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Kriegszustand?

Aktualisiert am 23.02.2026 (Erstveröffentlicht: 20.12.2016)

Am 19. Dezember 2016 fuhr ein Täter mit einem Lkw in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Menschen starben, viele wurden verletzt. In solchen Momenten sucht die Öffentlichkeit nach Halt – und findet ihn oft zuerst in Worten.

Einige dieser Worte wirken wie Beruhigungsmittel. Andere wie Zündschnur. Als damals der Begriff „Kriegszustand“ fiel, war das für viele nicht nur eine Beschreibung, sondern ein Befehl an das Bauchgefühl.

Was wir sicher wissen (Fakten)

Der Anschlag am Breitscheidplatz ereignete sich am Abend des 19.12.2016. Laut offizieller Darstellung der Berliner Bezirksseite starben zwölf Menschen unmittelbar; ein weiteres Opfer verstarb später an Spätfolgen. Quelle: Berlin.de

Die Bundeszentrale für politische Bildung ordnet den Anschlag ebenfalls als islamistischen Anschlag ein und nennt die zwölf Todesopfer. Quelle: bpb.de

„Wir sind in einem Kriegszustand“: Wenn Politik Sprache aufrüstet

Der damalige Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Klaus Bouillon (CDU), sagte wörtlich: „Wir müssen konstatieren, wir sind in einem Kriegszustand …“ – und verband das mit der Ankündigung verschärfter Sicherheitsmaßnahmen. Quelle: DIE WELT (Newsticker, 20.12.2016)

Horst Seehofer forderte am Tag nach dem Anschlag, man müsse die „gesamte Zuwanderungs- und Sicherheitspolitik überdenken und neu justieren“. Quelle: Deutschlandfunk (21.12.2016)

Angela Merkel setzte in ihrer Ansprache einen anderen Ton: „Wir werden die Kraft finden für das Leben, wie wir es in Deutschland leben wollen: frei, miteinander und offen.“ Quelle: Süddeutsche Zeitung (20.12.2016)

Einordnung: Was macht das Wort „Kriegszustand“ mit uns?

Transparenz: Das hier ist ein Kommentar. Ich beschreibe nicht „die“ richtige Reaktion, sondern versuche, Wirkungen einzuordnen und euch Orientierung zu geben.

„Kriegszustand“ ist kein neutrales Etikett. Es verändert das Denken: Wer Krieg hört, erwartet Feinde, fordert Härte, toleriert Einschränkungen, sortiert Menschen schneller in Lager. Genau deshalb ist diese Wortwahl so mächtig – und so riskant.

Aus der Forschung wissen wir: Nach Terrorereignissen steigen negative Emotionen wie Angst und Wut messbar an, und diese Gefühle können politische Einstellungen und gesellschaftliche Spannungen beeinflussen. Das ist keine Moralkeule, sondern eine nüchterne Beobachtung. Huddy et al., 2011; Holman et al., 2024

Auch Medienbilder und wiederholte Konfrontation mit Gewalt können Belastung verstärken – besonders in Familien, weil Kinder anders verarbeiten als Erwachsene. Das heißt nicht: „Kein Fernsehen mehr, sonst geht alles kaputt.“ Es heißt: Dosierung ist Teil von Fürsorge. Holman et al., 2024

„Flüchtlinge sind nicht schuld“ – und warum diese Klarheit wichtig bleibt

Es ist ein Kurzschluss, von einer Tat auf „die“ Zugewanderten, „die“ Muslime oder irgendeine Gruppe zu schließen. Selbst wenn Täter sich auf Ideologien berufen: Gruppenhaftung ist keine Analyse, sondern ein Brandbeschleuniger.

Studien zeigen, dass Terror-Berichterstattung Vorurteile gegenüber als „fremd“ markierten Gruppen erhöhen kann. Genau deshalb lohnt sich der bewusste Gegenimpuls: nicht wegschauen, aber sauber trennen zwischen Täter, Ideologie, Behördenversagen, gesellschaftlicher Debatte – und Menschen, die schlicht leben wollen. Das et al., 2009; Huddy et al., 2011

Friedensmodus ist kein Naivitätsmodus

„Friedlich bleiben“ wird manchmal wie „alles verharmlosen“ behandelt. Das ist ein Kategorienfehler. Besonnenheit bedeutet nicht, Risiken zu leugnen. Sie bedeutet, die eigene Urteilskraft nicht an Angst-Rhetorik zu vermieten.

Ein Satz, der mir in Erinnerung geblieben ist, bringt das auf den Punkt: „Berlin kann es ohne das friedliche Zusammenleben aller Religionen und Nationen nicht geben.“ (Zitat, damals verbreitet als Aussage des Berliner Bürgermeisters Michael Müller.)

Was ihr konkret tun könnt (ohne Heldenpose)

  • Sprache prüfen: Wenn Begriffe wie „Krieg“ fallen, fragt: Beschreibt das etwas – oder soll es ein Gefühl produzieren?
  • Fakten vor Deutung: Erst klären, was gesichert ist. Dann erst Schlüsse ziehen.
  • Medienhygiene: Wiederholte Schockbilder reduzieren – besonders, wenn Kinder mithören oder mitsehen. Das ist kein Rückzug, das ist Selbstschutz.
  • Keine Gruppenhaftung mittragen: Differenzieren ist anstrengend, aber billiger als gesellschaftliche Spaltung.

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Quellen & Studien

CC BY-SA 4.0 Berlin 2016 und das Wort „Kriegszustand“: Warum Sprache in Krisen zählt von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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