Lesezeit: 9 Minuten
Liebe Freunde!
Mütter von Kleinkindern wurden befragt, was sie in ihrer Freizeit machen. Die meisten verstanden die Frage nicht, der Rest ist während der Befragung eingeschlafen.
Ich schreibe hier nicht über Wellness, Hotelgutscheine oder Selbstoptimierung in Pastellfarben. Es geht um etwas Kleineres und gleichzeitig viel Nötigeres: kurze Pausen im Familienalltag, die wirklich entlasten. Ich schreibe aus meiner Erfahrung als Mutter. Wo Forschung beim Einordnen hilft, ziehe ich sie dazu. Wo ich abwäge, bleibt es meine Einschätzung.
Wenn ihr euch zwischen Care-Arbeit, Müdigkeit und schlechtem Gewissen wiederfindet, findet ihr hier keine perfekte Morgenroutine, sondern alltagstaugliche Gedanken und kleine Notfall-Lösungen für echte Familien.
Inhalte
- 1 Das Problem: Freizeit, dieses scheue Waldtier
- 2 Me-Time zulasten der Kinder? Für mich oft kein Deal
- 3 Ich will so bleiben, wie ich bin. Ich darf.
- 4 Vollzeitmama sein ist kein Pausenmodell
- 5 Warum eine Pause nichts mit Ego zu tun hat
- 6 Was mir in meiner Me-Time wirklich hilft
- 7 Wie das in einer echten Familie überhaupt gehen soll
- 8 Kraft tanken, ohne dass es nach Wellnessprospekt klingt
- 9 Erste Hilfe, wenn gerade niemand übernimmt
- 10 Quellen zum Nachlesen
Das Problem: Freizeit, dieses scheue Waldtier
Falls ihr euch gerade fragt, ob ich Freizeit überhaupt kenne: Ich auch. Der letzte Monat war ein buntes Sammelalbum aus Geburtstagen, Arztterminen und „nur kurz an den Laptop“. Wenn Blogartikel länger warten, ist das bei mir selten kreative Blockade. Es ist eher Wäsche, Staubfusseln und das tägliche Festival namens Kinderbedürfnisse.
Ich bin seit acht Jahren Mama. In all der Zeit habe ich immer wieder gelesen, wie wichtig Pausen sind. Heute heißt das gern „Me-Time“. Als hätte man Stress einfach umbenannt und damit gelöst.
Wenn ich wirklich durch war — nicht mit der Wäsche, sondern mit den Nerven —, habe ich mir manchmal ein stilles Eckchen gesucht und gegoogelt: Was machen Mütter angeblich zur Erholung?
Me-Time zulasten der Kinder? Für mich oft kein Deal
Die Klassiker kennt ihr: Shopping, Hotelwochenende, Alkohol, schick essen gehen, Frisör, Schokolade.
Ich will niemandem die Auszeit madig machen. Wenn das für euch passt, wunderbar. Für mich passt es oft nicht. Ich erhole mich nicht gut, wenn ich innerlich gleichzeitig eine große Portion Mama-Sehnsucht umrühre.
Schokolade wäre die diplomatischste Lösung, weil man dafür nichts organisieren muss. Praktisch ist es komplizierter: Seit ich über Kinderarbeit im Kakaoanbau gelesen habe, sitzt bei mir ein leises Ziehen mit am Tisch. Das ist keine Moralkeule. Es ist eher so ein: „Mist, ich weiß es jetzt.“
Ich will so bleiben, wie ich bin. Ich darf.
Nach den „Gönn dir“-Tipps kam die nächste Welle: Coachings, Bücher über die eigene Kindheit, Bücher über „negative Gefühle wegmachen“.
Auch hier: Das kann helfen. Wirklich. Ich kenne Menschen, die davon profitieren. Ich habe nur gemerkt, dass ich in akuter Überforderung nicht zuerst ein neues Projekt brauche, das „Ich“ heißt. Ich brauche zuerst Luft. Und dann einen Weg, meine Gefühle zu halten, ohne sie an anderen auszulassen. Genau darin liegt für mich auch ein praktischer Kern beziehungsorientierter Elternschaft.
Vollzeitmama sein ist kein Pausenmodell
Als ich in Schulen, Kitas und Familien gearbeitet habe, stand mir eine Pause zu. Im Job ist das normal. Als Mutter wird Verschnaufen dagegen schnell unsichtbar. Nicht, weil es unwichtig wäre, sondern weil immer irgendwer gleichzeitig Durst hat, Hunger, eine Socke sucht oder dringend etwas zeigen muss, das exakt jetzt wichtig ist.
Man kann lange darüber reden, warum Care-Arbeit so verteilt ist. Ich bleibe bei dem, was ich hier täglich sehe: Das Leben mit jungen Menschen ist oft wunderschön. Es ist selten erholsam. Und wenn dann jemand sagt „Das ist doch keine richtige Arbeit“, lächle ich höflich. Innerlich reiche ich eine Woche Familienalltag zur Probe ein.
Meine Frage wurde deshalb simpel: Wenn anderen täglich Pausen zustehen, warum bestehe ich als Vollzeitmama nicht wenigstens auf zehn Minuten am Tag, die wirklich mir gehören?
Warum eine Pause nichts mit Ego zu tun hat
Im Flugzeug heißt es: erst die Sauerstoffmaske für sich selbst. Erst dann könnt ihr helfen. Im Mama-Alltag bedeutet das: Wenn ich wieder klarer werde, kann ich die Gefühle der Kinder besser auffangen. Wenn nicht, bin ich zwar anwesend, aber innerlich im Nebel.
Und ja, dafür gibt es auch einen fachlichen Rahmen. In der Forschung wird „Parental Burnout“ als Zustand beschrieben, der mit chronischem Stress im Elternsein zusammenhängt. Genannt werden starke Erschöpfung, emotionale Distanzierung von den Kindern und ein Verlust an Erfüllung im Elternsein. Ich nutze den Begriff hier nicht als Selbstdiagnose, sondern als Denkrahmen. Er hilft mir, anhaltende Überlastung ernster zu nehmen als bloße Müdigkeit nach einer kurzen Nacht.
Bevor ich an die Umsetzung gehe, frage ich mich deshalb eher praktisch: Was würde mir wirklich gut tun? Und welche Pause brauche ich, ohne dass sie sich wie „Weg von den Kindern“ anfühlt?
Was mir in meiner Me-Time wirklich hilft
- Schlaf nachholen. Ein Mittagsschlaf, wenn es irgendwie passt.
- In einem Buch lesen. Nicht als Selbstoptimierung, sondern als Kopf-lüften. Warum tägliches Lesen guttun kann.
- Wäsche stopfen oder basteln. Klingt unsexy, beruhigt mich aber.
Wie das in einer echten Familie überhaupt gehen soll
Wenn ich meinen Partner „überfalle“ und plötzlich zur Mittagszeit die Kinder abgebe, kann das schiefgehen. Wenn über Jahre eingespielt war, wer was macht, braucht Veränderung einen Plan, nicht nur Wut.
Besser klappt ein ruhiges Gespräch. Wenn dafür nie Zeit ist, kann auch ein Zettel helfen. Nicht als Drama-Brief. Eher als freundlicher Spickzettel für das, was sonst zwischen Tür und Lego untergeht:
„Lieber Mann, ich liebe unsere Kinder sehr. Ich merke aber, dass ich eine echte Pause brauche, um nicht auszubrennen. Lass uns konkret planen, wann du mir die Kinder abnehmen kannst. Zum Beispiel nach deinem Feierabend für ein Nickerchen, eine Stunde Joggen am Abend oder Hilfe beim Bettfertigmachen vor deiner Spätschicht. Bitte lass uns das fest einbauen.“
Wir sind gerade wieder in einer Einarbeitungsphase. Manchmal klappt es gut und ich habe 30 Minuten für mich, ohne mich dabei auf dem Klo einzusperren. An anderen Tagen ist ein Kind krank und ich hätte gern drei Pausen plus Nachtzuschlag. Umstellen geht nicht über Nacht.
Und wenn Patrick nicht einspringen kann, brauche ich kleine Notfall-Lösungen. Vielleicht taugt davon auch etwas für Alleinerziehende. Wenn nicht, nehmt es mir bitte nicht übel. Dauerhomeoffice hat definitiv Vorteile. <3
Übrigens gibt es Tage, da fühle ich mich mittags noch fit. Stunden später schlappern mir die Augensäcke in Höhe der Knie. Deshalb ist Auftanken auch dann sinnvoll, wenn der Akku noch nicht komplett leer ist.
Kraft tanken, ohne dass es nach Wellnessprospekt klingt
Kurzes Nickerchen
Wenn mir im Stehen die Augen zufallen, ist es Zeit. Der windelfreie Spross bekommt ausnahmsweise eine Windel. Alles, was gefährlich ist oder kaputtgehen kann, räume ich außer Reichweite.
Manchmal reicht es, den größeren Kindern zu sagen, was ich vorhabe. An anderen Tagen hilft nur mein Babysitter für Notfälle: Netflix mit Peppa Pig (in einer Fremdsprache nervt es mich nicht) — bewusst dosiert. Nicht als Dauerlösung. Als Rettungsring.
Auszeit mit den Kindern
Nein, wir setzen uns nicht zusammen auf die stille Treppe. 😉
Spiele zum Verschnaufen können helfen. Ich mag zum Beispiel Ideen wie den Wellnessplan für Mamas bei HerzKindMama. Meine eigenen Notfall-Ideen habe ich mir ebenfalls notiert. Nicht hübsch. Aber hilfreich.

Me-Time: Mama-Wellness mit Kind
Ihr könnt die Grafik hier in höherer Qualität herunterladen.
Verantwortung verteilen, bevor ich innerlich kurz vom Planeten verschwinde
Ich bewundere Mütter, bei denen Kinder keine Aufgaben übernehmen müssen. Wenn das klappt, wunderbar. Bei uns als sechsköpfige Familie funktioniert es nicht dauerhaft.
Damit ich nicht irgendwann explodiere, sprechen wir Aufgaben früh ab. Ohne Vorwürfe. Ohne „immer ich“. Kleine Kinder helfen oft gern. Größere kooperieren eher, wenn ich ihnen als Mensch begegne, nicht als Kommandostimme.
Wir überlegen gemeinsam: Was braucht Küche, Bad, Kinderzimmer? Welche Regeln helfen uns wirklich? Bei uns gibt es zum Beispiel einen Teller-, Gläser- und Besteckdienst. Und eine Sicherheitsregel: Kein Zanken in der Badewanne.
Erste Hilfe, wenn gerade niemand übernimmt
Es sind noch Stunden bis zum Feierabend eures Partners und ihr seid schon jetzt durch. Wenn ihr noch einen kleinen Nerv übrig habt, schaut einmal nüchtern hin:
1. Was regt mich gerade so auf?
Beispiel: Mir sind die Kinder zu laut. Ich manage den Haushalt gefühlt allein. Die Nächte sind zu kurz. Freizeit ist nicht da.
2. Was zeigen mir meine Kinder mit ihrem Verhalten?
Wenn Kinder brüllen, kann das vieles bedeuten. In meinem Fall spiegelt es oft auch meine Gereiztheit. Manchmal zeigt es schlicht: Es fehlt gerade Ruhe, Sicherheit, Verbindung.
3. Was kann ich sofort ändern?
- Rausgehen. Draußen löst sich Spannung oft schneller. Die Kinder können toben. Ich komme leichter wieder zu mir.
- Zählen. Wenn ein Kind brüllt, zähle ich still. Ich beginne neu, sobald ich „rauskomme“. Das hält mich vom Mitschreien ab.
- Atmen. Ich konzentriere mich wie beim Schwangerschaftsyoga oder bei den Geburtswehen auf Einatmen und Ausatmen.
- Singen. Das klingt albern. Manchmal macht es den Raum tatsächlich weicher.
Ihr Lieben, welche Verschnaufpause würdet ihr gerade am dringendsten brauchen? Und was wäre ein erster, kleiner Schritt, der morgen schon machbar ist?
Ich wünsche euch eine Me-Time, die nicht nach Perfektion riecht, sondern nach echter Erholung.
Eure Evelin
Quellen zum Nachlesen
-
Mikolajczak, M. & Roskam, I. (2018). A Theoretical and Clinical Framework for Parental Burnout: The Balance Between Risks and Resources (BR²).
DOI: 10.3389/fpsyg.2018.00886
(Volltext bei Frontiers). -
Mikolajczak, M. & Roskam, I. (2020). Parental burnout: Moving the focus from children to parents.
DOI: 10.1002/cad.20376
(Abstract bei PubMed). -
U.S. Department of Labor, Bureau of International Labor Affairs (ILAB): List of Goods Produced by Child Labor or Forced Labor.
Einträge zu Kakao und Schokolade, abgerufen am 07.03.2026. -
NORC at the University of Chicago (2020): Assessing Progress in Reducing Child Labor in Cocoa Production in Cocoa Growing Areas of Côte d’Ivoire and Ghana.
PDF öffnen.
Me-Time als Mama: Wie ihr im Familienalltag echte Pausen findet von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.