Lesezeit: 8 Minuten

Aktualisiert am 27.02.2026

Liebe Freund:innen,

wie viele von euch wissen, wurde unsere Älteste aus freiem Wunsch zum Schulkind. „Freilernen“ war gestern, „Schule testen“ ist heute. Das sorgte für Aufregung. Schließlich passt das gar nicht zu unserem krassen Lebensstil. Deshalb gebe ich all meine Tricks preis, wie wir hoffentlich bald wieder ungewaschen, nackt und ungezähmt in den Tag hineinleben können. Zu kurz soll auch nicht kommen, wie ich den Lehrkräften das Leben zur Hölle mache. Aber fangen wir zunächst mit dem Wichtigsten an: Wie schaffe ich es, meinem Kind den Spaß an der Schule zu verderben? (1)

Bevor es losgeht: Das hier ist ein persönliches Resümee aus unserer Familie. Wo ich etwas einordne, kennzeichne ich es. Wo es bei uns einfach nur so war, bleibt es genau das: unsere Beobachtung.

Zum Einstieg, falls ihr den Kontext noch nicht kennt: Hilfe, mein Kind will in die Schule.

Einschulung und die ersten Schultage

Die feierliche Einschulung war trotz Abstands- und Maskenregeln recht locker. In ihrer Rede betonte die Direktorin, jedes Kind sei wertvoll und einzigartig. Ein gemeinsamer Nenner, das ist doch was.

Ein Kind trägt stolz eine Weltraum-Zuckertüte nach Hause

Voller Stolz trägt unser Kind die große Weltraum-Zuckertüte nach Hause. Sie mochte das „Kribbeln im Bauch“.

Die ersten Schultage beschrieb meine Tochter so:

  • Erster Tag: „Ganz wunderbar!“
  • Zweiter Tag: „Schön.“
  • Dritter Tag: „Langweilig.“
  • Vierter Tag: „Morgen habe ich aber keine Lust mehr.“

Auch wenn es mir manch einer gern unterstellt: Ich habe ihr nichts aus- oder eingeredet.

Betrachten wir den Erziehungsaspekt kurz philosophisch. Meine Tochter ist sieben Jahre alt. Nicht wenige sehen in ihr ein „Kind“, das als solches Führung bedarf. Ich sehe sie als jungen Menschen, der nicht manipuliert werden darf. Ich will ihr nicht sagen, was sie tun oder lassen soll. Meiner Verantwortung bin ich mir deshalb nicht weniger bewusst. Aber ich unterstütze sie bei ihren Entscheidungen.

In den letzten Jahren gestalteten wir unser Familienleben sehr frei. Und auch das Lernen ohne Schule war uns offiziell möglich. Ich beobachtete meine Kinder und tauchte tief in das Thema „selbstbestimmtes Lernen“ ein. Und mir wurde klar, wie und wieso die Bildung ohne Schule nachhaltig gelingen kann.

Kommt meine Tochter mit strahlenden Augen aus der Schule, freue ich mich mit ihr. Bedrückt sie etwas, nehmen wir Eltern sie ernst.

Als sie postulierte: „Ich habe keine Lust mehr“, schauten wir uns zusammen den Stundenplan an. Es standen noch einige Fächer an, die sie gern ausprobieren wollte. Und da war sie plötzlich wieder da: die Lust aufs zeitige Aufstehen, auf neue Menschen, „Lern-Materialien“ und Erlebnisse in der Schule. Die Freude daran ist ihre Motivation.

Die Bedeutung der Lehrkräfte für die Freude an der Schule

Besonders freute sich unsere Große auf den Schulsport. Doch nach der ersten Stunde war sie bitter enttäuscht. Corona-Hygiene-Maßnahmen schrieben die Desinfektion des Treppengeländers und der Schülerhände vor.

„Das stiebt. Da müssen wir husten und es brennt auf meiner Haut.“, klagt unsere Große. Zudem beschrieb sie die Lehrerin als unhöflich, sie würde „bestimmen und nicht bitten“.

Tags darauf war unser Mädchen nicht zur Schule zu bewegen. Patrick griff zum Telefon. Die Klassenlehrerin am anderen Ende der Leitung versicherte unserem Mädchen, sie hätte sich viele tolle Sachen für den heutigen Tag ausgedacht und würde sich so auf sie freuen. Es klang so lieb und ehrlich, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Auch unsere Tochter ließ sich überzeugen.

Im Anschluss gab es eine Rücksprache mit der Direktorin: Ein biologisches Mittel zur Desinfektion, das der Gesundheit nicht schadet? Kein Problem, das können wir einfach mitgeben. Und der harsche Ton der sonst sehr freundlichen Sportlehrerin rühre vom Zeitdruck, der nun wegen der Corona-Maßnahmen in der Turnhalle herrsche. Nach dem nächsten Unterricht mit besagter Lehrerin hatte wohl kein Kind mehr etwas zu beanstanden.

Foto mit dem Text: Wir ... als Klassengemeinschaft.

In den letzten zwei Jahren hat sich einiges getan …

Es scheint, als sei die Klassenlehrerin ein echter Glücksgriff. Denn sie unterrichtete bereits an freien Schulen, ist selbst „kinderreich“ und pflegt mit ihren Erstklässler:innen einen höflichen und hilfsbereiten Umgang. Außerdem ist sie Vegetarierin, findet Gerald Hüthers Arbeit gut und einer ihrer Söhne hat die Schule nur selten von innen gesehen. Heute studiert er Medizin.

Es ist schön, wenn Lehrkräfte sich nicht als „Respektspersonen“ verstehen, sondern eher als erwachsene Freund:innen und Mentor:innen der Kinder.

Klassenzimmer als Lernort, Spielwiese und Wohlfühlzone

Das Klassenzimmer als Lernort, Spielwiese und Wohlfühlzone 🙂

Kurze Einordnung: Warum Beziehungen in der Schule so viel „ziehen“

Unsere Erfahrung passt zu einem robusten Muster aus der Bildungsforschung: Die Qualität der Beziehung zwischen Lehrkraft und Kind hängt im Mittel mit Engagement und Leistung zusammen. In einer Meta-Analyse wurde das über viele Studien hinweg gezeigt. DOI: 10.3102/0034654311421793.

Auch in Längsschnittdaten zeigt sich, dass unterstützendes Lehrkraftverhalten und Engagement sich über ein Schuljahr gegenseitig beeinflussen können. Das ist kein Zauber, eher ein Kreislauf, der sich in beide Richtungen drehen kann. DOI: 10.1037/0022-0663.85.4.571.

Wichtig bleibt: Solche Befunde sind Durchschnittswerte. Sie sagen nichts darüber, wie es in einer konkreten Klasse mit einer konkreten Lehrkraft für euer Kind laufen wird. Sie helfen eher beim Sortieren: Beziehung und Ton sind nicht „Nebensache“, sondern ein echter Wirkfaktor.

Hochsensibilität, Neugier und Begeisterung

Die Hochsensibilität unseres Schulkindes zeigt sich im haargenauen Beobachten: Wer erzählt was? Welche Lehrkräfte loben in welcher Stimmlage? Wem könnte sie helfen? Wen soll sie trösten? Wer hat sein Heft vergessen? Ihre Reflexion teilt sie oft am späten Nachmittag oder vor dem Einschlafen mit uns.

Namen ihrer Mitschüler:innen kennt sie kaum, aber sie mag alle. Es ginge ruhig zu, auch in den Pausen. Nur in den Hofpausen tobt unsere Tochter gern mit den ihr bekannten Jungen und Mädchen der höheren Klassen.

Ausmalen, Buchstaben verbinden und Zahlen nachziehen, das macht ihr keine rechte Freude. Aber das Fach Musik findet sie toll.

Gäbe es Einblicke in die Astronomie und in die menschliche Anatomie, und würde das Wissen der Hebammen auf dem Lehrplan stehen oder das Spiel eines Instruments, ja, das wäre es. So etwas würde unsere Siebenjährige begeistern.

Falls ihr generell tiefer ins Thema „selbstbestimmtes Lernen“ wollt: Was ist Unschooling ist eine gute Anschlussstelle.

Und nun?

Unser Mädchen meint, „bis Weihnachten“ wolle sie noch zur Schule gehen.

Und was ist mit mir? Nun, eigentlich habe ich Hunderte von Hummeln im Hintern. Ein Mediziner würde mir bestimmt die Diagnose „Fernweh“ stellen.

Schildkröte chillt an einem Brunnen in Šibenik, Kroatien

Das Reisen war so schön und entspannt. Hier: eine kroatische Chill-dkröte 😉

Doch vielleicht sollte ich nun doch mal unsere Koffer auspacken? Bei der Gelegenheit könnte ich auch das Zelt abbauen und uns für eine feste Wohnung bewerben. Unser „Test-Leben“ in Garten und Wohnung meiner Eltern ist schließlich keine Dauerlösung.

Vielleicht widme ich mich dann bald in einer eigenen Dreckhöhle einem Text über meine treibende Kraft als Schulgegnerin und Tunichtgut.(1)

Auf bald, eure Evelin

FAQ: Schule nach Freilernen testen

Ist „Schule testen“ nach Freilernen ein Widerspruch?

Für uns nicht. Wir lesen es als Experiment: Ein Kind probiert eine Umgebung aus und schaut, was sie mit ihm macht. Das kann passen oder auch nicht.

Was tun, wenn ein Kind nach wenigen Tagen „keine Lust mehr“ sagt?

Wir haben erst zugehört und dann gemeinsam auf den Stundenplan geschaut. Das half, weil sich die Entscheidung wieder konkret anfühlte: Welche Fächer will ich noch erleben, welche nicht?

Welche Rolle spielen Lehrkräfte in der Anfangszeit?

In unserer Erfahrung eine sehr große. Der Ton, die Art zu bitten oder zu bestimmen und die Bereitschaft, ein Problem ernst zu nehmen, hatten direkte Wirkung auf die Bereitschaft, wieder hinzugehen.

Wie kann man begleiten, ohne zu manipulieren?

Wir versuchen, Optionen sichtbar zu machen, ohne sie zu verkaufen. Fragen helfen mehr als Schubsen. Und manchmal reicht es, ein Gefühl stehen zu lassen, statt es sofort zu „lösen“.

Was, wenn Hygiene-Regeln oder Abläufe ein Kind stark stressen?

Bei uns war das Thema die Desinfektion. Wir haben es angesprochen, erst bei der Lehrkraft, dann bei der Direktorin. Allein das Ernstnehmen machte den nächsten Tag leichter.

Wie lange sollte ein Kind „testen“, bevor man neu entscheidet?

Unsere Tochter setzte sich selbst einen Rahmen („bis Weihnachten“). Das gab Orientierung, ohne endgültig zu wirken. Ob das für andere Familien passt, bleibt offen.

Wo finde ich euren rechtlichen Weg rund um Schulpflicht, An- und Abmeldung?

Dazu haben wir separat geschrieben: Anmeldung, Abmeldung, Befreiung von der Schulpflicht. Bitte beachtet: Das ist unser damaliger Stand und ersetzt keine Beratung.

Buchtipp und Transparenz

Hinweis: Der folgende Buchtipp ist ein Affiliate-Link. Wenn ihr darüber kauft, unterstützt ihr FreeYourFamily.net, ohne dass euch Mehrkosten entstehen.

Alternative zu Amazon: Wenn ihr lieber über einen sozialen Buchhandel bestellt, könnt ihr auch über buch7 gehen.

Meine Empfehlung für euch:

Was wir sind und was wir sein könnten: Ein neurobiologischer Mutmacher | Geschenkausgabe im Miniformat (Fischer Taschenbibliothek)*

Der Neurowissenschaftler Gerald Hüther macht dem Leser in diesem Buch Mut, radikal umzudenken. Wir leben in einer Zeit, in der eine Krise auf die andere folgt und „Burn-out“ zur Pest geworden ist. Er zeigt, wie wir besser mit Kindern, Mitarbeiter:innen, alten Menschen und uns selbst umgehen können, wie wir unsere Begeisterung behalten und unsere Potenziale bestmöglich entfalten.[/amazon]

(1) = Ironie. Man muss das Leben ja nicht immer so ernst nehmen. 🙂

CC BY-SA 4.0 Schule statt Freilernen – ein erstes Resümee von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

3
0
Was denkt ihr dazu? Wir sind gespannt auf eure Kommentare.x