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Aktualisiert am: 11.08.2026
Ich gebe in diesem Vlog erneut einen Einblick in unseren Alltag und spreche unter anderem über Rücksichtnahme, Grenzen und Geduld in der Familie.
Ein ganz normaler Tag mit Kindern
Der Tag beginnt bei uns gegen sieben oder halb acht. Der Jüngste ist schon wach und spielt noch im Bett, während wir langsam in den Morgen finden. Später wird vorgelesen, irgendwer sucht einen Löffel, wir schauen uns einen Wurm an und pflücken Rapunzel für den Salat. Mittags zieht ein Gewitter auf. Es wird gekocht, gegessen, geredet und nebenbei läuft eben das, was in einer Familie mit mehreren Kindern immer mitläuft.
Genau das mag ich an solchen Vlogs. Zwischen Essen, Wäsche, Kindern, Küche und Müdigkeit entstehen die Gespräche einfach unterwegs. Ihr seht den Alltag, aus dem sie kommen.
Und mitten in diesem Durcheinander landen wir bei einer Frage, die uns rund um „Unerzogen“ immer wieder begegnet ist: Wie funktioniert Familie, wenn Kinder viel mitentscheiden und Erwachsene auf klassische Erziehung verzichten?
Rücksichtnahme gehört für uns zu Unerzogen dazu
Im Vlog spreche ich über den Vorwurf, Kinder könnten durch Unerzogen rücksichtslos oder arrogant werden. Ich erlebe unseren Familienalltag anders. Unsere Mädels helfen zum Beispiel mit, weil sie das möchten. Gleichzeitig erleben alle bei uns, dass mehrere Menschen mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Grenzen zusammenleben.
„Meiner Meinung nach funktioniert unsere Familie nur, weil alle ein bisschen Rücksicht aufeinander nehmen und nicht, weil alle ihr Ding durchziehen.“
Dieser Satz aus dem Video trifft ziemlich genau, was ich meine. Rücksichtnahme bedeutet für mich, die anderen mitzudenken. Manchmal möchte ein Kind etwas sofort, während ich gerade das Baby halte. Manchmal braucht jemand Ruhe. Manchmal brauche ich selbst eine Pause oder möchte einfach in Ruhe am Tisch sitzen und essen.
Familie besteht für mich aus solchen kleinen Abstimmungen. Kinder erleben dabei, dass ihre Wünsche wichtig sind. Gleichzeitig erleben sie andere Menschen, deren Wünsche und Kräfte ebenfalls zählen. Rücksichtnahme entsteht dann mitten im Alltag: beim Essen, beim Spielen, wenn jemand schläft oder wenn mehrere gleichzeitig etwas brauchen.
Auch der Jüngste gehört für mich von Anfang an dazu. Im Video gibt es eine Szene mit einer lauten Küchenmaschine. Mir ist wichtig, ihm vorher zu sagen, was gleich passiert. Vielleicht versteht ein Baby die Wörter noch anders als ein älteres Kind. Trotzdem erlebt es Stimme, Tonfall, Berührung und das, was anschließend geschieht. Für mich ist diese Ansprache deshalb eine Form von Respekt: Ich beziehe den kleinen Menschen in das ein, was mit ihm und um ihn herum passiert.
Auch Mama hat Grenzen
Ihr hattet mich gefragt, ob ich immer so ruhig bin. Nein, bin ich nicht. Ich werde auch mal laut und sage deutlich, wenn mir etwas zu viel wird oder wenn ich etwas anders möchte.
Eine typische Situation im Video: Das Baby schläft, die größeren Kinder sind am Tisch lebhaft und ich merke, wie meine Geduld dünner wird. Ich möchte dem Baby den Schlaf ermöglichen. Gleichzeitig möchte ich selbst mit am Tisch sitzen, essen und Teil der Runde sein. Genau an solchen Kleinigkeiten merkt man, wie viele Bedürfnisse in einer Familie gleichzeitig da sind.
Wenn meine Kraft für einen Wunsch gerade nicht reicht, sage ich das. Ich erkläre möglichst, warum etwas für mich gerade schwierig ist und was ich stattdessen anbieten kann. Ich bin eben auch ein Mensch mit eigener Kraft und eigenen Grenzen.
Für unseren Familienalltag hilft mir dabei eine Unterscheidung. Eine persönliche Grenze betrifft zum Beispiel meinen Körper, meine Kraft oder etwas, das mir gehört. Eine Absprache brauchen wir dort, wo mehrere Menschen etwas Unterschiedliches wollen. Und wenn eine Situation für ein Kind gefährlich werden kann, trage ich als Erwachsene die Verantwortung, sie einzuschätzen und entsprechend zu handeln.
Diese Unterschiede klingen theoretisch. Im Alltag sind sie ziemlich praktisch. Wenn mir beim Essen das Getobe zu viel wird, kann ich sagen, was mich gerade belastet. Wenn zwei Kinder dasselbe Spielzeug möchten, betrifft der Konflikt mehrere Menschen. Und wenn ein kleines Kind auf eine Straße laufen würde, liegt die Entscheidung bei den Erwachsenen. Das alles unter „Grenzen setzen“ zusammenzufassen, macht es für mich eher schwieriger zu verstehen, was gerade eigentlich passiert.
Wo ich als Erwachsene Verantwortung übernehme
Im Video spreche ich auch darüber, dass ich als nicht-erziehende Mama manche Entscheidungen selbst treffe. Ein Beispiel ist das Essen. Mir ist sehr wichtig, unseren Kindern zu zeigen, was wir selbst gern essen und backen und welche Alternativen wir zu stark gezuckerten Süßigkeiten nutzen.
Unsere Große beschäftigt sich inzwischen selbst damit. Sie überlegt bei Rezepten, wie sie sich veganisieren lassen und was sich beim Backen anstelle von Zucker verwenden lässt. Solche Gedanken freuen mich, weil sie zeigen, dass sie sich mit dem beschäftigt, was wir ihr vorleben, und ihre eigenen Ideen daraus entwickelt.
Bei manchen Fragen reicht der Überblick eines jungen Kindes noch nicht für dieselbe Verantwortung, die Erwachsene tragen können. Dann treffe ich eine Entscheidung und erkläre meine Gründe. Mit wachsender Erfahrung verändert sich auch dieser Entscheidungsspielraum.
Das ist für mich ein wichtiger Teil des Zusammenlebens mit Kindern: Ihre Perspektive zählt schon jetzt. Gleichzeitig tragen Erwachsene aufgrund ihrer Erfahrung und ihrer größeren Handlungsmöglichkeiten mehr Verantwortung für Schutz und Rahmenbedingungen. Beides kommt im Familienalltag immer wieder zusammen.
Warum mir Erklären wichtig ist
Ich erkläre unseren Kindern viel. Manchmal wahrscheinlich auch zu viel. Im Vlog hört man mich reden und reden, bis ich irgendwann selbst feststelle, dass ich jetzt schon wieder viel mehr erzählt habe als geplant.
Trotzdem ist mir das Warum wichtig. Wenn ich einen Wunsch gerade nicht erfüllen kann, möchte ich sagen, woran es liegt. Wenn ich eine Entscheidung für die Kinder treffe, sollen sie meine Gründe kennen. Bei unmittelbarer Gefahr handle ich zuerst; die Erklärung kann direkt danach kommen.
Kinder können Entscheidungen dadurch besser einordnen. Sie erfahren, worum es dem anderen Menschen geht und welche Interessen gerade zusammentreffen. Eine Erklärung macht eine Enttäuschung natürlich nicht automatisch angenehm. Ein Kind darf trotzdem wütend oder traurig sein.
Dasselbe gilt für uns Erwachsene. Ich kann eine Entscheidung für richtig halten und gleichzeitig verstehen, dass mein Kind sie gerade richtig blöd findet.
Und wenn die Geduld weg ist?
Auch ein beziehungsorientierter Familienalltag wird nicht dadurch friedlich, dass Eltern jeden Satz mit ruhiger Stimme sagen. Bei uns gibt es Müdigkeit, Überforderung und Situationen, in denen ich lauter werde, als ich eigentlich möchte.
Für mich wird dann wichtig, was anschließend passiert. Ich kann benennen, dass ich laut geworden bin, meinen Anteil übernehmen und wieder Kontakt suchen. Dabei trägt das Kind keine Verantwortung dafür, meine Stimmung zu reparieren.
Gerade als Eltern geraten wir schnell in die Vorstellung, wir müssten Konflikte irgendwann so gut beherrschen, dass sie kaum noch vorkommen. Unser Alltag sieht anders aus. Beziehung zeigt sich für mich auch darin, wie wir nach einem schwierigen Moment wieder zueinanderfinden.
Was die Forschung zu Autonomie, Kontrolle und Verhalten zeigt
Forschung kann solche Alltagssituationen einordnen, aber sie kann uns die einzelne Entscheidung am Küchentisch nicht abnehmen. Studien fassen viele Familien, Situationen und Erziehungspraktiken zusammen. Ihre Ergebnisse beschreiben daher Durchschnittszusammenhänge.
Martin Pinquart wertete 2017 insgesamt 1.435 Studien zu Erziehungsdimensionen und externalisierenden Problemen bei Kindern und Jugendlichen aus. Mit „externalisierend“ meint die Forschung Verhaltensweisen, die sich stärker nach außen richten, etwa aggressives oder oppositionelles Verhalten. Elterliche Wärme, Verhaltenskontrolle, Autonomiegewährung und ein autoritativer Erziehungsstil hingen in der Meta-Analyse sehr klein bis klein mit weniger externalisierenden Problemen zusammen. Harte und psychologische Kontrolle hingen mit mehr solchen Problemen zusammen. Für einige Zusammenhänge fand Pinquart außerdem Hinweise darauf, dass Eltern und Kinder sich gegenseitig beeinflussen. [1]
Für mich ist dabei wichtig, die Begriffe sauber auseinanderzuhalten. Eine persönliche Grenze wie „Ich möchte gerade nicht angefasst werden“ ist etwas anderes als psychologische Kontrolle. Ebenso bedeutet Autonomieunterstützung nicht, einem Kind jede Entscheidung zu überlassen. Eltern können Wahlmöglichkeiten schaffen, Gründe erklären und die Sicht ihres Kindes ernst nehmen und trotzdem Verantwortung übernehmen.
Eine weitere Meta-Analyse von Emma Bradshaw und Kolleg:innen aus dem Jahr 2025 fasste 238 Untersuchungen mit insgesamt 126.423 Teilnehmenden zusammen. Autonomieunterstützendes Verhalten der Eltern hing dort mit mehr Wohlbefinden zusammen, psychologische Kontrolle mit mehr Belastung. Die Autor:innen fanden diese grundlegenden Zusammenhänge über verschiedene Regionen, Altersphasen und Geschlechter hinweg. Auch diese Ergebnisse beschreiben Mittelwerte aus vielen Untersuchungen und sagen nicht voraus, wie sich eine einzelne Situation in einer einzelnen Familie entwickelt. [2]
Für unseren Alltag nehme ich daraus vor allem eine Orientierung mit: Kinder können Einfluss auf ihr eigenes Leben haben und gleichzeitig Erwachsene erleben, die ihren eigenen Standpunkt vertreten. Erwachsene wiederum können Verantwortung übernehmen, ohne die Perspektive des Kindes aus dem Blick zu verlieren.
Was bedeutet „Unerzogen“ für euch im Alltag?
Für uns heißt Unerzogen vor allem, auf klassische Erziehungsabsicht sowie Belohnung und Strafe als Mittel zur Verhaltenssteuerung zu verzichten und unsere Kinder als eigenständige Menschen ernst zu nehmen.
Damit verschwindet der normale Familienalltag natürlich nicht. Mehrere Menschen teilen Räume, Zeit und Dinge. Sie sind müde, hungrig, laut oder gerade völlig begeistert von einer Idee. Deshalb gibt es bei uns Absprachen, Entscheidungen und Situationen, in denen Wünsche warten müssen.
Wie setzt du persönliche Grenzen?
Ich versuche möglichst zu sagen, was bei mir passiert. Vielleicht brauche ich Ruhe, möchte gerade nicht angefasst werden oder habe schlicht keine Kraft mehr für einen weiteren Wunsch.
Das hilft mir auch sprachlich. „Ich brauche gerade Ruhe“ beschreibt etwas über mich. Bei einem Konflikt zwischen mehreren Menschen schauen wir dagegen, welche Interessen zusammenkommen und welche Lösung gerade möglich ist.
Was passiert, wenn du laut wirst?
Dann war ich laut. Mir ist wichtig, dafür die Verantwortung zu übernehmen und später wieder ins Gespräch zu kommen.
Ich kann erklären, was mich überfordert hat. Die Verantwortung für meine Reaktion bleibt dabei bei mir. Mein Kind darf gleichzeitig erzählen oder zeigen, wie es die Situation erlebt hat.
Wie funktioniert Fairness mit mehreren Kindern?
Fairness bedeutet bei uns selten, dass alle zur selben Zeit dasselbe bekommen. Ein Baby braucht vielleicht gerade Schlaf und Nähe, während ein älteres Kind unbedingt etwas erzählen möchte. Ein anderes möchte mit mir spielen.
Dann schauen wir, was gerade möglich ist und wessen Anliegen warten kann. Manchmal findet sich eine Lösung, mit der alle gut leben können. Manchmal ist jemand enttäuscht. Auch das gehört dazu.
Wer entscheidet bei Essen oder Sicherheit?
Bei Fragen, deren Folgen unsere Kinder aufgrund ihres Alters und ihrer Erfahrung noch nicht ausreichend einschätzen können, übernehme ich mehr Verantwortung. Ich möchte meine Gründe dabei verständlich machen und innerhalb dieses Rahmens möglichst viel eigenen Entscheidungsspielraum lassen.
Wie groß dieser Spielraum ist, verändert sich mit dem Kind und mit der jeweiligen Situation. Eine Entscheidung über eine unmittelbare Gefahr ist etwas anderes als die Frage, welche Kleidung jemand tragen oder welche Marmelade auf den Kuchen soll.
Am Ende bleibt ein ziemlich normaler Familienabend
Irgendwann ist es Abend. Ein Kind geht vielleicht mit ungeputzten Zähnen ins Bett, das Baby wird noch einmal wach, jemand schläft auf dem Spielsofa ein und irgendwo finden noch Gespräche über Gartenhäuser statt.
Auch das gehört zu diesem Vlog. Unser Familienleben besteht aus vielen kleinen Situationen, in denen wir versuchen, miteinander klarzukommen. Wir hören einander zu, verlieren die Geduld, erklären, verhandeln, entscheiden und probieren es beim nächsten Mal wieder.
Und manchmal verschlafe ich dabei einfach meinen Feierabend.
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- Kinder anschreien: Unsere Alternativen zur Gewalt
- Konflikte, Kritik und gewaltfreie Kommunikation: Fragen und Antworten
- Zweifel am Familienbett: Wenn Bedürfnisse zusammentreffen
- Windelfrei, vegan, unerzogen und kindergartenfrei: ein Vlog aus unserem Alltag
- Ehekrach und Beziehungstipps: Wenn es in der Familie knirscht
Quellen
[1] Pinquart, M. (2017). Associations of parenting dimensions and styles with externalizing problems of children and adolescents: An updated meta-analysis. Developmental Psychology, 53(5), 873–932. DOI: 10.1037/dev0000295. Fundstelle für die hier verwendeten Aussagen: Abstract.
[2] Bradshaw, E. L., Duineveld, J. J., Conigrave, J. H., Steward, B. A., Ferber, K. A., Joussemet, M., Parker, P. D., & Ryan, R. M. (2025). Disentangling autonomy-supportive and psychologically controlling parenting: A meta-analysis of self-determination theory’s dual process model across cultures. American Psychologist, 80(6), 879–895. DOI: 10.1037/amp0001389. Fundstelle für die hier verwendeten Aussagen: Abstract.
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