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Unordnung

„Kinder räumen ihr Zimmer auf? Pfft … Eltern räumen ihren Kindern seit jeher hinterher.“ Der Satz meiner Mutter sitzt mir im Nacken, während ich mich durch ein Zimmer taste, das zugleich Spielplatz, Lagerraum und Biotop ist: Spielzeuginseln, ausgespuckte Olivenkerne, schlammige Gummistiefel, halbleere Becher, Schmutzwäsche mit eigener Meinung.

Ich trete mit dem Strumpf in eine angebissene Tomate und stoße mir das Knie am Puppenwagen. Kurz halte ich inne. „Woher haben unsere Kinder nur diese Unordnung?“ Der Schraubenzieher und die benutzten Herrentaschentücher am Boden sagen nichts. Sie liegen einfach da.

Während ich sammle, schiebe, staple, meldet sich der alte Reflex: Hätte „Erziehung“ das verhindert? Dann taucht das Bild meiner Schwiegermutter auf, als ich die Gartensachen meines Liebsten die Sofalehne verzieren sehe. Schon drei Tage liegen sie dort. Fünf Schritte sind es bis zum Wäschekorb. Der Weg zurück in den Kleiderschrank ist nicht länger. Unordnung ist selten nur ein Kinderproblem. Meist ist sie ein Familienphänomen.

Aufräumen: der Dauerstreit zwischen Ordnung und Alltag

Unordnung kann Beziehungen belasten. Nicht, weil Spielzeug böse wäre, sondern weil Müdigkeit und Reizüberflutung schnell die Regie übernehmen. Viele Ordnungssysteme lösen das Grundproblem nicht: Kinder handeln nicht nach unserem inneren Ordnungsplan. Sie leben, spielen, vergessen, vertiefen sich. Und wir deuten das oft als Widerstand.

Ich sah einmal einem dreijährigen Kind dabei zu, wie es ein Puzzle unter erzieherischer Anordnung „aufräumte“. Danach folgte die Herstellung tausender Papierschnipsel auf frisch gesaugtem Teppich. Nicht aus Bosheit, eher als Antwort auf Druck.

Hier hilft eine Unterscheidung: Dass Kinder Ordnung lernen können, ist plausibel. Dass sie sie unter Zwang verinnerlichen, ist eine andere Geschichte. Selbststeuerung, Planen und Impulskontrolle reifen über viele Jahre. Das ist keine Charakterfrage, sondern Entwicklung.

Das Wesen von Ordnung und Unordnung verstehen

Das Kopfkino läuft weiter und Konfuzius taucht auf. Er sagt: „Erkläre mir, und ich vergesse. Zeige mir, und ich erinnere. Lass es mich tun, und ich verstehe.“

Wenn Kinder Unordnung nie erleben dürfen, bleibt Ordnung oft abstrakt. Umgekehrt gilt auch: Wenn Unordnung die Familie dauerhaft überrollt, steigt Stress. Forschung zu „Haushaltschaos“ beschreibt Zusammenhänge mit Belastung und ungünstigeren Entwicklungsbedingungen. Das sind statistische Zusammenhänge, keine Schuldzuweisung. Sie sagen nicht: „Unordnung macht Kinder kaputt.“ Sie sagen: Dauerstress plus Desorganisation macht vieles schwerer.

Der Pädagoge Ekkehard von Braunmühl formuliert zugespitzt, dass Kinder mit unserer Ordnungsvorstellung oft wenig anfangen können und darum etwa ihr Zimmer nicht so „halten“, wie wir es erwarten. Diese Zuspitzung muss man nicht komplett unterschreiben, aber sie trifft einen wunden Punkt: Ordnung ist kultur- und personenabhängig.

Kinder entwickeln früh eigene Ordnungsrituale. Vielleicht kennt ihr das: Beim Vorlesen dürfen Wörter nicht verändert werden. Beim Essen sitzt jede Person an „ihrem“ Platz. Nur Mami darf den Autogurt lösen. Und nur Papi das Kind aus dem Reboarder heben. Solche Regeln wirken von außen eigensinnig, sind aber oft ein Versuch, die Welt verlässlich zu machen.

„Wer von dem Wert der Ordnung wirklich überzeugt ist, duldet gern jede Unordnung, weil Kinder das Recht haben, den Wert der Ordnung selber zu erfahren …“, schreibt Braunmühl in „Zeit für Kinder„.

Selber aufräumen, gemeinsam aufräumen, sinnvoll aufräumen

Ein Satz hilft mir im Alltag trotzdem: Wenn es vernünftig und ehrlich zugehen soll, räumt am Ende häufig die Person auf, die sich an der Unordnung stört. Nicht als Vorwurf, eher als Realismus.

Viele Kinder wollen teilhaben. Das ist ein Geschenk, aber auch Arbeit: saugen, fegen, Müll wegbringen, Socken sortieren. Der Knackpunkt liegt oft nicht im Ob, sondern im Wie. Druck erzeugt Gegendruck. Wahlmöglichkeiten im Rahmen und klare, nachvollziehbare Gründe helfen häufiger als moralische Appelle.

Was fast nie funktioniert, ist eine unklare Bitte wie: „Räum mal ein bisschen auf.“ Für Kinder ist das ein Nebelwort. Konkreter hilft: „Bitte stell die Kinderstühle zurück in die Küche.“ Oder: „Sammle alle Bausteine in diese Kiste.“ Ein Schritt, ein Ziel, ein Ende.

Und ja: Es liegt im Spielbedürfnis von Kindern, dass ein Raum nach dem Aufräumen schnell wieder „lebt“. Das heißt nicht, dass sie euch provozieren. Es heißt meist: Ihr Kopf arbeitet gerade an anderen Dingen als an Optik.

Was wir als Familie üben können, ist nicht Perfektion, sondern Kooperation. Wir können Grenzen setzen, ohne zu demütigen. Wir können Ordnung als Werkzeug behandeln, nicht als Moral.

In den meisten Fällen ist das ja nicht schwer. 😉

Mini-Checkliste für den Alltag

  • Wählt ein Ziel. Nicht „Zimmer“, sondern „Boden frei“, „Tisch leer“ oder „Legos in die Kiste“.
  • Gebt Struktur. Start, Aufgabe, Ende. Kurze Zeiten schlagen Marathon.
  • Haltet es fair. Wer mehr Unordnung macht, übernimmt mehr Verantwortung, Erwachsene eingeschlossen.
  • Macht es sichtbar. Kisten, Plätze, Labels. Weniger Suchen, weniger Streit.
  • Plant Puffer ein. Wenn alles knapp ist, wird jedes Spielzeug zum Streitpunkt.

Weiterführend

Weiterführende, gut lesbare Texte findet ihr u.a. beim Gewünschtesten Wunschkind aller Zeiten und bei der Süddeutschen.

Quellen (wissenschaftlich, Auswahl)

  • Diamond, A. (2013). Executive functions. Annual Review of Psychology. DOI:
    10.1146/annurev-psych-113011-143750
  • Marsh, S., Dobson, R., & Maddison, R. (2020). The relationship between household chaos and child, parent, and family outcomes: a systematic scoping review.
    BMC Public Health (Open Access). DOI:
    10.1186/s12889-020-08587-8
  • Crespo, L. M., Trentacosta, C. J., Udo-Inyang, I., Northerner, L., Chaudhry, K., & Williams, A. (2019).
    Self-regulation mitigates the association between household chaos and children’s behavior problems.
    Journal of Applied Developmental Psychology. DOI:
    10.1016/j.appdev.2018.10.005
  • Volckaert, A., & Noël, M.-P. (2018). Executive Function, Chaos and Temperament: Specificities in Preschoolers with Externalizing Behaviors.
    Psychologica Belgica (Open Access). DOI:
    10.5334/pb.352

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CC BY-SA 4.0 Zimmer aufräumen? Nein danke! – Warum Unordnung für Kinder wichtig ist. von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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