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Kinderreichtum?

Ihr sehnt euch nach einem (weiteren) Kind und fragt euch, wann der richtige Zeitpunkt ist? Vielleicht spürt ihr Vorfreude, vielleicht Zweifel. Manchmal liegt beides nah beieinander: die Frage nach eurer Beziehung, nach Kraft, nach Geld, nach dem Blick der anderen.

Dieser Text ist kein medizinischer oder psychologischer Ratgeber. Er ist ein Erfahrungsbericht. Wir erzählen, wie wir darüber nachgedacht haben, was uns verunsichert hat und was uns am Ende Orientierung gab.

Neben sehr persönlichen Fragen tauchen bei manchen Familien auch große Themen auf: Klima, Weltlage, Politik, Zukunft. Manchmal steckt dahinter kein „Wissen“, sondern ein Gefühl: dass die Welt unübersichtlich ist und Kontrolle brüchig wirkt. Das nehmen wir ernst. Und gleichzeitig haben wir gelernt: Für eine Familienentscheidung helfen uns eher konkrete Fragen als abstrakte Bedrohungsszenarien.

Gründe für ein Kind

Obwohl wir alle der gleichen Spezies angehören, sind die Gründe für ein weiteres Kind so individuell wie wir selbst. Sie sind beeinflusst von körperlichen, seelischen, ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Aspekten.

Vom „besten Zeitpunkt“

Bei unseren Freunden unterscheiden sich die Vorstellungen darüber, wann es an der Zeit für (zusätzliche) Nachkommen ist, eklatant. Der perfekte Zeitpunkt ist, sobald …

  • … das Studium beendet,
  • … der Arbeitsvertrag unterschrieben,
  • … die Probezeit geschafft,
  • … der größte Stress in der Firma ausgestanden,
  • … die Gehaltserhöhung gesichert,
  • … der Hausbau abgeschlossen,
  • … das Auto abbezahlt,
  • … genügend Abstand zur letzten Fehlgeburt verstrichen,
  • … das Geschwisterkind abgestillt,
  • … im Kindergarten eingewöhnt oder eingeschult ist,
  • … der Partner aufhört zu rauchen,
  • … die Flitterwochen vorüber sind,
  • … die Pille abgesetzt wurde oder die Spirale nicht mehr liegt,
  • … es scheint, dass momentan alle anderen schwanger sind oder
  • … wenn „Gott es will“.

Wir verstehen diese Checklisten gut. Und wir haben gleichzeitig erlebt: Das Leben wartet selten brav, bis alles „ideal“ ist. Häufiger ist es so, dass ein Kind nicht in einen perfekten Plan passt, sondern einen neuen Alltag mit euch baut.

Der Einfluss des ersten Kindes

Als wir uns zum allerersten Mal nach einem gemeinsamen Kind sehnten, spürten wir die rosafarbenen Wolken um uns herum.

Wie im Film „Ein freudiges Ereignis“ bekam auch unsere Vorstellung etwas Glanz: ein kleiner Mensch als gemeinsamer Höhepunkt. Mit der Geburt wandelte sich das einst so entspannte Studentenleben jedoch radikal zu einem Parallelleben. Der eine kam kaum noch mit dem Job klar, der andere saß zuhause zwischen Wäschebergen mit einem schreienden Baby. Liebe war da, aber sie musste plötzlich unter Müdigkeit funktionieren.

Heute sind wir sehr dankbar, dass sich unser Weltbild hinsichtlich Wirtschaft und Arbeit grundlegend änderte. Nicht, weil Arbeit „schlecht“ wäre, sondern weil wir gemerkt haben: Wenn wir Beziehung wollen, müssen wir Zeit und Kraft dafür freiräumen. Als wir uns für ein finanziell bescheideneres Dasein und mehr gemeinsame Zeit entschieden, wuchs in uns wieder Sehnsucht: nach einem Geschwisterchen für unsere Große.

Wie an den Tagen der Geburten unserer Töchter hatten wir bei der Jüngsten das Gefühl, dass es „passt“. Keine Stunde verging ab dem ausgesprochenen Herzenswunsch: Wir ließen zum wiederholten Male Leben entstehen.

Geteilte Meinungen

Während die Reaktionen auf die erste Schwangerschaft überwiegend positiv ausfielen, verletzte uns mit der Ankündigung des zweiten Kindes unter anderem ein „Ach du sch…“ aus der Verwandtschaft. Und ja: Auch Sätze wie „Seid ihr zu doof zum Verhüten?“ haben wir gehört. Solche Worte sagen selten etwas über euch. Oft sagen sie etwas über die Ängste oder Werte der anderen.

Beim Traum von einem dritten Kind wird die Luft manchmal dünner. Wir kennen das Urteil im Hinterkopf, noch bevor es ausgesprochen wird. Gleichzeitig sehen wir Familien mit mehreren Kindern, die nicht „perfekt“ sind, aber verbunden wirken: weil sie sich als Team verstehen, nicht als Optimierungsprojekt.

Ein Beispiel, das uns damals inspiriert hat, ist Familie(n)leben.

Leistungsnormen, Rollenbilder und der Druck, „richtig“ zu leben

Hinter vielen Kommentaren steckt eine alte Idee: Ein „gutes“ Leben muss vor allem funktionieren, produktiv sein, messbar. Und Mutterschaft soll am besten so laufen, dass sie niemanden stört.

Dann entstehen leise Vorwürfe, dass …

  • … „man doch verhüten könne“,
  • … eine Mutter „dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen“ müsse,
  • … eine größere Familie automatisch „unvernünftig“ sei.

Wir glauben: Es ist legitim, diese Normen zu hinterfragen. Nicht, um gegen andere zu kämpfen, sondern um herauszufinden, was euch wirklich trägt.

Hinweis (Kontext, keine Beratung): Zur Pille und möglichen Nebenwirkungen findet ihr einen Einstieg hier:
Wikipedia: Antibabypille – Nebenwirkungen.
Für persönliche medizinische Entscheidungen sind ärztliche Beratung und Leitlinien die bessere Adresse.

Die Entscheidung für unser drittes Kind

Für uns kam der Schritt hin zu einem dritten (und vielleicht auch vierten) Kind grundsätzlich in Betracht. Der „optimale“ Augenblick hatte bei uns weniger mit äußeren Meilensteinen zu tun, sondern mit einem inneren Gefühl von Stabilität: Vertrauen in unser Miteinander, Vertrauen in unser Alltagsmodell, Vertrauen darin, dass wir Konflikte nicht vermeiden müssen, sondern bearbeiten können.

Dass unsere Große seit der Hausgeburt ihrer Schwester annähernd täglich Hebamme spielt und ihre Faszination für Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Neugeborenes groß ist, war für uns ein liebevoller Spiegel: Kinder denken Familie oft als Nähe, nicht als Projekt.

Als sie einmal sagte: „Mama, ich wünsche mir noch ein Kind von dir“, hat uns das nicht „überredet“. Aber es hat uns berührt. Und es hat uns daran erinnert, dass Kinder sehr genau spüren, ob unser Zuhause mehr von Angst oder mehr von Vertrauen regiert wird.

Hört auf eure innere Stimme – und nehmt euch ernst

Wir sind letzten Endes die Verantwortlichen für ein (zusätzliches) Kind, nicht Verwandte, Bekannte, Freunde oder Nachbarn. Wir wollen euch ermutigen, eurem Herzen zu folgen und die Entscheidung für ein Kind nicht dauerhaft gegen die Erwartungshaltung anderer zu verteidigen.

Passend zum Thema Kinderwunsch stand damals auf einem Teebeutelzettelchen: „Jedes Kind ist eine Hoffnung für die Welt.“ Wir würden hinzufügen: Jede bewusste Entscheidung ist eine Hoffnung. Auch, wenn sie am Ende anders ausfällt als gedacht.

Transparenz: Erfahrungsbericht, keine medizinische oder psychologische Beratung.

CC BY-SA 4.0 „Kinderreich“ und „asozial“? Wann ist Zeit für ein weiteres Kind? von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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