hochsensible BabysZum Video über hochsensible Babys folge diesem Link.

Bis zur Entbindung meines ersten Kindes hatte ich bereits viele Jahre Ausbildungen, Studium und Selbstbildung in sämtlichen Bereichen der Säuglingspflege und „Kinderhaltung“ hinter mir. Mit solchen Voraussetzungen wollte ich auf keinen Fall Fehler begehen. Ich vergab mir volle Punktzahl was „natürliche Geburt“, Bonding und Attachment Parenting anbelangte. Mit Hilfe meiner Hebamme und meinem Freund widerstand ich allen Rat-Schlägen, das Zusammenleben mit meinem Neugeborgenen anders zu handhaben.

Es erfüllte mich vom ersten Tag an unheimlich mit Stolz, ein ausgesprochen aufgewecktes und aufmerksames Baby zu haben, über dessen motorische Entwicklung unsere einstige Kinderärztin nur staunte. Die Signale für Harndrang, Hunger, Nähe- und Schlafbedürfnis meiner Tochter lernte ich zügig. Gleichwohl gelangte ich zwei Monate nach der Niederkunft an einen Punkt, an dem ich mich wie eine unfähige Mutter fühlte.

Ich bemerkte, wie mein Mädchen ausgeprägt auf Menschen reagierte. Obwohl sie in den liebevollen Armen der Hebamme, meiner Schwester oder Schwägerin glückselig schlummern konnte, schien es, als ob sich Personen mit geringerem Feingefühl ungünstig auf das kleine Menschenkind auswirken.

Die Aussage „Babys können überall schlafen“ traf bei uns mitnichten zu. Ein fremder Geruch, eine ungewohnte Umgebung, Kinderwagen, Autoschalen, Ausflüge in die Stadt führten zu nahezu 100 Prozent zu einem überreizt anmutenden Säugling und hilflosen Eltern.

Ich beschäftigte mich bis dato nicht eingehend mit Hochsensibilität und verlor keinerlei Gedanken daran – schiebe ich es darauf, dass das Thema im Studium von anderen Kommilitonen bearbeitet wurde.

Habe ich ein Schreikind?

Hochsensible Babys verstehen es, verstärkt zu schreien. Vereinzelt zählen sie zu den Schreibaby. Die Indikatoren für ein Schreikind (Schreien über mehr als drei Stunden pro Tag, an mehr als drei Tagen pro Woche, über mehr als drei Wochen andauernd, bei dem das Kind nicht zu beruhigen ist) trafen auf mein Baby nicht zu, wenngleich sein Gekreische schrill klang und nur mit Mühe zu ertragen war, wenn ich es, z.B. nach einem Besuch bei meinen Schwiegereltern, abends im Familienbett in den Schlaf stillen wollte. Heute bin ich der Ansicht, dass aus unserem Kind kein Schreikind wurde, weil ich im Besonderen seine Signale wahrzunehmen vermochte. Erlebten wir einen unbeschwerten Tag, verliefen die Abendstunden genauso entspannt.

Wenn ich für einen kurzen Snack verschwinden und das Nest verlassen wollte, meldete sich mein kleines Mädchen alsbald mit Geschrei. Schlief meine Kleine auf dem Arm ein, ließ sie sich nur beschwerlich ablegen. Hochsensible Babys schlafen bisweilen schlecht ein. Sie besitzen ausgefallene Vorlieben und eine ausgeprägte Temperaturempfindlichkeit. Auf verschiedene Nahrungsmittel reagieren sie mit Ekel.

Wie hochsensitive Erwachsene haben hochsensible Babys ein empfindliches Gespür für Nuancen und Stimmungen. Die Gehirne sind wachsamer und rascher alarmiert als die ihrer Altersgenossen. Das führt mich zu der Frage:

Wie kann ich einem hochsensiblen Baby beistehen?

1. Nähe, Nähe und nochmals Nähe

Das Allerwichtigste im Leben eines Babys ist Nähe. Wenn uns betagtere Generationen weißmachen wollen, wir „verwöhnten“ unser Kind, indem wir eine enge Beziehung mit ihm eingingen, beruht das auf Spekulationen der Lungenärztin Johanna Haarer. Ihre Ratschläge an „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ im Dritten Reich sind seit Jahrzehnten von der Wissenschaft widerlegt. Das Gegenteil ist wahr. Für die Entwicklung von Urvertrauen ist die zeitnahe, konsequente und verlässliche Erfüllung der kindlichen Bedürfnisse unerlässlich („Bindungstheorie“). Hochsensible Säuglinge brauchen einen vertrauten Menschen, der sie beruhigt. In der Regel ist das die „Glucke“, die wegen der unmittelbaren Reaktion auf ihr „Sensibelchen“ belächelt wird.

In fremder oder geräuschvoller Umgebung ist die Schaffung von Nähe durch das Tragen des Babys im Tragetuch oder in einer Babytrage ausgesprochen praktikabel. Hinzu kommt hierbei ein sicherer Abstand zu allen Neugierigen. Unsere Tochter genoss das erste Ausfahren in einem Kinderwagen erstmalig mit eineinhalb Jahren in ausschließlich idyllischem Ambiente im Wald.

Schlaflernprogramme sind nicht nur für hochsensible Babys verhängnisvoll. Sie schaden der seelischen Entwicklung eines jeden Kindes! Wie ich und mein Baby stattdessen artgerechten und erholsamen Schlaf fanden, veranschaulichten wir in diesem Blogbeitrag.

Beistellbettchen und Familienbetten mit obligater Absicherung durch Stillkissen setzen sich immermehr durch. Ein uns bekräftigender, positiver Aspekt war und ist die Anpassung des mütterlichen Schlafrhythmus an den des Kindes.

2. Reizüberflutung führt zu körperlichen Beschwerden

Hochsensible Kinder und Babys verkraften Einflüsse von außen schlechter als andere. Eine unbekannte Umgebung, eine ungewohnte Atmosphäre, zwischenmenschliche Spannungen, impertinente Gemüter oder zu viele Menschen überwältigen ein hochsensibles Baby.

Als ich mit meiner zweimonatigen Tochter zur Prüfungsvorbereitung an die Hochschule fuhr, schien sie die staunenden Blicke meiner kinderfreundlichen Kommilitoninnen nur so in sich aufzusaugen. Zwar verbuchten wir keinen Windelfrei-Erfolg, doch schien mein Kind die angenehme Stimmung zu spüren.

Die lange Anreise im Auto und das Einschlafen unter den neugierigen Augen meiner Eltern im grellen Licht führten am Abend zu gehörigen Schwierigkeiten. Ich hätte mutig sein müssen. So mutig, sämtliche Heimatbesuche abzusagen. Denn ich musste unser vollgestilltes Mädchen gleich nach unserer Rückreise in der Notaufnahmestelle wegen starkem Durchfall vorstellen – die Konsequenz aus all dem Stress.

Um Reizüberflutung zu vermeiden, hilft es, akustische und visuelle Reize für das Kind zu reduzieren. Unser Baby liebte klassische Klänge und verlangte in Fiebernächten regelrecht nach ihnen. Schlagergedudel, das beiläufig im Radio lief, schien ihm indes genauso auf den Wecker zu gehen wie uns. Nebenbei bemerkt bittet unsre Tochter noch heute darum, Musik zum Essen auszuschalten, weil es sie stört.

In zahlreichen Elternratgebern ist zu lesen, dass ein geordneter Tagesablauf in Ruhe unentbehrlich ist. Damit ist nicht gemeint, dass die Stillmahlzeiten nach Uhrzeit zu erfolgen haben, Stillabstände einzuhalten sind oder dass der Brei Punkt elf Uhr gefüttert wird. Es bedeutet, dass wir uns überlegen müssen:

  • Reicht der Einkauf im Tante-Emma-Laden nebenan? Oder muss der Säugling das grelle, geräuschvolle Gewusel einer städtischen Kaufhalle über sich ergehen lassen?
  • Ist der Besuch bei den Schwiegereltern obligatorisch, obwohl Mutter und Kind hinterher mit Milchstau zu kämpfen haben? Oder freut sich die Uroma vielmehr über das Baby, weil sie sich besser in sensible Babys hineinfühlen kann?
  • Gibt es bei Festlichkeiten einen Raum als Rückzugsort für die junge Familie? Das unterstützt zumindest den Stillvorgang, wenngleich es hochsensible Babys schwer haben, in fremder Umgebung zur Ruhe zu kommen.

3. „Es versteht doch eh nicht, was ich sage.“

Eine Kommilitonin beeindruckte mich einst mit ihren Erfahrungen. Sie sprach ihre Kinder bereits im Verlauf der Schwangerschaft mit Namen an. Zum Erstaunen aller Beteiligten zeigte das in der ersten Zeit außerhalb des Mutterleibes Wirkung. Ebendarum entgegne ich auf jedes „Es versteht doch eh nichts“, dass Kommunikation das Bedeutsamste für das Kind ist – und zwar von Anfang an.

Hochsensible Babys wirken bisweilen aufgeweckter und „trittsicherer“, wenn sie noch im Bauch ihrer Mutter wohnen. Sie hören wie alle gesunden Kinder die Stimme ihrer Eltern. Halte ich Blickkontakt zu meinem Neugeborenen, kann ich ihm alles erzählen, auch wenn es den Inhalt kognitiv nicht versteht. Mein Kind wird daraus deuten: „Ich bin wichtig. Deshalb wird mir alles gesagt, was mit mir gerade gemacht wird. Mama schenkt mir ihre ganze Aufmerksamkeit.“

Unter Umständen kam mir die Unterrichtung in der Säuglingspflege zugute, in dem mit der Pflegepuppe beim Baden, beim Wickeln und Ankleiden gesprochen werden sollte. Vielleicht wäre ich auch selbst darauf gekommen. In jeder Hinsicht erleichterte das Sprechen alle pflegerischen Tätigkeiten an meinem Kind.

Es wäre mir falsch vorgekommen, mein Baby für eine Nebenbeibeschäftigung in eine Babywippe zu setzen, zumal sie dem Bewegungsapparat immensen Schaden zufügt. Viel lieber trug ich mein Kind, sang ihm vor, erzählte mit ihm und erledigte den Haushalt überwiegend einhändig.

Mein hochsensibles Mädchen bittet zur Beruhigung und Schmerzlinderung darum, ihr ein Lied vorzusingen. Der Gesang einer Bezugsperson ist dessen ungeachtet für jedes Kind eine wohltuende Erfahrung.

Im nächsten Artikel zum Thema Hochsensibilität schreiben wir über das hochsensible Kleinkind, die Fürsorge für uns Eltern und darüber, wie bedeutsam Bauchgefühl und Schreiambulanzen sind.

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Über die Autorin
Evelin ist vegetarisch aufgewachsen und lebt seit 20 Jahren vegan. Sie hat als Erzieherin gearbeitet und schließlich studiert, um sich noch mehr für das Recht auf eine Kindheit in Würde, Frieden und ohne Manipulation durch Erziehung einzusetzen – nicht nur für die eigenen drei kindergarten- und schulfreien Kinder. Ihre Lieblingsthemen sind u.a. „Unerzogen“, „Attachment Parenting“, Hochsensibilität und Veganismus.
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CC BY-SA 4.0 Mein Leben mit einem hochsensiblen Baby von Free Your Family ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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