken von außen holen möchtet, hier zwei Titel, die im Text schon mitschwingen. Beide bekommt ihr natürlich überall. Wenn ihr FreeYourFamily dabei unterstützen wollt, ist buch7 eine passende Alternative zu Amazon.
- André Stern: „Werde, was du warst: Manifest für eine Ökologie der Kindheit“
- Remo H. Largo: „Schülerjahre: Wie Kinder besser lernen“
Schülerjahre: Wie Kinder besser lernen*
In ein paar Wochen stimme ich mein „Hurra“ erneut an. Mal hören, ob es dann immer noch wie ein zittriger Leierkasten klingt.
In welchen Tönen könnt ihr als (frei-lernende) Eltern zu dem Thema pfeifen? Lasst es mich in den Kommentaren wissen.
Eure Evelin
Hilfe, mein Kind WILL in die Schule! von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.