Wer kommt im Familienbett eigentlich noch zum Schlafen? Einer schnarcht, der andere haut um sich und die Mutter liegt eingeklemmt dazwischen. Spätestens wenn ein Neugeborenes in die Schlafstätte einzieht, ist es vorbei mit der Nachtruhe, nicht wahr? Auch ich erkenne nachts oft nicht, welche der verschlungenen Gliedmaßen zu welchem Kind gehören. Ich reagiere auf die Zweifel einer besorgten jungen Mutter, und erkläre, weshalb es kein Drama sein muss, mit mehreren Kindern das Nachtlager zu teilen.

Liebe Evelin,
lieber Patrick,

die Geburt unseres zweiten Sohnes steht kurz bevor. Wir schlafen zu dritt im Bett und genießen das sehr, solange mich mein Mann nicht durch sein lautes Schnarchen in unser zweites Schlafzimmer vertreibt.

Unser Zweijähriger benötigt zum Einschlafen immer Begleitung. Nachts schaut er oft, ob jemand neben ihm liegt. Im Schlaf robbt er häufiger ganz nah an den nächstgelegenen Körper.

Mein Mann macht das ähnlich, wobei ich dann eingequetscht zwischen beiden liege, was mich nervt. Ich hätte gern meinen Freiraum zum Schlafen. Mit Ankunft des Neulings mache ich mir Sorgen. Ob das mit uns Dreien und dem Baby im Bett funktionieren kann?

Ich sorge mich, dass

  • ich den Großen nicht mehr in den Schlaf begleiten kann,
  • das Baby ihn ständig um den Schlaf bringen wird, weil der Zweijährige so empfindlich beim Schlafen ist,
  • er nicht mehr so dicht bei mir liegen kann, wenn ich das Baby beidseitig stille,
  • ich die Krise bekomme, wenn die Jungs zu dicht an mir dran liegen,
  • ich zusätzlich nicht schlafen kann, während das Baby eh alle paar Stunden meine Aufmerksamkeit fordert,
  • der Große nicht mehr morgens mit mir kuscheln kann, weil sein Bruder dazwischen liegt,
  • der Große im Schlaf aufs Baby rollt und tritt, was er im Schlaf auch bei uns macht.

Ich frage mich, wie ich den Zweijährigen auf die Situation vorbereiten kann, damit er sich nicht verstoßen fühlt. Ob ich am Ende nicht einfach mit dem Baby ins zweite Schlafzimmer umsiedeln sollte, aber der Große dann mit Sicherheit trotzdem jede Nacht zu mir rüber kommt oder spätestens am Morgen.

Wie funktioniert das bei euch im Detail? Vielleicht habt ihr einen Ratschlag für mich?

Vielen Dank

 

Liebe junge Mami!

Zunächst herzlichen Glückwunsch zur Schwangerschaft und alles Gute für die bevorstehende Geburt!

Deinen Zeilen entnehme ich, dass du eine Befürworterin des Familienbettes bist. Es liest sich für mich aber auch, als ob du es momentan gar nicht genießt. Vielleicht kann ich dir zunächst etwas praktische Hilfe geben. Um dich nach beiden Seiten etwas abzugrenzen, könntest du zwei schwere Stillkissen nutzen – die mit Dinkelspelzfüllung zum Beispiel. Ich habe keinen Einblick in euer Schlafzimmer. Wenn ihr euer Ehebett noch nicht vergrößert habt, ist es sicher nicht verkehrt, hier anzubauen. Kinderbett, Babybett oder gleich eines, in dem sich auch ein Erwachsener wohlfühlen könnte? Mehr Platz ist auf Dauer gesehen wichtig.

Kinderfüsse

Mit den Stillkissen könnt ihr schon vor der Geburt des Babys üben. Fühlst du dich mit der Abgrenzung besser? Kann dein Mann neben deinem Sohn schlafen? Lässt sich euer Zweijähriger auch von einem wohlduftenden Stillkissen begeistern? Vielleicht ist sein Kuscheltier ja auch schon ganz angetan von der neuen Art, so im Bett zu schlafen? ;-)

Dass Kleinkinder nachts unruhig schlafen, ist gar nicht ungewöhnlich. Sehr viele Eltern und Kolleginnen berichteten mir, als ich noch keine Mutter war, dass ihre Kinder mit sechs Jahren noch nicht durchschliefen. Es wäre normal. Und ich glaubte ihnen.

Betrachtet man die Natur, liegen ja nicht nur Tierkinder eng bei ihren Eltern, um sich sicher zu fühlen. Auch nachts ständig so präsent zu sein, kann nervig sein – und man kann sicher auch, so wie du, ins Zweifeln kommen, ob das überhaupt noch gut funktionieren wird, wenn ein weiteres Kind ins Familienbett einzieht.

Stillen im Familienbett

Stillen im Familienbett

Ich hoffe, dass du dich nicht missverstanden fühlst. Ich möchte auf all deine Sorgen eingehen – und ihnen etwas entgegnen. Denn ich bin mir sicher, dass man Ängste ebenso ins Positive, nämlich in gute Träume verwandeln darf.

Als erste Sorge nennst du deinen Schlaf, der hin und wieder durch Holzsägearbeiten gestört wird. Ich verstehe dich. Sehr gut sogar. Bei uns fallen viele Späne. Manchmal hilft Patrick ein „Psst, hör auf!“, ein anderes Kissen, weniger Salz am Essen, Yoga am Abend, weniger Sorgen und Stress mit der Arbeit – und doch gibt es kein Patentrezept. Dein Mann will dir sicher entgegenkommen und sich mögliche Ideen über Google holen.

Unsere Kinder werden bis heute in den Schlaf begleitet. Erst jetzt, wo die Mädchen drei und fünf Jahre alt sind, funktioniert es, dass man beim „Einschläfern“ nicht danebenliegt.

Da die Schlafenszeiten von Baby und Geschwisterkind in den ersten Monaten nicht identisch sind, funktioniert es gut, am Abend für jedes Kind ausreichend Zeit einzuplanen. Konnte ich das Baby während der Zubettgehzeit der Großen nicht abgeben, funktionierte das irgendwie trotzdem. Allerdings nur mit Geduld, Verständnis, Liebe, Liebe und nochmals Liebe. Ich erinnere mich noch daran, dass ich das Baby auf meinem Bauch hüpfen ließ, während die Älteste sanft wegdämmerte. Oder dass ich streichelte und streichelte –  und nebenbei mit allen Körperteilen aufpasste, dass das Krabbelkind nicht vom Bett plumpste. Was NIE funktionierte und bis heute so blieb ist, wenn ich laut, wütend oder erzieherisch-bescheuert werde. Geduld ist eben die Mutter der Porzellankiste.

Auch wenn man meint, ein Baby schläft nur ein, wenn alles schön ruhig ist – die ersten Wochen mit dem zweiten Kind werden dich vom Gegenteil überzeugen. Wenn euer Baby einen Arm abbekommt, angestupst wird, von Beinen des Geschwisterchens überlagert oder feucht angeatmet wird – es kommt damit klar. Den Schlaf unseres zweiten und dritten Babys störte noch nie etwas. Kein Schnarchen, kein Geschwisterjammern, Pupsen, Bellen, Maunzen, Telefon, Fernseher. Und unser Jüngster konnte in den ersten Wochen nur einschlafen, wenn seine Schwestern „Holiday“ machten.

Stolze Geschwister

Du sorgst dich zudem darüber, dass das Baby nicht nur deinen, sondern auch den Schlaf deines großen Sohnes stören wird. Möglich wär’s. Vielleicht wird er in den ersten gemeinsamen Nächten immer munter, wenn er das zarte Stimmchen hört. Vielleicht gewöhnt er sich aber auch bald daran.

Unsere Mädchen schliefen nach aufregenden Tagen im Wochenbett nachts dann fester, wenn vor dem Einschlafen alle Bedürfnisse erfüllt wurden. Zudem ist die erste Zeit mit dem Neugeborenen auch für Geschwisterkinder anstrengend, weshalb nicht nur die Mamis schneller in einen tieferen Schlaf fallen.

Vielleicht machen wir aus deiner Sorge, dass dein Sohn nicht mehr so eng an dir liegen kann, weil du das Baby beidseitig stillst, eine Vorfreude: Bereite ihm doch Gefühle des Stolzes, weil er bald auch nachts neben seinem kleinen Bruder liegen kann. Wenn du beidseitig stillst, hat er mal dich, mal den Kleinen neben sich – ist das nicht ein Gewinn? Das gilt genauso fürs Aufwachen. ;-)

Babyhand

Momentan stellst du dir vor, dass du die Krise bekommst, wenn die Jungs dir so nah sind. Mit Worten, mehr Platz und den Stillkissen gewinnst du sicher mehr Platz. Wenn du nach der Kennlernzeit abends noch etwas für dich tun kannst, kommst du entspannter in dein „Nest“. Und wenn dir bewusst wird, wie wunderschön es ist, mit so kleinen Menschen zu kuscheln, wirst du dich auf jede Nacht freuen. Das Baby riecht wunderbar, es hat zarte, weiche Haut und selbst dein Zweijähriger wird so schnell groß, dass du neben ihm noch viel Liebe und Dankbarkeit aufsaugen darfst.

Ich erinnere mich noch, wie aufgeregt ich mit meinem ersten Baby war. Ständig sorgte ich mich, dass es dem kleinen Menschen neben mir gut ging. Die Gedanken und Sorgen, die zusammen mit den Mamahormonen unaufhörlich durch den ganzen Körper wirbeln, sind völlig neu und unbeschreiblich. Aus diesem Grund hatte ich auch Angst vor der ersten Zeit mit dem zweiten Baby. Allerdings kam alles ganz anders: Es war nämlich sogar schön. Ich kam klar. Ich versuchte, jeden Moment zu genießen. Ich bemühte mich, auch die schlaflosen Minuten zu lieben. Ähnlich nach dem Lied von Gerhard Schöne „Vielleicht wird’s nie wieder so schön“ gelangen mir positive Gefühle: „Vielleicht ist es mein letztes Baby – deshalb genieße ich jeden Moment.“ Ich wünsche dir, dass du dich auch in den harten Stunden über dein Baby und deinen ältesten Sohn freuen wirst.

Vorbereitend könnt ihr neben den Stillkissen natürlich auch mit einer Babypuppe üben. Wird sie im Schlaf überrollt, getreten oder aus dem Bett geworfen?

Das zweite Schlafzimmer kann dein Notfallplan bleiben, aber ich würde diesen nicht extra einüben. Es könnte sein, dass dann besonders Abneigung gegen ein Geschwisterchen gehegt wird. Zudem kann das große Kind durch das Familienbett das Nachholen, was ihm am Tag an Zeit gefehlt hat.

Stolze, große Schwester

Stolze, große Schwester

Es in kleinen Spielen vorzubereiten, wie es beim Babystillen, Anziehen, Streicheln, Baden, Vorsingen usw. helfen darf, kann schön sein. Ich besuchte mit unserer Ältesten einen Vorbereitungskurs für werdende Geschwister. Es war niedlich, half aber nicht vor Eifersucht, Stottern, Beißen, Wutanfällen und Geschrei. ;-)

Deine Kinder – und bestimmt auch dein Mann – sind voller Liebe und Vorfreude. Sie wollen nicht nerven. Schenk ihnen Liebe! In 15 oder 20 Jahren kannst du deinen Söhnen immer noch erzählen, dass du dich in der ersten Zeit ganz schön über sie geärgert hast. Und ihr werdet gemeinsam über die Zombiebilder lachen, auf denen deine Augenringe an den Ellenbogen schleifen.

Von Herzen alles Liebe
Evelin

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Über die Autorin
Evelin ist vegetarisch aufgewachsen und lebt seit 20 Jahren vegan. Sie hat als Erzieherin gearbeitet und schließlich studiert, um sich noch mehr für das Recht auf eine Kindheit in Würde, Frieden und ohne Manipulation durch Erziehung einzusetzen – nicht nur für die eigenen drei kindergarten- und schulfreien Kinder. Ihre Lieblingsthemen sind u.a. „Unerzogen“, „Attachment Parenting“, Hochsensibilität und Veganismus.
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