Darf das Geschwisterkind bei der Geburt dabei sein?

Heute kommentierte Christiane auf YouTube unser neues Video. Es ging um die Frage, was es mit einem Kind macht, wenn es bei der Geburt seines Geschwisterchens dabei ist. Sie vermutet in der Begeisterung unseres Kindes für den Beruf der Hebamme eine Traumatisierung durch das Miterleben der Geburt ihrers Bruders von vor zwei Jahren. Die Schilderung ihres Erlebens findest Du hier, meinen Geburtsbericht da.

Entbindung mit Geschwistern: die Ängste

Hier Christianes Kommentar:

„Es ist ja süß das eure Große Hebamme sein möchte. Ich glaube sie verarbeitet damit die Geburt ihres Brüderchens wenn sie dabei war. In der Erzieherschule haben wir gelernt das es Kinder traumatisieren kann. Die Bilder sind dann so heftig das es zu einer Unterbrechung in der Gehirnverarbeitung kommt. Das ist nicht gesund. Wenn sie viel darüber sprechen muss, immer wieder und träumt. In dem Video ist mir eure Tochter zu erwachsen. Das Kinder Berufswünsche haben weil sie Erwachsene imitieren möchten verstehe ich. Ist das Kind und sie ist ja sehr sensibel überflutet worden, auch hat ein Kind angst um die Mutter in so einer Situation und dann kann es sein das sie sich so damit beschäftigt und so lange weil es im Gehirn nicht angekommen ist wo es normal abgelegt wird..alles was wir erleben. Dann bleibt das stecken und kann später körperlich seelisch krank machen. Ich habe das erlebt. Ich kann nur sagen habt da mal ein Auge drauf. Ich möchte nicht belehren oder kritisieren. Ich habe nur gesehen das der Sohn von Benny und Sandy nach der Geburt des Bruders auch oft von Blut sprach usw. Das kann ein Kind krank machen, manchmal auch erst durch einen Auslöser der das im Gehirn wieder antriggert. Liebe Grüße!“

Und:

„Lasst sie lieber noch Kind sein und macht selbst die Gymnastik und wenn sie da mit turnen will ist es ok. Sie sollte noch bei sich bleiben dürfen und nicht da draußen bei Menschen die sie nicht mal kennt. Ich habe da selbst manches gemacht was ich heute bereue. Nicht in Medien, das gab es noch nicht, aber auch bei Mitmenschen und meinen Kindern.“

Darf das Geschwisterkind zur Geburt dabei sein?

Liebe Christiane (und liebe/r Leser/in, der/die vielleicht ähnliche Befürchtungen hat),

es ist gut, dass Du Dir so viele Gedanken machst und sogar das Wissen herauskramst, was Du in Deiner Erzieherausbildung von einem Lehrer oder Schüler mal gehört hast. In der Tat kann eine Geburt auf ein Kind verstörend wirken. Das muss es jedoch nicht.

Genauso kann es verstörend sein, wenn das Geschwisterchen plötzlich da ist und man das „neue Familienleben“ nach dem Krankenhausaufenthalt der Mama nicht mehr versteht.

Der Sohn von Benny und Sandy war zur Geburt seines ersten Bruders sehr jung. Ich weiß nicht, inwieweit er darauf vorbereitet wurde, bei der Entbindung dabei zu sein. Weil ich nicht im alltäglichen Leben dieser Familie dabei bin, mutmaße ich nicht über eine Traumatisierung des Jungen durch das Erleben des Geburtsvorgangs.

Begeisterung, kein Trauma!

Unser Mädchen wusste im Vorfeld, was „Geburt“ bedeutet und was auf sie zukommen kann, wenn sie der Geburt ihrer Geschwister beiwohnt.

Sie wollte aus tiefsten Herzen dabei sein und konnte auf mehrere Bezugspersonen zurückgreifen, die sich um sie kümmerten, als ich ein Kind zur Welt brachte. Zu keinem Zeitpunkt wollte sie den Geburtsraum verlassen.

Unsere Tochter sorgte sich nicht um mich, sondern steckte voller Begeisterung für das geschehende Wunder!

Wichtig: Geschwister auf die Geburt vorbereiten

Selbstverständlich schubst man sein Kind nicht in einen Kreißsaal und sagt zu ihm: “Nun schau mal zu!”

Wenn ein Geschwisterkind bei der Geburt eines Kindes dabei sein möchte, werden sich die Eltern mindestens die ganze Schwangerschaft über mit dem älteren Kind und seinem Wunsch beschäftigen.

Unsere Große besuchte im jungen Kleinkindalter einen spannenden Geschwister-Vorbereitungskurs. Sie wurde von den Hebammen und Ärzten in die Vorsorgen und Geburtsvorbereitungen einbezogen und wünschte sich alle Kinderbücher zum Thema.

Besonders empfehlenswert ist hier das Buch „Runas Geburt“, das sehr kindgerecht, einfühlsam und ehrlich die Hausgeburt eines Geschwisterchens erzählt.

Von der Begeisterung zum Berufswunsch

Heute ist unsere älteste Tochter sechseinhalb Jahre alt. Sie steckt noch voller Begeisterung für das, was die Hebammen tun – weil wir sie nicht kleinreden. Kinder sind keine kleinen Zwerge, die unserer Erziehung bedürfen.

Da ich mein Kind von Anfang an ernst nehme, finde ich es nicht süß, wenn sie „etwas werden will“ und schon früh einen „Berufswunsch“ hat. Sie brennt seit meiner zweiten Schwangerschaft mit Leib und Seele für den Beruf der Hebamme – und nicht nur, weil sie bei der Geburt ihres Bruders dabei war.

Sie durchforstet regelmäßig Haus- und Klinikgeburten auf Youtube und entsprechende Literatur für Schwangere, Krankenschwestern und Hebammenschülerinnen.

Unser Kind: Begeisterung für Hebammenliteratur

Unser Kind: Begeisterung für Hebammenliteratur

Egal ob:

  • Kindsentstehung und -wachstum
  • Schwangerschaftsverläufe
  • Fehlgeburten
  • Totgeburten
  • Kaiserschnitte
  • Saugglockengeburten
  • Hypnobirthing
  • Schmerzmittel während der Geburt
  • Vor- und Nachteile von Wassergeburten
  • Alleingeburten
  • Nachgeburten
  • Schwangerschafts- und Rückbildungsgymnastik
  • das Zusammenspiel und der Einfluss von Hormonen im Körper
  • Säuglingspflege
  • Stillzeit und Wochenbett …

Es interessiert unsere Tochter einfach! Sie beschäftigt sich so sehr mit den Themen rund um Schwangerschaft und Geburt, wie ich es selbst nie getan hätte (oder tue).

Die Wünsche des Kindes

Obwohl ich meine Tochter als vollwertigen Menschen ansehe, ist mir bewusst, wann ich sie schützen muss; und tue das dann auch. Ich habe das Video nicht auf YouTube gestellt, weil mir gerade danach ist, meinen Mitmenschen zu zeigen, wie Schwangerschaftsgymnastik geht. Nein, ich lasse mich durch meine Tochter begeistern und erlaube mir, ihre Wünsche zu erfüllen.

Schwangerschaftsgymnastik: unsere Große will anderen Frauen helfen

Schwangerschaftsgymnastik: unsere Große will anderen Frauen helfen

Es war ihr Wunsch, als “Nachwuchshebamme” ein hilfreiches Video für andere Frauen zu drehen, um sie in ihrer Schwangerschaft zu unterstützen. Weil sie so dafür brennt, haben wir ihr diesen Wunsch erfüllt – und achten trotzdem die Privatsphäre unseres Kindes.

Lernen durch Begeisterung

Genau deshalb besuchen wir auch Hebammen, die bereit sind, ihr Verschiedenes zu erklären. Wir nutzen Tage der offenen Tür in Kreißsälen, Geburtshäusern und Berufsakademien. Und lernen dabei so unglaublich viel! Auch Ärzte beantworten die Fragen unserer Tochter gern.

Die Begeisterung ist keine einseitige Sache: Zum Beispiel sind die Erfahrungen einer Hebamme eine riesige Bereicherung für unsere Älteste. Aber die Neugier und der Eifer unserer Großen beflügeln ebenso die Frau vom Fach, die die Verbindung zu ihrer alten Begeisterung für ihre Profession wiederfindet.

Das Mädchen stellt vielleicht eine Frage, auf die die Erwachsene keine Antwort weiß und über die sie erst nachdenken muss.

Geht ein Kind hinaus in die Welt, wird es Menschen treffen, mit denen es sich verbindet. Es spielt keine Rolle, ob das Kinder oder Erwachsene sind. Die gemeinsamen Interessen sind es, die sie verbinden.

Ebenso lassen sich andere Menschen von der Begeisterung unserer Tochter anstecken und lernen wiederum von ihr.

Dazu möchte ich eine kleine Episode mit Dir teilen: Die Große hatte im Bücherladen ein neues Buch erstanden. Es thematisierte die Entstehung des Kindes. Im gleichen Haus besuchten wir eine Familie. Das ca. 11-jährige Nachbarsmädchen war ebenfalls eingeladen. Das große Mädchen ließ sich von dem kleinen Mädchen im Buch zeigen, wo Eileiter, Ei- und Samenzelle, Samenleiter, Gebärmutter usw. liegen und welche Bedeutung sie haben. Einen so liebevollen „Aufklärungsunterricht“ hätten noch viele ihrer Mitschüler nötig, meinte das von der Begeisterung angesteckte Nachbarskind.

Erzieher/-innen, Begeisterung und das Thema “Geburt”

Die fünfjährige Ausbildung zur Erzieherin habe ich übrigens auch hinter mir. Ich gehörte zu den unbeliebten Strebern, die die pädagogischen Absichten genau hinterfragten. Das Studium (Soziale Arbeit) ließ mich dann schon bei vielen Themen aufatmen, die in der Fachschule falsch und stiefmütterlich behandelt wurden.

Dass Kinder durch Begeisterung lernen und für unser Gehirn nichts so wichtig ist wie dieser “Dünger”, wird in der Erzieherausbildung leider mit keiner Silbe erwähnt.

Geht es nicht vielmehr darum, Fehlverhalten zu erkennen und Probleme auf dem Radar zu haben? Bedürfnisse des Kindes und seiner Familie werden nebensächlich. Erzieherinnen ist es nicht selten zu heikel, natürliche Prozesse wie Geburt oder Tod in ihrer Kindergruppe als Thema zuzulassen.

Erzieherinnen können unter Umständen keine oder selbst eine traumatische Geburtserfahrung haben. Schlicht wird dann geäußert, dass „sowas“ eben im Krankenhaus stattfindet. Blut wird als etwas Schlimmes betrachtet.  Und Geburten dürfen Mädchen nicht zu stark beschäftigen, wenngleich es vollkommen natürlich ist, dass sich junge Menschen mit dem auseinandersetzen wollen, was eines Tages selbst auf sie zukommen könnte.

Geburt und Hebamme spielen

André Stern bringt es auf den Punkt, indem er sagt, im Spiel habe das Kind die wunderbare Möglichkeit all das auszuprobieren, was in echt zu gefährlich wäre.

Bestimmte Themen berühren viele Erwachsene peinlich. Weshalb aber nehmen wir uns nicht unser begeistertes Kind als Vorbild? Wieso wollen wir uns nicht eine Scheibe abschneiden – von der Unvoreingenommenheit und von dem Umgang mit einem natürlichen Geburtsprozess?

Authentisches Spiel einer Geburt

Authentisches Spiel einer Geburt

Freunde und Geschwister spielen begeistert mit

Freunde und Geschwister spielen begeistert mit

Zwillingsgeburt im Geburtspool spielen

Zwillingsgeburt im Geburtspool spielen

Als ich ein fünfjähriges Kindergartenkind war, bekam ein Mädchen aus unserer Gruppe Geschwister. Zwillinge! Die beiden Babys begeisterten alle Kinder genauso wie die vorangegangene Schwangerschaft der Mutter.

Wir Kinder rätselten darüber, wie Babys geboren werden und wie sich das anfühlen muss. Unsere Kindergärtnerin verriet nichts darüber. Sie ermahnte uns ständig, dass wir unsere Pullover nicht „ausleiern“ dürften, wenn wir uns mit Puppen einen Babybauch verschafften. Das Spiel von Geburt und Schwangerschaft wurde von ihr stets unterbrochen. Ich bekam das Gefühl, dass alles rund um das Thema Geburt etwas sei, von dem Kinder ausgegrenzt werden müssen.

In den folgenden Jahren schaute ich mich immer wieder nach Schwangeren um, doch traute ich mich nie mehr, dazu Fragen zu stellen. Wenn ich zuhause heimlich ein Kissen unter meinen Pulli schob um „Frau“ zu spielen, plagte mich hinterher ein schlechtes Gewissen.

Aus diesem Grund: Nein, wir sollten nicht die Frage stellen, ob wir unsere Kinder vor dem Thema Geburt beschützen müssen! Im Gegenteil: Es ist an der Zeit, sie bei diesen wichtigen Themen des Lebens nicht mehr auszugrenzen und sie, wenn sie den Wunsch haben, das Wunder der Geburt miterleben zu lassen!

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