Aggression / aggressives Verhalten von Kleinkindern

Aggressives Verhalten: Ich vermute, jedes Kind kommt irgendwann damit in Berührung – als Täter und/oder als Opfer. Und wir Eltern sehen uns in der Verantwortung. Mich erreichte ein Leserbrief zur Aggression bei Kindern: „Was soll ich tun, wenn mein Kleinkind aggressiv reagiert? Wenn es andere Kinder schubst, beißt oder tritt? Wenn das Kind schlägt, weil es seinen Willen nicht bekommt?“ Diesen Fragen gehen wir auf den Grund.

Ratschläge und Tipps gegen Aggressionen beim Kind

Zunächst wollte ich wissen, was andere dazu schreiben. Meine Websuche führte mich auf Blogs und Magazine, die „erzieherische“ Tipps geben. Es kam mir so vor, als wollten die Autoren einen Hund abrichten.

Andere Weblogs stellen das „aggressive“ Kind wiederum als Engelchen dar, das sich eben erst in der Welt zurechtfinden muss. Aus diesem Grund wäre es gar nicht nötig, einzugreifen. Denn ein Einschreiten verursache am Ende große seelische Schäden beim Kind. Und die können nur heilen, wenn es später jedes einzelne Krümelchen seiner Kindheit bis ins kleinste Detail aufarbeitet. Wenn Leser in den Kommentaren etwas dazu wissen wollen oder Kritik äußern, streitet der Autor heftig ab, dieses oder jenes geschrieben zu haben. Oder die Frage bleibt im Raum stehen wie ein Kind, mit dem keiner spielen will.

„Machen lassen“ ist also genausowenig eine Lösung wie strenge Worte und Bestrafungen.

Doch wie kannst Du denn jetzt damit umgehen, wenn Dein Kleinkind aggressives Verhalten zeigt? Dazu zunächst eine kleine Geschichte:

Streit ums Spielzeug

Mein Ehemann Patrick und ich sitzen vor unserem Haus. Patrick spielt mit dem Autoschlüssel vor sich hin. Klick auf, klick zu. Da kommt unser Nachbar. Er haut Patrick ins Gesicht und nimmt ihm den Autoschlüssel weg. Der Nachbar geht zu unserem Auto, steigt ein und fährt davon. Patrick ist entsetzt, doch ich tröste ihn: „Ist doch nicht so schlimm. Du bekommst das Auto dann schon wieder. Man kann ruhig mal teilen!“

Diese Geschichte ist frei erfunden, spiegelt aber wieder, was tagtäglich zwischen Kindern passiert und wie viele Eltern reagieren.

Die nächste Geschichte ist hingegen wahr.

Mein aggressives Kind

Mit unserem ersten Kind besuchte ich einmal wöchentlich eine Krabbelstube. Bald zeigte sich, dass ich ein „aggressives“ Kleinkind habe. Es biss ihre gleichaltrige Freundin plötzlich und ohne ersichtlichen Grund. Zumindest kann man bis heute nur darüber mutmaßen, weshalb genau sie biss. Alles, was ich unternahm, half nichts. Ich war bald der Buh-Mann und fühlte mich mies.

Die Sozialpädagogin und Leiterin dieser Krabbelgruppe saß nur da und schaute zu. Als mein Mädchen dann dazu überging, einen Teddy zu hauen, statt ihre Freundin zu beißen, hielt die studierte Frau meiner nicht mal Zweijährigen eine Moralpredigt. Die Folge: Die Krabbelstunde hatte zwei Besucher weniger.

Susanne schrieb in ihrem Blog “Geborgen Wachsen” einen umfassenden Beitrag darüber, warum kleine Kinder und Babys beißen und wie Du sie liebevoll durch diese schwierige Zeit begleitest.

Vom Eingreifen bei aggressivem Verhalten

Bald verabredete ich mich mit der Mutti des „Opfer“-Kindes privat. Ich war froh darüber, dass ein „Stopp!“ diesmal gleich von meiner Freundin kam, bevor meine Tochter wieder zubeißen konnte. Das „Stopp!“ mit vorgestreckter Hand ist für manche Eltern schon zu viel – eine Gewalttat am Kind! Für unsere Kinder ist das „Stopp“ kein Grund, in Tränen auszubrechen. Es ist vielmehr ein verständliches Zeichen, das ihnen zeigt: Bis hierher und nicht weiter.

Bei anderen Freunden hatten wir weniger „Glück“: Meine Tochter, die damals zwei Jahre alt war, wollte ein Spielzeug haben. Sie sagte das aber nicht, sondern versuchte, das Spielzeug an sich zu reißen. Der kleine Junge ließ erst los, nachdem mein Kind gebissen hatte. Mir tat es so leid und ich fühlte mich hilflos. Die Mutter des Jungen sah die blaue Wange nicht kritisch und sagte: „Mein Kind muss eben lernen, zu teilen!“

Erinnerst Du Dich noch an die Geschichte von Patrick und unserem Nachbarn? Ich vermute, Patrick wäre in der Situation glücklicher gewesen, wenn ich eingegriffen und dem Nachbarn klargemacht hätte, dass er nicht einfach das Auto nehmen kann.

Wenn Du also eingreifst, zeigst Du dem aggressiven Kind, was im sozialen Miteinander „nicht geht“ und schützt das andere Kind. Mit dem “Stopp” ist das Problem jedoch noch nicht aus der Welt. Im nächsten Schritt geht es darum, das Bedürfnis des “aggressiven Kindes” zu ergründen.

Aggression und Kommunikation

Kleinkindern fehlt das, was unsere Konflikte erst richtig „schwierig“ macht: Verständigung mithilfe der Sprache.

Anstatt lange um den heißen Brei herum zu reden, schreiten Kleinkinder gleich zur Tat. Selbstbetreute Kleinkinder haben gegenüber Krippenkindern zwar oft einen Vorsprung in der sprachlichen Entwicklung. Dennoch können wir Folgendes nie beobachten:

„Hallo, ich bin Fritz. Mir ist aufgefallen, dass du eine grüne Schaufel hast.“

„Oh, ja, vielen Dank. Die Schaufel hat mir meine Oma geschenkt.“

„Wie gut du es hast! Ich hätte auch gerne so eine Schaufel. Dann könnte ich schnell mal in diesem Loch da vorn herumstochern.“

„Das klingt spannend. Ich kann mich sehr gut in dein Bedürfnis hineinversetzen. Du könntest meine Schaufel kurz ausborgen. Was meinst du?“

„Das wäre fabelhaft. Dankeschön. Gleich werde ich sie nicht mehr benötigen und bringe sie dir zurück.“

Nein, das können Kleinkinder nicht! Es dauert Jahre, bis wir ungeduldigen Eltern Zeuge solcher Situationen werden.

Es ist absolut altersgerecht und normal, wenn kleine Kinder handgreiflich werden, um sich zu behaupten.

Wir Eltern sind dafür verantwortlich, die Kinder in ihrer emotionalen Entwicklung zu begleiten. Und dazu gehört es auch, ihnen aufzuzeigen, wie sie Konflikte ohne Gewalt lösen können. “Kinder brauchen Eltern als Leitwölfe, damit sie sich im Dickicht des Lebens zurecht finden.”, stellte der Familientherapeut und Autor Jesper Juul treffend fest.

Sind wir ein gutes Vorbild?

Also brauchen die Kinder uns als Vorbild; Uns, die wir im Umgang mit anderen selbst so bewusst sind. ;-)

Was geben wir denn für ein Vorbild ab, was sind wir für “Leitwölfe”, wenn wir unseren Kindern auf den Spielplätzen ein lautes „NEIIIN!“, oder „TEILEN!“ um die Ohren donnern und sie mit schrägen Konsequenzen bestrafen?

Wir haben zwar erkannt, wie wichtig das elterliche Vorbild für die Kinder ist und wollen “vorleben”, haben aber selbst Unstimmigkeiten und Konflikte: mit uns selbst, mit unserer Vergangenheit, mit der Familie oder dem Partner. Auch Zeitungen und Facebook sind voll davon. Wo man auch hinschaut: Nirgends ist immer Friede, Freude, Ei-Ersatz-Kuchen.

Wir erwarten von unseren Kindern, dass sie „funktionieren“, wo wir selbst Defizite haben. Von Konflikten geht die Welt nicht unter, jedoch sollten wir sie gewaltfrei lösen und die Aggression in konstruktive Bahnen lenken.

Nun zu den konkreten Vorschlägen, Hilfen und Tipps, was Du tun kannst, wenn Dein Kind ein anders Kind beißt, haut, schubst, tritt, kratzt, anschreit oder ihm sein Spielzeug wegnimmt usw.

Ein Vorbild braucht Authentizität

Freie und unautoritäre Erziehung bedeutet nicht, dass man die Kinder sich selbst überlässt, dass sie tun und lassen dürfen, was sie wollen. Es bedeutet nicht, dass sie ohne Normen aufwachsen sollen, was sie selber übrigens gar nicht wünschen. Verhaltensnormen brauchen wir alle, Kinder und Erwachsene, und durch das Beispiel ihrer Eltern lernen die Kinder mehr als durch andere Methoden.

Dieses Zitat stammt aus Astrid Lindgrens Rede vom 22. Oktober 1978 in der Frankfurter Pauluskirche, in der die Kinderbuchautorin an die Zuhörer appellierte, auf Gewalt gegenüber Kindern zu verzichten. Sie hatte gerade den Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen bekommen.

Als Eltern sind wir für unsere Kinder verantwortlich. Wir tun ihnen einen Gefallen, wenn wir ihnen die Verhaltensnormen und Werte durch unser Vorbild vermitteln – getreu Mahatma Gandhis Motto: „Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.“

Zum Vorbild gehört auch der Umgang mit anderen. Dabei dürfen wir selbstverständlich authentisch sein.

Es spricht also nichts dagegen, wenn wir sagen: „Stopp! Tu das nicht. Das tut (ihr/ihm/mir) weh.“, um unser Kind, ein anderes Kind, ein Tier oder uns selbst vor Ungerechtigkeit und Gewalt zu beschützen.

Altersgerecht artikulieren

Dein Anliegen kannst Du so einfach wie möglich formulieren. Auch, wenn wir mit den jungen Menschlein bereits dicke Bücher bestaunen oder ausschweifend über Bagger und Puppenkleider debattieren: In hitzigen Situationen kommt bei Kleinkindern ein „Stopp, das macht aua aua“ oder „Nein, lieber eiei“ schneller an als Vorträge über Gut und Böse.

Versetz Dich in die anderen Eltern hinein

Zwar gibt es Eltern wie mich, die mit ihrem Streithahn nicht in die Spielstunde fahren. Doch das Gleiche passiert in umgekehrter Weise. Eltern getrauen sich nicht mehr auf den Spielplatz, weil ihr Kind ständig geärgert wird und das den anderen Eltern scheinbar “egal” ist, weil sie nicht die Rolle des “Leitwolfs” übernehmen.

Also: Stell Dir vor, Du hast ein Kind, das von anderen verletzt wird.

Wie würdest Du reagieren? Und was würdest Du Dir von den Eltern des „kleinen Schlägers“ wünschen?

Wärst Du zufrieden, wenn die Eltern des „Aggressors“ nur „ein paar sanfte Worte“ an den Hau-Drauf richten? Worte, die es wahrscheinlich überhaupt nicht nachvollziehen kann?

Selbst, wenn Du mit Deinem Kind in manchen Situationen nicht weiter weißt: Andere Eltern wissen es zu schätzen, wenn Du bei Kleinkind-Raufereien das Gespräch mit ihnen suchst.

Sich um das Opfer kümmern

Kind wird getröstet

Trost spenden

Die Verfasserin des Leserbriefes schrieb zum Beispiel, dass sie dem umgeschubsten Kind aufhilft. Das finde ich prinzipiell gut. Denn dabei merkt ihr eigener Sohn, dass sich seine Mama, seine geliebte Mama, jetzt um ein anderes Kind kümmert. Das kann für manche Kleinkinder aber ein blödes Gefühl sein, was neue Handgreiflichkeiten begünstigt. Deshalb ist es wichtig, sich auch dem „aggressiven“ Kind mit Empathie und Verständnis zuzuwenden, anstatt es zu ignorieren.

Das „aggressive“ Kind ernstnehmen

Unsere Kinder brauchen das Gefühl, wertvoll zu sein. Sie wollen sich be- und geachtet fühlen. Dass Du sie wertschätzt, zeigst Du ihnen, indem Du ihnen zuhörst und sie ernstnimmst. Es hilft, wenn wir unseren Standpunkt ändern und uns ins Kind hineinversetzen: Was könnte es „wütend“ gemacht haben und welches Bedürfnis steckt hinter der Aggression? Wurden die Grenzen des Kindes verletzt? Wie würde ich reagieren, wenn ich das Kind in derselben Situation wäre?

Handeln, bevor es kracht

Bedürfnisse des Kindes rechtzeitig erkennen

Bedürfnisse rechtzeitig erkennen

Aggression hat immer auch eine Selbstschutzfunktion. Du kannst lernen, schwierige Situationen vorher zu erkennen. Dazu musst Du beim Spielen im Kontakt mit dem Kind bleiben und bei Bedarf beruhigen oder vermitteln. Wenn wir verstanden haben, dass unseren Kleinkindern die verbalen Mittel fehlen, um ihren Unmut auszudrücken, kann es hilfreich sein, einzuschreiten – bevor es „schon wieder“ eskaliert.

Wir sollten unserem Kind eine Pause gönnen, wenn wir merken, dass:

  • zu viele Kinder auf einem Haufen sind,
  • es unserem Kind zuviel wird,
  • unser Sprössling müde, hungrig oder durstig ist,
  • es zu laut ist,
  • es zu stickig ist.

Genau dann könnten wir:

  • uns den Bedürfnissen des Kindes annehmen,
  • unser Kleines sanft zu uns holen,
  • es in eine andere Ecke einladen,
  • selbst mitspielen,
  • das eigene Spielzeug herauskramen und anbieten,
  • oder auch ein paar Tage dort spielen, wo man als Mutter ohne Stress atmen kann und nicht ständig den Augen anderer Eltern ausgesetzt ist. Ist Dir selbst danach, solltest Du Dir ebenso den Abstand gönnen.

Harmonie von Anfang an fördern

Gemeinsame Erlebnisse mit den Spielkameraden verbinden. Das Einfachste ist wahrscheinlich, erst einmal etwas zusammen zu essen oder zu trinken. Dadurch entdecken alle Beteiligten, dass es harmonisch und fröhlich zugehen kann. Apropos „essen“:

Wenn Essen Kinder aggressiv macht

Aggressivität kann auch dadurch entstehen, dass das Kind zu viel „Junk Food“ isst. Schuld daran ist die „reaktive Unterzuckerung“, nachdem es Süßigkeiten, Weißbrot, Pommes und andere verarbeitete Nahrungsmittel mit hohem glykämischen Index gegessen hat.

Denn der sprunghafte Anstieg des Blutzuckerspiegels zwingt den Körper zur massiven Ausschüttung von Insulin. Insulin regt die Zellen des Körpers dazu an, den Zucker aus dem Blut aufzunehmen. Das macht es so gut, dass letztendlich zu wenig davon im Blut ist. Die Folge ist Unterzuckerung, und die begünstigt Nervosität und Aggression.

Ebenso fördert es aggressives Verhalten, wenn wichtige Mikro-Nährstoffe fehlen  – nicht nur bei Kindern. Mein Tipp daher: Auf Junk-Food verzichten und auf eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse achten.

Solltest Du Dich für den Einfluss des Essens auf unsere Psyche interessierst, kann ich Dir das Buch Essen entscheidet: Wie Nahrungsmittel uns beeinflussen ans Herz legen.

Aggression vorbeugen: Altersgerecht spielen

Bei Kleinkindern unter zwei Jahre dominiert das Alleinspiel

Kleinkinder unter zwei Jahre spielen lieber allein für sich

Du kannst Aggressionen bei Kleinkindern relativ einfach „umgehen“, indem Du im Idealfall das Spielverhalten berücksichtigst, das vom Alter des Kindes abhängig ist. Du musst bei kleinen Kindern keine Angst vor „zu wenig Sozialisation“ haben.

Bis zum zweiten Geburtstag steht bei ihnen das Alleinspiel im Vordergrund. Man beobachtet, dass auch mehrere Kleinkinder großteils eher nebeneinander statt miteinander spielen. Das Spiel zu zweit beginnt erst mit etwa drei Jahren. Mit der Zeit entwickeln sich schließlich richtige Gruppenspiele mit mehreren Kindern.

Fazit und weiterführende Literatur zur kindlichen Aggression

Wie Du gesehen hast, können kleine Kinder ihre Bedürfnisse und Wünsche noch nicht verbal ausdrücken. Damit sich diese Fähigkeit entwickelt, brauchen die Kleinen unsere liebevolle Begleitung und Führung. Dazu gehört es, die Bedürfnisse des Kindes zu ergründen und in Konfliktsituationen authentisch, aber achtsam zu reagieren und zu vermitteln. Es ist auch völlig in Ordnung, sich mit dem Kind zurückzuziehen, sich Zeit füreinander zu nehmen und zu kuscheln, vorzulesen, etwas gemeinsam in der Familie zu unternehmen und zusammen zu spielen.

Wenn sich Dein Kind angenommen, beachtet und sicher gebunden fühlt, passiert etwas Unglaubliches: Im selben Maße, wie die Fähigkeit Deines Kindes steigt, seine Bedürfnisse und Gefühle verbal zu äußern, wird auch das aggressive Verhalten verschwinden.

Folgende Literatur zum Thema „Aggression“ bei Kindern und Kleinkindern halte ich für empfehlenswert:

Katharina Saalfrank – Was unsere Kinder brauchen: 7 Werte für eine gelingende Eltern-Kind-Beziehung
Jesper Juul – Aggression: Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist

Außerdem:

Jesper Juul – Leitwölfe sein: Liebevolle Führung in der Familie

Hast Du eine Meinung zum Thema “Aggression bei Kleinkindern”, die Du teilen möchtest? Hinterlasse uns gerne einen Kommentar!

Viele Grüße,
Deine (friedliebende) Evelin

 

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