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Aktualisiert am 7. März 2026

Ich stamme aus einer Familie vom „alten Schlag“. Als Kind gab es wenig Lob und noch viel weniger Umarmungen. Da ich es nur so kannte, fühlte sich das normal an. Erst als ich bei meiner Freundin anderes sah, veränderte sich meine Wahrnehmung. Ihre Mutter drückte und umarmte sie sehr viel. Sogar wenn sie einmal „ungezogen“ war. Damals wünschte ich mir für mich dasselbe. Als Erwachsene begann ich, mich mehr mit dem Thema Bindung zu beschäftigen. Und ich erkannte, wie wichtig körperliche Nähe zwischen Eltern und Kind sein kann. Umarmungen, Streicheln, Kuscheln und ähnliche Gesten sind für viele Familien ein Teil gelebter Verbundenheit. Darüber möchte ich euch in meinem Gastbeitrag erzählen.

In diesem Beitrag geht es um zwei Ebenen: um meine Erfahrung mit meinem Sohn Noah und um die Frage, was sich über Berührung, Bindung und Stressregulation belastbar sagen lässt. Das Wichtigste vorweg: Nähe kann Kindern sehr helfen. Sie hilft aber nicht als Trick, sondern als Beziehung – und nur dann, wenn sie sich für das Kind gut anfühlt.

Auf einen Blick: Was Umarmungen leisten können

  • Sie können Co-Regulation erleichtern: Ein Kind muss starke Gefühle nicht immer allein sortieren.
  • Sie können Sicherheit spürbar machen: Beziehung wird nicht nur geredet, sondern erlebt.
  • Sie sind nie Pflicht: Berührung hilft nur, wenn sie willkommen ist.

Als Baby liebte Noah das Kuscheln

Als mein Sohn Noah da war, beschloss ich, dass Umarmungen eine wichtige Rolle in meinem Familienalltag spielen sollten. Da ich ganz anders aufgewachsen war, fiel mir das nicht immer leicht.

Solange Noah ein Baby war, war das Kuscheln und Festhalten einfach. Mein Kleiner genoss das Streicheln und fühlte sich wohl. Je älter er wurde, desto mehr pochte er aber auf Distanz.

Das war natürlich nicht nur schwierig. Es war auch ein Zeichen von Entwicklung. Noah bewegte sich freier durch die Welt, wollte mehr selbst bestimmen und geriet öfter in heftige Gefühlslagen. Wutanfälle in der sogenannten Trotzphase, die heute oft Autonomiephase genannt wird, sind schließlich nichts Ungewöhnliches.

Als Noah im Supermarkt tobte

Mich stellte das trotzdem vor eine Herausforderung. Denn Umarmungen erscheinen bei einem tobenden Kind zunächst nicht gerade naheliegend. Vor allem wenn Noah in der Öffentlichkeit trotzte, war es schwierig.

Einmal warf er sich im Supermarkt auf den Boden. Er schlug um sich und schrie. Ich redete ruhig auf ihn ein, aber er war nicht zu besänftigen. Immer mehr Leute musterten uns. Eine Frau sagte: „Die hat das Kind nicht im Griff!“

In diesem Moment wurde mir alles zu viel. Ich war kurz davor, Noah mit Gewalt aus dem Geschäft zu zerren. Dann erinnerte ich mich an meinen Vorsatz. Ich berührte ihn vorsichtig und fragte: „Brauchst du ein paar Umarmungen?“

Zu meiner Überraschung fiel der ganze Zorn von ihm ab. Er warf sich fast in meine Arme. Ohne einen weiteren Vorfall verließen wir den Supermarkt. Später wurde mir klar, wie hungrig und müde Noah gewesen war.

Ich war stolz auf ihn – und auf mich. Die Umarmung löste nicht alles. Aber sie half uns in diesem Moment, wieder zueinanderzufinden. Heute weiß Noah, dass er in schwierigen Situationen auf mich zählen kann.

Warum Nähe für Kinder wichtig sein kann

Tochter schmiegt sich an ihren Papa

Urvertrauen aufbauen: so geht’s (Foto von Caroline Hernandez auf Unsplash)

Bindung wächst nicht nur über Worte

Wenn Eltern oder andere enge Bezugspersonen ihr Baby halten, tragen, streicheln oder mit ihm kuscheln, passiert mehr als bloßer Körperkontakt. Nähe macht Beziehung körperlich spürbar.

Viele Menschen nennen das „Urvertrauen“. Als anschaulicher Begriff ist das brauchbar. Als exakt messbare Größe mit einer festen Frist bis zum dritten Geburtstag taugt er allerdings nicht. Belastbarer lässt sich sagen: Kinder entwickeln Sicherheit in verlässlichen Beziehungen, in denen sie Schutz, Resonanz und Trost erleben. Körperliche Nähe kann dabei ein wichtiger Teil sein.

Wenn ihr das Thema vertiefen möchtet, findet ihr mehr dazu in unserem Beitrag über beziehungsorientierte Elternschaft.

Was Forschung zu Berührung, Stress und Co-Regulation zeigt

Für die Zeit direkt nach der Geburt ist die Evidenz am stärksten. Früher Hautkontakt zwischen Baby und Bezugsperson wird in Übersichtsarbeiten mit besserer physiologischer Stabilisierung, Stressregulation und Vorteilen beim Stillen in Verbindung gebracht.

Auch später spricht vieles dafür, dass liebevolle, erwünschte Berührung an Bindung, Beruhigung und sozialer Abstimmung beteiligt sein kann. Aber hier wird die Sache weniger simpel. Die Forschung beschreibt keine Zaubertechnik. Sie macht plausibel, warum Nähe in manchen Momenten regulierend wirken kann.

Das passt zu meiner Erfahrung mit Noah. Mehr aber auch nicht. Dass eine Umarmung meinem Sohn in einer konkreten Situation half, beweist keine allgemeine Regel. Es zeigt nur, dass Berührung unter passenden Bedingungen viel auslösen kann.

Was im Körper passiert, wenn Nähe guttut

Berührung beeinflusst nicht nur Beziehungen, sondern auch Körperzustände. Beteiligt sind dabei mehrere Systeme, nicht nur Oxytocin. Auch das autonome Nervensystem spielt hinein. Zu ihm gehört der parasympathische Anteil, der mit Ruhe und Erholung verbunden ist.

Vor allem bei Säuglingen wird Berührung in Studien mit Veränderungen von Herzfrequenz, Cortisol und vagaler Regulation in Verbindung gebracht. Das erklärt, warum sich ein Körper manchmal sichtbar beruhigt. Daraus folgt aber nicht, dass jede Umarmung jedes Kind sofort herunterfährt.

Was, wenn euer Kind keine Umarmung will?

Nicht jedes Kind kann in einem Moment hoher Anspannung körperliche Nähe annehmen. Das ist keine Ablehnung eurer Person. Es kann schlicht bedeuten, dass euer Kind Stress gerade anders verarbeitet.

Dann hilft oft Präsenz ohne Berührung. Ihr könnt in der Nähe bleiben, euch dazusetzen, ruhig sprechen oder nur signalisieren: „Ich bin hier.“ Manchen Kindern hilft etwas in der Hand, etwa ein Kissen, eine Decke oder ein Kuscheltier. Anderes lässt sich erst später besprechen, wenn der Sturm im Körper vorbei ist.

Auch Distanz kann Co-Regulation sein. Entscheidend ist nicht die Umarmung an sich, sondern dass euer Kind sich nicht allein gelassen fühlt.

Wenn ihr euch mit heftigen Gefühlen im Kleinkindalter gerade intensiv auseinandersetzt, passt dazu auch unser Beitrag: Aggression: Was könnt ihr tun, wenn euer Kind beißt, schlägt oder schubst?

Ein düsteres Kapitel der Bindungsforschung

Noch in den 1950er Jahren war die Vorstellung verbreitet, zu viel Zärtlichkeit würde Kinder verweichlichen. Eltern wurden teils sogar dazu angehalten, Distanz zu wahren – besonders gegenüber Jungen.

In diesem Zusammenhang wurden die Versuche von Harry Harlow bekannt – und ja: von einem Tierquäler. Seine Experimente an Rhesusaffen waren grausam. Historisch wirkten sie trotzdem stark auf die entstehende Bindungsforschung ein und beeinflussten auch John Bowlby.

Die Einsicht daraus ist schlicht: Versorgung besteht nicht nur aus Nahrung, Hygiene und Aufsicht. Kinder brauchen Beziehung. Und Beziehung ist oft auch körperlich spürbar.

Kuschelnde Makaken-Familie auf Bali

Alle Primaten brauchen Umarmungen und Nähe: Hätte es also nicht gereicht, die Tiere in Freiheit zu beobachten? (Foto von Aleksey Oryshchenko auf Unsplash)

Fazit zu Umarmungen, Zärtlichkeiten und Nähe in der Familie

Umarmungen und körperliche Nähe sind keine Nebensache. Sie können Kindern helfen, Sicherheit, Trost und Verbundenheit zu erleben. Besonders für Babys ist gut belegt, dass früher, erwünschter Körperkontakt Stressregulation und Beziehung unterstützen kann. Bei älteren Kindern bleibt die Lage individueller. Auch dort kann Nähe viel bewirken – aber nicht automatisch und nie gegen den Willen des Kindes.

Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Umarmungen sind keine Methode, mit der sich Gefühle wegmachen lassen. Sie sind ein Angebot. Ich bin da. Du bist mit deinem Zorn, deiner Müdigkeit oder deiner Verzweiflung nicht allein.

Wenn ihr die Forschung tiefer nachlesen möchtet: Moore et al. (2025), Ionio et al. (2021), Carozza & Leong (2021), Packheiser et al. (2024) und zur Forschungsgeschichte van der Horst et al. (2008).

Auch der Liedermacher Gerhard Schöne findet in seinem Lied „Schmusen muss sein“ knackige Worte dafür, warum Umarmungen, Streicheln und Kuscheln für uns Menschen so wichtig sind:

Wollt ihr berichten, wie euch Umarmungen und Kuscheln in der Beziehung zu eurem Kind geholfen haben? Schreibt’s uns gern in die Kommentare!

Gastbeitrag von Julia Berger. Julia ist Mutter von Noah und gern mit Sohn und Hund in der Natur unterwegs. Laut der damaligen Autoreninfo schrieb sie für WeAreMoms.de. Die Website ist nach unserer Prüfung heute nicht mehr verlässlich erreichbar. Dieser Beitrag wurde redaktionell von Free Your Family geprüft und überarbeitet.

Zum Weiterlesen: Wutanfälle in der Autonomiephase bedürfnisorientiert begleiten, Aggression bei Kleinkindern verstehen und Attachment Parenting und beziehungsorientierte Elternschaft.

CC BY-SA 4.0 Wie ihr euer Kind aus der Wut begleitet und dabei die Bindung zwischen euch stärkt: die geheime Magie des Kuschelns und der Umarmungen von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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