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Zuletzt aktualisiert: 10. März 2026

Liebe Perpetual Traveller, Reisefamilien, Vanlifer und andere mit Reisefieber Infizierte,

solange Reisen nach Urlaub klingt, ist die Sache gesellschaftlich ziemlich unkompliziert. Den Sommerurlaub schon im Winter planen, ein paar Wochen in Skandinavien verbringen, zur Hochzeitsreise weit wegfliegen oder für eine Zeit im Ausland arbeiten: Das alles passt noch gut in ein Leben mit Rückflugdatum.

Entscheidet ihr euch dagegen für ein Reiseleben, sieht die Sache schnell anders aus. Vor allem mit Kindern. Dann geht es plötzlich nicht mehr nur darum, wohin ihr fahrt, sondern um euren ganzen Familienalltag: Haben die Kinder genug Kontakte? Kommen sie zur Ruhe? Lernen sie „das Richtige“? Fehlt ihnen außerhalb der üblichen Institutionen nicht die viel beschworene „Sozialisation“?

Vielleicht hattet ihr vorher ein ganz unauffälliges Leben: fester Job, Eigenheim und Blümchengardinen. Dann klappen die Kinnladen in der Familie womöglich noch ein Stück weiter herunter, wenn ihr erzählt, dass ihr künftig als Reisefamilie oder Perpetual Traveller unterwegs sein wollt.

Warum ein Reiseleben bei Familie und Freunden schnell auf Kritik stößt

Wenn ich mich mit anderen Reiseeltern unterhalte, begegnet mir immer wieder dasselbe Unverständnis, oft sogar im engsten Umfeld. Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel oder Nachbarn wünschen sich für euch vielleicht tatsächlich Sicherheit und ein gutes Leben – nur sieht ihr Bild davon ganz anders aus als eures. Für sie gehören dazu ein fester Ort, vertraute Wege, eine Schule in der Nähe und möglichst wenige Überraschungen.

Trotzdem solltet ihr nicht jede Kritik als bloße Angst vor dem Ungewohnten abtun. Gerade wenn jemand etwas Konkretes über eure Kinder anspricht, lohnt sich ein zweiter Blick.

Patrick trägt unsere Große auf Fuerteventura

Wir wollten schon immer mehr von der Welt sehen. Hier: Patrick mit unserer Großen auf Fuerteventura, 2014.

Unsere Kinder leben diesen Alltag selbst mit. Ihre Bedürfnisse, Freundschaften und Grenzen zählen deshalb mehr als unsere Idee davon, wie gut ein Reiseleben funktionieren müsste. Wenn ein Kind Kontakte vermisst, eine Pause braucht oder sich mit einer Situation unwohl fühlt, ist das ein konkreter Hinweis, den wir ernst nehmen sollten. Ein pauschales „So kann man doch nicht leben“ sagt dagegen erst einmal wenig darüber aus, wie es einer bestimmten Familie tatsächlich geht.

Warum Gegenargumente und Streit selten helfen

Natürlich liegt es nahe, sich zu verteidigen. Ihr könnt Routinen erklären, Bilder zeigen und auf jede Sorge eine Antwort suchen. Nur wird aus einem Gespräch schnell eine Rechtfertigungsschleife: Ihr beantwortet einen Einwand, und schon steht der nächste auf dem Tisch.

Das Dumme ist außerdem: Dieses blöde Gefühl reist mit. Wenn ihr mit Wut im Bauch aufbrecht, bleibt sie nicht brav zu Hause. Probleme, die ihr in Beziehungen und Gesprächen habt, lösen sich durch einen Grenzübertritt selten in Luft auf.

Drehen wir den Spieß deshalb einmal um. Stellt euch vor, dauerhaftes Reisen wäre die gesellschaftliche Norm. Familie Müller zieht regelmäßig nach Südostasien, die Schmidts leben monatelang am Mittelmeer, die Meiers fahren mit dem Wohnmobil quer durch die Tundra. Nun kommen die Hempels und sagen, sie hätten genug vom Reiseleben. Sie wünschen sich ein Häuschen mit Gartenzaun, feste Arbeitszeiten und eine Schule um die Ecke.

Hört ihr das Tuscheln? Die verrückten Hempels haben doch wirklich ein Rad ab. Wie sollen deren Kinder jetzt noch etwas Vernünftiges von der Welt sehen? Muss da nicht mal jemand vom Reisejugendamt draufschauen? So schief kann ein vertrauter Lebensentwurf wirken, wenn man ihn nur gegen die jeweils andere Norm hält.

Schneebedeckte Landschaft im Apuseni-Gebirge in Rumänien

Als Reisefamilie seht ihr mehr von der Welt und taucht in Lebenswelten ein, die vom Sofa aus schnell unsichtbar bleiben. Hier: Winter im Apuseni-Gebirge.

Das heißt genauso wenig, dass Reisefamilien die besseren Familien wären. Nicht jeder Mensch hat die Gesundheit, das Geld, die Flexibilität oder überhaupt den Wunsch, dauerhaft zu reisen. Ein sesshaftes Leben ist nicht weniger wert. Und der bloße Widerspruch anderer ist noch kein Beweis dafür, dass euer Weg falsch ist.

Was euch im Kontakt mit Familie und Freunden hilft

Kontakt halten, ohne euch dauernd zu erklären

Zwischen beleidigtem Rückzug und Dauerrechtfertigung liegt ziemlich viel Platz. Ich spreche hier ausdrücklich nicht von Extremsituationen. Die meisten von uns sind schließlich nicht im Zeugenschutzprogramm. 😉 Ein kurzes Lebenszeichen reicht oft schon: „Wir sind gut über die Grenze gekommen.“ Ein Foto, eine Nachricht oder ein kurzer Anruf kann Menschen zu Hause beruhigen, ohne dass ihr euren ganzen Alltag in Verteidigungssprache übersetzen müsst.

Mit Kindern können daraus schöne Rituale entstehen. Eine befreundete Reisefamilie hatte die Verabredung, dass der Opa den beiden Enkeln jeden Samstag per Video eine Geschichte vorliest. Die Jungs waren für dieses Date Feuer und Flamme. Solche festen Verabredungen schaffen Verbindung, obwohl viele Kilometer dazwischenliegen.

Für unsere damals Neunjährige hatten wir sogar eine eigene E-Mail-Adresse eingerichtet, über die sie mit Freunden schreiben konnte. Für andere Kinder passt vielleicht eine Postkarte besser. Gerade wenn sie Schreiben oder Lesen lernen, ist ein Brief, den man wirklich in der Hand hält, etwas ganz anderes als die nächste Messenger-Nachricht.

Digitale Medien können also ganz praktisch dabei helfen, Beziehungen über Entfernung zu pflegen. Wie ihr sie mit euren Kindern nutzen möchtet, hängt von eurem Alltag und euren Absprachen ab. Mehr zu unserem Blick darauf findet ihr in unserem Beitrag über Medienkonsum bei Kindern.

Wählt den Kanal, der zur Beziehung passt

Manche Großeltern mögen Videoanrufe, andere freuen sich über Fotos, wieder andere antworten zuverlässig auf eine schlichte Mail oder eine handgeschriebene Karte. Sprecht am besten schon vor der Abfahrt darüber, wie die Menschen, die euch wichtig sind, gern mit euch in Kontakt bleiben möchten. Dann muss niemand raten, ob eine Woche Funkstille für euch normal oder ein Grund zur Sorge ist.

Und wenn ihr ohnehin gern schreibt, kann auch ein Blog ein schöner gemeinsamer Ort sein. Ihr müsst daraus kein Business machen. Ihr könnt dort Erlebnisse sammeln und die Menschen mitnehmen, die wirklich mitlesen möchten. Warum wir Blogs noch lange nicht für tot halten, haben wir an anderer Stelle ausführlicher beschrieben.

Wie unterschiedlich solche Reiseberichte aussehen können, seht ihr zum Beispiel in unserem Artikel über Norwegen mit Kindern. Und wenn euch eher interessiert, was langes Reisen mit Beziehungen macht, findet ihr dazu unseren Text über ein Jahr als getrennte ungetrennte Reisefamilie.

Schwierige Menschen bleiben oft auch auf Distanz schwierig

Dann gibt es noch die Menschen, bei denen ihr es offenbar nie richtig machen könnt. Meldet ihr euch zu selten, macht man sich „zu Hause“ natürlich Sorgen. Meldet ihr euch oft, seid ihr plötzlich Nichtsnutze mit zu viel Zeit. Erzählt ihr von einer schlechten Unterkunft oder einer ruppigen Taxifahrt, heißt es: „Ich hab’s euch doch gesagt!“ Erzählt ihr von schönen Tagen, lebt ihr angeblich in einer Seifenblase.

Bei solchen Menschen dürft ihr euch gut überlegen, was ihr teilt. Das bedeutet nicht, eine heile Reisewelt zu inszenieren. Ihr müsst aber auch nicht jede Panne genau dort erzählen, wo daraus zuverlässig ein „Ich hab’s euch doch gesagt“ wird.

Dick eingepacktes Baby schläft draußen auf einer Wiese

Es gibt Leute, denen fehlt das Verständnis für so einen Anblick. Wir finden’s süß, wie unser kleiner Junge dick eingepackt sein Mittagsschläfchen in der Natur hält.

Schmale steinige Bergpiste im Apuseni-Gebirge

Die Fahrt mit unserem VW T4 durchs Gebirge war abenteuerlich. Sowas muss man auch mal erlebt haben. 😉

In solchen Fällen hilft meistens keine weitere Erklärung. Freundlich bleiben, nicht auf jede Spitze anspringen und den Kontakt so gestalten, dass er euch nicht dauernd Kraft kostet. Manche Menschen werden euren Weg trotzdem nicht mögen. Vielleicht aus echter Sorge, vielleicht weil sie mit einem anderen Lebensentwurf wenig anfangen können. Beides müsst ihr nicht in einer letzten großen Debatte lösen.

Als Reisefamilie mit Kritik umgehen – ohne euch abzuschotten

Souverän mit Kritik umzugehen heißt nicht, dass euch jeder Kommentar kaltlassen muss. Gerade aus dem engsten Umfeld kann ein Satz lange nachhängen. Ihr müsst daraus aber weder einen Familienkrieg machen noch jede Entscheidung wieder zur Abstimmung stellen.

Ihr führt euer Leben, und eure Verwandten und Freunde führen ihres. Ihr könnt in Verbindung bleiben, von euren Reisen erzählen und trotzdem bei euren Entscheidungen bleiben. Schenkt den Menschen, die euch wichtig sind, ruhig ein paar eurer schönsten Reisemomente. Ob sie sich darüber freuen können, liegt am Ende bei ihnen.

Es grüßt euch, diesmal aus Rumänien, eure reisefreudige Evelin

CC BY-SA 4.0 Kritik am Reiseleben: Wie Reisefamilien bei sich bleiben von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.