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Es passierte zum ersten Mal auf einem Ökomarkt. Meine große Tochter war ein Kleinkind und hing süß und knuffig an meinem Rockzipfel. Die Babytochter hielt ich auf dem Arm. Von irgendwo tauchte eine Frau auf. „Das sind zwei ganz außergewöhnlich liebevolle Kinder, das sehe ich“, sprach sie mich an – und war schon wieder weg, bevor ich antworten konnte. Noch oft habe ich seitdem solche Momente erlebt. Nicht häufig aus dem eigenen Umfeld, aber zigmal von fremden Familien oder Menschen jedes Alters, besonders auf Reisen.
Was ich hier aufschreibe, ist kein Rezept und keine Anleitung. Zu viel Versuch und Irrtum steckt darin. Es ist ein Erfahrungsbericht nach zehn Jahren bedürfnisorientierter Begleitung.

Unerzogen unterwegs – nun schon mehr als zehn Jahre
Inhalte
- 1 Gutes Benehmen kommt mitunter von allein, wenn man nicht muss
- 2 Was mich an Erziehung stört und warum das meine Haltung ist
- 3 Beziehung statt Erziehung
- 4 Was diesen Weg von innen schwer macht
- 5 Was diesen Weg von außen schwer macht
- 6 Wenn Unerzogen scheitert
- 7 (Gewaltfrei) Reden ist Gold
- 8 Was geholfen hat (zwei konkrete Dinge)
- 9 Zehn Jahre – was ich mitnehme
Gutes Benehmen kommt mitunter von allein, wenn man nicht muss
Natürlich freue ich mich über solche Komplimente. Mein Grund für diesen Weg sind sie nicht. „Unerzogen“ ist für mich keine Methode, sondern eine Haltung.
Meine Kinder würde ich trotzdem nie als besonders höflich oder vorbildlich beschreiben. Sie sind ganz normal. Sie streiten, schreien und schubsen sich. Sie sind trotzig, widerspenstig und bringen meine Gedanken zur Weißglut. Ein andermal sind sie wieder furchtbar hilfsbereit, einfühlsam, freundlich. Unsere Zahnärztin hat das irgendwann auf den Punkt gebracht: „Zuhause können sie ihre Gefühle zeigen, und draußen wissen sie, wie sie sich höflich benehmen können. Genauso ist es doch perfekt!“

Kinder einfach Kinder sein zu lassen klappt besonders gut in der Natur

Pippi Langstrumpf und Herr Nilson
Was mich an Erziehung stört und warum das meine Haltung ist
Ich erinnere mich an eine Szene an der Supermarktkasse. Ein Kind, vielleicht vier Jahre alt, wollte etwas vom Regal greifen. Die Mutter: „Wenn du das anfasst, gibt es heute Abend kein Dessert.“ Das Kind zog die Hand zurück. Die Mutter nickte, zufrieden. Das Kind schaute auf den Boden.
Es ist eine alltägliche Szene, und mein Lesen dieses Blicks bleibt genau das: meine Interpretation. Erziehung – auch gut gemeinte, auch demokratisch gedachte – arbeitet für mich oft mit Konditionen, die Gehorsam erzeugen sollen. Mit Lob, das Abhängigkeit schafft. Mit Bewertungen, die das Kind zum Objekt machen.
Ich glaube, dass Kinder Menschen mit eigener Würde sind. Würde braucht keine pädagogische Genehmigung.

Ich lass‘ sie auf der Nase rumtanzen … äh rummalen
Beziehung statt Erziehung
Von Anfang an wollte ich Begleiterin sein, keine Erziehende. Jesper Juul nannte das den „Leitwolf“: Orientierung geben, aber nicht ziehen. Kein wissenschaftliches Konzept, aber ein brauchbares Bild.

Für Freundschaft statt Hierarchie in der Familie

Spaß haben, anstatt alles zu verbieten
Was diesen Weg von innen schwer macht
Die größte Schwierigkeit am Anfang war, Unerzogen nicht mit antiautoritärer Erziehung gleichzusetzen. Mit einem einzelnen kleinen Kind fiel mir das Nein-Sagen oft schwer. Ich wollte kein Gefühl von Ablehnung erzeugen und rutschte dabei manchmal ins Gegenteil ab: alles durchgehen lassen.
Mit jedem weiteren Kind wurde klarer, dass es nicht darum geht, einem Kind alles zu ermöglichen, sondern die Bedürfnisse aller unter einen Hut zu bringen. Auch meine eigenen.

Flexibel bleiben und Alternativen anbieten: die saubere Klobürste auf der Heizung wartet schon

Wenn du etwas nicht willst, darfst du Nein sagen, und die Emotionen dabei dürfen sein.
Was diesen Weg von außen schwer macht
Das Umfeld war und bleibt gemischt. Einigen sind wir zu extrem. Anti-Pädagogin, Veganerin, Unschoolerin: wer aus der Reihe tanzt, lädt zu Kommentaren ein. Nach über zehn Jahren lädt mich ein „Uns hat’s doch auch nicht geschadet“ nicht mehr zu Diskussionen ein. Sachliche Kritik nehme ich gerne an und denke darüber nach. An meiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber Erziehung als Konzept ändert das nichts.
Uns Eltern wie auch unseren Kindern fallen sofort die Menschen auf, die einen ähnlichen Umgang pflegen. Wer nicht erzieht, ist uns instinktiv sympathisch – ob Elternteil, Großmutter, Pädagogin oder Fremder auf der Parkbank.

Das Baby will malen und den Pinsel ablecken? Dann reichen wir ihm einen ungiftigen Naturfarbkasten.

Es lassen sich inzwischen ziemlich viele Leute finden, die mit Kindern einfach mal gelassen umgehen können.
Wenn Unerzogen scheitert
Wir hebeln unsere eigenen Vorsätze aus den Angeln, wenn es stressig wird. Jesper Juul sagte sinngemäß, dass engagierte Eltern jeden Tag viele kleine Fehler machen. Das war eine therapeutische Formel zur Entlastung, kein Forschungsbefund. Gemeint war: Reparatur zählt mehr als Perfektion.
Bei uns sind es unbedachte Sätze, die auch mal fies sein können. Die eigenen Kinder gleichwürdig zu behandeln, hängt besonders dann an einem seidenen Faden, wenn Besuch erwartet wird, persönliche Schwierigkeiten an uns zehren oder eine verletzende Aussage hängen geblieben ist.
Wer mehr darüber lesen will, wie man nach Verletzungen und unguten Dynamiken wieder in Beziehung kommt, findet dazu auch Gedanken im Blogpost Das Geschenk, durch das dir deine Kinder verzeihen.

Freie Kinder probieren sich gerne aus, auch mit dem Staubsauger
(Gewaltfrei) Reden ist Gold
Für mich ist Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg das wichtigste Werkzeug für ein friedliches Unerzogen. Ich kenne Familien, die das zuhause konsequent leben – manchmal mit pädagogischer Ausbildung im Hintergrund, manchmal ohne. Voraussetzung ist es nicht. Es ist vor allem Übung und Wiederholung, auch wenn beides bei uns immer wieder in Vergessenheit gerät.

Unerzogen heißt nicht, dass es keine Grenzen gibt. Es kommt darauf an, wie wir sie setzen.
Was geholfen hat (zwei konkrete Dinge)
Erstens: Wenn Kommentare aus dem Umfeld mich belastet haben, habe ich mir bewusst gemacht, dass diese Menschen eine andere Geschichte mitbringen. Meine Schwiegermutter prahlte manchmal damit, wie geordnet es bei ihr früher zuging. Klar kann man sich darüber ärgern, und das ist wahrscheinlich auch oft das Ziel. Aber wenn ich mir vorstelle, was hinter einer solchen Ordnung gestanden haben muss, wird mir die Aussage weniger schwer.
Zweitens, und das war das Wichtigere: Ich habe mir eine Tageszeit festgelegt, in der ich definitiv sein konnte, wie ich es mir vorstelle.
Ich selbst muss seit Stunden pinkeln und will mir endlich die Babyspucke vom Hals waschen. Die Größeren streiten gefühlt schon den halben Tag wegen eines im Chaos verschwundenen Spielzeugs. Das schmutzige Geschirr findet den Weg nicht von selbst in die Spüle. Das Baby ist müde. Alle haben Hunger. Dass man unter solchen Bedingungen die Erziehungskeule schwingt, ist wahrscheinlicher als an einem ruhigen Nachmittag.
Meinen Anker legte ich in die Abendstunden. Mir war es immer wichtig, dass die Kinder ohne Kummer einschlafen dürfen. Das Zubettgehen wurde bei uns zu einer Zeit, die friedlich war: kein Drohen, kein Schimpfen, kein Antreiben, kein Alleinlassen. Stattdessen: Helfen beim Umziehen, kuscheln, vorlesen, singen, ein ruhiger Gute-Nacht-Moment für alle. Diese Verlässlichkeit haben die Geschwisterkinder schnell verinnerlicht.

Ohne Angst einschlafen dürfen funktioniert sogar im Koffer

In der guten Stube spielen, 11 Uhr noch im Schlafanzug, ungekämmte Haare: Das hätte es früher nicht gegeben 😉

In einer spiegelglatten Wohnung in Albanien haben die „unerzogenen Gören“ das Schlittschuhlaufen neu erfunden
Zehn Jahre – was ich mitnehme
Ich bereue diese Entscheidung nicht. Es gab Situationen, in denen ich von meinen Idealen weggeglitten bin, meistens dann, wenn eigener Stress und alte Reflexe aus der eigenen Kindheit zusammenkamen. Das ist keine Entschuldigung, aber eine Erklärung: Wer selbst erzogen wurde, trägt diese Muster mit. Sie wieder zu erkennen, ist ein Teil der Arbeit.
Ich bemerke das bei mir zum Beispiel daran, wie schwer mir das Weinen kleiner Kinder fällt – auch das Weinen fremder Babys. Ob das mit meiner eigenen frühen Geschichte zusammenhängt, ob es schlicht Empathie ist oder beides, weiß ich nicht. Eine Frage, die ich mir stelle, keine Antwort. Aber ich finde es lohnenswert, diese Fragen nicht wegzuschieben: Was lief in meiner Kindheit schief? Was möchte ich anders machen? Diese Reflexion gehört für mich zum Weg.
Ich freue mich auf die nächsten Jahre mit unseren vier Kindern und allen Höhen und Tiefen, die noch kommen.

Unser Hund ist auch so unerzogen ganz nett
… und unerzogene Hunde. 🙂
Ciao Kakao, eure Evelin

Zehn Jahre ohne Kindererziehung: Was bedürfnisorientierte Begleitung für uns bedeutet von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.