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Zuletzt aktualisiert: 15. August 2026
Habt ihr euch schon einmal gefragt, was hinter dem Konzept des Freilernens oder Unschoolings steckt? Häufig von Missverständnissen und Klischees umgeben, verbirgt sich doch so viel mehr dahinter. In diesem Artikel schauen wir uns an, was Unschooling wirklich bedeutet, wie es sich von anderen Bildungswegen unterscheidet und warum es für manche Familien eine stimmige Alternative sein kann.
Unschooling: selbstbestimmte Bildung jenseits der Klischees des Freilernens
Liebe Leser:innen, was kommt euch in den Sinn, wenn ihr an „Freilernen“ denkt?
Ich assoziiere den Begriff natürlich in erster Linie mit dem, was meine Kinder tun. Doch so geht es den wenigsten. Freilernen wird oft missverstanden und es kursieren viele Klischees:
- Die Kinder toben wie irre über Tisch und Bänke.
- Sie pauken vornehmlich Esoterik oder Flacherdler-Theorien, um eines Tages Quanten-Quarkberater zu werden.
- Alternativ werden sie zu redlichen Mitgliedern irgendeiner Sektengemeinschaft herangezogen.
Entwarnung: Nichts davon trifft zu. Freilernen ist wirklich etwas ganz anderes. Ich bevorzuge allerdings den Begriff Unschooling oder auch „selbstbestimmte Bildung“. Damit hoffe ich, nicht so schnell in die Ecke der Kristall-Kaffeesatzleser gestellt zu werden.
Was ist Unschooling?
Unschooling bedeutet zunächst einmal: Kinder und Jugendliche lernen ohne festen Lehrplan und ohne den Anspruch, Schule zu Hause nachzubauen. Ihre Fragen, Interessen und Vorhaben geben die Richtung vor. Erwachsene begleiten sie, öffnen Türen, beschaffen Material, beantworten Fragen oder suchen gemeinsam nach jemandem, der weiterhelfen kann.
Im Deutschen begegnen euch dafür auch die Begriffe Freilernen und selbstbestimmte Bildung.
Das heißt keineswegs, dass Erwachsene sich zurücklehnen und hoffen, es werde schon irgendwie gutgehen. Für mich verändert sich eher unsere Aufgabe. Wir entscheiden nicht mehr ständig, was ein Kind jetzt lernen soll. Dafür müssen wir umso genauer hinsehen: Wofür interessiert es sich? Was versucht es gerade? Wo braucht es Ruhe, Material, andere Menschen oder schlicht unsere Hilfe?
Für wen kann Unschooling passen – und was braucht es dafür?
Unschooling kann besonders gut zu jungen Menschen passen, die ihre eigenen Fragen verfolgen möchten und Autonomie als starken Antrieb erleben. Dafür braucht eine Familie allerdings Zeit, verlässliche Beziehungen, Zugang zu Büchern, Werkzeug, Natur, Kultur oder anderen Menschen und vor allem soziale Räume außerhalb der eigenen vier Wände.
Manche Kinder möchten dagegen ausdrücklich in eine Schule gehen. Sie mögen den festen Rahmen, ihre Gruppe, bestimmte Fächer oder einfach diesen Ort. Auch das gehört für mich zur Selbstbestimmung. Ein Kind ausgerechnet im Namen des Unschoolings von einer gewünschten Schule fernzuhalten, würde den Gedanken ziemlich auf den Kopf stellen. Über genau diese Erfahrung haben wir in „Hilfe, mein Kind will in die Schule“ geschrieben.
Und natürlich müssen wir Eltern auch auf uns selbst schauen. Selbstbestimmtes Lernen braucht Begleitung. Wer gerade kaum Kraft für den eigenen Alltag hat, kann diese Verantwortung nicht einfach an die Freiheit des Kindes delegieren.
John Holt und die Geburt des Unschooling
Der Begriff Unschooling wurde in den 1970er Jahren vor allem durch den US-Pädagogen und Autor John Holt bekannt. Holt hatte selbst als Lehrer gearbeitet und beschäftigte sich intensiv mit der Frage, warum Kinder in Lernprozessen manchmal aufblühen und manchmal vor allem versuchen, Fehler zu vermeiden.
Seine Überlegungen hielt er unter anderem in How Children Fail und How Children Learn fest. 1977 gründete er außerdem „Growing Without Schooling“. Patrick Farenga, der später mit Holt arbeitete und das Magazin nach dessen Tod weiterführte, beschreibt Unschooling als Holts Begriff für Lernen, das weder an einen bestimmten Ort noch an schulähnlichen Unterricht gebunden ist.
Über Angst, Bewertung und Lernen fürs Abhaken
Das mag uns heute einleuchten. Trotzdem erleben Kinder Schule nicht automatisch als angstfreien Ort. Viele von uns kennen Versagensangst, die Sorge, vor anderen dumm dazustehen, oder dieses unangenehme Gefühl, wenn aus einer falschen Antwort plötzlich eine Bewertung der eigenen Leistung wird.
Holt kritisierte außerdem, dass Schulbildung allzu oft eine Art Scheinbildung hervorbringe: Wissen wird für eine Prüfung gespeichert und danach wieder vergessen. Heute fällt dafür gelegentlich der ziemlich drastische Begriff „Bulimie-Lernen“. Gemeint ist Lernen fürs Abhaken – für den nächsten Test, nicht unbedingt für das eigene Verständnis der Welt.
Lernen als Teil des Lebens statt als eigener Käfig
Holts Kritik ging tiefer. Er hielt es für einen Fehler, Lernen vom übrigen Leben abzutrennen. Kinder stellen Fragen, probieren Dinge aus, beobachten Erwachsene, scheitern, versuchen es erneut und suchen sich Hilfe. Dafür brauchen sie nicht erst die Erlaubnis eines Stundenplans.
Unschooling setzt deshalb auf Alltag, Beziehungen, Interessen, Bücher, Gespräche, Handwerk, Natur, Kunst, Technik, Bewegung und auf all die Fragen, die junge Menschen ohnehin mit sich herumtragen.

Die Unschooling-Philosophie: Freiheit und Partnerschaft im Lernprozess
Beim Unschooling steht Lernfreiheit im Vordergrund. Der junge Mensch darf selbst wählen, was, wann, wie und von wem er lernt. Diesem Ansatz liegt die Überzeugung zugrunde, dass Lernen besonders tragfähig werden kann, wenn es mit den eigenen Fragen und Erfahrungen verbunden ist.
Für mich steckt darin vor allem eine Beziehungshaltung. Erwachsene verschwinden nicht aus der Verantwortung. Wir sorgen für Sicherheit, Gesundheit, Beziehungen und Zugang zur Welt. Wir dürfen Grenzen haben. Kinder übrigens auch. Partnerschaft bedeutet weder die Dominanz der Wünsche der Eltern noch die Dominanz der Wünsche des Kindes.
Unschooling vs. Homeschooling: Verständnis und Missverständnisse
Unschooling wird häufig als Unterform von Homeschooling beschrieben. Dennoch sind es zwei verschiedene Paar Schuhe. Beim Homeschooling kann ein strukturiertes Curriculum eine große Rolle spielen. Vielleicht gibt es feste Zeiten, Bücher, Kurse und Lernziele. Oder die Eltern meinen, das Kind müsse unbedingt dieses oder jenes lernen. (Und damit wären wir wieder in der Ecke der Kristall-Kaffeesatzleser und Mondlicht-Coaches.)
Unschooling bedeutet gerade nicht, dass Eltern – oder eine App – zu Hause Lehrer spielen. Es verlangt nicht einmal, dass „zu Hause“ der wichtigste Lernort ist. Unschooling geht davon aus, dass Kinder soziale und neugierige Wesen sind und dass Lernen überall stattfinden kann: beim Gespräch, beim Bauen, beim Lesen, beim Reparieren, beim Beobachten oder mitten in einem Problem, das gestern noch niemand auf dem Plan hatte.
Falls ihr die Begriffe genauer auseinanderhalten möchtet, findet ihr dazu auch unseren Beitrag Distanzunterricht ist kein Homeschooling.

Weil Lernen nicht an einen Unterrichtsraum gebunden ist, lässt sich Unschooling auch mit Reisen, längeren Aufenthalten an einem Ort oder viel Zeit in der Natur verbinden. Mehr dazu findet ihr in unserem Beitrag über Worldschooling und Freilernen auf Reisen.
Und falls ihr Lust auf ganz konkrete Einblicke habt: Unschooling in England, unser erster Trip und Unschooling in Tschechien, Worldschool-Family-Picnic in Prag.
Die Rolle der Eltern: Lernbegleitung statt Regie
Lernen beginnt nicht plötzlich mit sechs Jahren und endet auch nicht mit irgendeinem Zeugnis. Niemand sagt: „So, nun bist du sechs Jahre alt. Da mach’ mal schön Unschooling.“
Wir Eltern verstehen uns als Lernbegleiter:innen. Wir versuchen, unsere Umgebung so zu gestalten, dass sie die Neugier der Kinder anregt, und unterstützen das, was ihr Lernen gerade erleichtert. Das klingt abstrakter, als es im Alltag aussieht:
- Die Tochter begeistert sich für das Thema Geburt? Auf zum nächsten Vorstellungsabend im Kreißsaal!
- Die Jungs spielen Bergretter? Gebt ihnen Wäscheleinen und sie trainieren das gesicherte Abseilen über das Hochbett.
- Ein Kind kann sich nicht mit der Schreibschrift anfreunden, will aber doch schreiben lernen? Da entdeckt es den alten Duden im Schrank und eignet sich die Sütterlinschrift an. Und bald darauf entwickelt sich die lateinische Kurrentschrift wie von selbst.
Wie Kinder ohne Anleitung und Unterricht schwimmen lernen, könnt ihr hier nachlesen.

In manchen freien Schulen – nicht zu verwechseln mit Schulen in freier Trägerschaft – verstehen sich Pädagog:innen ähnlich als Unterstützer:innen. Sie helfen dabei, Material aufzutreiben, recherchieren mit jungen Menschen, ermöglichen Experimente oder forschen gemeinsam weiter, wenn niemand die Antwort kennt. Unschooling verlegt diese Form der Begleitung stärker in den gewöhnlichen Alltag.
Formen und Begriffe rund um Unschooling
Wenn ihr euch länger mit dem Thema beschäftigt, stolpert ihr schnell über verschiedene Bezeichnungen. Dahinter steckt keine verbindliche wissenschaftliche Typologie. Familien und Autor:innen verwenden die Begriffe unterschiedlich und manches überschneidet sich erheblich.
- Unschooling: Lernen ohne festes Curriculum, stark an den Interessen und am Alltag des jungen Menschen orientiert.
- Radical Unschooling: Überträgt den Gedanken einer möglichst partnerschaftlichen Beziehung über Bildungsfragen hinaus auf weitere Lebensbereiche.
- Eclectic Homeschooling: Verbindet strukturierte Elemente des Homeschoolings mit selbstbestimmten Lernphasen.
- Wildschooling / Nature Schooling: Begriffe für Ansätze, bei denen Natur, Draußensein und unmittelbare Erfahrungen eine besonders große Rolle spielen.
- Delight Directed Learning: Lernen orientiert sich stark an Freude, Neugier und vorhandenen Interessen.
- Worldschooling: Lernen ist mit Reisen, Ortswechseln und dem Leben an unterschiedlichen Orten verbunden. Manche Worldschooler unschoolen, andere arbeiten mit einem Curriculum.
Im echten Familienleben passen solche Schubladen ohnehin selten ganz genau. Das stört mich nicht besonders.
Rechtliche Einordnung: Unschooling in Deutschland
In Deutschland besteht eine allgemeine Schulpflicht, deren konkrete Regelungen in den Schulgesetzen der Bundesländer stehen. Die Kultusministerkonferenz beschreibt für die meisten Länder neun Jahre Vollzeitschulpflicht, in mehreren Ländern zehn. Unschooling als vollständiger Ersatz für den Besuch einer staatlichen oder entsprechend anerkannten Schule ist deshalb in Deutschland grundsätzlich nicht frei wählbar. Befreiungen und besondere Regelungen hängen vom jeweiligen Landesrecht und vom Einzelfall ab. Schulen in freier Trägerschaft und genehmigte Ersatzschulen sind dabei keine Ausnahme von der Schulpflicht, sondern Teil des Schulwesens.
Auch das Bundesverfassungsgericht hat sich mit Heimunterricht beschäftigt und 2003 eine Verfassungsbeschwerde gegen die verweigerte Befreiung vom Schulbesuch nicht zur Entscheidung angenommen. Das Gericht stellte dabei neben dem Elternrecht den staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag sowie die gesellschaftliche und demokratische Funktion regelmäßiger Schulkontakte heraus.
Wenn ihr euch mit der Rechtslage beschäftigt, beginnt am besten bei den zuständigen Stellen: Grundgesetz, Artikel 7, der Überblick der Kultusministerkonferenz zur Schulpflicht in Deutschland und der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 29. April 2003. Das hier ersetzt keine Rechtsberatung.
Passend dazu findet ihr bei uns weitere Perspektiven: „Unsere Kinder werden doch zur Schule gehen“ und „Hilfe, mein Kind will in die Schule“.
Warum wir Unschooling als Bildungsweg anerkannt sehen möchten
Im ursprünglichen Artikel habe ich ziemlich klar geschrieben, was ich mir wünsche: Unschooling sollte als zusätzlicher Bildungsweg anerkannt und gefördert werden. Daran möchte ich nichts weichzeichnen.
Für mich bedeutet diese Forderung allerdings nicht, dass Eltern unter dem Etikett „Freiheit“ einfach machen können, was sie wollen. Die jungen Menschen selbst sind schließlich diejenigen, um deren Bildung und Leben es geht. Ihre Wünsche, ihre Beziehungen, ihr Zugang zur Welt und ihr Schutz gehören genauso in die Debatte wie das Erziehungsrecht der Eltern.
Deshalb überzeugt mich auch das übliche Lagerdenken nicht. Schule ist weder automatisch der Heilsweg noch automatisch eine Zumutung. Beim Unschooling ist es genauso. Die sinnvollere Frage lautet für mich: Was braucht dieser junge Mensch? Kann er mitentscheiden? Hat er andere Menschen, Lerngelegenheiten und Unterstützung? Und stehen Erwachsene bereit, wenn Freiheit allein gerade nicht weiterhilft?
Über Ressourcen muss man dabei ebenfalls reden. Das Statistische Bundesamt beziffert die Ausgaben je Schüler:in an öffentlichen Schulen in Deutschland für 2024 auf durchschnittlich 10.500 Euro. Der Wert ist vorläufig und nominal, also nicht preisbereinigt. Er umfasst Personalausgaben, laufenden Sachaufwand und Investitionen. Diese Zahl beweist selbstverständlich nicht, wie ein alternatives Bildungssystem finanziert werden sollte. Sie zeigt aber, dass Bildung auch im bestehenden System erhebliche gemeinschaftlich finanzierte Ressourcen benötigt.
Zum Nachlesen: Destatis: 10.500 Euro je Schülerin und Schüler an öffentlichen Schulen im Jahr 2024 sowie die Destatis-Langreihe der Ausgaben je Schüler:in.
Was die Forschung über Unschooling sagen kann – und was nicht
Wer von Erfahrungen begeistert ist, möchte irgendwann wissen: Funktioniert das auch jenseits unserer eigenen Familie? Genau da wird die Sache schwieriger.
Es gibt Forschung zu Unschooling und zur breiteren Heim-Bildung. Vieles davon beruht aber auf freiwilligen Befragungen von Familien oder auf Erwachsenen, die rückblickend über ihre Kindheit berichten. Solche Arbeiten können sehr interessante Erfahrungen sichtbar machen. Sie beantworten nicht automatisch die Frage, wie Unschooling bei allen Familien wirken würde.
Ein gutes Beispiel ist die Untersuchung von Peter Gray und Gina Riley aus dem Jahr 2013. 232 selbstidentifizierte Unschooling-Familien beantworteten einen Fragebogen zu ihren Erfahrungen. Die Antworten erzählen viel darüber, welche Vorteile und Schwierigkeiten diese Familien selbst wahrnahmen. Weil die Familien freiwillig teilnahmen und keine vergleichbare Kontrollgruppe untersucht wurde, lässt sich daraus aber kein Beweis ableiten, Unschooling verursache bestimmte positive oder negative Ergebnisse.
Genau diese Einschränkung ist mir wichtig. Ich möchte unsere Erfahrungen ernst nehmen, ohne daraus eine Garantie für andere Kinder zu basteln.
Unschooling als gelebte Demokratie
Rebecca English, Chris Krogh und Giuliana Liberto betrachten Unschooling in einem 2024 erschienenen Fachartikel noch aus einer anderen Richtung. Sie fragen, ob junge Menschen Demokratie nicht nur im Unterricht kennenlernen, sondern im eigenen Bildungsalltag tatsächlich erleben können – indem sie an Entscheidungen über ihr Lernen beteiligt sind.
Für ihre Analyse verwendeten die Autor:innen unter anderem öffentlich zugängliche Dokumente einer parlamentarischen Untersuchung zur Heim-Bildung in New South Wales aus dem Jahr 2014. Darin begegnen sich zwei ziemlich unterschiedliche Vorstellungen davon, was gute Bildung ausmacht: Familien beschreiben „child-led“ und „interest-led“ learning, während staatliche Stellen stärker auf vorgegebene Inhalte und Nachweise schauen.
Die Autor:innen argumentieren, dass eine sehr starke Regulierung die Agency junger Menschen – also ihre tatsächliche Handlungs- und Mitgestaltungsmacht – einschränken kann. Das ist eine pädagogisch-politische Argumentation aus Australien. Es sind keine Wirkungsdaten, und die Autor:innen weisen selbst darauf hin, dass das zentrale Material ihrer Untersuchung inzwischen älter ist.
Andere Arbeiten stellen wieder andere Fragen. Adele O’Hare und Joe Coyne untersuchten beispielsweise 19 australische und neuseeländische Unschooling-Blogbeiträge und beschäftigten sich damit, wie Eltern ihre Identität als Unschooler:innen in Auseinandersetzung mit anderen Stimmen entwickeln. Renee Tougas fragt in einer Arbeit von 2024, welche Vorstellungen von Autonomie, Freiheit und Selbststeuerung in selbstbestimmter Bildung stecken und wie leicht dabei gesellschaftliche Erwartungen mittransportiert werden können.
Diese unterschiedlichen Arbeiten erinnern mich an etwas, das in Bildungsdebatten gern verloren geht: Auch Freiheit braucht kritische Fragen. Wer verfügt über Zeit? Wer organisiert Kontakte und Materialien? Wer entscheidet am Ende? Und kann der junge Mensch tatsächlich widersprechen – auch dann, wenn er plötzlich etwas ganz anderes möchte als seine Eltern?
Fazit: Selbstbestimmtes Lernen braucht Vertrauen und Verantwortung
Unschooling hat unseren Blick auf Bildung tief geprägt. Wir erleben immer wieder, wie viel Lernen im gewöhnlichen Leben steckt, wenn Kinder ihren Fragen folgen dürfen und Erwachsene nicht jeden nächsten Schritt vorgeben.
Das macht Unschooling weder zur Garantie für glückliche Kinder noch zum universellen Rezept für Bildung. Gerade weil wir diesen Weg schätzen, sollten wir seine Voraussetzungen und Schwächen nicht schönreden.
Meine Position bleibt trotzdem klar: Ich wünsche mir, dass selbstbestimmte Bildung außerhalb einer Schule auch in Deutschland als zusätzlicher Bildungsweg rechtlich möglich wird. Ein solcher Rahmen müsste die Rechte und die Stimme der jungen Menschen selbst ernst nehmen und sicherstellen, dass Schutz, soziale Teilhabe und Zugang zu Bildung nicht vom Zufall abhängen.
Unschooling stellt unser gewohntes Verständnis von Bildung in Frage. Vielleicht ist genau das sein größter Wert: Es zwingt uns, Lernen wieder vom jungen Menschen aus zu betrachten.
„Normalität verändert sich, Normalität ist prekär, also auch schnell zerstört; und Normalität hat auch eine Menge mit Ungleichheit und Herrschaft zu tun. Das, was als normal gilt, muss gar nicht die Mehrheitserfahrung sein, muss gar nicht das sein, was für viele, alle oder die große Mehrheit gilt.“ – Paula-Irene Villa Braslavsky
Mit lieben Grüßen für mehr Mut zur natürlichen Neugier und zur selbstbestimmten Bildung unserer Kinder!
Eure Evelin
FAQ: Häufige Fragen zu Unschooling
Ist Unschooling dasselbe wie Homeschooling?
Nein. Homeschooling ist der weitere Begriff für Bildung außerhalb einer regulären Schule und kann sehr strukturiert mit Curriculum und festen Lernzeiten stattfinden. Unschooling verzichtet bewusst auf diese schulähnliche Steuerung und orientiert sich stärker an den Interessen und Fragen des jungen Menschen.
Heißt Unschooling, dass Kinder „machen, was sie wollen“?
Wenn damit gemeint ist, dass Erwachsene sich aus ihrer Verantwortung verabschieden: nein. Wenn gemeint ist, dass junge Menschen bei Dingen, die ihr eigenes Leben und Lernen betreffen, tatsächlich mitentscheiden dürfen: genau darum geht es. Auch in einer partnerschaftlichen Familie haben Menschen Bedürfnisse und Grenzen.
Lernen Kinder beim Unschooling auch Lesen, Schreiben und Rechnen?
Unschooling-Familien berichten sehr unterschiedliche Wege dorthin. Manche Kinder interessieren sich früh dafür, andere später oder über Umwege. Daraus lässt sich keine allgemeine Altersgarantie ableiten. Erwachsene können Material anbieten, Fragen beantworten und gezielt unterstützen, wenn ein junger Mensch etwas lernen möchte und allein nicht weiterkommt.
Wie Mathematik im Alltag auftauchen kann, haben wir ausführlicher in Lernen Kinder Mathe ohne Unterricht? beschrieben.
Was sind typische Risiken beim Unschooling?
Problematisch wird es zum Beispiel, wenn ein Kind zu wenige soziale Kontakte hat, Erwachsene dauerhaft überfordert sind, notwendige Unterstützung fehlt oder „Selbstbestimmung“ bedeutet, dass niemand mehr genau hinsieht. In Deutschland kommen mögliche Konflikte mit der Schulpflicht hinzu.
Wie sieht ein typischer Unschooling-Tag aus?
Gerade einen typischen Tagesplan gibt es kaum. Bei uns kann Lernen beim Lesen, Bauen, Reisen, Nähen, Reparieren, Rechnen, Reden oder in einem völlig unerwarteten Interesse auftauchen. Der gemeinsame Nenner ist weniger ein bestimmter Stundenplan als die Möglichkeit, einer Sache weiter nachzugehen, solange sie gerade trägt.
Ist Unschooling in Deutschland legal?
Als frei wählbarer Ersatz für den Besuch einer Schule grundsätzlich nicht. Deutschland hat eine allgemeine Schulpflicht; die konkrete Ausgestaltung und mögliche Ausnahmen regeln die Bundesländer. Wer eine konkrete rechtliche Situation beurteilen muss, sollte deshalb das Schulrecht des betreffenden Landes prüfen und gegebenenfalls fachkundige Rechtsberatung einholen.
Welche Alternativen gibt es zwischen Regelschule und Unschooling?
Innerhalb der deutschen Schulpflicht gibt es unterschiedliche Schulformen und pädagogische Konzepte. Dazu gehören auch Schulen in freier Trägerschaft und genehmigte Ersatzschulen. Manche reformpädagogischen oder demokratischen Schulen räumen jungen Menschen deutlich mehr Mitbestimmung und selbstbestimmte Lernzeit ein als klassische Regelschulen.
Die Kultusministerkonferenz erläutert den rechtlichen Rahmen unter Schulen in freier Trägerschaft. Einen Überblick über freie Alternativschulen bietet außerdem der Bundesverband der Freien Alternativschulen (BFAS).
Weiterführender Lesetipp
Ich möchte euch noch auf einen Artikel hinweisen, der für unsere eigene Einordnung wichtig war: Mehr als 10 Jahre „Unschooling“ in Deutschland – ein Rückblick und ein Ausblick (Archivlink).
Der Text blickt auf die Entwicklung der schulfreien Bildung in Deutschland und bezieht zugleich deutlich Stellung gegen das Geschwurbel, das sich in Teilen der Szene ausgebreitet hat. Genau diese Trennung ist uns wichtig.
Unsere Haltung als Freilernerfamilie: Wir möchten Unschooling nicht als trojanisches Pferd für Ideologien verstanden wissen. Persönliche Erfahrung darf persönliche Erfahrung sein. Eine Studie ist etwas anderes. Eine Rechtsbehauptung braucht eine belastbare Rechtsquelle. Und wo die Forschung wenig weiß, können wir auch einfach sagen: Das wissen wir noch nicht.
Buchtipps und Quellen
Grundlagen und Ursprung: John Holt, How Children Fail und How Children Learn. Ergänzend zur Begriffsgeschichte: Patrick Farenga: The Foundations of Unschooling und What Is Unschooling?.
Demokratie, Agency und Regulierung: English, R., Krogh, C. und Liberto, G. (2024): Democracy without curriculum: how unschooling contributes to a home education rooted in democracy and agency for young people, Curriculum Perspectives, 44, 143–153.
Empirische Einblicke – mit methodischen Grenzen: Gray, P. und Riley, G. (2013): The Challenges and Benefits of Unschooling, According to 232 Families Who Have Chosen that Route, Journal of Unschooling and Alternative Learning, 7(14).
Gray, P. und Riley, G. (2015): Grown Unschoolers’ Evaluations of Their Unschooling Experiences: Report I, Other Education, 4(2).
Riley, G. und Gray, P. (2015): Grown Unschoolers’ Experiences with Higher Education and Employment: Report II, Other Education, 4(2).
Breiter Forschungsstand zu Heim-Bildung: Kunzman, R. und Gaither, M. (2020): Homeschooling: An Updated Comprehensive Survey of the Research, Other Education, 9(1).
Weitere kritische Perspektiven (aufklappen)
O’Hare, A. und Coyne, J. (2020): Unschooling and the Self: A dialogical analysis of unschooling blogs in Australia and New Zealand, Culture & Psychology, 26(3), 484–499.
Tougas, R. (2024): Resisting and disrupting neoliberal subjectivity in self-directed education: what can we learn from Black homeschoolers, On the Horizon, 32(2/3), 68–81.
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Hallo,
mich interessiert, wie ihr das Unschooling praktisch realisiert, bei deutscher Homebase? In unserer Schule gibt es eine jährliche Statistik über „Kinder beruflich Reisender“, kann ich mir eure Lösung so vorstellen?
Liebe Grüße, J.
Hallo J., nein, wir haben mit den Schulen keine Vereinbarung getroffen. Unsere derzeitige Lösung für unbehindertes Freilernen ist die Abmeldung aus Deutschland. Wir sind, wenn wir in unserer Base sind, quasi nur Touristen. (Patrick nicht, er ist ganz regulär gemeldet.) Ganz liebe Grüße, Evelin
Zwecks Auswanderung recherchiere ich über Montenegro und bin hier gelandet, wobei ich jetzt gar nich sicher bin, ob Sie noch in Montenegro leben. Im og. Artikel über das Freilernen ist immer von Deutschland die Rede. Ich möchte einfach nur wissen, ob es in Montenegro eine Schul-Anweseneheitspflicht gibt, da die Infos überall anders sind. Wo finde ich eine zuverlässige Quelle? Mir wäre es wichtig, daß mein Kind nicht in einen Kindergarten muß und auch kein Zwang besteht, in ein Schulgebäude zu gehen. In manchen Ländern ist das nur für die ersten 4 Schuljahre erlaubt, danach muß bis zum Abi die Schule besucht werden. Andere Länder erlauben es nur, wenn das Kind krank/behindert ist. Überall gibt es unterschiedliche Regelungen, wobei das Kind meist eine jährliche Prüfung nach Regel-Lehrplan machen muß, um den Wissenstand zu erfassen. Nach 2x Durchfallen müßte das Kind auf eine Regelschule gehen.
Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir beantworten könnten, wie das in Montenegro gehandhabt wird. Meine erste Wahl war Kroatien, aber dort ist alles verboten bzw. nur bei Krankheit zeitweise erlaubt. Da Montenegro sehr ähnlich ist vom Klima und ebenfalls eine niedrige C-Impfquote hat, würde mir das auch gefallen – Hauptsache es erfolgt kein Beitritt ins erpresserische EU-Gefängnis, was meine große Sorge ist.
Hallo Rosamira,
wir leb(t)en nicht in Montenegro und haben es auch nicht vor, sondern bereisten das Land lediglich während einer Langzeitreise.
Ich bin mir nicht sicher, was deine Motivation für eine Auswanderung ist und ob ich deshalb der richtige Ansprechpartner bin. Wünschst du dir für dein Kind das Freilernen oder Homeschooling?
Meines Wissens nach ist Homeschooling gesetzlich erlaubt. Das montenegrinische Gesetz über die Grundbildung gestattet es Kindern, sowohl in Bildungseinrichtungen als auch im häuslichen Umfeld unterrichtet zu werden. Allerdings wird von dieser Möglichkeit nur selten Gebrauch gemacht, und spezifische Regelungen oder Verfahren sind möglicherweise nicht umfassend etabliert. Es ist daher ratsam, sich direkt bei den zuständigen Bildungsbehörden Montenegros zu informieren, um aktuelle Informationen und Leitlinien zu erhalten. Konkret heißt das, du könntest dich direkt bei der montenegrinischen Schulbehörde eures Zuzugsgebietes (per E-Mail oder je nach Sprachkenntnis telefonisch) erkundigen. Falls ihr – nach Dringlichkeit eurer Auswanderung – die Möglichkeit für eine Urlaubsreise habt, könntet ihr euch auch vor Ort erkundigen.
Dann bekommst du sicherlich auch ein Gefühl dafür, welche Ressourcen verfügbar sind und wie eurer Plan oder Unschooling im Allgemeinen gesellschaftlich akzeptiert wird.
Viel Erfolg und alles Gute!