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Liebe Mitmenschen,
würde euch die Einladung zu einer Menstruationsparty (bitte im roten Kostüm erscheinen) peinlich berühren?
Auf den Begriff Periodenparty stieß ich erstmals auf einem Instagramaccount. Ein oder mehrere feengleiche Mädchen wurden in atemberaubenden Fotos während Kreistänzen abgebildet. Alles war perfekt: Räucherstäbchen, Singkreise, lange Kleider und natürlich mitten in einer wilden Wiese auf einer versteckten Waldlichtung. Die Bilder versprühten ungelogen einen Reiz, andererseits dachte ich: Diese „Aufnahme“ in Frauenkreise wünscht sich nicht jede.
Was Mädchen bei der ersten Menstruation brauchen, ist nicht zuerst ein Ritual, sondern Sprache – und zwar die, die bereits vor diesem Moment vorhanden war.
Da ist ein Kind. Vielleicht elf, vielleicht dreizehn. Es sitzt auf dem Schulklo oder im Badezimmer zu Hause und hat gerade zum ersten Mal Blut in der Unterhose entdeckt. Medizinisch ist das meistens unspektakulär. Was danach passiert, hängt jedoch von etwas ganz anderem ab: davon, wie in seinem Umfeld bisher über Menstruation gesprochen wurde. Oder ob überhaupt.
Eine „rote Party“ kann leicht übergriffig werden. Roten Kuchen backen, Girlanden aufhängen, die Verwandtschaft informieren: Lieber nicht, oder?

Zwischen Tabu und Inszenierung: Nicht jede Form von „Feier“ passt zu jedem Kind. Symbolische Darstellung (KI-generiert)
Dabei kann eine Periodenparty vieles sein. Ein ruhiges Gespräch. Ein kleiner Brief. Ein gemeinsamer Cafébesuch. Ein Geschenk. Ein bewusster Moment am Küchentisch. Vielleicht auch eine kleine Feier – für wen das passt. Der Begriff klingt größer, als er sein muss.
Inhalte
Warum die erste Menstruation mehr als nur ein biologischer Vorgang ist
Übergänge brauchen Sprache. Fast jede Familie begleitet den ersten Schultag ihres Kindes mit irgendetwas: das Foto vor der Schultür, das dreißig Jahre später noch im Fotoalbum liegt. Den Zahnwechsel. Einen Umzug. Warum bei der ersten Menstruation plötzlich die höflichste Form der Begleitung darin bestehen soll, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erzeugen, ist eine kulturelle Kuriosität, die man ruhig beim Namen nennen darf: Schweigen als eingeübte Scham.
WHO und UNICEF beschreiben Menstruation ausdrücklich nicht als Hygienefrage. Es ist ein Gesundheits-, Bildungs- und Menschenrechtsthema. Das klingt groß. Doch viele Jugendliche sind schlecht auf ihre erste Periode vorbereitet.
Die qualitative Forschung beschreibt immer wieder ein ähnliches Muster: Angst, Verwirrung, vage Hinweise oder gar keine Aufklärung, die zudem oft verspätet erfolgt. Das ist offenbar kein Einzelfall.
Und das hat Folgen: Schlechte Vorbereitung und Scham stehen laut mehreren Studien in Zusammenhang mit psychischer Belastung und schulischen Problemen, auch wenn sich die Kausalität im Einzelfall nur schwer nachweisen lässt. Ich halte es trotzdem für wichtig, diese Befunde nicht wegzudiskutieren. Es ist nicht so, dass jede Studie dasselbe sagt. Aber das Muster ist konsistent genug, um ernst genommen zu werden.
Was Jugendliche bei der ersten Menstruation wirklich brauchen
Was daraus folgt, ist zunächst nichts Spektakuläres: Miteinander reden. Bücher ins Regal stellen, bevor jemand fragt. Periodenprodukte offen liegen lassen statt versteckt. Und dass Väter, Brüder und andere Bezugspersonen nicht so tun, als gehe sie das alles nichts an – denn auch das ist eine Botschaft, die ohne Worte ankommt. Wenn ihr euch fragt, welche Menstruationsprodukte für Teenager im Alltag wirklich passen, findet ihr dazu hier unsere ausführliche Orientierung.
Sprache sortiert Würde. Das klingt nach Feuilleton, ist aber einfach wahr.
Hier lohnt es sich, die Ebenen sauber auseinanderzuhalten. Was wir wissen: Jugendliche, die sich vor der Menarche schlecht vorbereitet fühlen, berichten häufiger von Angst und Scham. Naheliegend ist, dass Familien, die klar und unaufgeregt über den Körper sprechen, diesen Übergang vermutlich erleichtern. Was wir nicht wissen, ist, ob ein konkretes Ritual das Leben des jungen Menschen verbessert. Das hängt von ihm ab.

Was Kinder bei der ersten Periode brauchen, ist oft kein großes Ritual, sondern ein ruhiges, vertrauensvolles Gespräch. Symbolische Darstellung (KI-generiert)
Warum Menstruation auch politisch ist
Hier beginnt für mich die politische Ebene. Sie fängt nicht im Parlament an. Sie beginnt in der Schultasche, in der ein Kind schnell nach einer Binde sucht und sie ebenso schnell wieder wegsteckt, bevor jemand es sieht. Sie beginnt im Schrank des Badezimmers. Man erkennt sie daran, ob Periodenprodukte offen liegen oder versteckt werden. Daran, ob Schmerzen ernst genommen werden oder als lästige Eigenart weiblich gelesener Körper abgetan werden.
Auch das ist keine Kleinigkeit. Viele Jugendliche haben starke Menstruationsschmerzen – und werden damit nicht ernst genommen. Weder zuhause noch beim Arzt. Dabei sind Schmerzen, die den Alltag einschränken, keine Ausnahme, sondern ein häufiges Bild: Schule und Sport fallen aus, und trotzdem gelten die Beschwerden oft als bloße Befindlichkeit statt als etwas, das eine Behandlung verdient. Ein großes Review und ein aktueller medizinischer Debattenbeitrag beschreiben genau dieses Problem: Schmerzen werden verharmlost, spät oder gar nicht behandelt. Wer über Menstruation spricht, spricht deshalb nie nur über Blut. Es geht auch darum, welche Körper öffentlich erklärbar sind und welche lieber diskret verschwinden sollen.
Würdigung? Ja. Neue Norm: nein.
Genau deshalb wäre mein schärfster Satz zu diesem Thema nicht: „Macht eine Periodenparty.“ Er wäre: „Schafft keine zweite Norm, wo ihr gerade eine alte abbaut.“
Wer das Tabu durch eine Pflicht zur performativen Lockerheit ersetzt, hat das Ziel verfehlt. Manche Kinder wollen feiern. Manche wollen ein Gespräch. Manche wollen eine Wärmflasche und Ruhe. Manche wollen alles davon – nur bitte nicht mit Tanten, Nachbarinnen und Konfetti.
Nicht jede erste Menstruation fühlt sich bedeutungsvoll an. Nicht jeder Mensch, der menstruiert, ist ein Mädchen. Manche Teenager zucken mit den Schultern. Manche erschrecken sich. Manche finden den Moment berührend. Ein guter Umgang lässt all das zu und schreibt keine Gefühle vor.
Eine Würdigung ist dann sinnvoll, wenn sie kein Konzept über ein Kind stülpt, sondern einen Menschen in seiner Situation ernst nimmt. Im besten Fall vermittelt sie: Dein Körper ist nicht falsch. Du musst dich nicht verstecken. Und wir reden darüber so, wie wir über andere wichtige Dinge auch reden.
Das reicht meistens schon weiter, als man denkt. In meinem nächsten Blogartikel gehe ich ganz konkret darauf ein und ihr erfahrt, wie wir als Eltern von vier Kindern die Menstruation feiern. Und wenn ihr wissen möchtet, welche nachhaltigen Menstruationsprodukte für Teenager wirklich sinnvoll sind, findet ihr hier unseren ausführlichen Überblick.
Mit gutem Mut und gutem Blut 😉
Eure Evelin
Quellen und Leseempfehlungen
World Health Organization (2022): WHO statement on menstrual health and rights
UNICEF (2019): Guidance on Menstrual Health and Hygiene
Chrisler, J. C. et al. (2022): Coming of age: a qualitative study of adolescent girls’ experiences with menarche
Iacovides, S. et al. (2015): What we know about primary dysmenorrhea today: a critical review. Human Reproduction Update, 21(6), 762–778.
Munro, C. & Grover, S. (2024): Ending the neglect of menstrual pain in adolescents is the key to improving outcomes for people with persistent pelvic pain. Medical Journal of Australia, 220(9), 459–460.
Periodenparty zur ersten Menstruation: Warum Würdigung statt Tabu zählt von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.