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Zuletzt aktualisiert: 15. August 2026
Ein persönlicher Jahresrückblick über Reisen, Familienalltag, mehrere Zuhause und die Frage, wie selbstbestimmtes Lernen unterwegs und daheim wächst.
Liebe nahe und ferne Bekannte, Freunde und Familienmenschen,
regelmäßig einen Gruß in die Welt schicken: Das nehme ich mir immer wieder vor. Alle paar Wochen ein kleines Update. Wo stecken wir Weltenbummler denn jetzt schon wieder? Wofür begeistern sich die Kinder gerade? Welche Sprache fliegt ihnen gerade zu? An welchen Kanten schleifen wir Eltern? Nun ja: Die kleinen Updates gibt’s bis heute nicht. In unsere Telegram-Gruppe verirren sich vor allem neue Blogartikel, und Instagram füttere ich längst nicht mehr. Zu groß der Zeitfresser, zu klein der Gewinn. Wer also wissen will, wie unsere letzten zwölf Monate aussahen, bekommt hier die lange Version.
Housesitting für alle
Leises Hundejaulen in der Ferne, ein knisterndes Holzfeuer, sanft rauschender Wind: Dieses Jahr begann ohne nerviges Silvester-Radau. Wir waren in Ungarn. Zu siebt, also Patrick und ich, unsere vier Kinder und unser Bello, hüteten wir Haus und Hund.

Aber nicht nur wir waren Housesitter. Unsere Katze liebt es ganz konventionell. Reisefieber plagt sie nicht. Sie blieb lieber in vertrauter Umgebung bei ihrer großartigen Katzensitterin. Ehrlich gesagt: eine ziemlich vernünftige Entscheidung.
Auf ins Lieblingsland
Aus familiären Gründen hatte sich unsere Reise etwas verzögert. Für unsere ursprüngliche Reise nach Italien wäre die Zeit zu knapp geworden, und sie hätte zu viele Kilometer gefressen. Eine andere Route musste her …
Die führte über schneebedeckte Berge, durch vereiste Tunnel und sagenhafte Landschaften. Aber nein, zurück ins Erzgebirge ging es nicht. Weiter ging es durch Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro.


Wir fuhren mitten durch, rauf und runter, über quietschende und extrem schmale Brücken. Patrick hat eine Vorliebe für spritsparende Google-Routen. Falls euch irgendwann mal „Die schrecklichste Strecke durch Südosteuropa“ auf Netflix begegnet: Das stammt von uns. 😉
Ankommen in Albanien
Nach ein paar Tagen erreichten wir Albanien. Spontan ein Hotel zu finden, ist im Januar kein großes Problem. Schwieriger wurde es mit Bello. Bei manchen Unterkünften war mit Hund sofort Schluss. Irgendwann waren wir einfach nur noch froh, als uns jemand herzlich empfing.
Die italienische Empfangsdame im x-ten Hotel war in dieser Nacht unser Glücksfall. Nach unserer Suche bis spät in die Nacht begrüßte sie uns überschwänglich. Wir bekamen das beste Zimmer und fühlten uns kurz wie Prinzen und Prinzessinnen. Und der gute Hund durfte sich natürlich aussuchen, auf welcher güldenen Decke er schlafen wollte.
Die Kinder wurden sogar noch in den hoteleigenen Kindergarten eingeladen, wo eine freundliche Erzieherin sie beschäftigte, während wir langsam wieder in der Welt ankamen. Am Morgen wartete ein ausgiebiges Frühstück auf uns. Mille grazie, Hotel Luani!


So gut angekommen, frischten wir auf der Burg Shkodra ganz nebenbei unser Wissen über Burgen auf. Von oben sahen wir überschwemmtes Land, Wasser um Moscheen und Häuser, ein Winteralbanien, das nichts mit den ausgetrockneten Sommerbildern zu tun hatte.
Warum uns Südalbanien so gut tut
Im Süden wurde es milder. Genau das brauchten wir. Wir zogen weiter Richtung Vlora und Orikum. Uns gefällt dort ziemlich viel:
- frisches, regionales Obst und Gemüse, das für uns dort oft einfach besser schmeckt,
- klitzekleine Badeausflüge ins Meer,
- eine bezahlbare Unterkunft direkt am Strand in der Nebensaison,
- antike Orte zum Erkunden, Berge und weite Blicke,
- griechische Nachbarinseln fast um die Ecke,
- Naturschauspiele wie Sturm und Seebeben, gleich neben Sonnenbaden,
- und Menschen, die Kindern gelassen begegnen.

















Mit vier Kindern fallen wir unterwegs fast immer auf. In Albanien und Rumänien begegneten uns Menschen dabei oft mit einer Gelassenheit, die uns gut tat. Kein Augenrollen, kein genervtes Zurückweichen. Das ist nicht nichts.
Als unser Kleinkind plötzlich verschwunden war
Den Doppelgeburtstag im Februar feierten wir in einer Fußgängerzone. Vegane Pizza, Sonnenschein, extra Wasser für den Hund: Es war perfekt … bis unser damals noch zweijähriger Sohn plötzlich verschwand. Wir Eltern kauten entspannt die letzten Reste in unserer Sitzecke, während die Kinder mit ihren Rädern um uns herumdüsten. Hin und her, über den Platz und wieder zurück – und von jetzt auf gleich war der Jüngste aus meinem Blickfeld.
Ich sprang auf und schickte meine drei „großen“ Kinder zur Suche nach links, während ich in die Straße zur Rechten rannte. Sie nahm kein Ende. Auch nicht die vielen Menschen und Einmündungen in andere Gassen, in die mein Sohn hätte abbiegen können. Ein Häuserblock glich dem anderen. Ich spähte in Hinterhöfe und merkte, wie sinnlos sich meine Suche anfühlte.
Nie wieder würde ich meinen Geburtstag mit Freude begehen können. Ich könnte meiner Tochter nie wieder einen unbeschwerten Geburtstag bescheren. Und der nächste Tag würde noch schlimmer werden: der Geburtstag meines jüngsten, jetzt verschwundenen Sohnes. In meinem Kopf war er längst tot oder verschleppt, irgendwo weit weg, Muttersprache und Familie irgendwann vergessen. Ich rannte und rannte, rief und schrie.
Dann hielten mich zwei Männer an und fragten auf Englisch, ob ich einen kleinen Jungen suche. Sie hätten einen gesehen, vielleicht fünfhundert Meter weiter auf der anderen Seite. Mein Marathon führte in die andere Richtung.
Unterwegs sammelte ich meine drei großen Kinder ein. Gemeinsam rannten wir weiter. Meine Beine brannten. Wir überquerten Tankstelleneinfahrten und Straßenkreuzungen. Schließlich stoppten wir vor einer Menschenmenge.
Zwei Polizisten, mehrere Männer mit Süßigkeiten und Trinkpäckchen, zwei oder drei Frauen mit tröstenden Händen und Worten, besorgte Gesichter – und mittendrin strampelte jemand. Ein lauthals schreiender, wütender Junge, der versuchte, dem geduldigen Polizisten in den Bauch zu kicken.
Oh Mann, wir fielen uns irgendwie alle in die Arme. Alle hatten geholfen, und niemand machte uns den geringsten Vorwurf. Dass das kleine Laufrad in die falsche Richtung gelenkt hatte, nämlich zu einer ähnlich aussehenden Pizzeria, stellte sich schnell heraus.
Wollt ihr wissen, was der Papa gemacht hat? Er wartete geduldig bei der „richtigen“, unserer Pizzeria. Hätte er auch noch nach dem Jungen gesucht, hätte es wohl nach Zechprellerei ausgesehen …
Was Deutschland für uns lebenswert macht
Im April landeten wir wieder in Deutschland. Gut gebräunt, etwas müde und ziemlich froh über Gartenbeete, die auf uns warteten. Im Grünen wohnen, den eigenen Pflanzen beim Wachsen zusehen, unsere kleine Bibliothek, Freunde der Kinder und all das Lernzeug wieder griffbereit haben: Das macht unsere Homebase für uns lebenswert.
Und vor allem Kloßmasse. Die fehlte den Kindern im Ausland wieder einmal mehr als deutsches Brot oder vegane Süßigkeiten. 😀




Wir haben viele Zuhause
Weil unser Familienleben mit mehreren Wohnorten und selbstbestimmtem Lernen nicht besonders sauber in deutsche Standardschubladen passt, sind wir bei Aufenthalts- und Wohnsitzfragen lieber pingelig. Das schont die Nerven. Und die letzten Kröten stecken wir wirklich lieber in die nächste Reise als in einen Rechtsstreit.
Im Sommer zog es unsere Töchter an den Balaton. Unter den Fittichen der Großeltern machten sie die schönsten Tauch- und Schwimmerfahrungen, fuhren Traktor, tobten mit jungen Hunden über das Land und bekamen das Gefühl, auch ohne Eltern ein kleines Stück mehr zusammenzuhalten.



Nachdem wir wieder eine Familie zum Katzen- und Haussitten gefunden hatten – schwieriger als gedacht –, ging’s nach Rumänien. Dort hatten wir im Vorjahr günstig ein schlichtes Haus gekauft. Es ist vor allem als Wohnsitz praktisch. Der Rattenschwanz: Wir müssen uns um ein zweites Haus kümmern.

Rumänien ist ein reizvolles Land, in dem man ruhig und schön leben kann. Zu unserem Alltag passt es im Moment trotzdem nur begrenzt. Wenn wir unsere Eltern regelmäßig sehen wollen, summieren sich die Strecken schnell. Gut, dass wir uns auf den langen Fahrten mit Hörspielen die Zeit vertreiben können. In diesem Jahr hörten wir einiges über griechische Mythologie, Menschheitsgeschichte und alles Mögliche dazwischen. Auch das ist (Frei-)Lernen auf Reisen.
Unschooling? Passt immer noch
Unschooling und selbstbestimmtes Lernen passen immer noch gut zu unserem Leben. Frei von Lehrplänen, Stillsitzen, Hofpausen und endlosen Arbeitsblättern – das liegt uns. Gerade auf Reisen merken wir, wie selbstverständlich Sprachen, Literatur, Geschichte und Geografie Teil des Alltags werden.

Und wer sich fragt, wie das ganz praktisch aussieht: Wer die Asterix-Bände selbst einmal verschlungen hat, kennt das. Unsere Kinder können euch inzwischen erklären, warum die Römer immer verloren haben.
Aber was ist mit Mathematik?
Nach sächsischem Lehrplan müssten unsere Kinder inzwischen an ganz bestimmten Punkten stehen. Tun sie aber nicht. Dafür beschäftigten sie sich in diesem Jahr mit Bruchrechnung, ausländischen Währungen samt Wechselkursen, Kreisen und Pyramiden. Nicht in der vorgesehenen Reihenfolge, dafür aus eigenem Interesse. Uuups, dafür sind sie doch eigentlich noch zu „klein“ …
Wer dazu tiefer einsteigen möchte, findet hier mehr: Mathe lernen ohne Beschulung: aus der Praxis und der Gehirnforschung.

Familie im Ausland? Dann fahren wir hin
Den Sommer und einen guten Teil des Herbstes verbrachten wir mal getrennt, mal gemeinsam vor allem in Ungarn. Ungarn ist nicht unser Wunschland. Auch nicht unser Lieblingsland. Politisch schon gar nicht. Aber dort leben Menschen, die uns wichtig sind. Manchmal zählt genau das mehr als Landschaft, Preise oder Ideallisten.


Sozialkontakte und die Frage nach der Schule
Wenn von Kindern ohne Schule die Rede ist, kommt die Frage nach den Sozialkontakten fast zuverlässig. Bei uns sieht die Antwort ziemlich unspektakulär aus: In unserem Wurzelort haben die Kinder erwachsene Bezugspersonen, Nachbarskinder und Kontakte im Kinderchor. Unterwegs kommen neue Begegnungen dazu. Für unsere Kinder war das bislang kein schlechterer sozialer Raum als Schule.
Natürlich entgeht ihnen dadurch manches: bestimmte Angebote, leicht zugängliche Kurse, manche Freundschaften und gute Pädagog:innen. Gleichzeitig entgeht ihnen auch einiges, das ich nicht vermisse: Mobbing, Ausgrenzung, Beschimpfungen, ständiger Vergleich.
Ich halte nichts davon, Schule pauschal schlechtzureden. Es gibt gute Lehrkräfte, feine Kinder und gelingende Orte. Ebenso wenig überzeugt mich die Behauptung, Sozialisation funktioniere nur in Institutionen. Unsere Erfahrung sieht anders aus.
Und wer uns noch nicht kennt: Wer von Unschoolern redet, denkt schnell an das Heimchen am Herd, das keine Vollzeitstelle hat. Bei uns ist das Patrick. Er kocht übrigens verdammt gut.

Unter Gleichgesinnten
Was uns in diesem Jahr besonders gutgetan hat, waren Begegnungen mit anderen Freilerner-Familien. Mit Gleichgesinnten ist vieles herrlich unspektakulär: Die Kinder spielten stundenlang miteinander, ohne dass jemand erklären musste, warum bei uns keine Schulranzen im Flur stehen. Wir Eltern redeten, ohne Grundsatzschlacht. Niemand musste dauernd rechtfertigen, warum etwas bei uns anders läuft.
Diese Selbstverständlichkeit ist selten.



Kinder sind laut
Wer jetzt denkt, bei uns wird’s nicht laut und Kinder wie Eltern beherrschen die Gewaltfreie Kommunikation von Geburt an: Leider nein. Unsere Kinder sind laut. Wir auch manchmal. Es wird gestritten, gejubelt, geweint und herumgetobt.
Dass Außenstehende das schnell als Mangel an Zucht lesen, kenne ich seit Jahren. Diese Lesart überzeugt mich nicht. Kinder sind keine Dressurprojekte. Ihre Bedürfnisse, ihr Lärm, ihre Lebendigkeit sind kein Problem, das wegerzogen werden muss. Wenn „brav“ vor allem heißt, früh stillzusitzen und Bedürfnisse zu unterdrücken, ist das kein Ziel, das ich anstrebe.

Ich habe mir früher in Kitas und Schulen, lange vor den eigenen Kindern, schon gedacht: Kleine Lottas, Pippis und Michls sind mir frei und unverbogen lieber als möglichst bequem und angepasst. Heute denke ich das immer noch. Vielleicht sogar entschiedener.
Was wir aus 2023 mitnehmen
Irgendwo zwischen Albanien, Gartenbeeten und einem strampelnden Zweijährigen vor einer albanischen Pizzeria liegt unser Jahr 2023. Ziemlich lebendig trifft es wohl am besten.
In diesem Sinn schicke ich aus unserer weihnachtlichen Deutschland-Zentrale den Gruß in die Welt, den ich eigentlich schon zwölf Monate früher hätte schicken sollen. Wann immer ihr das lest: Es war ein gutes Jahr.
Eure Evelin
Langzeitreisen, Freilernen, Heimisch fühlen – unser Jahresrückblick 2023 von (A)lbanien bis (Z)uhause von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.