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Zuletzt aktualisiert: 03. März 2026

Habt ihr euch schon einmal gefragt, was hinter dem Konzept des Freilernens oder Unschoolings steckt? Häufig von Missverständnissen und Klischees umgeben, verbirgt sich doch so viel mehr dahinter. In diesem Artikel erkunden wir, was Unschooling wirklich bedeutet, wie es sich von etablierten Bildungswegen unterscheidet und warum es für manche Familien eine stimmige Alternative sein kann.

Orientierung: Ihr bekommt zuerst eine klare Definition, dann die wichtigsten Unterschiede zu Homeschooling, anschließend Beispiele aus dem Alltag, verschiedene Ausprägungen und am Ende eine nüchterne Einordnung zur Rechtslage in Deutschland. Später schauen wir kurz auf Forschung und ihre Grenzen, ohne so zu tun, als wäre damit alles entschieden.

Unschooling: selbstbestimmte Bildung jenseits der Klischees des Freilernens

Liebe Leser:innen, was kommt euch in den Sinn, wenn ihr an „Freilernen“ denkt?

Ich assoziiere den Begriff natürlich in erster Linie mit dem, was meine Kinder tun. Doch so geht es den wenigsten. Freilernen wird oft missverstanden und es kursieren viele Klischees:

  • Die Kinder toben wie irre über Tisch und Bänke.
  • Sie pauken vornehmlich Esoterik oder Flacherdler-Theorien, um eines Tages Quanten-Quarkberater zu werden.
  • Alternativ werden sie zu redlichen Mitgliedern irgendeiner Sektengemeinschaft herangezogen.

Entwarnung: Nichts davon trifft zu. Freilernen ist wirklich etwas ganz anderes. Ich bevorzuge allerdings den Begriff Unschooling oder auch „selbstbestimmte Bildung“. Damit hoffe ich, nicht so schnell in die Ecke der Kristall-Kaffeesatzleser gestellt zu werden.

Was ist Unschooling?

Unschooling bedeutet: Kinder und Jugendliche lernen ohne festen Lehrplan und ohne schulähnliche Unterrichtslogik. Stattdessen folgt das Lernen überwiegend den eigenen Interessen, Fragen und Projekten. Erwachsene begleiten, ermöglichen und schützen, aber sie steuern nicht dauerhaft Inhalt, Tempo und Methode.

Im Deutschen tauchen dafür auch die Begriffe Freilernen und selbstbestimmte Bildung auf.

Wichtig: Unschooling heißt nicht „niemand kümmert sich“. Es ist eher ein Wechsel der Perspektive. Nicht Schule ist der Standard und alles andere die Abweichung, sondern Leben ist der Standard und Lernen passiert darin ständig. Das klingt schlicht. In der Praxis fordert es Aufmerksamkeit, Zeit und ehrliche Selbstprüfung.

Für wen passt das eher und für wen eher nicht?

Unschooling kann eher passen, wenn ein Kind stark über Interessen lernt, wenn es Autonomie als Motor erlebt und wenn die Familie verlässliche Zeit, Ruhe und soziale Anker außerhalb von Schule organisieren kann. Es kann auch dann sinnvoll sein, wenn Schule für ein Kind dauerhaft Stress oder Angst auslöst und zuerst Heilung und Stabilität gebraucht werden.

Es passt oft weniger gut, wenn ein Kind ausdrücklich den Rahmen, die tägliche Gruppe und die Vorhersagbarkeit von Schule möchte, oder wenn Eltern gerade selbst am Limit sind und kaum Kapazität für Begleitung, Austausch und Alltagstruktur haben.

Auch wer hofft, Unschooling löse automatisch alle Bildungsfragen, baut auf Sand. Forschung zur Heim-Bildung beschreibt insgesamt eine sehr heterogene Praxis und weist darauf hin, dass Übergänge, Ressourcen und Rahmenbedingungen stark variieren.

John Holt und die Geburt des Unschooling

Unschooling wurde als Begriff in den 1970er Jahren vor allem durch den US-Pädagogen und Autor John Holt bekannt. Holt kritisierte, dass Lernen in der Schule oft von Angst, Bewertung und Anpassungsdruck begleitet wird. Er beobachtete, dass Kinder leichter lernen, wenn sie sich sicher fühlen und nicht ständig beweisen müssen, „richtig“ zu sein.

Seine Überlegungen verarbeitete Holt unter anderem in How Children Fail und How Children Learn. Später prägte er mit dem Newsletter „Growing Without Schooling“ die Debatte um selbstbestimmtes Lernen.

Über Angst, Bewertung und Lernen fürs Abhaken

Viele von uns kennen Schule als Ort, an dem Leistung sichtbar wird. Sichtbarkeit hat ihren Preis: Vergleich, Noten, soziale Rangordnung. Das ist nicht per se „böse“. Aber es verändert das Lernklima.

Holt argumentierte, dass Schulbildung zu oft eine Art Scheinbildung produziere: Wissen wird für Prüfungen kurzfristig gespeichert und danach wieder vergessen. Viele nennen dieses Muster „Bulimie-Lernen“ (drastisch in Anlehnung an die Essstörung), weil es sich wie Lernen fürs Abhaken anfühlt; zum Überleben in einem System, nicht zum Verstehen der Welt.

Lernen als Teil des Lebens statt als eigener Käfig

Holts Kernkritik war grundlegend: Er hielt es für einen Fehler, Lernen vom restlichen Leben zu trennen. Kinder werden dabei leicht wie leere Blätter behandelt, die Erwachsene beschreiben müssen. Unschooling dreht das um und startet bei einer einfachen Beobachtung: Kinder sind von Natur aus neugierig.

Die Idee eines Ortes, der ausschließlich dem Lernen gewidmet und vom übrigen Dasein isoliert ist, erschien Holt als Irrweg. Unschooling setzt dagegen auf Alltag, Beziehungen, Interessen, Bücher, Gespräche, Handwerk, Natur, Kunst, Technik, Bewegung und die großen Fragen, die Kinder ohnehin stellen.

Ein Kind ordnet Buchstaben und verbindet sie mit Wörtern

Die Unschooling-Philosophie: Freiheit und Partnerschaft im Lernprozess

Beim Unschooling steht Lernfreiheit im Vordergrund. Der junge Mensch darf selbst wählen, was, wann, wie und von wem er lernt. Dahinter steckt die Annahme, dass Lernen dann besonders tief wird, wenn es an echte Fragen gekoppelt ist.

Das klingt romantisch. Darum lohnt ein zweiter Satz: Unschooling ist keine Dauerparty. Es ist eher eine Beziehungshaltung. Erwachsene bleiben zuständig. Sie sorgen für Sicherheit, für Zugang zu Material, für soziale Räume, für Gesundheit und Schutz. Und sie bleiben ansprechbar, wenn ein Kind an Grenzen stößt.

Unschooling vs. Homeschooling: Verständnis und Missverständnisse

Unschooling wird häufig als Unterform von Homeschooling beschrieben. Dennoch sind es zwei verschiedene Paar Schuhe. Beim Homeschooling folgt man oft einem strukturierten Curriculum. Oder die Eltern meinen, das Kind müsse unbedingt dieses oder jenes lernen. (Und damit wären wir wieder in der Ecke der Kristall-Kaffeesatzleser und Mondlicht-Coaches.)

Unschooling bedeutet gerade nicht, dass Eltern zu Hause Schule nachspielen. Es verlangt nicht einmal, dass „zu Hause“ der Hauptort des Lernens ist. Unschooling konzentriert sich auf die Idee, dass Kinder soziale und neugierige Wesen sind und Lernen überall stattfindet: im Gespräch, beim Bauen, beim Lesen, beim Reparieren, beim Beobachten.

Selbstbestimmt nähen lernen: Hände an Stoff und Nähmaschine

Darum passt Unschooling oft gut zu Reisen, Naturzeiten oder projektbasierten Phasen. Falls ihr euch für Lernen unterwegs interessiert, passt dazu auch unser Beitrag über Worldschooling und Freilernen auf Reisen.

Und falls ihr Lust auf sehr konkrete Einblicke habt: Unschooling in England, unser erster Trip und Unschooling in Tschechien, Worldschool-Family-Picnic in Prag.

Die Rolle der Eltern: Lernbegleitung statt Regie

Bildung bleibt, so sehen es Holt und viele moderne Lernforscher:innen, ein lebenslanger Prozess. Niemand sagt: „So, nun bist du sechs Jahre alt. Da mach’ mal schön Unschooling.“ Lernen beginnt viel früher. Und es endet nicht mit irgendeinem Zeugnis.

Viele Unschooling-Eltern verstehen sich als Lernbegleiter:innen. Sie gestalten eine Umgebung, die Fragen erlaubt, Material zugänglich macht und Resonanz bietet. Nicht als Methode. Eher als Alltagshandwerk.

  • Die Tochter begeistert sich für das Thema Geburt? Ein Gespräch mit einer Hebamme, ein Vorstellungsabend im Kreißsaal, ein gutes Buch können Türen öffnen.
  • Die Jungs spielen Bergretter? Wäscheleinen werden zu Seilen, das Hochbett zur Trainingswand, und plötzlich ist Physik nicht mehr abstrakt.
  • Ein Kind fremdelt mit Schreibschrift, will aber schreiben? Vielleicht entdeckt es den alten Duden im Regal, stöbert, kopiert, experimentiert und findet seinen eigenen Zugang.

Ein Beispiel, wie Lernen ohne Unterricht wachsen kann, findet ihr auch hier: Wie Kinder ohne Anleitung schwimmen lernen.

Fahrzeugtechnik am Modell erleben und Zusammenhänge begreifen

Manchmal hilft ein Vergleich: In freien Schulen (nicht zu verwechseln mit Schulen in freier Trägerschaft) fungieren Pädagog:innen oft als Unterstützer:innen, nicht als Autoritätspersonen. Sie helfen bei Material, Recherche, Experimenten. Unschooling überträgt diese Idee stärker in den Alltag der Familie.

Formen des Unschooling

Im deutschsprachigen Raum wird „Unschooling“ oft als Sammelbegriff genutzt. Im englischsprachigen Raum unterscheiden manche Autor:innen verschiedene Ausprägungen. Diese Kategorien sind keine Naturgesetze, eher Landkarten. Sie helfen, Gespräche zu präzisieren.

Eine häufig zitierte Einteilung nennt unter anderem:

  1. Unschooling (klassisch): Lernen ohne Curriculum, stark interessengeleitet, alltagsnah.
  2. Radical Unschooling: Überträgt den Partnerschaftsgedanken konsequent auf viele Lebensbereiche, nicht nur auf Bildung.
  3. Eclectic Homeschooling: Mischform aus strukturierten Elementen und selbstbestimmten Phasen.
  4. Wildschooling / Nature Schooling: Stärker naturbezogen, viel Lernen draußen, häufig projekt- und beobachtungsgetrieben.
  5. Delight Directed Learning: Lernen orientiert sich explizit an Freude, Neugier und intrinsischer Motivation.
  6. Worldschooling: Lernen durch Reisen und Ortswechsel, oft verbunden mit Projekten vor Ort.

Diese Begriffe überschneiden sich. In echten Familien ist es selten sauber getrennt. Und das ist in Ordnung.

Rechtliche Einordnung: Unschooling in Deutschland

In Deutschland gilt Schulpflicht, die in den Bundesländern konkret geregelt wird. Das bedeutet: Selbstbestimmtes Lernen außerhalb von Schule ist als Lebenspraxis möglich, aber als Ersatz für schulischen Besuch in der Regel rechtlich eng begrenzt. Ausnahmen existieren je nach Land und Einzelfall, etwa bei besonderen Situationen oder bestimmten Ersatzschulen. Das hier ist keine Rechtsberatung, sondern eine Orientierung.

Wenn ihr euch mit der Schulpflicht und ihren Rahmenbedingungen beschäftigen wollt, sind diese Einstiege solide: Grundgesetz, Artikel 7 und der Überblick der Kultusministerkonferenz zur Schulpflicht in Deutschland.

Passend dazu findet ihr bei uns weitere Perspektiven: „Unsere Kinder werden doch zur Schule gehen“ und „Hilfe, mein Kind will in die Schule“.

Ein Plädoyer für faire Debatten statt Lagerdenken

Viele Diskussionen über Unschooling kippen schnell in Moraltheater. Die einen erklären Schule zum Heilsweg. Die anderen erklären Schule zur Zumutung. Beides wirkt bequem, weil es Komplexität spart.

Unserer Erfahrung nach lohnt es sich mehr, konkrete Fragen zu stellen: Was braucht dieses Kind, in dieser Lebensphase, in dieser Familie, mit diesen Möglichkeiten? Welche sozialen Räume sind da, welche fehlen? Welche Interessen tragen wirklich, welche sind nur Flucht vor Stress? Und welche Verantwortung bleibt bei den Erwachsenen, auch wenn sie von Freiheit sprechen?

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Blick auf Ressourcen: Das Statistische Bundesamt bezifferte die Ausgaben pro Schüler:in an öffentlichen Schulen in Deutschland für 2021 im Durchschnitt mit 9.200 Euro. Diese Zahl beschreibt staatliche Ausgaben im öffentlichen Schulsystem. Sie beantwortet nicht automatisch die Frage, wie alternative Bildungswege finanziell oder strukturell unterstützt werden sollten, aber sie macht sichtbar, in welcher Größenordnung die Gesellschaft Schule bereits trägt.

Zum Nachlesen: Destatis-Pressemitteilung (03.03.2023) zu 9.200 Euro pro Schüler:in (2021) und die Destatis-Grafik mit Datentabelle. Für internationale Vergleichsdaten eignet sich außerdem: OECD „Education at a Glance 2023“.

Was Forschung sagen kann und was nicht

Zur Unschooling-Forschung gibt es interessante Einblicke, aber auch klare Grenzen. Vieles basiert auf Selbstberichten von Familien oder Erwachsenen, die rückblickend über ihre Erfahrungen sprechen. Das ist wertvoll. Es ist aber nicht automatisch repräsentativ.

Es gibt drei typische Stolpersteine: Selbstselektion (häufig melden sich eher Menschen, die zufrieden sind), Selbstberichte (Erinnerung und Selbstbild können verzerren) und fehlende Kontrollgruppen (man kann schwer trennen, was am Ansatz liegt und was an Rahmenbedingungen wie Stabilität, Zeit oder Ressourcen in der Familie). Darum ist es klug, Unschooling nicht als Garantie aufzufassen, sondern als möglichen Weg.

Unschooling als gelebte Demokratie

Ein spannender Strang der Forschung betrachtet Unschooling weniger als Methode, sondern als demokratische Praxis im Alltag. Ein Paper aus dem australischen Kontext argumentiert: Unschooling könne jungen Menschen Demokratie nicht nur als Unterrichtsthema anbieten, sondern als gelebte Erfahrung, weil Aushandlung, Beteiligung und echte Mitbestimmung in Lernfragen zum Alltag gehören.

Die Autor:innen stützen diese Perspektive vor allem auf eine Auswertung von öffentlich zugänglichen Dokumenten einer parlamentarischen Untersuchung zur Heim-Bildung in New South Wales (2014). Dort berichten Familien, wie „child-led“ und „interest-led“ Lernen in ihrem Alltag aussieht, während Regulator:innen und Politik teils skeptisch reagieren und Unschooling mit „keine Struktur“ verwechseln. Die Pointe des Papers ist nicht: Unschooling ist besser. Die Pointe lautet: Zu viel Kontrolle kann Agency (die Handlungs- und Mitgestaltungsmacht eines jungen Menschen über das eigene Lernen) und Teilhabe im Home-Education-Kontext aushebeln.

Wichtig für uns: Das ist Australien, nicht Deutschland. Der Text liefert keine Wirkungszahlen, sondern eine politisch-pädagogische Einordnung. Er hilft trotzdem, weil er zwei Anliegen gleichzeitig ernst nimmt: Schutz und Bildungsgerechtigkeit auf der einen Seite, echte Beteiligung junger Menschen am eigenen Lernen auf der anderen.

Eine zweite Linie in der Forschung ist kritisch und fragt nach Macht, Kontrolle und unsichtbaren Voraussetzungen. Sie erinnert daran, dass Freiheit auch verdecken kann, wer im Hintergrund Zeit, Geld, Bildungskapital oder Netzwerke bereitstellt. Diese Fragen sind unbequem. Gerade deshalb sind sie hilfreich.

Zusammenfassung und Fazit

Unschooling wird oft als „Freilernen“ oder „selbstbestimmte Bildung“ beschrieben. Gemeint ist ein Lernen ohne festen Lehrplan, das stark von Interessen, Projekten und Lebenspraxis getragen wird. Erwachsene begleiten, ermöglichen und schützen. Sie ersetzen Schule nicht einfach durch „Zuhause-Schule“, sondern verändern die Logik des Lernens.

Drei Kernprinzipien tauchen fast immer auf:

  • Selbstbestimmtes Lernen: Themen und Wege entstehen aus Neugier, nicht aus Pflichtlisten.
  • Lernen im Leben: Alltag wird zum Lernraum, nicht nur ein Ort für Unterricht.
  • Beziehung statt Kontrolle: Erwachsene bleiben präsent, aber sie führen nicht permanent Regie.

Unschooling stellt das traditionelle Verständnis von Bildung in Frage. Das kann bereichern. Es kann überfordern. Und es ist in Deutschland rechtlich nicht einfach. Vielleicht ist genau diese Dreiteilung der ehrlichste Ausgangspunkt: Möglichkeiten sehen, Risiken ernst nehmen, Rahmenbedingungen kennen.

„Normalität verändert sich, Normalität ist prekär, also auch schnell zerstört; und Normalität hat auch eine Menge mit Ungleichheit und Herrschaft zu tun. Das, was als normal gilt, muss gar nicht die Mehrheitserfahrung sein, muss gar nicht das sein, was für viele, alle oder die große Mehrheit gilt.“Paula-Irene Villa Braslavsky

Mit lieben Grüßen für mehr Mut zur natürlichen Neugier und zur selbstbestimmten Bildung unserer Kinder!

Eure Evelin

FAQ: Häufige Fragen zu Unschooling

Ist Unschooling dasselbe wie Homeschooling?

Nein. Homeschooling meint oft Unterricht zu Hause und häufig auch einen Lehrplan. Unschooling verzichtet bewusst auf schulähnliche Struktur und folgt stärker Interessen, Projekten und Alltagserfahrungen.

Heißt Unschooling, dass Kinder „machen, was sie wollen“?

In einem oberflächlichen Sinn könnte man das so sagen. In einem realistischen Sinn nicht. Erwachsene bleiben verantwortlich für Sicherheit, Gesundheit, Beziehungen, Ressourcen und Grenzen. Freiheit funktioniert nur, wenn jemand den Rahmen hält.

Lernen Kinder beim Unschooling auch Lesen, Schreiben und Rechnen?

Viele Kinder finden Wege dorthin, oft über Interessen, Spiel, Alltag oder Projekte. Wie schnell und auf welchem Weg das geschieht, variiert stark. Wo Unsicherheiten entstehen, kann gezielte Unterstützung sinnvoll sein. Unschooling ist keine Garantie, sondern eine Lernkultur.

Was sind typische Risiken beim Unschooling?

Risiken können entstehen, wenn soziale Kontakte fehlen, wenn Erwachsene überfordert sind, wenn grundlegende Bedürfnisse übersehen werden oder wenn Freiheit als Ausrede für Rückzug dient. Auch Konflikte mit Behörden und rechtliche Folgen können in Deutschland relevant sein.

Wie sieht ein typischer Unschooling-Tag aus?

„Typisch“ ist gerade das Unpassende an dieser Frage. In manchen Familien sind es Projekte, Ausflüge, Gespräche, Werkeln, Lesen. In anderen dominieren Naturzeit, Musik, Technik oder Begegnungen. Entscheidend ist weniger der Tagesplan als die Haltung: Fragen ernst nehmen und Lernen nicht künstlich abtrennen.

Ist Unschooling in Deutschland legal?

Deutschland hat Schulpflicht, die in den Bundesländern geregelt ist. Reines Unschooling als Ersatz für den Schulbesuch ist in der Regel rechtlich nicht vorgesehen. Wer das erwägt, sollte sich sehr gut informieren und seriöse rechtliche Beratung einholen.

Welche Alternativen gibt es zwischen Schule und Unschooling?

Zwischen Regelschule und Unschooling gibt es in Deutschland mehrere Wege, die innerhalb der Schulpflicht liegen. Ein wichtiger Rahmen sind Schulen in freier Trägerschaft, insbesondere Ersatzschulen, an denen die Schulpflicht erfüllt werden kann. Innerhalb dieses Rahmens gibt es unterschiedliche pädagogische Profile, zum Beispiel reformpädagogische Ansätze oder demokratische Schulkonzepte.

Wer einen Einstieg sucht, kann bei der Kultusministerkonferenz nachlesen, wie Schulen in freier Trägerschaft eingeordnet werden: KMK: Schulen in freier Trägerschaft. Für einen Blick auf Schulen, die selbstbestimmtes Lernen und demokratische Mitbestimmung ausdrücklich als Basis nennen, ist auch der Bundesverband der Freien Alternativschulen (BFAS) ein Einstiegspunkt.

Wie grenzt ihr euch von Esoterik und Geschwurbel ab?

Indem ihr kritisch prüft, Quellen einfordert und euch nicht von Gruppenlogik tragen lasst. Unschooling ist kein Freifahrtschein für Weltbilder. Es ist ein Bildungsansatz. Wissenschaftliche Redlichkeit passt dazu besser als Heilsversprechen.

Weiterführender Lesetipp

Für einen Blick auf Debatten und Entwicklungen lohnt sich dieser Text: Mehr als 10 Jahre „Unschooling“ in Deutschland, ein Rückblick und ein Ausblick (Archivlink).

Unsere Haltung als Freilernerfamilie: Wir legen Wert darauf, uns von Strömungen abzugrenzen, die Unschooling als trojanisches Pferd missbrauchen. Wir versuchen, so gut es geht wissenschaftlich redlich zu bleiben, Begriffe zu klären und dort vorsichtig zu sein, wo die Datenlage und die Evidenz dünn sind.

Buchtipps und Quellen

Grundlagen und Ursprung: John Holt, How Children Fail und How Children Learn. Ergänzend zur Begriffsklärung: John Holt GWS, The Foundations of Unschooling.

Einordnung: Demokratie, Agency und Regulierung: English, R., Krogh, C. und Liberto, G. (2024): Democracy without curriculum (Curriculum Perspectives). Der Artikel diskutiert Unschooling als demokratische Praxis und nutzt dafür unter anderem öffentlich zugängliche Dokumente einer parlamentarischen Untersuchung in New South Wales (2014).

Empirische Einblicke, mit Grenzen: Gray, P. und Riley, G. (2013): The Challenges and Benefits of Unschooling, According to 232 Families Who Have Chosen that Route (Journal of Unschooling and Alternative Learning, 7(14)).

Gray, P. und Riley, G. (2015): Grown Unschoolers’ Evaluations of Their Unschooling Experiences: Report I (Other Education, 4(2); Repository: CUNY Academic Works).

Riley, G. und Gray, P. (2015): Grown Unschoolers’ Experiences with Higher Education and Employment: Report II (Other Education, 4(2)).

Breiter Kontext Heim-Bildung, Heterogenität und Forschungsstand: Kunzman, R. und Gaither, M. (2020): Homeschooling: An Updated Comprehensive Survey of the Research (Other Education, 9(1)).

Weitere Literatur und Methodik-Hinweise (aufklappen)

Kritische Perspektiven (Auswahl): O’Hare, A. und Coyne, J. (2020): Unschooling and the Self. Tougas, R. (2024): Resisting neoliberal subjectivity in self-directed education.

Warum ein Methodik-Hinweis hier auftaucht: Wenn Forschung stark auf Online-Communities, Selbstberichte und freiwillige Teilnahme angewiesen ist, beeinflusst das, wer überhaupt sichtbar wird. Das ist nicht nur ein Detail, sondern kann Ergebnisse systematisch verzerren.

Methodik-Hinweis: Janssens, A. C. J. et al. (2012): Ethical implications of methodological limitations.

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