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Zuletzt aktualisiert: 13. März 2026
Ein persönlicher Jahresrückblick über Reisen, Familienalltag, mehrere Zuhause und die Frage, wie selbstbestimmtes Lernen unterwegs und daheim wächst.
Inhalte
- 1 Housesitting für alle
- 2 Auf ins Lieblingsland
- 3 Ankommen in Albanien
- 4 Warum uns Südalbanien so gut tut
- 5 Als unser Kleinkind plötzlich verschwunden war
- 6 Was Deutschland für uns lebenswert macht
- 7 Wir haben viele Zuhause
- 8 Unschooling? Passt immer noch
- 9 Aber was ist mit Mathematik?
- 10 Familie im Ausland? Dann fahren wir hin
- 11 Sozialkontakte und die Frage nach der Schule
- 12 Unter Gleichgesinnten
- 13 Kinder sind laut
- 14 Was wir aus 2023 mitnehmen
Housesitting für alle
Leises Hundejaulen in der Ferne, ein knisterndes Holzfeuer, Wind in den Bäumen: So begann unser Jahr. Ohne Silvester-Radau. Wir waren in Ungarn und hüteten zu siebt ein Haus und einen Hund: Patrick und ich, unsere vier Kinder und unser Bello.

Regelmäßig einen Gruß in die Welt schicken: Das nehme ich mir immer wieder vor. Ein kleines Update alle paar Wochen. Wo wir gerade stecken. Womit sich die Kinder beschäftigen. Welche Sprache ihnen gerade zufliegt. Woran wir Eltern gerade reiben. Die kleinen Updates gibt es bis heute nicht. In unsere Telegram-Gruppe verirren sich vor allem neue Blogartikel, und Instagram füttere ich längst nicht mehr. Zu groß der Zeitfresser, zu klein der Gewinn. Wer also wissen will, wie unsere letzten zwölf Monate aussahen, bekommt hier die lange Version.
Ganz ohne Betreuung blieb auch unsere Katze nicht zurück. Reisefieber ist nicht ihr Ding. Sie blieb lieber in vertrauter Umgebung bei ihrer großartigen Katzensitterin. Ehrlich gesagt: eine ziemlich vernünftige Entscheidung.
Auf ins Lieblingsland
Eigentlich hatten wir eine andere Route im Kopf. Aus familiären Gründen verzögerte sich die Abfahrt, Italien wurde zu weit und zu kilometerlastig, also musste ein neuer Plan her.
Der führte uns über schneebedeckte Berge, durch vereiste Tunnel und Landschaften, die so schön aussahen, dass sie fast übertrieben wirkten. Nur ins Erzgebirge fuhren wir nicht zurück, sondern weiter durch Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro.


Wir fuhren mitten durch, rauf und runter, über quietschende und sehr schmale Brücken. Patrick hat eine ausgeprägte Vorliebe für spritsparende Google-Routen. Falls euch irgendwann mal „Die unerquicklichsten Strecken Südosteuropas“ auf Netflix begegnet: Wir waren die Testfamilie.
Ankommen in Albanien
Nach ein paar Tagen erreichten wir Albanien. Im Januar spontan ein Hotel zu finden, ist dort kein großes Problem. Schwieriger wurde es mit Hund. Manche Unterkünfte winkten wegen Bello direkt ab. Irgendwann waren wir einfach nur noch froh, als uns jemand herzlich empfing.
Die italienische Empfangsdame im x-ten Hotel war in dieser Nacht unser Glücksfall. Sie begrüßte uns überschwänglich, gab uns das beste Zimmer, und natürlich durfte auch Bello mit. Die Kinder wurden sogar noch in den hoteleigenen Kindergarten eingeladen, wo eine freundliche Erzieherin sie bespaßte, während wir langsam wieder in der Welt ankamen. Am Morgen wartete ein üppiges Frühstück auf uns. Danke, Hotel Luani.


Von der Burg Shkodra sahen wir dann ein ganz anderes Bild: überschwemmtes Land, Wasser um Moscheen und Häuser, ein Winteralbanien, das nichts mit den ausgetrockneten Sommerbildern zu tun hatte. Die Schneemassen aus Bosnien und Montenegro hatten in Nordalbanien Hochwasser ausgelöst.
Warum uns Südalbanien so gut tut
Im Süden wurde es milder, heller und irgendwann genau richtig. Wir zogen weiter Richtung Vlora und Orikum und verstanden wieder, warum es uns dort so gut gefällt.
- frisches, regionales Obst und Gemüse, das nach mehr schmeckt als Transportkette,
- kurze Winterausflüge ans Meer,
- eine bezahlbare Unterkunft direkt am Strand in der Nebensaison,
- antike Orte, Berge, weite Blicke,
- und Menschen, die Kindern gelassen begegnen.

















Mit vier Kindern fallen wir unterwegs fast immer auf. In Albanien und Rumänien fühlte sich das oft freundlich und gelassen an. Kein Augenrollen, kein genervtes Zurückweichen. Das ist nicht nichts.
Als unser Kleinkind plötzlich verschwunden war
Den Doppelgeburtstag im Februar feierten wir in einer Fußgängerzone: vegane Pizza, Sonne, Wasser für den Hund, Kinder auf Rädern. Perfekt, bis unser damals noch zweijähriger Sohn plötzlich nicht mehr da war.
Eben fuhr er noch vor uns über den Platz, dann war die Spur weg. Ich sprang auf, schickte die drei Großen nach links und rannte selbst nach rechts. Die Straße hörte nicht auf. Überall Menschen, Seitenwege, Höfe, Einmündungen. Ich rief, rannte weiter, spähte in jede Richtung und merkte mit jedem Schritt, wie schnell Panik den Körper übernimmt.
In solchen Momenten denkt man nicht klug. Dann hielten mich zwei Männer an und fragten auf Englisch, ob ich einen kleinen Jungen suche. Sie hätten einen gesehen, vielleicht fünfhundert Meter weiter auf der anderen Seite. Also wieder zurück. Vollgas.
Unterwegs sammelte ich unsere drei Großen ein. Gemeinsam rannten wir weiter. An einer Menschenmenge blieben wir stehen: zwei Polizisten, mehrere Erwachsene mit Süßigkeiten und Trinkpäckchen, besorgte Gesichter und mittendrin unser Sohn. Lautstark wütend, strampelnd, kerngesund und überhaupt nicht begeistert von der ganzen Situation.
Offenbar hatte sein Laufrad nur die falsche Richtung genommen, zu einer ähnlich aussehenden Pizzeria. Dass dort sofort Menschen halfen, ihn beruhigten und nach den Eltern suchten, vergesse ich nicht. Vorwürfe gab es keine. Nur Erleichterung.
Und der Papa? Der wartete derweil tapfer in unserer eigentlichen Pizzeria. Hätte er ebenfalls losgesucht, hätten wir am Ende womöglich wie Zechpreller ausgesehen. Familienlogik ist manchmal seltsam, aber nicht völlig unpraktisch.
Was Deutschland für uns lebenswert macht
Im April landeten wir wieder in Deutschland. Gut gebräunt, etwas müde und froh über Gartenbeete, die auf uns warteten. Im Grünen wohnen, die eigenen Pflanzen wachsen sehen, Freunde in Reichweite haben, auf vertraute Dinge zurückgreifen: Das macht unsere Homebase für uns lebenswert.
Und ja, Kloßmasse gehört inzwischen ebenfalls zu den Standortvorteilen. Nicht Brot. Nicht Süßigkeiten. Kloßmasse. Die Kinder setzen ihre Prioritäten eigenwillig, aber erstaunlich konstant.




Wir haben viele Zuhause
Weil unsere Familiensituation nicht gut in deutsche Standardschubladen passt, achten wir bei Aufenthalten und Wohnsitzfragen lieber genau auf die Regeln. Das hat wenig mit Abenteuerlust zu tun und viel mit Nervenschonung. Unsere Energie geht lieber in Reisen, Alltag und Familie als in Auseinandersetzungen mit Behörden.
Im Sommer zog es unsere Töchter an den Balaton. Unter den Fittichen der Großeltern machten sie die schönsten Tauch- und Schwimmerfahrungen, fuhren Traktor, tobten mit jungen Hunden über das Land und sammelten die Erfahrung, auch ohne Eltern ein kleines Stück mehr zusammenzuhalten.



Später fuhren wir wieder nach Rumänien. Dort haben wir im vergangenen Jahr günstig ein schlichtes Haus gekauft, das vor allem als Wohnsitz praktisch ist. Der weniger romantische Teil: Zwei Häuser bedeuten auch doppelte Haushaltsaufgaben. Wer hätte das gedacht.

Rumänien bleibt ein reizvolles Land, in dem man ruhig und schön leben kann. Im Moment passt es trotzdem nur begrenzt zu unserem Alltag. Wenn wir unsere Eltern regelmäßig sehen wollen, summieren sich die Strecken schnell. Gut, dass wir uns auf langen Fahrten mit Hörspielen behelfen. In diesem Jahr hörten wir einiges über griechische Mythologie, Menschheitsgeschichte, große und kleine Themen. Auch das ist Lernen unterwegs.
Unschooling? Passt immer noch
Unschooling und selbstbestimmtes Lernen passen nach wie vor gut zu unserem Leben. Nicht als Methode, die man brav abhakt, sondern als Haltung im Alltag. Auf Reisen merken wir das besonders deutlich: Sprachen, Literatur, Geschichte, Geografie kommen nicht als Stoff zu uns, sondern als Teil des Lebens.

Wer sich fragt, wie das in der Praxis aussieht: Wer die Asterix-Bände einmal selbst verschlungen hat, kennt die Antwort. Unsere Kinder können euch inzwischen erklären, warum die Römer immer verloren haben.
Aber was ist mit Mathematik?
Nach sächsischem Lehrplan müssten unsere Kinder inzwischen an ganz bestimmten Punkten stehen. Tun sie aber nicht. Dafür beschäftigten sie sich in diesem Jahr mit Bruchrechnung, ausländischen Währungen, Wechselkursen, Kreisen und Pyramiden. Nicht in der vorgesehenen Reihenfolge, aber mit echtem Interesse.
Wer dazu tiefer einsteigen möchte, findet hier mehr: Mathe lernen ohne Beschulung.

Familie im Ausland? Dann fahren wir hin
Den Sommer und einen guten Teil des Herbstes verbrachten wir mal getrennt, mal gemeinsam vor allem in Ungarn. Ungarn ist nicht unser Wunschland. Auch nicht unser Lieblingsland. Politisch schon gar nicht. Aber dort leben Menschen, die uns wichtig sind. Manchmal zählt genau das mehr als Landschaft, Preise oder Ideallisten.


Sozialkontakte und die Frage nach der Schule
Wenn von Kindern ohne Schule die Rede ist, kommt fast zuverlässig die Frage nach den Sozialkontakten. Unsere Kinder haben in unserem Wurzelort erwachsene Bezugspersonen, Nachbarskinder, Kontakte im Kinderchor und unterwegs immer wieder neue Begegnungen. Für unsere Kinder bislang kein schlechterer sozialer Raum als Schule.
Natürlich entgeht ihnen dadurch manches: bestimmte Angebote, leicht zugängliche Kurse, manche Freundschaften. Gleichzeitig entgeht ihnen auch einiges, das ich nicht vermisse: frühe Rangordnung, Beschimpfungen als Normalgeräusch, Mobbingdynamiken, ständiger Vergleich.
Ich halte nichts davon, Schule pauschal schlecht zu reden. Es gibt gute Lehrkräfte, feine Kinder und gelingende Orte. Aber ebenso wenig überzeugt mich die Behauptung, Sozialisation funktioniere nur in Institutionen. Unsere Erfahrung sieht anders aus.
Und, wer uns noch nicht kennt: Wer von Unschoolern redet, denkt schnell an das Heimchen am Herd, das keine Vollzeitstelle hat. Bei uns ist das Patrick. Er kocht übrigens verdammt gut.

Unter Gleichgesinnten
Was uns in diesem Jahr besonders gut getan hat, waren Begegnungen mit Familien, die ähnlich auf Kinder schauen. Die Kinder spielten stundenlang miteinander, ohne dass jemand erklären musste, warum bei uns keine Schulranzen im Flur stehen. Wir Eltern redeten, ohne Grundsatzschlacht. Niemand musste dauernd rechtfertigen, warum etwas bei uns anders läuft.
Diese Selbstverständlichkeit ist selten. Deshalb schätzen wir sie.



Kinder sind laut
Wer jetzt denkt, bei uns sei es dauerhaft friedlich und die Kinder beherrschen die Gewaltfreie Kommunikation von Geburt an: Leider nein. Unsere Kinder sind laut. Wir auch manchmal. Es wird gestritten, gejubelt, geweint und herumgetobt.
Dass Außenstehende das schnell als Mangel an Zucht lesen, kenne ich seit Jahren. Diese Lesart überzeugt mich nicht. Kinder sind keine Dressurprojekte. Ihre Bedürfnisse, ihr Lärm, ihre Lebendigkeit sind nicht das Problem, das wegerzogen werden muss. Wenn „brav“ vor allem heißt, früh stillzusitzen und Bedürfnisse zu unterdrücken, ist das kein Ziel, das ich anstrebe.

Ich dachte schon lange vor meinen eigenen Kindern, in Kitas und Schulen: Lieber ein freier, lebendiger, manchmal anstrengender kleiner Mensch als ein angepasstes Vorzeigeexemplar. Heute denke ich das immer noch. Vielleicht sogar entschiedener.
Was wir aus 2023 mitnehmen
Irgendwo zwischen Albanien, Gartenbeeten und einem strampelnden Zweijährigen vor einer albanischen Pizzeria liegt unser Jahr 2023. Nicht glatt, nicht perfekt, aber ziemlich lebendig.
Was bleibt: dass Nähe keine Ortsfestigkeit braucht. Dass Lernen nicht an Schulräume gebunden ist. Dass Familie zugleich anstrengend und tröstlich sein kann. Und dass wir trotz aller Reibung immer noch ziemlich gern so unterwegs sind.
In diesem Sinn schicken wir aus unserer weihnachtlichen Deutschland-Zentrale einen Gruß in die Welt, den wir eigentlich schon zwölf Monate früher hätten schicken sollen. Wann immer ihr das lest: Es war ein gutes Jahr.
Langzeitreisen, Freilernen, Heimisch fühlen – unser Jahresrückblick 2023 von (A)lbanien bis (Z)uhause von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.