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Zuletzt aktualisiert: 07.08.2026

Pädagogisch wertvolles Spielzeug: Was Kinder wirklich brauchen

Unrealistisches, altersgerechtes, pädagogisch wertvolles Spielzeug ist wertlos für Kinder. Wir schreiben über die Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern in ihren Vorstellungen von gutem Spielzeug und plädieren dafür, das Spiel unserer Kinder ernst zu nehmen.

Was wir damit meinen, ist enger als der erste Satz klingt: Altersangaben auf Spielzeug können wichtige Sicherheitsinformationen sein. Die derzeit maßgebliche EU-Spielzeugrichtlinie verlangt zum Beispiel bei Spielzeug, das für Kinder unter 36 Monaten gefährlich sein kann, einen entsprechenden Warnhinweis und eine Angabe der besonderen Gefahr.[1] Unsere Kritik betrifft das pädagogische Versprechen auf dem Etikett. Ob ein Spielzeug die Interessen eines Kindes aufgreift und Raum für eigenes Spiel lässt, verrät eine Altersangabe noch nicht.

Hauptsache kindgerecht!

Im Gegensatz zu früher, als die Kinder noch mit Blechtrommel und Holzauto um den Weihnachtsbaum geflitzt sind, gibt es heute einen riesigen Markt an buntem, scheinbar perfektem Spielzeug, welches von den Herstellern in Zusammenarbeit mit „Pädagogen“ genau auf das Alter der kleinen Konsumenten „angepasst“ wurde.

Es beginnt zur Geburt mit dem Babykuscheltuch für das Neugeborene. Kinder sollen sich an Klappbüchern mit darin abgebildeten Bällen, Clowns und Quietscheentchen erfreuen, bei denen es sich der Verlag nicht nehmen ließ, auch den richtigen Begriff danebenzuschreiben. Viel Spaß versprechen den Null- bis Dreijährigen merkwürdig geformte, TÜV-geprüfte „Gegenstände“ ohne Ecken, Kanten und verschluckbare Kleinteile. Vorschulkinder puzzeln mit Vorliebe Holzpuzzles und Grundschüler beschäftigen sich den ganzen Nachmittag mit „ihrem Lego“. Für die ganz großen Kinder, uns „Erwachsene“, wurden vorgefertigte Kritzelblöcke oder Mandalas zum Ausmalen erfunden.

Konsumsucht im Spielzeugparadies

Wir sehen darin einen Konsumkreislauf. Letztendlich sollen wir und unsere Kinder so viel konsumieren wie es nur geht – und zwar Dinge, die möglichst kurz nach Ablauf des Gewährleistungszeitraums kaputtgehen oder nach Erscheinen des nächsten Modells gnadenlos veraltet erscheinen. Dann muss Neues beschafft werden. Der Kreislauf schließt sich. Das Problem dabei kennen wir aus dem Film Plastic Planet: das Spielzeug landet im Müll und belastet Umwelt und Tiere.

Der spielt ja nur!

Vielleicht hört ihr manchmal noch im Geiste die Stimmen eurer Eltern oder Lehrer:innen: „Der spielt ja nur!“, „Komm, jetzt mach doch mal was Richtiges!“, „Die Spielregeln gehen aber anders!“ oder vergleichbares. Sie nahmen euer Spiel nicht ernst.

Dabei nimmt jedes Kind sein Spiel selbst absolut ernst. Für alle Kinder ist es mit gnadenloser Ernsthaftigkeit verbunden, wenn sie selbst entdeckte Kieselsteine, Tannenzapfen oder gepflückte Blumen verschenken. So bringen sie ihre aufrichtige Liebe und ihre Verehrung dem Beschenkten gegenüber zum Ausdruck. Nehmen wir dieses Geschenk nicht an, sind Kinder bitter enttäuscht. Meint ihr, dass sie denselben Stolz verspüren und dieselben Gefühle ausdrücken können, wenn sie zum Muttertag die Karten verschenken, die sie unter Anleitung der Erzieher hergestellt haben?

Das Phantasiespiel

Kinder können sehr phantasievoll spielen. Hierzu braucht es kein vorgefertigtes Spielzeug. Ein Kieselstein symbolisiert im Moment, in dem er vom Kind als Spielzeug entdeckt wird, womöglich einen Edelstein, ein Tannenzapfen fliegt als Rakete zum Mond, die Stühle bilden zusammengestellt eine Eisenbahn und aneinandergereihte Bürsten stellen den Stau auf einer Autobahn nach.

Oft benötigt das Spiel gar kein Material: Unsere Mädchen „naschen“ liebend gern imaginäre Beeren, die Finger werden zu Spielfiguren oder sie schlüpfen in die Rollen ihrer Freunde.

Angeschafftes Spielzeug

In unserem Zuhause gibt es trotzdem viel angeschafftes Spielzeug. Von angeschafften Spielsachen erwarten Kinder, dass sie „richtig“ funktionieren! Sie wünschen naturgetreue, realistische Apparate, Figuren und Gegenstände, mit denen sie lange und voller Begeisterung spielen können. Kinder freuen sich über ein „echtes Auto, wie wir es fahren“ und sind fasziniert von der Realität im Kleinformat. Kein buntes Auto mit Kugelrädern, blinkenden Augen, einem Lachmund und einer quietschenden Nase kann diese Anforderungen erfüllen!

Das Problem ist folgendes: Kinder glauben uns. Wenn wir Großen das Spiel der Kinder nicht ernst nehmen, konditioniert es sie; sie konzentrieren sich schnell auf all die Dinge im Warenhaus, von denen wir glauben, sie seien „kindgerecht“ oder „pädagogisch wertvoll“.

Unsere Töchter und Söhne passen sich an und finden sich damit ab, dass ihr Spiel und ihre innere Welt nicht ernstgenommen wird bzw. nicht relevant ist. Daher verlangen sie irgendwann nur noch nach Fillys, Malheften, Puzzles, Kuschelgemüse mit Augen für den Kaufmannsladen, Merchandise-Artikeln mit der Maus aus der Sendung mit der Maus und allem, was bei ihren Eltern, Großeltern, Freunden und anderen Bezugspersonen gut ankommt.

Ein paar Beispiele

André Stern zählt in seinem Buch Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben Beispiele auf:

„Es (das Kind, A.d.V.) will zeichnen und bekommt etwas zum Ausmalen. […] Sie (Kinder, A.d.V.) lieben Tiere und bekommen Pokémons. Also lieben sie Pokémons. Und denken in Pokémons. Sie lieben Autos und bekommen ‚Cars‘. Sie lieben Puppen und bekommen Barbies.“

Stellen wir uns vor, wie ein Kleinkind in der Küche voller Begeisterung mit Kochlöffeln auf Töpfen und Pfannen herumtrommelt: Unter Umständen wird es eines Tages den Wunsch nach einem Schlagzeug äußern. Wie enttäuscht wird es sein, wenn man seinem Wunsch mit einem Micky-Maus-Schlagzeug nachkommen wird?

Jungen und Mädchen, die die Welt und die Wissenschaft begreifen wollen, werden nicht nach dem günstigsten Mikroskop oder Teleskop Ausschau halten, welche von „erfahrenen Pädagogen“ speziell für Kinder entwickelt wurden, also aus „garantiert unbedenklichem“ Kunststoff bestehen, an denen man demzufolge getrost auch mal lecken kann.

Stattdessen wollen sie Apparate, die ihren Aufgaben gerecht werden. Geben wir unseren Kindern „funktionierendes Spielzeug“, zeigen wir unseren Kindern, dass wir sie und ihr Spiel ernst nehmen. Wir drücken unsere Wertschätzung ihnen gegenüber aus und geben ihnen die Chance auf eine fortwährende, aus ihren Veranlagungen und Begabungen stammende Entwicklung hin zu glücklichen und begeisterten „Erwachsenen“, die ihr volles Potential entfalten können.

Eine bestimmte spätere Entwicklung zu „glücklichen Erwachsenen“ lässt sich aus der Forschung zu Spielzeug allerdings nicht ableiten. Darin steckt für uns eine Hoffnung und eine Haltung: Wir möchten Interessen ernst nehmen und jungen Menschen Dinge zutrauen, an denen sie ihre eigenen Fragen weiterverfolgen können.

Was sagt die Forschung über Spielzeug und Spiel?

Unsere Beobachtungen lassen sich nicht eins zu eins in Studien übersetzen. Forschung stellt engere Fragen: Welche Art von Spiel findet statt? Wer begleitet sie? Und was wird anschließend gemessen? Gerade dadurch werden aus schönen Gedanken keine Wirkungsversprechen.

Der 2019 veröffentlichte Clinical Report von Aleeya Healey, Alan Mendelsohn und dem Council on Early Childhood der American Academy of Pediatrics beschreibt Spielzeug vor allem als Werkzeug für das Spiel. Die Autor:innen heben Gegenstände hervor, die Sprache, Phantasie, Problemlösen, Kreativität und Interaktion ermöglichen. Zugleich weisen sie darauf hin, dass viele als entwicklungsfördernd beworbene Eigenschaften von Spielzeug wissenschaftlich nicht belegt sind. Auch Haushaltsgegenstände können Kindern reichlich Stoff zum Untersuchen und Spielen geben.[2]

Beim angeleiteten Spiel – in der Forschung oft guided play genannt – wird es differenzierter. Kayleigh Skene und Kolleg:innen werteten 39 Studien aus; 17 davon mit insgesamt 3.893 Kindern flossen in Meta-Analysen ein. Gegenüber direkter Instruktion schnitt angeleitetes Spiel bei früher Mathematik, Formwissen und einem Maß für flexibles Aufgabenwechseln besser ab. Gegenüber freiem Spiel zeigte sich ein Vorteil beim räumlichen Wortschatz. Für andere untersuchte Bereiche fanden die Autor:innen keine entsprechenden Unterschiede. Viele Einzelanalysen stützten sich außerdem nur auf zwei oder drei Studien, weshalb die Autor:innen vor weitreichenden Schlüssen warnen.[3]

Auch Phantasiespiel trägt keine wissenschaftliche Zauberkraft in sich. Angeline Lillard und Kolleg:innen prüften 2013 die Behauptung, pretend play verursache eine breite Palette positiver Entwicklungseffekte. Die vorhandenen Belege reichten nach ihrer Analyse für starke kausale Aussagen über eine einzigartige Wirkung des Phantasiespiels nicht aus. Das nimmt dem Spiel nichts von seinem Wert für das Kind. Es begrenzt lediglich, was Erwachsene ihm wissenschaftlich zuschreiben können.[4]

Spiel findet außerdem in Beziehungen statt. Der Clinical Report The Power of Play der American Academy of Pediatrics, 2018 veröffentlicht und im Januar 2025 erneut bestätigt, beschreibt entwicklungsangemessenes Spiel mit Bezugspersonen und Gleichaltrigen als Gelegenheit, soziale, emotionale, sprachliche, kognitive und selbstregulatorische Fähigkeiten zu entwickeln.[5] Ein Spielzeug kann dabei etwas eröffnen. Die Beziehung entsteht zwischen Menschen.

Woran wir uns bei Spielzeug orientieren

Bei angeschafftem Spielzeug schauen wir zuerst darauf, was der Gegenstand im Spiel tatsächlich zulässt. Das Wort „pädagogisch“ auf der Verpackung hilft uns dabei kaum.

  • Funktion: Ein Fahrzeug lässt sich fahren, ein Instrument spielen, ein Werkzeug benutzen.
  • Offenheit: Ein Gegenstand lässt verschiedene Ideen und Rollen zu, statt den ganzen Spielablauf schon mitzuliefern.
  • Interesse: Das Spielzeug knüpft an etwas an, das das Kind gerade wirklich erforschen, bauen, nachspielen oder verstehen möchte.
  • Langlebigkeit: Robuste, reparierbare Dinge können viele unterschiedliche Spielphasen mitmachen.

Für uns ist „pädagogisch wertvoll“ deshalb kein Kaufkriterium. Spannender ist die Frage, ob ein Gegenstand einem Kind erlaubt, sein Spiel selbst zu führen und seinen eigenen Fragen nachzugehen.

Weiterführend

Möchtet ihr sehen, mit welchem Spielzeug unsere Kinder spielen? Teil 2 unserer Videoreihe „Spielzeug für Kinder“ gibt einen Einblick.

Mehr Beispiele findet ihr außerdem in unserem Beitrag Sinnvolle Spielsachen für Kinder: mitwachsende Geschenkideen von 3 bis 11 Jahren. Um Vermarktung, Gewaltbilder und die Perspektive von Kindern geht es auch in Kriegsspielzeug bei Kindern: verbieten oder begleiten?.

Quellen zur Forschungseinordnung

  1. Europäische Union: Richtlinie 2009/48/EG über die Sicherheit von Spielzeug, konsolidierte Fassung vom 5. Dezember 2022. Fundstelle: Anhang V, Teil B, Nr. 1 („Spielzeug, das nicht zur Verwendung durch Kinder unter 36 Monaten bestimmt ist“).
  2. Healey, A.; Mendelsohn, A.; Council on Early Childhood (2019): Selecting Appropriate Toys for Young Children in the Digital Era. Pediatrics 143(1): e20183348. DOI: 10.1542/peds.2018-3348. Fundstellen: „Rationale for Clinical Report“, „An Evolving Definition of Toys“ und „Advice for Parents and Caregivers“.
  3. Skene, K. et al. (2022): Can guidance during play enhance children’s learning and development in educational contexts? A systematic review and meta-analysis. Child Development 93(4): 1162–1180. DOI: 10.1111/cdev.13730. Fundstellen: Abstract, Results und Conclusion.
  4. Lillard, A. S. et al. (2013): The impact of pretend play on children’s development: a review of the evidence. Psychological Bulletin 139(1): 1–34. DOI: 10.1037/a0029321. Fundstelle: Abstract.
  5. Yogman, M. et al. (2018): The Power of Play: A Pediatric Role in Enhancing Development in Young Children. Pediatrics 142(3): e20182058. DOI: 10.1542/peds.2018-2058. Fundstellen: einleitende Zusammenfassung des Clinical Reports sowie Hinweis „reaffirmed January 2025“.

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Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben*

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