In einem Leserbrief werde ich um guten Rat gebeten. Doch der ist alles andere als einfach – vielleicht ist es meine bisher schwierigste Leseranfrage. Lest selbst und helft den jungen Eltern in den Kommentaren mit euer Erfahrung weiter!

“Liebe Evelin …

ich bin verzweifelt und hoffe sehr auf deine Hilfe!

In eurem Blog habe ich gelesen, dass du anderen Mamis gute Schlaf-Tipps gegeben hast. Ich hoffe du findest die Zeit mir zu antworten. Allerdings ist mein Problem momentan ein anderes wie in eurem Blog.

Mein erstes Kind ist jetzt fast 14 Monate alt. Wir schlafen im Familienbett und ich stille unseren Sohn nach Bedarf. Beides mache ich sehr gerne. Allerdings haben wir uns angewohnt, ihn zum Einschlafen auf einem Hüpfball/ Gymnastikball zu hüpfen.

Das klappt wunderbar und ist mittlerweile eigentlich die einzige “Einschläferungsmethode”, die funktioniert. Meistens stille ich ihn noch währenddessen und singe oder wir hören Musik. Wenn mein Mann ihn ins Bett bringt, hüpft er auch mit ihm auf dem Ball. Was noch funktioniert ist im Stand zu wippen, aber das ist noch anstrengender als auf dem Ball zu hüpfen.

Das wäre so weit auch noch ok für mich, aber unser Sohn möchte seit mindestens 3 Monaten auch nachts auf dem Ball gehüpft werden – alle 2 bis 3 Stunden.

Nachts wird er unruhig. Er wirft sich hin und her, seine Arme und Beine schleudert er herum, dann stille ich ihn. Manchmal reicht das, aber so gut wie immer, will er danach auf dem Ball gehüpft werden. Das bedeutet für mich alle 2-3 Stunden: “Aufstehen!” Manchmal nur 10 Minuten, manchmal aber auch 1 Stunde lang.

Ich kann und will das nicht mehr machen! Ständig bin ich erkältet und brauche ewig um gesund zu werden. Obwohl ich früher fast nie krank war. Ich brauche einfach mehr Schlaf. Außerdem hab ich langsam ganz schön Rückenschmerzen von diesem ewigen Gehüpfe.

Ich stille ihn sehr gerne alle 2-3 Stunden, aber das reicht ihm nicht. Irgendwann stößt er die Brust weg und krabbelt auf mich drauf, stößt sich mit den Beinen ab und fängt an zu weinen. Er wird immer unruhiger, bis er irgendwann aufwacht. Er will einfach unbedingt auf dem Ball gehüpft werden.

Von seiner Art her ist er sehr aktiv. Er wird auch tagsüber nicht ruhiger, wenn ich mich mit ihm ins Bett lege, ihn streichle oder singe, oder ruhig etwas erzähle, ihn umarme … er wird immer unruhiger und zappeliger, er braucht irgendwie Action um einschlafen zu können.

Ich hoffe wirklich sehr, du hast ein paar Tipps für mich.”

An die jungen Eltern

Euer Gymnastikballritual beschäftigt mich sehr. Leider weiß ich überhaupt nicht, ob ich einen helfenden Rat habe, der für euch praktikabel und umsetzbar ist. 

Bevor ich euch zubombardiere, möchte ich schreiben, was ich großartig finde. Nämlich, dass ihr familienbettet und nach Bedarf stillt, den Mut habt, Fragen zu stellen und nach friedlichen Lösungen sucht.

Julia Dibbern beschrieb hier eine Situation, in der sie ihren Sohn auch mit dem Gymnastikball zu beruhigen versuchte. Sie fanden irgendwie eine andere Lösung zur Beruhigung.

Man sieht nicht selten, wie Babys eben „geschuckelt“ werden: Im Kinderwagen, in Babywippen, auf dem Schoß … Meiner Meinung nach vermittelt das jungen Eltern, dass Babys das bräuchten. Und deshalb probiert man dieses “Beruhigungsmittel” selbst aus, und wenn es – wie bei so vielen Babys –  funktioniert, bleibt man dabei.

Das Baby wippen – Macht doch jeder!

Beim Hausbesuch (oder auch „Babywillkommensbesuch“) bemerken die Sozialarbeiter eventuell nur kurz bei der Verabschiedung: „Danke für den Kaffee. Und schuckeln Sie das Baby vielleicht mal nicht so oft!“ Weil die Jugendamtmitarbeiter selbst auch nicht sicher sind, ob das Rumwackeln denn nun gut sei, gibt es keine Erklärung, kein Aufzeigen von Alternativen o. ä. Und um höflich zu bleiben, formuliert die Pädagogin das so freundlich und höflich beim Gehen auf dem Treppenabsatz.

In einem Forum erklärte ein Kinderarzt: „Es macht doch keinen Sinn, ein Baby, das wegen Problemen mit der Verarbeitung der vielen Reize aus der Umgebung schon unruhig ist, mit einem starken Bewegungsreiz auf Dauer beruhigen zu wollen. Und dabei sein von Haus aus gereiztes Nervenkostüm noch mehr reizen, auch wenn die Ablenkung erst mal wirkt.“ Zur Beruhigung schlägt er stattdessen einen abgedunkelten Schlafraum vor und bittet die Eltern, nur leise redend oder singend beim Baby zu bleiben.

Nun meine ich, dass Kinderärzte oft keine Experten für die natürliche, bindungsorientierte Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern sind. Meine drei Kinder würden das Zitat des Herrn Doktors jedoch bestimmt so übernehmen. Ob hochsensible Kinder oder nicht – ich meine, Ruhe und weniger Aktion schenkt ihnen beim Einschlafen ein sicheres Gefühl.

Ist das Kind schon in den Brunnen gefallen?

Auf dem Gymnastikball in den Schlaf gewippt

Auf dem Gymnastikball in den Schlaf gewippt ;-)

Zugegeben: Das Hüpfen auf dem Gymnastikball wurde dem Kleinen angewöhnt. Ihr wolltet eurem Kind helfen. Das Beruhigen hat funktioniert und deshalb habt ihr es beibehalten – übrigens gibt es viele Eltern, denen es ähnlich geht. Einen Fehler sehe ich dabei nicht. Bisher war das eben eure Lösung für das „Einschläfern“. Wenn sie das jetzt nicht mehr ist, werden sich andere Wege auftun. :-)

Kalter Entzug?

Um Vorweg zu nehmen: Bitte macht keinen kalten Entzug! Mir kommen die Tränen, wenn ich von Müttern höre, die davon schwärmen, ihrem Kind von jetzt auf gleich nächtliches Stillen zu verwehren. Egal, wie „liebevoll“ sie mit dem Kind sprechen und wie „verständnisvoll“ das Kindchen sein mag. Hart bleibt hart. 

Mut zur friedvollen Lösung loht sich stattdessen, weil:

  • es spätere Einschlafprobleme mindert, die durch negative Erfahrungen entstehen könnten.
  • es eure Beziehung stärkt.
  • kraftschöpfend ist, wenn man aus Problemen hinauswächst
  • und einige Ideen mindestens Spaß machen.

Die liebevollste alleinerziehende Mutter, die ich kenne, verriet mir:

 „Ich bin immer ziemlich über meine Grenzen gegangen. Ich habe mich festgehalten an dem Wissen, dass es bald vorbei ist. Dass mein Kind vielleicht mehr leiden würde als ich. Ich weiß, dass sich die Zeiten ändern. Im Gegensatz zu den Kleinen.“

Leider (und zum anderen natürlich auch zum Glück) kann ich nicht aus Erfahrung sprechen, wie ihr das Gymnastikballproblem angehen könnt. Ich wünschte, dass meine Ideen weiterhelfen und keine neuen Abhängigkeiten schaffen.

Ihr schreibt, dass euer 14-Monate alter Sohn nachts gestillt wird, nachdem er unruhig wurde. Unser Sprössling im selben Alter wird nachts auch unruhig, weil er pinkeln muss. Deshalb halte ich ihn erst ab und stille ihn danach, wie unter anderem in diesem Artikel zu lesen ist.

Ich habe keine Erfahrung, ob Windelträger gleiche Symptome zeigen. Ihr könntet überlegen, ob euer Kind ein euch bisher verborgenes Bedürfnis hat. Kann das Kind erst „loslassen“, wenn es in eine bestimmte Bewegung kommt?

Mehr als nur hopsen

Tagsüber könntet ihr den Gymnastikball in euer Spiel einbinden. Vielleicht ist es möglich, dass der wichtige Gefährte noch eine andere Bedeutung bekommt. Falls es noch nicht getan wurde: Kullert den Ball durch eure Wohnung, hebt ihn zusammen hoch, schubst ihn über die Stühle, Bett oder das Klavier, gebt ihm Tritte, bemalt ihn, klebt ihm ein Gesicht auf, pupst ihn mit euren Mündern an – habt Spaß. 

Die Sprachentwicklung bekommt eine immer größere Bedeutung für euren Sohn. Vielleicht habt ihr auch Lust, mit eurem Gymnastikball zu sprechen. In ein paar Monaten erfindet euer Sohn eventuell einen Namen dafür. Ob “Mr. Pezzi” eines Tages versteht, dass er nachts auch mal allein bleiben kann?

Unkonventionelles im Bett

Haltet ihr etwas von der Idee, euer Familienbett umzugestalten? 

Vielleicht kann man ein Spiel entwickeln, den Gymnastikball (oder zum Übergang einen kleinen Hüpfball für Kleinkinder) über eurem Bett zu befestigen. Ihr als Mutter oder Vater könntet den Ball im Liegen mit dem Fuß anstupsen. Liegt euer Kleiner (munter) dabei, quietscht er möglicherweise bald über diesen Spaß. Womöglich ergibt sich eine Möglichkeit, einen geschickten Übergang von diesem Spiel über Stillen im Bett mit an dem hängenden Ball angestellten Beinen zu finden?

Eine andere Idee der Zimmergestaltung kommt mir ebenso in den Sinn. Um Unfälle zu minimieren, schliefen wir vorübergehend auf Matratzen ohne Bettrahmen. Es wirkt sporadisch, hilft aber für ein paar Monate dabei, den Hüpfball zum Hopsen mit ins Bett zu nehmen. Wenn ihr keinen „knallharten Entzug“ mit eurem kleinen Schatz vorhabt, könntet ihr tagsüber im Hellen üben: Habt ihr Lust, “Mr. Pezzi” auch mal im Bett hüpfen zu lassen? Womöglich ist es für euer Kind nun wackeliger oder auch sanfter, ebenso beruhigend oder mag es erst beim 3. Versuch?

Bei meinem letzten Fitnesskurs versuchte ich, mich auf einem Gymnastikball an eine Wand zu lehnen. Mit den kleinsten Ballgrößen war mir das möglich. Versucht doch mal, ob euch das Anlehnen an eine Wand in den kommenden Nächten einen Funken Kraft und Durchhaltevermögen schenkt.

Schon alles versucht?

Sicher habt ihr schon versucht, den Ball sanfter zu bewegen – mit oder ohne Musik. 

Bestimmt habt ihr euch längst überlegt, wie ihr euer Bett in eine ähnliche Bewegung bringen könnt, um nachts nicht mehr aufstehen zu müssen. Hilft es, wenn der Papa im Bett so wackelt, dass es dem Söhnchen auch gefällt (Ein Schelm, wer böses dabei denkt!)?

Andere Umgebung, anderes Verhalten

Irgendwann sagt ihr eventuell: „Wir sind jetzt mutig und wollen die Nacht einfach mal in einer neuen Umgebung verbringen.“ Ein Wasserbett bei Freunden ausprobieren, bei den Großeltern auf einer aufblasbaren Matratze übernachten, ein paar Nächte im Hotel verbringen – wieso nicht?

Manchmal können neue Umgebungen einen plötzlichen Wandel hervorrufen. Eine meiner Nichten schlief zum Beispiel im neuen Haus fortan viel ruhiger, die Tochter einer Freundin schreit nicht mehr im neuen Bett, ältere Kinder schlafen plötzlich mit einem Schlaflicht von selbst wieder ein…

Polyphasischer Schlaf

Und für die Übergangszeit darf ich raten: Ruht euch selbst so oft aus, wie es geht. Hilfreich mag das Wissen sein, dass man sein eigenes Schlafbedürfnis nicht am Stück erfüllen muss. Die üblichen acht Stunden Schlaf können aufgeteilt werden, ohne dass der Körper Schaden nimmt. Hier findet ihr eine Übersicht zum polyphasischen Schlaf.

Ich wünsche euch, dass ihr die Kraft findet, eurem Sohn weiterhin mit Liebe zu begegnen.

Beim Schreiben wippe ich übrigens längst mit. Ob ich mir das wieder abgewöhne? :-D
Gute Nächte und alles Liebe wünscht von Herzen

Evelin

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Über die Autorin
Evelin ist vegetarisch aufgewachsen und lebt seit 20 Jahren vegan. Sie hat als Erzieherin gearbeitet und schließlich studiert, um sich noch mehr für das Recht auf eine Kindheit in Würde, Frieden und ohne Manipulation durch Erziehung einzusetzen – nicht nur für die eigenen drei kindergarten- und schulfreien Kinder. Ihre Lieblingsthemen sind u.a. „Unerzogen“, „Attachment Parenting“, Hochsensibilität und Veganismus.
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