Lesezeit: 9 Minuten

Aktualisiert am: 11.08.2026

Ich reagiere auf eure Schmeicheleien und stelle euch meine Zahnspange vor.

Video: Ihr knackigen Überredungskünstler:innen

Warum es dieses Video überhaupt gibt

Eigentlich wollte ich gerade weniger „klassische“ Videos machen. Dann kam von euch so viel liebevoller Protest, dass ich am Ende doch wieder vor der Kamera saß. Ihr seid ziemlich überzeugend, das muss ich euch lassen.

Meine Zahnspange als Erwachsene: Milchzahn, Eckzahn und Gaumenbügel

Der kleine Milchzahn und der Eckzahn, der sich Zeit ließ

Ihr seht hier vorne noch diesen kleinen Milchzahn, den einige von euch offenbar ziemlich niedlich finden. Ihr habt ja recht. Er gehört nur leider zu einer etwas größeren Baustelle in meinem Kiefer: Der bleibende Eckzahn ist über viele Jahre nicht regulär in die Zahnreihe durchgebrochen.

Der Milchzahn ist im Moment noch da, weil die Zahnspange erst eine bestimmte Drahtstärke braucht, bevor mein Eckzahn daran befestigt und Stück für Stück an seinen Platz gezogen werden kann. So wurde es für meine Behandlung geplant.

Ich erzähle euch hier von meiner eigenen Situation. Bei einem impaktierten oder verlagerten Eckzahn hängen Diagnostik und Behandlung unter anderem davon ab, wo der Zahn liegt, wie es rundherum aussieht und welches Behandlungsziel verfolgt wird. [1]

Gaumenbügel: das Ding, das man beim Sprechen hört

Oben im Gaumen sitzt bei mir außerdem ein Bügel. Den hört ihr im Video wahrscheinlich sogar ein bisschen. Bei meiner Behandlung gehört er zur Verankerung: Während am Eckzahn gezogen wird, braucht es an anderer Stelle genügend Gegenhalt. Für solche Behandlungen gibt es verschiedene Möglichkeiten der Verankerung; welche davon passt, richtet sich nach der jeweiligen Planung. [1]

Für mich im Alltag bedeutet das vor allem: Meine Zunge weiß sehr genau, dass dieses Ding da ist. Und meine Aussprache weiß es inzwischen auch.

Wie gut sich ein verlagerter Eckzahn bewegen lässt, hängt außerdem mit seiner Ausgangsposition zusammen. Eine systematische Übersichtsarbeit von Grisar et al. hat genau diesen Zusammenhang untersucht. Die Autor:innen bewerteten die Sicherheit der Evidenz für die untersuchten Ergebnisse allerdings als sehr niedrig. Aus der Lage des Zahns lassen sich deshalb Hinweise ableiten, aber keine sichere Vorhersage für den einzelnen Menschen. [2]

„Perfekt“ wirkt steril – und trotzdem lasse ich meine Zähne behandeln

Einige von euch haben geschrieben, ich könne meine Zähne doch einfach so lassen. Ein ganz perfektes Gebiss könne schließlich auch ziemlich steril wirken. Eine von euch erzählte von einer Freundin, deren Lächeln nach der Behandlung plötzlich ganz anders aussah als vorher.

Ich verstehe den Gedanken gut. Ich mag Gesichter mit Eigenheiten. Und ich glaube auch nicht, dass ich hinterher mit einem völlig gleichförmigen Bilderbuchgebiss herumlaufen werde. Im Unterkiefer habe ich nämlich ebenfalls noch einen Milchzahn und einen bleibenden Zahn, der nicht hochgekommen ist. Auch sonst stehen meine unteren Zähne nicht alle wie mit dem Lineal gezogen.

Bei mir geht es außerdem um die Situation im Oberkiefer. Ich möchte dort weder zwei Zähne hintereinander haben noch am Ende eine Lücke. Und ja: Natürlich spielt auch Eitelkeit eine Rolle. Mir war schon immer wichtig, dass meine Zähne gesund sind und ich mich mit ihnen wohlfühle.

Wie die Zähne anderer Menschen aussehen, ist mir dagegen ziemlich pupsigal. Zahnlücke, fehlender Zahn, schiefer Zahn – für mich sagt das nichts darüber aus, was für ein Mensch vor mir steht. Mir ist viel wichtiger, wie jemand mit anderen umgeht. Meine Entscheidung für meine eigenen Zähne ist deshalb genau das: eine Entscheidung über meinen eigenen Körper.

Schmerz, Sprechen und der etwas seltsame Schimpf-Filter

Als ich das Video aufgenommen habe, trug ich die Zahnspange seit ungefähr anderthalb Wochen. Der Schmerz war da bei mir schon vorbei. Wie lange so etwas unangenehm ist, kann bei anderen Menschen natürlich anders aussehen.

Das Sprechen war noch eine ganz andere Geschichte. Manche Laute wollten einfach nicht so sauber aus meinem Mund kommen, wie ich das gewohnt war. Ich musste tatsächlich üben.

Und dabei habe ich einen ziemlich lustigen Nebeneffekt entdeckt. Wenn ich mit den Mädchen in so einen Schimpfintervall gerate, lauter werde und eigentlich gerade sehr ernst klingen möchte, macht mir die Zahnspange einen Strich durch die Rechnung. Es klingt so komisch, dass mich kaum jemand ernst nehmen kann. Mich selbst eingeschlossen.

Die Zahnspange hat damit zumindest in dieser ersten Zeit ganz nebenbei dazu beigetragen, dass ich weniger meckere und schimpfe. Pädagogisches Konzept war das sicher keines. Funktioniert hat es bei mir trotzdem erstaunlich gut.

Ein Tag „mädchenfrei“ und plötzlich ganz viel Ruhe

Während ich das Video drehte, war Patrick mit den beiden Mädchen bei seinen Eltern. Der Kleine war bei mir und schlief gerade. Für eines der Mädchen war es das erste Mal, dass sie allein mit Papa über Nacht weggefahren war. Das fühlte sich für mich zunächst ziemlich komisch an.

Ich hatte mir ausgemalt, wie viel ich in dieser Zeit für das Blog schaffen könnte. Schreiben, Dinge abarbeiten, ganz in Ruhe produktiv sein. Tatsächlich wurde es am Ende hauptsächlich ein bisschen Arbeit in der Küche.

Genossen habe ich die Zeit trotzdem. Mit nur einem kleinen schlafenden Menschen im Haus war es plötzlich ungewohnt still. Ein ganzer Tag ohne den üblichen Lärm mit den Mädchen fühlt sich eben anders an. Und es war schön, diese Ruhe einmal wahrzunehmen, ohne daraus gleich ein großes Familienkonzept machen zu müssen.

Passend dazu hatten wir einmal die Frage beantwortet, was wir eigentlich machen, wenn wir kinderfrei haben. Ganz kinderfrei war ich an diesem Tag zwar nicht – aber immerhin mädchenfrei. Mehr dazu findet ihr in unserem Q&A zu Date Nights, Auswandern, viertem Kind und freiem Lernen.

Wie es mit den Videos weiterging

Im Video erzähle ich auch, wie ich mir die nächste Zeit vorgestellt habe. Vielleicht Videos, bei denen ich nur im Hintergrund spreche. Vielleicht kleine Alltagsfilme. Vielleicht auch Entspannungsreisen.

Bei den Entspannungsreisen steckt allerdings noch ein bisschen Arbeit davor. Ich möchte dafür eigene Texte schreiben, denn irgendwelche fremden Texte kann ich aus urheberrechtlichen Gründen nicht einfach vorlesen. Und mit der Zahnspange musste ich ohnehin erst einmal wieder so sprechen lernen, dass die Wörter halbwegs dort herauskommen, wo ich sie haben möchte.

Die Gedanken dazu gehörten zu einer größeren Veränderung unserer damaligen Videoformate. Den Hintergrund findet ihr in Kein Facebook und keine Videos mehr.

FAQ: Zahnspange als Erwachsene und verlagerter Eckzahn

Warum hast du als Erwachsene eine Zahnspange?

Bei mir steckt vor allem der bleibende Eckzahn dahinter, der nicht regulär in die Zahnreihe durchgebrochen ist. Ohne Behandlung würden die Zähne bei mir so liegen, dass ich damit nicht zufrieden wäre. Dazu kommt mein eigenes Körpergefühl: Ich möchte mich mit meinen Zähnen wohlfühlen.

Warum ist der Milchzahn noch da?

Bei meiner Behandlung bleibt der kleine Milchzahn vorerst an seinem Platz. Die Zahnspange braucht zunächst die passende Drahtstärke, damit der bleibende Eckzahn befestigt und anschließend in die geplante Position bewegt werden kann.

Was bedeutet ein verlagerter oder impaktierter Eckzahn?

Damit ist ein bleibender Eckzahn gemeint, der seinen vorgesehenen Platz in der Zahnreihe nicht regulär erreicht hat. Wo er liegt und welcher Behandlungsweg infrage kommt, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. [1]

Wozu ist der Gaumenbügel da?

Bei mir gehört der Bügel zur Verankerung der Behandlung. Wenn am Eckzahn Zug ausgeübt wird, braucht es einen stabilen Gegenhalt. Kieferorthopädisch gibt es dafür unterschiedliche Lösungen; mein Gaumenbügel ist eine davon. [1]

Wie lange tut eine Zahnspange weh?

Bei mir waren vor allem die ersten Tage unangenehm. Nach ungefähr anderthalb Wochen war der Schmerz vorbei. Das beschreibt meinen eigenen Verlauf und lässt sich nicht auf alle Menschen mit Zahnspange übertragen.

Kann eine Zahnspange die Aussprache verändern?

Bei mir eindeutig. Vor allem der Gaumenbügel machte sich beim Sprechen bemerkbar. Manche Laute klangen zunächst unsauber, und ich musste mich erst daran gewöhnen. Im Video hört man das stellenweise ziemlich gut.

Warum lässt du deine Zähne behandeln, wenn du perfekte Gebisse gar nicht wichtig findest?

Weil ich bei meinen eigenen Zähnen andere Maßstäbe haben darf als bei anderen Menschen. Ich möchte mich mit ihnen wohlfühlen, und ich möchte die Situation mit meinem Eckzahn behandeln lassen. Ob ein anderer Mensch eine Zahnlücke, schiefe, fehlende oder vollkommen gerade Zähne hat, verändert für mich seinen Wert kein bisschen.

Wird dein Lächeln hinterher völlig anders aussehen?

Das erwarte ich nicht. Im Unterkiefer habe ich ebenfalls noch einen Milchzahn und einen bleibenden Zahn, der nicht regulär durchgebrochen ist. Meine unteren Zähne stehen außerdem weiterhin nicht vollkommen gleichmäßig. Ich rechne deshalb eher damit, dass mein Lächeln immer noch ziemlich nach mir aussehen wird.

Warum zeigst du dich mit Zahnspange trotzdem vor der Kamera?

Weil von euch so viele liebe und herzliche Kommentare kamen, dass ich mich am Ende doch wieder hingesetzt und ein Video gemacht habe. Genau davon handelt dieses Video eigentlich mindestens genauso sehr wie von meiner Zahnspange.

Buchtipps

Wenn euch das Thema Körperbild und ein freundlicherer Umgang mit dem eigenen Aussehen beschäftigt, können Bücher dazu eine schöne Vertiefung sein. Der eigene Körper muss dafür keinem Perfektionsplan folgen.

Wenn ihr Bücher kaufen und dabei das Blog unterstützen möchtet, findet ihr bei uns Informationen zu Buch7 und als Alternative zu Thalia.

Quellen

  1. Qali M, Li C, Chung C-H, Tanna N. Periodontal and orthodontic management of impacted canines. Periodontology 2000. 2024. DOI: 10.1111/prd.12618.
  2. Grisar K, Luyten J, Preda F, et al. Interventions for impacted maxillary canines: A systematic review of the relationship between initial canine position and treatment outcome. Orthod Craniofac Res. 2021;24(2):180–193. DOI: 10.1111/ocr.12423.

CC BY-SA 4.0 Zahnspange als Erwachsene: Milchzahn, Eckzahn und Alltag von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.