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Aktualisiert am 08.08.2026 (Erstveröffentlicht: 20.12.2016)
20.12.2016 – Ab heute herrscht Kriegszustand in Deutschland. Tatsächlich?
Am 19.12.2016 tötete Anis Amri zunächst den polnischen Lkw-Fahrer Lukasz Urban und fuhr anschließend mit dessen Lkw in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Elf weitere Menschen starben an diesem Abend, viele wurden verletzt. Ein 13. Opfer starb am 5. Oktober 2021 an den Folgen des Anschlags.
Einen Tag später sitzt der Schock über das Geschehene bei den meisten Menschen, die ich kenne, tief.
Einordnung: Dieser Beitrag ist ein Kommentar. Er verbindet meine damalige Reaktion mit dem, was sich über den Anschlag, die politischen Aussagen und einige Wirkungen von Terrorberichterstattung inzwischen belastbar einordnen lässt.
Klaus Bouillon: „Wir sind in einem Kriegszustand.“
Der damalige Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Klaus Bouillon (CDU), sagte am 20. Dezember 2016 gegenüber dem Saarländischen Rundfunk: „Wir müssen konstatieren, wir sind in einem Kriegszustand …“ Gleichzeitig kündigte er verschärfte Sicherheitsmaßnahmen und an manchen Orten den Einsatz von Langwaffen, Kurzwaffen und Maschinenpistolen an. WELT/AFP, 20.12.2016
Diese Wortwahl beschäftigt mich bis heute. Für mich rahmt der Begriff „Kriegszustand“ die Bedrohung als Krieg und verschiebt damit den Blick auf Feinde, Härte und militärische Bilder. Wie man so etwas „Sicherheitsmaßnahmen“ titulieren kann, ist mir ein Rätsel.
Die psychologische Forschung zeigt zugleich ein komplizierteres Bild als die einfache Gleichung „Angst führt zu Härte“. Leonie Huddy und Stanley Feldman werteten Forschung zu den politischen Reaktionen in den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 aus. Menschen, die eine hohe künftige Terrorgefahr wahrnahmen und Wut gegenüber Terrorist:innen empfanden, unterstützten häufiger eine starke Sicherheitspolitik. Persönlich Betroffene berichteten häufiger Angst; diese hing in den untersuchten Daten mit geringerer Unterstützung für militärische Einsätze im Ausland zusammen. Huddy & Feldman, 2011
Flüchtlinge sind NICHT schuld!
Horst Seehofer sagte am Tag nach dem Anschlag: „Wir sind es den Opfern, den Betroffenen und der gesamten Bevölkerung schuldig, dass wir unsere gesamte Zuwanderungs- und Sicherheitspolitik überdenken und neu justieren.“ Deutschlandfunk, 21.12.2016
Zur damaligen Debatte gehört auch das stärkste Argument der Gegenseite: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann verwies im selben Deutschlandfunk-Interview auf das erhöhte Risiko islamistischer Anschläge und auf einzelne Täter des Jahres 2016, die im Zuge der Fluchtmigration nach Deutschland gekommen waren. Zugleich sagte er ausdrücklich, gemessen an der großen Zahl Geflüchteter seien es nur wenige.
Wer eine solche Tat kalt plant und gezielt ausführt, zeigt für mich ein zutiefst verstörendes Verhältnis zum Leben anderer Menschen. Das hat überhaupt nichts mit den anderen zu tun. Die Verantwortung für einen Anschlag trägt der Täter; aus Herkunft, Religion oder Fluchtgeschichte eines Täters lässt sich keine Verantwortung anderer Menschen derselben zugeschriebenen Gruppe ableiten. Der Anschlag vom Breitscheidplatz rechtfertigt deshalb für mich keinen Generalverdacht gegenüber Geflüchteten oder Muslim:innen.
Auch experimentelle Forschung zeigt, warum diese Trennung wichtig ist. Enny Das und Kolleg:innen untersuchten, wie Terrorismus-Nachrichten Vorurteile gegenüber Fremdgruppen beeinflussen können. Die Autor:innen berichten, dass solche Nachrichten unter den untersuchten Bedingungen Vorurteile verstärken konnten, wenn sie die eigene Sterblichkeit ins Bewusstsein rückten. Der Befund bleibt auf diese experimentellen Bedingungen begrenzt. Das et al., 2009
Friedenszustand statt Kriegszustand!
Ich wünsche mir, dass das, was passiert ist, ein Grund für die Menschen ist, Gewalt und Terror abzulehnen und stattdessen einander in Freundschaft, Liebe und mit Toleranz zu begegnen. Mir wurde bis zu meinem sechsten Lebensjahr noch von einer friedlichen Welt erzählt, von Völkerfreundschaft und der Gleichheit aller. Ich glaube heute noch an diese Vision.
Dazu gehört für mich auch ein bewusster Umgang mit den Bildern, die Terroranschläge begleiten. E. Alison Holman, Dana Rose Garfin und Roxane Cohen Silver fassten 2024 Forschung zu grafischen Bildern von Krieg, Terror und anderen kollektiven Gewalterfahrungen zusammen. Wiederholte oder besonders grafische Medienexposition war in mehreren untersuchten Ereignissen mit stärkeren Stresssymptomen und Beeinträchtigungen verbunden. Nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon untersuchten Forschende beispielsweise eine repräsentativ zusammengesetzte Stichprobe aus Boston, New York und dem übrigen USA mit insgesamt 4.675 Personen; häufigeres Sehen blutiger Bilder sagte auch nach Berücksichtigung der gesamten Mediennutzung stärkere spätere Belastung voraus. Holman, Garfin & Silver, 2024
Wenn euch die immer gleichen Schockbilder aufwühlen, kann weniger davon deshalb eine Form von Fürsorge sein. Informiert zu sein verlangt keine Endlosschleife aus Gewaltbildern.
Wir sind alle Erdlinge und teilen uns dieses riesige „Raumschiff Erde“.
Angela Merkel sagte am 20. Dezember 2016: „Wir werden die Kraft finden für das Leben, wie wir es in Deutschland leben wollen: frei, miteinander und offen.“ Süddeutsche Zeitung, 20.12.2016
Am Breitscheidplatz steht heute auf dem Denkmal für die Opfer: „Zur Erinnerung an die Opfer des Terroranschlags am 19. Dezember 2016. Für ein friedliches Miteinander aller Menschen.“ Berlin.de
In diesem Sinne: Peace! 🙂
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Quellen & Studien
- Berlin.de: Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags – zwölf Todesopfer 2016, 13. Todesopfer am 5.10.2021 und Wortlaut des Denkmals.
- Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 19/236 vom 24.06.2021, S. 30565 – Lukasz Urban wurde vor der Fahrt zum Breitscheidplatz getötet; elf weitere Menschen starben in Berlin.
- WELT/AFP, 20.12.2016 – Bouillons gegenüber dem Saarländischen Rundfunk wiedergegebene Aussage zum „Kriegszustand“ und zu verschärften Sicherheitsmaßnahmen.
- Deutschlandfunk, 21.12.2016 – Seehofer-O-Ton sowie Interview mit Joachim Herrmann zur damaligen Sicherheits- und Zuwanderungsdebatte.
- Bundesregierung, Archiv vom 20.12.2016 – offizielle Dokumentation von Merkels Ansprache; die deutschsprachige Formulierung des verwendeten Zitats ist zusätzlich über die Süddeutsche Zeitung belegt.
- Huddy, L. & Feldman, S. (2011): Americans respond politically to 9/11: understanding the impact of the terrorist attacks and their aftermath. DOI: 10.1037/a0024894 – Abstract: Zusammenhang von Bedrohungswahrnehmung, Wut beziehungsweise Angst und Unterstützung sicherheitspolitischer Maßnahmen.
- Das, E., Bushman, B. J., Bezemer, M. D., Kerkhof, P. & Vermeulen, I. E. (2009): How terrorism news reports increase prejudice against outgroups: A terror management account. DOI: 10.1016/j.jesp.2008.12.001 – experimentelle Untersuchung zu Terrorismus-Nachrichten und Vorurteilen gegenüber Fremdgruppen.
- Holman, E. A., Garfin, D. R. & Silver, R. C. (2024): It matters what you see: Graphic media images of war and terror may amplify distress. DOI: 10.1073/pnas.2318465121 – PNAS-Perspektivartikel mit Forschungsüberblick zu grafischer Medienexposition und psychischer Belastung.
Berlin 2016 und das Wort „Kriegszustand“: Warum Sprache in Krisen zählt von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.