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Hinweis: Dieser Text ist ein Kommentar. Ich bewerte hier nicht jede Aktionsform der Letzten Generation abschließend. Mich interessiert etwas anderes: warum die Wut auf Klimaaktivist:innen oft mehr über uns erzählt als über den Protest selbst.

Aktualisierung im August 2026: Die Letzte Generation tritt heute nicht mehr in der damaligen Form auf. Ihre Website ordnet die frühere Bewegung inzwischen unter „was bisher geschah“ ein und verweist unter anderem auf die Nachfolgeprojekte Neue Generation und Widerstands-Kollektiv. Dieser Kommentar bezieht sich vor allem auf die Straßenblockaden und die öffentliche Debatte der Jahre 2022 bis 2024.

Ich scrolle selbst durch Instagram. Und genau deshalb weiß ich, wie diese Reels funktionieren. Damals tauchte immer wieder dieselbe Szene auf: Menschen saßen auf der Straße. Andere schrien sie an, zerrten an ihnen, filmten sich dabei und wurden hinterher in den Kommentaren als Helden gefeiert.

Unter solchen Videos habe ich Kommentare gelesen, in denen Menschen schrieben, sie würden die „Klimakleber“ überfahren, wenn es legal wäre. Andere fanden, deren Eltern hätten besser verhütet. Wieder andere forderten die Protestierenden auf, sich umzubringen. „Klimachaoten“ ist schon für sich genommen ein ziemlich albernes Wort. Die Sätze darunter waren es nicht.

Mich irritiert nicht, dass Menschen diese Protestform kritisieren. Das kann man. Mich irritiert, wie schnell aus „Diese Aktion macht mich wütend“ ein Urteil über den Wert der Menschen wird, die dort sitzen.

Klimakleber und Klimaaktivist:innen: Kritik darf deutlich sein

Ich finde das Anliegen der damaligen Letzten Generation wichtig. Die Form des Protests halte ich weiterhin für diskutabel. Wer eine Straße blockiert, greift ganz bewusst in den Alltag anderer Menschen ein. Und diese Menschen sind keine Statist:innen in einer politischen Inszenierung.

Da sitzt vielleicht jemand im Auto, der zur Arbeit muss. Jemand muss ein Kind abholen. Jemand hat einen Arzttermin oder schlicht einen verdammt schlechten Tag und gerade überhaupt keine Kapazität für politischen Protest. Ärger darüber ist für mich nachvollziehbar. Die Protestierenden wollten stören – sonst hätte die Aktion ihren Zweck verfehlt.

Auch Rettungsfahrzeuge waren damals ein ernstes Thema. Im offiziellen Protestkonsens der Letzten Generation stand ausdrücklich, dass Rettungswagen durchgelassen werden und die Beteiligten eine Rettungsgasse ermöglichen sollten. Das war der erklärte Anspruch der Gruppe. Daraus folgt natürlich nicht, dass jede konkrete Blockade immer problemlos funktionierte.

Gerade deshalb darf man über Sinn, Wirkung und Grenzen solcher Aktionen streiten. Eine demokratische Gesellschaft braucht diesen Streit sogar.

Zwischen „Ich halte diese Aktionsform für falsch“ und „Die würde ich am liebsten von der Straße schleifen“ liegt allerdings kein kleiner Tonfehler. Da liegt ein Menschenbild.

Warum macht Klimaprotest so wütend?

Mich interessiert deshalb inzwischen fast mehr, was nach der eigentlichen Blockade passiert. Warum reicht bei manchen Menschen eine Störung des gewohnten Ablaufs, damit sie innerhalb weniger Minuten von einem politischen Konflikt bei Vernichtungsfantasien landen?

Vielleicht liegt ein Teil der Antwort darin, wie sehr wir ans Funktionieren gewöhnt sind. Termine einhalten. Weiterfahren. Arbeiten. Erledigen. Möglichst kein Sand im Getriebe. Wenn dann jemand absichtlich den Ablauf unterbricht, fühlt sich das schnell persönlicher an, als es ist.

Als Vater finde ich daran noch etwas anderes spannend. Wer mit Kindern lebt, kennt diese Versuchung vermutlich: Es wäre manchmal so viel einfacher, wenn jetzt einfach alle machen würden, was geplant war. Schuhe an. Losfahren. Nicht diskutieren. Funktionieren, bitte.

Genau in solchen Momenten zeigt sich aber, wie ernst wir es mit Würde und Respekt meinen. Solange alle kooperieren, ist ein freundlicher Umgang keine große Kunst.

Was wir unseren Kindern im Konflikt vorleben

Ich möchte meinen Kindern nicht vermitteln, dass Wut etwas Verbotenes ist. Menschen dürfen sauer sein. Sie dürfen eine Grenze ziehen, widersprechen, sich beschweren und auch sehr deutlich sagen: „Das geht mir gerade gewaltig auf die Nerven.“

Was ich ihnen lieber nicht vorleben möchte: dass ein Mensch seinen Anspruch auf Würde verliert, sobald er uns stört.

Das ist für mich derselbe Grundgedanke, der auch im Familienalltag eine Rolle spielt. Bei unserer Auseinandersetzung mit Gewaltfreier Kommunikation mit Kindern geht es genau darum: Konflikte müssen nicht verschwinden. Grenzen auch nicht. Entscheidend ist, ob wir anfangen, den anderen kleinzumachen, sobald es schwierig wird.

Und Erwachsene haben da keinen Freifahrtschein. Wenn wir von Kindern erwarten, dass sie nicht treten, beleidigen oder den anderen zum Feind erklären, sobald sie wütend sind, dürfen wir uns ruhig anschauen, wie wir selbst über Menschen reden, die uns auf einer Straße, in einer Kommentarspalte oder politisch gewaltig gegen den Strich gehen.

Klimaprotest hält uns auch einen Spiegel vor

Der Streit um die „Klimakleber“ hatte noch eine zweite unangenehme Seite. Klimaaktivismus störte nicht nur den Verkehr. Er erinnerte daran, dass Mobilität, Konsum, Energieverbrauch und Ernährung Folgen haben, die nicht an der eigenen Grundstücksgrenze enden.

Das bedeutet nicht, dass jede:r persönlich die Klimakrise lösen kann. Politische Rahmenbedingungen, Infrastruktur und Unternehmen spielen eine gewaltige Rolle. Trotzdem verschwindet die eigene Verantwortung dadurch nicht vollständig.

Genau diesen Gedanken mochte ich am ursprünglichen Artikel und möchte ihn behalten: Wir können uns stundenlang darüber streiten, ob jemand auf einer Straße sitzen darf. Danach dürfen wir uns trotzdem fragen, was wir selbst eigentlich tun möchten.

Vielleicht demonstriert ihr. Vielleicht überhaupt nicht. Vielleicht verändert ihr etwas an Mobilität, Ernährung oder Konsum. Vielleicht engagiert ihr euch vor Ort. Wenn ihr konkrete Möglichkeiten sucht, haben wir mehr als 50 Ideen gesammelt, wie ihr die Umwelt schützen könnt. Keine davon verlangt, dass ihr euch irgendwo festklebt.

Ich finde diese Frage hilfreicher als den nächsten Kulturkampf darüber, wer nun „Klimakleber“, „Klimachaot“, „Ökoterrorist“ oder auf der anderen Seite angeblich gewissenloser Autofahrer ist. Solche Etiketten machen das Denken bequem. Menschen werden zu Lagern, und irgendwann muss man ihnen gar nicht mehr zuhören.

Wo für mich die Grenze verläuft

Ihr müsst die Straßenblockaden der Letzten Generation nicht richtig finden. Ich tue mich mit Teilen dieser Protestform selbst schwer. Gerade deshalb möchte ich Kritik von Entwürdigung trennen.

Ein Protest darf nerven. Eine Reaktion darauf darf wütend sein. Eine Diskussion darf auch einmal krachen. Für mich endet sie dort, wo wir anfangen, Menschen zu wünschen, dass sie überfahren werden, sich umbringen oder besser nie geboren worden wären.

Vielleicht ist das sogar die interessantere Frage hinter der ganzen damaligen „Klimakleber“-Debatte: Wie gehen wir mit Menschen um, wenn sie uns wirklich stören?

Wie seht ihr das? Wo endet für euch berechtigte Wut auf eine Protestform, und wo beginnt die Entwürdigung des Menschen dahinter? Schreibt es gern in die Kommentare.

Bis bald
Euer Patrick

CC BY-SA 4.0 Klimakleber und Wut: Was unsere Reaktionen auf Protest verraten von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.