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Hinweis: Dieser Beitrag ist ein Erfahrungsbericht. Er ersetzt keine medizinische Beratung. Wenn ihr Beschwerden habt oder eine Diagnose wie Colitis ulcerosa im Raum steht, holt euch bitte ärztliche Hilfe. Ernährung kann Symptome beeinflussen, ist aber kein Ersatz für Diagnostik, Verlaufskontrolle und wirksame Therapie.
Liebe Freunde!
Smoothie hier, Brennnesselsalat da: Rohkost ist seit Jahren in aller Munde. Und wie bei jedem Trend gilt: Zwischen ehrlicher Neugier und Heilsversprechen liegt manchmal nur ein besonders überzeugender Tonfall.
Ich schreibe heute nicht, um euch Rohkost auszureden oder sie euch „schmackhaft“ zu machen. Ich erzähle euch, wie es bei mir lief. Und ich ergänze das, was mir damals gefehlt hat: Ein klarer Blick auf Sprache, Versprechen und die Stellen, an denen man sich selbst belügen kann, ohne es zu merken.
Inhalte
- 1 Schon immer ein Sonderling?
- 2 Ein paar Worte zu Milch
- 3 Was ich damals als „100 % gesund“ erlebte
- 4 Was ich damals glaubte und was ich heute vorsichtiger sehe
- 5 War es bei mir ein Hungerwahn?
- 6 Und danach?
- 7 Colitis ulcerosa: Diagnose, Angst, und der gefährliche Satz „Ich habe mich geheilt“
- 8 Was ich aus der Rohkostzeit behalten habe
- 9 Und die Kinder?
- 10 Mein Zweifel an „Expert*innen“ und mein Respekt vor Evidenz
- 11 Quellen & Einordnung (für die, die tiefer schauen wollen)
Schon immer ein Sonderling?

Ich als roh-veganes Teenie
Wie viele wissen, esse ich seit meiner Einschulung kein Fleisch mehr. Meine Eltern wurden nach der Wende Vegetarier, ließen uns Kinder aber wählen, wie wir wollten. Wir mochten bald selbst auf Fleisch und Fisch verzichten. Irgendwann auch auf Gummibärchen.
Als ich 13 Jahre alt wurde, zog „Rohkost“ in unser Zuhause ein. Ausgelöst hat das bei mir damals ein Buch von Franz Konz. Ich schreibe den Namen bewusst hin, weil er für viele Menschen ein Einstieg war. Für mich war es ein Aufrüttler und zugleich ein Lehrstück darüber, wie verführerisch einfache Feindbilder sind.
Konz schreibt polemisch gegen „die Schulmedizin“, arbeitet viel mit Zuspitzungen und suggeriert eine Klarheit, die der Biologie selten zusteht. Rückblickend sehe ich: Das Buch hat mir nicht Wissen gegeben, sondern eine Haltung. Und Haltungen fühlen sich manchmal wie Beweise an, obwohl sie keine sind.
Ich wollte mehr als nur auf Fleisch verzichten. Ich lehnte Medikamente und Impfungen damals auch wegen Tierversuchen ab. Eier, Milch und Honig gehörten in meiner Teenie-Logik bald „nur“ den Tieren. Ich wollte kein Tierleid unterstützen und ernährte mich fortan rohvegan.
Ein paar Worte zu Milch
Milch ist für mich kein neutrales Lebensmittel. Kuhmilch gehört den Kälbchen. Punkt. Das ist keine „Ernährungsdebatte“, sondern eine Frage von Beziehung und Verantwortung: Wer nimmt hier wem etwas weg, und warum gilt das als normal?
Ich weiß, dass viele Menschen Milch mit Kindheit, Trost oder Tradition verbinden. Und ich verstehe, wie stark solche Bilder sein können. Für mich überwiegt trotzdem das Gefühl, dass wir Tiere zu Mitteln machen, statt sie als Wesen mit eigenen Bedürfnissen zu sehen. Wenn wir über „Bewusstsein“ sprechen, dann beginnt es genau dort: bei dem, was wir täglich als selbstverständlich in den Einkaufswagen legen.
Was ich damals als „100 % gesund“ erlebte
Auf die Frage, warum mein Essen nicht mehr erhitzt, geölt, gesalzen oder gezuckert sein dürfe, sagte ich: „Weil es nur so in der Natur vorkommt.“ Was anderen sehr komplex erschien, war für mich simpel.
Ich aß überwiegend Wildkräuter, Obst, Gemüse, Nüsse, Sprossen, Samen und trank stilles Wasser. Und ja: Ich habe mich damals über längere Zeit sehr fit gefühlt. Ich erinnere mich an einen Körper, der „leicht“ war. An viel Energie. An das Gefühl, jede Zelle würde applaudieren.
Wichtig: Das ist meine Erinnerung und mein Erleben. Es ist kein Beweis dafür, dass Rohkost krankheitsfrei macht oder Beschwerden „wegzaubert“. Teenagerkörper sind robust. Und Gesundheit ist selten ein Monokausalitätsmärchen.
Was ich damals glaubte und was ich heute vorsichtiger sehe
Ich war überzeugt, dass „die meisten“ nicht wirklich wissen, welche Nahrungsmittel gesund sind. Ich hielt Zucker für einen Feind, Salz für eine Art Gift und dachte, Milch sei grundsätzlich problematisch. Ich schrieb mir eine Überlegenheit zu, die ich nicht verdient hatte.
Heute sehe ich das nüchterner. Ernährung ist ein Feld voller Ideologie. Man kann sich mit „gesund“ auch hervorragend in eine Ecke manövrieren. Nicht nur körperlich, sondern sozial. Und man kann sich mit der richtigen Sprache einreden, man sei frei, während man längst gefesselt ist.
Mich nervten später besonders die Menschen, die mir Superfoodkapseln oder Pulver verkaufen wollten. Ihr kennt sie: erst vorher-nachher, dann Rabattcode, dann Heilsversprechen im Kleidchen der „Erfahrung“.
Dennoch, liebe Fitness-Diät-Königinnen: Mir bringen eure Fotos im Jogginganzug mit Smoothieglas vor dem Spiegel nichts. Ich kaufe weder Kapseln noch Trainingspläne.
War es bei mir ein Hungerwahn?
Diese Frage ist heikel. Ich möchte nicht, dass jemand, der gerade wacklig steht, meinen Text als Erlaubnis liest, „einfach mal streng“ zu werden. Restriktives Essen kann eine Sucht nach Kontrolle werden, ohne dass man es merkt.
Bei mir fühlte es sich damals nicht wie Verzicht an. Ich war klein und zierlich, ähnlich gebaut wie meine Eltern. Meine Berufsschullehrer sagten mir einmal, ich wirke weder knochig noch ausgehungert. An mir „sei doch alles dran“.
Trotzdem gilt: Äußere Erscheinung ist kein zuverlässiger Marker für innere Versorgung. Und „es macht Spaß“ ist kein Sicherheitszertifikat. Wenn Essen beginnt, Angst zu machen, Regeln zu diktieren oder das Leben zu verengen, ist das ein Warnsignal.

Möhren im Glas – aber bitte roh!
Und danach?
Mit 18 Jahren wollte ich hin und wieder etwas Gekochtes essen. Dann kamen Kartoffeln oder Linsen zum Salat. Und wenn ich bei Freunden Süßigkeiten übertrieb, quittierte mein Körper das schnell. Mein Darm war Zucker, Salz und stark verarbeitete Lebensmittel schlicht nicht mehr gewöhnt.
Colitis ulcerosa: Diagnose, Angst, und der gefährliche Satz „Ich habe mich geheilt“
Irgendwie schaffte es eine Frauenärztin damals, mir die Pille einzureden. Ich wusste um Nachteile, aber ich war jung, müde vom Anderssein und empfänglich für „macht man halt so“. Es dauerte nicht lange, und ich bekam die Diagnose Colitis ulcerosa.
Das war schmerzhaft, blutig und ekelig. Und während Ärzte Zäpfchen und Tropfen verschrieben und Heilpraktiker Schonkostpläne vorschlugen, wollte ich vor allem eines: Kontrolle.
Früher hätte ich hier geschrieben: „Ich fastete zwei Tage und heilte mich innerhalb weniger Tage mit Rohkost.“ Das klingt stark. Es klingt nach Lösung. Und genau deshalb ist es gefährlich.
Was ich seriös sagen kann: Ich habe damals meine Ernährung stark verändert. Meine Symptome wurden deutlich besser. Ob das durch Rohkost, durch Weglassen bestimmter Lebensmittel, durch Stressabbau, durch einen spontanen Remissionsverlauf oder durch eine Mischung aus allem kam, kann ich heute nicht sauber auseinanderhalten.
Colitis ulcerosa verläuft typischerweise schubweise, mit Phasen der Besserung (Remission) und Phasen der Verschlechterung. Ernährung kann ein relevanter Baustein sein, ersetzt aber keine Diagnostik, keine Verlaufskontrolle und keine wirksame Therapie. Bitte nehmt das ernst, wenn ihr selbst betroffen seid.
Was ich aus der Rohkostzeit behalten habe
Ich lebe heute recht ungezwungen. Wenn ich Appetit auf Tee habe, koche ich mir einen. Wenn Patrick Brötchen backt, landen sie auch auf meinem Teller. Und verliere ich im Familienchaos fast die Nerven, gönne ich mir hin und wieder Schokolade. Wenn die selbstgemachte Variante noch da ist, umso besser.
Essen ist für mich dann in Ordnung, wenn es mein Leben weiter macht. Nicht kleiner.
Und die Kinder?

Kommt immer gut an: frisches Obst
Mit unseren Kindern halte ich es ähnlich. Sie kennen Cola, Limo, Fertigpizza und knallbunte Süßigkeiten kaum. Nicht, weil ich Angst vor „Gift“ habe, sondern weil ich möchte, dass sie erst einmal ein Gefühl für echte Lebensmittel entwickeln. Und ja: Auch Ausnahmen gehören dazu, wenn sie in ein insgesamt stabiles Essumfeld fallen.
Wenn euch das Thema „Selbstbestimmung beim Essen“ interessiert, findet ihr hier mehr Einblick: dieser Artikel.
Mein Zweifel an „Expert*innen“ und mein Respekt vor Evidenz
Den Begriff „Experte“ mochte ich lange nicht. Heute mag ich ihn immer noch nicht als Etikett. Ich mag ihn als Verpflichtung: Wer etwas behauptet, sollte zeigen können, worauf es basiert.
Deshalb zwei Gedanken, ohne Zeigefinger:
- Wenn euch Rohkost neugierig macht: Beginnt spielerisch. Baut mehr Rohes ein, statt euch in „alles oder nichts“ zu verrennen. Strenge Regeln erzeugen oft keine Gesundheit, sondern Stress.
- Wenn ihr krank seid: Holt euch Begleitung. Ernährung kann stärken, entlasten, Symptome beeinflussen. Sie ist aber kein Ersatz für Diagnostik und Therapie. Wer euch verspricht, ihr braucht keine Ärzt*innen, verkauft euch meistens eine Geschichte. Keine Lösung.
Und noch etwas, das ich als Teenager nicht begriffen habe: Eine sehr strenge Rohkosternährung kann das Risiko für Unterversorgung erhöhen, je nach Umsetzung und Lebensphase. Das gilt besonders für bestimmte Mikronährstoffe.
Alles Liebe,
Eure Evelin
Quellen & Einordnung (für die, die tiefer schauen wollen)
- Ulcerative Colitis in Adults: A Review (JAMA, 2023). DOI: 10.1001/jama.2023.15389
- Dietary Interventions in Ulcerative Colitis: Systematic Review & Meta-Analysis (Nutrients, 2023). DOI: 10.3390/nu15194194
- Nutritional Intake and Biomarker Status in Strict Raw Food Eaters (Nutrients, 2022). DOI: 10.3390/nu14091725
- Eating disorders (The Lancet, 2020). DOI: 10.1016/S0140-6736(20)30059-3
- Orthorexia Nervosa: A Review of the Literature (Issues in Mental Health Nursing, 2017). DOI: 10.1080/01612840.2017.1371816
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