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Plötzlich blind

Aktualisiert am: 10.08.2026

Weil dieser Artikel starke Emotionen hervorrufen kann, sei hier gesagt: Er ist nichts für schwache Nerven. Und er hat ein gutes Ende.


Der Traum: Plötzlich blind

Ich liege in unserem Familienbett. Meine zwei Mädchen plaudern ein bisschen, stellen Fragen. Patrick schläft, wie das bei müden, geschafften Papas nun mal ist, als Erster ein. Er schnarcht leise, was eine beruhigende Wirkung auf unsere Kinder hat.

Unser fünf Wochen altes Baby ist noch regsam. Damit ich es nachts abhalten kann und dabei genügend sehe, liegt eine Stirnlampe in unserem Bett. Deren Akkus lassen sich über den USB-Anschluss des PCs aufladen. Ich prüfe, ob die Stirnlampe noch „Saft“ hat und an geht. Klick. Klick, klick. Es bleibt dunkel. Nur der Mond scheint sacht durch die Dachfenster in unsere Wohnung.

Ich stehe auf, um ins Arbeitszimmer zu gehen und mein Nachtlicht für ein paar Minuten aufzuladen. Neben der Tür betätige ich den Lichtschalter. Mist, da ist wohl die Glühbirne durchgebrannt! Ich drücke nochmal prüfend auf den Schalter. Tatsächlich!

Na ja, nichts zu machen! „Da muss morgen die Birne gewechselt werden“, denke ich und höre ein leises Lachen. Sind die jungen Damen noch immer nicht eingeschlafen? Mann, manchmal ist es echt anstrengend, Kinder ins Bett zu kriegen! Beide Mädchen kichern und spielen in der anderen Ecke des Zimmers. Vermutlich lachen sie darüber, dass ich vergeblich auf den Lichtschalter drücke.

Ich drehe mich um und will das Licht im Flur anschalten. Was ist hier los? Dasselbe Spiel von vorn. Drücken. Klick, klick. Kichern. Warum geht das Licht nicht? Ich… Nein! Ich habe Gänsehaut.

„Meine Augen!“, kommt mir in den Sinn. Unsere Lichtschalter und Glühlampen mitsamt Stirnlampe funktionieren also. Davon merke ich nur nichts. Ich erkenne zwar alles Wesentliche, jedoch nur schemenhaft. So viel wie man nachts eben im Mondlicht erkennt. Ich finde zurück zum Bett und wecke Patrick. „Patrick, ich kann nichts mehr sehen! Ich sehe nichts mehr! Patrick, Patrick, ich glaube, meine Netzhaut löst sich. Bitte ruf den Notarzt! Vielleicht kann man jetzt gleich noch etwas mit einer Operation retten.“

Ich kann mir nicht merken, was er sagt, denn gleichzeitig beginnt mein Baby zu weinen. Patrick nimmt unseren kleinen Jungen hoch, den ich niemals als Kleinkind sehen werde, und geht ins Arbeitszimmer. Ich tappe irgendwie hinterher.

Im Arbeitszimmer wirkt es jetzt heller. Wie verschwommener Nebel oder so. Patrick fragt mich, ob ich denn nicht meine Kinder erkenne. Ein Kind kommt auf mich zu. „Bist du das, Anna?“, frage ich unsicher. „Hanna, ja? Bist du hier?“ (Name geändert)

Unser Babyjunge weint. Er muss sicher abgehalten werden. Es klingt, als stört obendrein ein Bäuerchen. Patrick drückt mir das Telefon in die Hand und entfernt sich ins Badezimmer.

Bei mir muss es jetzt schnell gehen. Ich wähle den Notruf: 115. Nein. Noch mal. 113. Verdammt! Dann sollte es wenigstens mit der 110 klappen. Aber das bekomme ich auch nicht hin. Die Tasten sind zu klein und egal, wie sehr ich meine Augen aufreiße, egal, wie nah ich mir das Telefon vor die Augen halte – es ist sinnlos.

Ich streiche mit der Hand unseren Flur entlang zur Wohnungstür. Patrick versucht, unser Baby zu beruhigen. „Ich suche meine Mutter“, rufe ich ihm zu und tapse intuitiv die Treppe hinunter, deren Stufen ich schon als Kind im Dunkeln hinab zu steigen wusste. Flugs bin ich an der Wohnungstür meiner Eltern angekommen, aber ich finde in meiner Aufregung den Türknauf nicht. Verzweifelt rufe ich: „Mutti! Mutti!“ Sie kommt schon und nimmt meinen Arm, als wüsste sie, welches schreckliche Schicksal mich ereilt hätte. „Bring mich zu eurem Telefon! Meine Netzhaut ist jetzt…“

Da steh‘ ich schon, halte den Hörer und höre die Frauenstimme der Notrufzentrale. Meine Mutter antwortet ihr. Ich meine, die Situation schneller erklären zu können, falle ihr ins Wort und spreche total durcheinander: „Hier ist Evelin Hager. Meine Netzhaut macht Probleme und ich sehe nur noch alles grau-schwarz und schemenhaft. Das passierte erst vor ein paar Minuten und ich kann nichts mehr sehen. Die Operation muss sofort erfolgen, denn ich erkenne nichts mehr und ich wache auf.“

Ja. Ich wache auf.

Das gute Ende: Licht. Konturen. Dankbarkeit.

Ich habe Gänsehaut. Bin schockiert. Steif liege ich im Familienbett zwischen meinen schlafenden Töchtern, neben meinem Sohn und ich sehe nichts. Alles schattenhaft. Fahles Mondlicht verleiht dem Raum dezente Konturen. Ich taste nach der Stirnlampe.

Klick, klick.

Ich atme auf. Sie funktioniert. Ich krabbel hinüber auf Patricks Bettseite und kuschel mich an ihn, um mich zu beruhigen. Mir fällt ein riesiger Stein vom Herzen und ich spüre, wie sich ein Gefühl der Dankbarkeit in mir breit macht.

Ich werde sehen können, wie mein drittes Baby als Kleinkind aussehen wird, welche Wäsche seit vielen Tagen dringend gewaschen werden sollte und wie sich unsere Töchter heftig streiten. Was kann es Schöneres geben?

Mir fällt nichts besseres ein, als mich meiner gesunden Augen, meines gesunden Körpers und denen meiner Familie zu erfreuen.

Eine Traumdeuterei soll dieser Artikel jedoch nicht sein. Träume zeigen m.M. nach viel mehr, was einen momentan beschäftigt oder beschäftigte.

Albträume nach der Geburt: Was eine Studie dazu zeigt

Dass Baby, Gefahr und Angst in Träumen nach der Geburt zusammentreffen, findet sich auch in der Forschung. Tore Nielsen und Tyna Paquette untersuchten 2007 insgesamt 273 Frauen: 202 kurz nach der Geburt, 50 während der Schwangerschaft und 21 Frauen, die noch nie schwanger gewesen waren.[1] Bei den Frauen nach der Geburt enthielten die berichteten Babyträume häufiger Angst (75 Prozent) und ein gefährdetes Baby (73 Prozent) als bei den Schwangeren (59 beziehungsweise 42 Prozent).[1]

Nielsen und Paquette nannten als mögliche Einflüsse unter anderem Sorgen rund ums Baby, starke Schlafunterbrechungen und hormonelle Veränderungen.[1] Warum mein Traum in dieser Nacht ausgerechnet so aussah, bleibt damit offen.

Die Schlafmedizin ordnet die Albtraumstörung den REM-Parasomnien zu.[2] Dabei kehren sehr belastende, gut erinnerte Träume wieder; nach dem Erwachen sind Betroffene rasch orientiert, und die Träume oder die dadurch verursachten Schlafstörungen führen zu spürbarem Leidensdruck oder Beeinträchtigungen.[2]

Ein Realitätsanker: Wenn das Sehen wirklich plötzlich ausfällt

Im Traum verfehle ich eine Nummer nach der anderen. In Deutschland erreicht ihr Rettungsdienst und Feuerwehr unter 112.[4] Die Polizei erreicht ihr unter 110.[5] Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter 116117 für dringende gesundheitliche Beschwerden außerhalb der Sprechzeiten erreichbar, wenn die Behandlung bis zur nächsten regulären Sprechstunde zu lange warten würde.[4]

Plötzlich einsetzende Sehstörungen können einen medizinischen Notfall anzeigen. Das Bundesgesundheitsportal nennt die 112 für Situationen, in denen Lebensgefahr besteht oder bleibende Schäden möglich sind.[4] Eine Netzhautablösung braucht rasche augenärztliche Behandlung; mögliche Warnzeichen sind Lichtblitze, schwarze Punkte oder Schlieren, ein dunkler Schatten im Sichtfeld oder Sehverlust auf einem Auge.[6]

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In diesem Fall bewegte mich die Buchverfilmung von Saliya Kahawattes „Mein Blind Date mit dem Leben“. Film und Buch erzählen, wie er als Jugendlicher innerhalb weniger Monate einen Großteil seines Augenlichts verliert und seine schwere Sehbehinderung später für seine Ausbildung zum Hotelfachmann wie auch für eine Liebesbeziehung verschweigt. Sehr berührend und empfehlenswert!

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FAQ: Albtraum, Wochenbett und plötzlicher Sehverlust

Sind Albträume nach der Geburt normal?

Babybezogene Träume und Albträume kamen in der Studie von Nielsen und Paquette sowohl während der Schwangerschaft als auch nach der Geburt vor.[1] Für eine Albtraumstörung verlangt die Schlafmedizin ein wiederkehrendes Muster mit spürbarem Leidensdruck oder Beeinträchtigungen.[2]

Warum kann sich ein Albtraum so real anfühlen?

Albträume können sehr lebhaft und emotional sein und bleiben nach dem Aufwachen oft gut erinnerlich. Bei einer Albtraumstörung werden genau solche stark belastenden und gut erinnerten Träume beschrieben; Betroffene sind nach dem Erwachen typischerweise schnell wieder orientiert.[2]

Was kann helfen, wenn Albträume immer wiederkommen?

Wenn Albträume euch regelmäßig aus dem Schlaf reißen oder tagsüber belasten, kann eine schlafmedizinische oder psychotherapeutische Abklärung sinnvoll sein. Die American Academy of Sleep Medicine empfiehlt in ihrem Positionspapier von 2018 die Imagery Rehearsal Therapy zur Behandlung einer Albtraumstörung sowie bei Albträumen im Zusammenhang mit einer posttraumatischen Belastungsstörung.[3]

Welche Warnzeichen können zu einer Netzhautablösung passen?

Das Bundesgesundheitsportal nennt unter anderem Lichtblitze, Schlieren oder schwarze Punkte, dunkle Schatten im Sichtfeld und Sehverlust auf einem Auge. Eine Netzhautablösung ist ein augenmedizinischer Notfall und braucht eine möglichst rasche Behandlung.[6]

Welche Notrufnummer ist in Deutschland für medizinische Notfälle richtig?

Rettungsdienst und Feuerwehr erreicht ihr unter 112.[4] Für dringende gesundheitliche Beschwerden außerhalb der Sprechzeiten gibt es den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117.[4] Die 110 führt zur Polizei.[5]

Quellen

  1. Nielsen T, Paquette T. Dream-associated Behaviors Affecting Pregnant and Postpartum Women. Sleep. 2007;30(9):1162–1169. DOI: 10.1093/sleep/30.9.1162. Tragende Fundstellen: Abstract, „Participants“, „Measurements and Results“ und „Conclusion“.
  2. Stefani A, Högl B. Nightmare Disorder and Isolated Sleep Paralysis. Neurotherapeutics. 2021;18(1):100–106. DOI: 10.1007/s13311-020-00966-8. Tragende Fundstellen: Abschnitt „Nightmare Disorder – Diagnostic Criteria“, Tabelle 1.
  3. Morgenthaler TI et al. Position Paper for the Treatment of Nightmare Disorder in Adults: An American Academy of Sleep Medicine Position Paper. Journal of Clinical Sleep Medicine. 2018;14(6):1041–1055. DOI: 10.5664/jcsm.7178. Tragende Fundstelle: „Position Statements“.
  4. Bundesministerium für Gesundheit: Nummern für den Notfall, Stand 06.10.2025. Tragende Fundstellen: „Wann wähle ich den Notruf?“ und „Wann rufe ich den ärztlichen Bereitschaftsdienst?“.
  5. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: Erste Hilfe und Notruf. Tragende Angabe: Notrufnummern 112 für Feuerwehr und Rettungsdienst sowie 110 für die Polizei.
  6. Bundesministerium für Gesundheit: Netzhautablösung, Stand 23.02.2026. Tragende Fundstellen: „Auf einen Blick“, „Was ist eine Netzhautablösung?“ und „Welche Symptome treten bei einer Netzhautablösung auf?“.

Die medizinischen Abschnitte dienen der Einordnung. Bei akuten Beschwerden entscheidet die medizinische Situation über die passende ärztliche beziehungsweise notfallmedizinische Anlaufstelle.

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