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Hochsensible Kinder im Kindergarten

hochsensible Kinder im KindergartenDas Buch „Mit feinen Sensoren. Hochsensitive Kinder verstehen und ins Leben begleiten“ ist an Leser gerichtet, die mit ihrem hochsensiblen Kind den klassischen Weg im System gehen wollen. Es ist einfach gehalten, verständlich geschrieben und christlich geprägt. Für alternativere Familien wie uns ist es nicht hilfreich, weil die Autoren hauptsächlich auf Kindergarten und Schule eingehen. Mir bietet das Buch nicht ausreichend fachliche Zusammenhänge. Ich will im Blogartikel auf die Tipps aus dem Buch für Eltern hochsensibler Kindergartenkinder eingehen, und von meinen eigenen Erfahrungen berichten.

Die Eingewöhnung im Kindergarten

Steht bei Dir die Eingewöhnung des Kindes in einer Kindertagesstätte an, gibt es ein Eingewöhnungsgespräch mit der Leitung der Einrichtung und der Gruppenerzieherin.

Du solltest Verständnis ernten, wenn Du die Hochsensibilität Deines Kindes ansprichst. Du brauchst kein ärztliches Attest vorlegen, die Vermutung oder Erfahrung als Mutter bzw. als Vater sollte ebenso ernstgenommen werden. Im Gespräch wirst Du erfahren, ob sich das Personal mit Hochsensibilität auskennt und wie sich der Umgang mit „Sensibelchen“ gestaltet.

Meiner Erfahrung nach fällt hochsensiblen Kindern der Einstieg in Waldkindergärten leichter als in konventionellen Einrichtungen. In jedem Fall ist eine Eingewöhnung abhängig von der Erzieherin bzw. dem Erzieher, vom Kind und seinen Eltern. Schenken sich die Erwachsenen gegenseitiges Vertrauen, merkt es das Kind und wird es leichter haben.

Da Kinder mit besonders feinen Wahrnehmungsfähigkeiten in der Natur gut regenerieren, halte ich Kindertagesstätten für sinnvoller, in denen Aktivitäten täglich bei jedem Wetter draußen stattfinden. Geringere Gruppengrößen und eine ruhige Atmosphäre sind zuträglicher. Hochsensible Kinder schätzen die Art der überschwänglichen Kinderanimation eher aufgedrehter, lauterer Erzieher mit geringem Feingefühl nicht. Mich schrecken Kindergärtnerinnen ab, die Lob als Erziehungsmittel einsetzen oder Behauptungen wie „Da muss das Kind jetzt durch“ aufstellen.

Ich vermute, dass mein Mama-Bauchgefühl bei einer „funktionierenden“ Eingewöhnung nicht zurate gezogen würde. Buchautorin und Erzieherin Christa Lüling rät, nicht nur auf das eigene Bauchgefühl zu hören, sondern ebenso auf das des Kindes. Hochsensible Kinder haben so starke Trennungsängst, dass sie sich als Erwachsene noch genau an das mulmige Gefühl und die Verzweiflung erinnern werden. Für mich haben Kindergärten einen eigentümlichen Geruch. Er bereitet mir noch heute unangenehme Erinnerungen, wenn ich z.B. meine Tochter für 30 Minuten in den Kinderchor der Kita nebenan bringe.

Zum Glück setzt das pädagogische Personal heute auf eine längere Eingewöhnungszeit als in meiner Kindheit. Für hochsensible Kinder ist sie nicht ersetzbar. Nach Urlaub, Krankheit oder einem Personalwechsel solltest Du als engster Vertrauter Deines Kindes mit Rückschlägen rechnen und Deinem Kind Zeit schenken, um erneut Anlauf nehmen zu können.

Wie werden hochsensible Kinder im Kindergarten gesehen?

In der Schulliteratur für angehendes Kita-Personal werden Kinder in Charaktere eingeteilt, was viele andere Pädagogen und ich lächerlich finden. Es fallen Bezeichnungen wie der „Kasper“, der „Ruhige“, der „Brave“, der „Schüchterne“ oder der „Mitläufer“. Manche Erzieherinnen loben das gute Benehmen der hochsensiblen Kinder gegenüber den Eltern gern. Die feinfühligen Jungen und Mädchen sind artig, interessiert, machen alle Angebote gemäß den Vorstellungen des Personals mit und werden gern als „Vorzeigekinder“ genutzt.

Weil hochsensible Kinder vieles parallel wahrnehmen, leiden sie automatisch unter einem Kontrollverlust. Das Kindergartenpersonal tut gut daran, nur wenige Aktivitäten in den Tag zu packen. Der strukturierte Tagesablauf ist zwar hilfreich, weil das Kind versteht, was als nächstes kommt. Er führt jedoch ebenso dazu, dass höchstens kleine Puffer zur Regeneration bleiben.

Im Sinne der freien Bildung finde ich das Freispiel zur Bewältigung des Lebens wichtiger als die frühkindliche Förderung mit von anderen Menschen bestimmten Erziehungszielen. Wie wichtig das Spielen für Kinder ist, erfährst Du in diesem Artikel.

Beim Abholen aus dem Kindergarten oder zuhause brechen die Kinder oft zusammen. Man spürt, wie anstrengend das Zusammensein mit mehreren Gleichaltrigen in einer übererregenden Atmosphäre ist. Viele Eltern beschreiben ihre erschöpften Kindergartenkinder nach dem Abholen als „für den restlichen Tag nicht zu gebrauchen“.

Um den Kindern den Tag so angenehm und fürsorglich wie möglich zu gestalten, möchten Erzieherinnen am Liebsten auf alles vorbereitet sein. Und sicher willst Du nicht verschweigen, was Deinem Kind bei Wutanfällen, Traurigkeit und Verzweiflung zuhause hilft.

Meine Erfahrungen als Erzieherin mit hochsensiblen Krippenkindern

Persönlich betrifft uns täglich die Hochsensibilität unserer Tochter. Mit hochsensiblen Krippen- und Kindergartenkindern machte ich die ersten Erfahrungen, wie viel Umsicht von mir als Erzieherin erforderlich ist.

Einst betreute ich eine 18-köpfige Gruppe wundervoller 2- bis 3-jähriger, darunter fünf Hochsensible. Da meine Kindergartengruppe nicht von einer anderen Kollegin unterstützt wurde, kannst Du Dir vorstellen, wie stark Erzieherinnen täglich gefordert werden.

Die Eingewöhnung eines Zweijährigen gelang z.B. gut, weil ich ihn bei Ausflügen im Tragetuch hatte und versuchte, so viel Liebe wie möglich zu geben. Bei der Übergabe in eine andere Gruppe bekam er Probleme, weil alles anders war: jüngere, fordernde Kinder und andere (liebevolle) Erzieherinnen. Der einst fröhliche Junge verbrachte die Spielzeit damit, ausdruckslos auf einem Stuhl zu sitzen, den Kopf auf den Tisch gelegt.

Ein Dreijähriger mit reichlich Klinikerfahrung wurde eingewöhnt. Die Mutter zeigte sich überzeugt, dass die Eingewöhnung ebenso unkompliziert vonstattengehen würde wie bei ihrer Tochter. Sie ließ sich nicht auf eine langfristige, stufenweise Eingewöhnung ein. Ihr Kind schrie täglich und war nur auf meinem Arm still. Eine Kollegin bezeichnete ihn als „kindergartenunfähig“. Der unzumutbare Zustand hielt über Wochen an, bis das Kind in eine größere Gruppe wechselte.

Zwei hochsensible Mädchen zeigten sich als wahre Sonnenscheinchen der Gruppe. Sie waren freundlich, höflich, hilfsbereit und begeistert von allem, was ich tat. Wurden sie am Mittag oder Nachmittag von den Großeltern abgeholt, luden sie all den angestauten Stress bei ihren ab. Manchmal schimpften die Großeltern und Mütter deshalb mit ihnen. An Tagen, in denen die Mädchen nicht als „Mittagskinder“ gemeldet waren, achtete ich verstärkt darauf, dass gemeinsame Aktionen nicht zu laut wurden. Zudem half es, pädagogische Angebote, kreative Möglichkeiten und entspannende Aktionen wie Musizieren oder Vorlesen nach draußen zu verlegen und kein Pflichtprogramm für alle Kinder daraus zu machen.

Mir scheint eine gering-stündige Fremdbetreuung für junge, hochsensible Kindergartenkinder im Sinne des Kindeswohls geeigneter.

…und hochsensiblen Kindergartenkindern

Einen ebenso liebevollen, hochsensiblen Jungen erlebte ich aufmerksam, kommunikativ, höflich und ausgeglichen. Sagte ich seinem Tischnachbar beim Mittagessen, dass Messerfuchtelei o.a. nicht geht, fühlte er sich selbst betroffen. Er fing schnell an zu weinen. Ich musste meine gerade ausgeführte Tätigkeit unterbrechen, um sofort zu trösten, sonst steigerte sich der Junge so hinein, dass er Atemprobleme bekam – ähnlich einer Panikattacke. Der regelmäßige Austausch zwischen seiner Mama und mir half, neue Situationen, Geschehnisse und Entwicklungen des Jungen zu kennen und ihm dadurch eine angenehme Kindergartenzeit zu schenken.

Auch während meiner Arbeit im Waldkindergarten wurden hochsensible Kinder betreut. Ich erinnere mich u.a. an ein Mädchen einer kinderreichen Familie. Es war ruhiger als die anderen Mädchen. Da im Wald eine angenehme, harmonische Atmosphäre herrschte, fand das Kind bei den anderen Mädchen rasch Anschluss, und war aus der Gruppe der fröhlichen Kinder nicht mehr wegzudenken. Besonders dieses hochsensible Mädchen genoss es, Waldsofas zu bauen um anschließend darauf die Ruhe in der Natur zu genießen. Ich denke, dass ihr der Wald gute Gelegenheiten schenkte, um sich u.a. auch vom Familienleben zu erholen.

In der Kommentarfunktion hast Du die Möglichkeit das weiterzugeben, was Du mit hochsensiblen Kindergartenkindern erlebt hast, oder welche Gedanken Dich zum Thema bewegen. Wenn Du erfahren willst, wieso unser Familienalltag keinen Kindergartenbesuch beinhaltet, kannst Du das hier nachlesen.

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Evelin ist vegetarisch aufgewachsen und lebt seit 20 Jahren vegan. Sie hat als Erzieherin gearbeitet und schließlich studiert, um sich noch mehr für das Recht auf eine Kindheit in Würde, Frieden und ohne Manipulation durch Erziehung einzusetzen - nicht nur für die eigenen drei kindergarten- und schulfreien Kinder. Ihre Lieblingsthemen sind u.a. „Unerzogen“, „Attachment Parenting“, Hochsensibilität und Veganismus.
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Kommentare 7

  • […] bei der Eingewöhnung hochsensibler Kinder war es sinnvoll, dass einige der Tipps von beiden Seiten – ErzieherInnen und Eltern – […]

  • Hallo,
    sehr spannend für mich was ich hier lese. Schade, dass einem sowas keiner sagt bevor man Kinder in Fremdbetreuung gibt. Man wird i. d. R. als Spinner oder Glucke abgetan, wenn man solche Gedanken äußert. Mein Großer ist jetzt knapp 1 Jahr in einem ‘normalen’ Kiga und überfordert. Ein Waldkiga wäre mein Traum für ihn, jedoch hat mein Mann bedenken, dass er Schwierigkeiten in der Schule haben wird, wenn er vorher nur den Waldkiga erlebt hat.
    Habt jemand Erfahrungen mit Grundschülern die zuvor im Waldkiga waren?
    VG

    • Liebe Susi,

      mit der Schulfähigkeit von Waldkindergartenkindern habe ich mich vor Jahren ausgiebig beschäftigt. Auch, weil es Teil einer Facharbeit war. Überraschender Weise schneiden Kinder aus Waldkindergärten sogar besser ab als Kinder aus regulären Kindergärten. Alle Bereiche (Mathematik, Sprache, Konzentration, Gedächtnis usw.) werden ebenso im Waldkindergarten trainiert – und zwar täglich einfach schon so nebenbei. Es ist mehr als nur Bewegung und Hüttenbauen. Vielleicht ist das auch mal einen Blogartikel wert. Deutlich wurde in verschiedenen Studien z.B., dass die Konzentrationsfähigkeit bei “Waldkindern” auffällig gut ausfiel. Die Eltern der ehemaligen Waldkigakinder, die ich betreute, bestätigten das.
      Man findet heute schon eine ganze Menge darüber, z.B. https://www.besser-bilden.de/naturschule-waldkindergarten/schulreif-im-waldkindergarten/
      http://bvnw.de/wp-content/uploads/2013/04/Prof_Gorges_Schulfhigkeit.pdf
      https://wald-kindergarten.de/konzept/schulfaehigkeit/

      Alles Liebe von der Oberglucke. ;-)

    • Hallo Susi,
      ich heiße Birgit und arbeite in einem Waldkindergarten mit einigen hochsensiblen Kindern. Es ist ein Segen für solche Kinder im Wald sein zu können. Sie können dort am besten lernen Ihre Empfindungen wahrzunehmen und zu regulieren. Ich bin selbst hochsensibel und 52 Jahre alt. Die Kinder lernen im Wald den größten Schatz. Die Verbindung zur Natur. Und zu sich selbst. Den “Schulkram” lernen sie leicht. Es sind Kinder. Sie lernen schnell. Alles Liebe Birgit

      • Hallo Birgit, ich freue mich, dass du als “Walderzieherin” deinen feinen, lieblichen Senf dazugibst. ;-) Ich kann deine Worte nur unterstreichen. Herzlichen Dank und alles Liebe, Evelin

  • Hallo, meine hochsensible Tochter 4 ist jetzt in der Eingewöhnung in einer normalen Kita und es ist eine Katastrophe, sie sitzt nur bei mir, es ist ihr zu laut und zu viele Kinder auf einmal. Die Erzieherin will das ich nächste Woche mal rausgehen, auch wenn sie dann brüllt.
    Ich habe mich mal durchgegoogelt und eine Waldkita gefunden, die auch noch ab Oktober einen Platz hätten.
    Nur leider weiß ich nicht, was ich tun soll.

    • Hallo Roro!
      Ich verstehe sehr gut, dass man sich manchmal in Situationen befindet, in denen man einfach nicht mehr weiß, was man tun soll.

      Dass du dir große Gedanken machst, was deiner Tochter am besten helfen würde, finde ich wunderbar. Immerhin ist es für niemanden einfach, den Prinzipien der Erzieherin gleich zu widersprechen. Das würde ich an eurer Stelle jedoch auf jeden Fall machen.

      Deine Tochter ist bisher bei dir, weil sie sich einfach noch nicht heimisch fühlt. Das kann man vielleicht beispielhaft auf Erwachsene übertragen: Stell dir vor, du würdest einen Freund kennenlernen und man will, dass du so schnell wie möglich zu ihm ziehst. Innerlich bist du aber noch gar nicht bereit – es ist viel lauter dort und zudem gibt es noch gefühlt 1000 Verwandte, die du noch gar nicht gut kennst, aber auf einmal kennenlernen musst. Wie würdest du dich fühlen?

      Bitte lass dein Kind nicht allein, wenn es noch nicht so weit ist. Auch wenn die Erzieherin “aus Erfahrung spricht”, vom Fach ist oder es gut meint – du kennst dein Kind am besten und hast nicht umsonst ein Bauchgefühl. Vielleicht findest du noch einen hilfreichen Tipp in meinem Artikel zur Eingewöhnung (https://freeyourfamily.net/2018/05/entspannte-eingewoehnung/).

      Wenn ihr einen Platz im Waldkindergarten ergattern könnt, würde ich auf jeden Fall zugreifen. Sicher fühlt sich deine Tochter im Wald geborgener; die Lautstärke ist sehr angenehm und die Kinder verteilen sich auf natürliche Weise und kleben nicht auf einem Haufen.

      Ich hoffe, ich konnte dir Mut machen. Euch von Herzen alles Gute! Evelin

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