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Aktualisiert am 24.02.2026
Das Buch „Mit feinen Sensoren. Hochsensitive Kinder verstehen und ins Leben begleiten“ richtet sich an Leser*innen, die mit ihrem hochsensiblen Kind den klassischen Weg im System gehen wollen. Es ist einfach gehalten, verständlich geschrieben und christlich geprägt. Für alternativere Familien wie uns ist es nicht hilfreich, weil die Autoren hauptsächlich auf Kindergarten und Schule eingehen. Mir bietet das Buch nicht ausreichend fachliche Zusammenhänge. Ich will in diesem Artikel auf die Tipps aus dem Buch für Eltern hochsensibler Kindergartenkinder eingehen, und von meinen eigenen Erfahrungen berichten.
Inhalte
- 1 Eingewöhnung im Kindergarten
- 2 Wie werden hochsensible Kinder im Kindergarten gesehen?
- 3 Meine Erfahrungen als Erzieherin mit hochsensiblen Krippenkindern
- 4 …und hochsensiblen Kindergartenkindern
- 5 FAQ: Hochsensible Kinder im Kindergarten
- 5.1 Woran merke ich, dass mein Kind im Kindergarten überreizt ist?
- 5.2 Sollten wir die Hochsensibilität im Eingewöhnungsgespräch ansprechen?
- 5.3 Wie lange sollte eine Eingewöhnung dauern?
- 5.4 Waldkindergarten oder „normale“ Kita, was ist besser für Hochsensible?
- 5.5 Was hilft im Alltag, ohne dass wir das Kind „optimieren“ müssen?
- 5.6 Was, wenn Erzieher*innen unser Kind als „Vorzeigekind“ feiern?
- 5.7 Ist Hochsensibilität eine Diagnose?
- 6 Weiterlesen bei uns
- 7 Buchtipps (Transparenz)
Eingewöhnung im Kindergarten
Steht bei euch die Eingewöhnung eures Kindes in einer Kindertagesstätte an, gibt es ein Eingewöhnungsgespräch mit der Leitung der Einrichtung und der Gruppenerzieherin. Allgemeine, alltagstaugliche Gedanken zur Eingewöhnung findet ihr in diesem Artikel.
Wenn ihr die Hochsensibilität eures Kindes ansprecht, solltet ihr Verständnis ernten. Ein ärztliches Attest braucht es in der Regel nicht, oft zählt schon eure Beobachtung als Mutter oder Vater, wenn sie ruhig und konkret bleibt. Im Gespräch merkt ihr schnell, ob sich das Personal mit Hochsensibilität auskennt, oder ob das Wort nur als Etikett im Raum steht.
Meiner Erfahrung nach fällt hochsensiblen Kindern der Einstieg in Waldkindergärten leichter als in konventionellen Einrichtungen. In jedem Fall hängt eine Eingewöhnung von der Erzieherin oder dem Erzieher ab, vom Kind und von euch. Wenn Erwachsene einander Vertrauen schenken, spürt es das Kind, und es wird es leichter haben.
Weil Kinder mit besonders feinen Wahrnehmungsfähigkeiten in der Natur oft gut regenerieren, halte ich Kindertagesstätten für sinnvoller, in denen Aktivitäten täglich bei jedem Wetter draußen stattfinden. Kleinere Gruppen und eine ruhige Atmosphäre wirken zuträglicher. Hochsensible Kinder schätzen die Art überschwänglicher Kinderanimation aufgedrehter, lauterer Erzieher mit geringem Feingefühl eher nicht. Mich schrecken Kindergärtnerinnen ab, die Lob als Erziehungsmittel einsetzen oder Behauptungen wie „Da muss das Kind jetzt durch“ aufstellen.
Ich vermute, dass mein Mama-Bauchgefühl bei einer „funktionierenden“ Eingewöhnung nicht zurate gezogen würde. Buchautorin und Erzieherin Christa Lüling rät, nicht nur auf das eigene Bauchgefühl zu hören, sondern ebenso auf das des Kindes. Manche hochsensiblen Kinder erleben Trennung so intensiv, dass sie sich später noch an das mulmige Gefühl erinnern. Für mich haben Kindergärten einen eigentümlichen Geruch. Er weckt bis heute unangenehme Erinnerungen, wenn ich zum Beispiel meine Tochter für 30 Minuten in den Kinderchor der Kita nebenan bringe.
Zum Glück setzt pädagogisches Personal heute oft auf eine längere Eingewöhnungszeit als in meiner Kindheit. Für hochsensible Kinder ist sie kaum ersetzbar. Nach Urlaub, Krankheit oder einem Personalwechsel solltet ihr als engste Vertraute eures Kindes mit Rückschritten rechnen, und eurem Kind Zeit schenken, um erneut Anlauf nehmen zu können.
Kurzer Faktenanker, ohne Etikettenzwang
„Hochsensibilität“ ist kein medizinisches Diagnosesiegel. In der Forschung wird häufig von Sensory Processing Sensitivity gesprochen, also einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Reizen und ihrer Verarbeitung. Die Datenlage ist nicht perfekt, aber es gibt belastbare Arbeiten, die das Konstrukt beschreiben und von anderen Merkmalen abgrenzen wollen. Wenn ihr euch dafür interessiert: Aron & Aron (1997) gilt als frühe Basisarbeit (DOI: 10.1037/0022-3514.73.2.345), und Greven et al. (2019) geben einen kritischen Überblick samt Forschungsagenda (DOI: 10.1016/j.neubiorev.2019.01.009).
Zur Eingewöhnung selbst: Das verbreitete Berliner Eingewöhnungsmodell arbeitet bindungsorientiert und rechnet, grob gesagt, eher in Wochen als in Tagen, je nach Kind und Kontext. Wer Details nachlesen will, findet eine gut zugängliche Darstellung bei Kita-Fachtexte (PDF) hier sowie eine kompakte Begriffserklärung im socialnet-Lexikon hier.
Wie werden hochsensible Kinder im Kindergarten gesehen?
In der Schulliteratur für angehendes Kita-Personal werden Kinder teils in „Charaktere“ eingeteilt, was viele andere Pädagog*innen und ich lächerlich finden. Da fallen Bezeichnungen wie der „Kasper“, der „Ruhige“, der „Brave“, der „Schüchterne“ oder der „Mitläufer“. Manche Erzieherinnen loben das gute Benehmen hochsensibler Kinder gegenüber den Eltern gern. Die feinfühligen Jungen und Mädchen sind artig, interessiert, machen alle Angebote nach den Vorstellungen des Personals mit und werden gern als „Vorzeigekinder“ genutzt.
Weil hochsensible Kinder vieles parallel wahrnehmen, geraten sie leichter in einen Kontrollverlust. Das Personal tut gut daran, nicht zu viele Aktivitäten in den Tag zu pressen. Ein strukturierter Tagesablauf kann helfen, weil das Kind versteht, was als nächstes kommt. Er kann aber auch dafür sorgen, dass nur kleine Puffer zur Regeneration bleiben.
Im Sinne der freien Bildung finde ich Freispiel zur Bewältigung des Lebens oft wichtiger als frühkindliche Förderung mit von anderen Menschen bestimmten Erziehungszielen. Wie wichtig Spielen für Kinder ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Beim Abholen aus dem Kindergarten oder zuhause brechen Kinder oft zusammen. Ihr spürt, wie anstrengend das Zusammensein mit mehreren Gleichaltrigen in einer übererregenden Atmosphäre sein kann. Viele Eltern beschreiben ihre erschöpften Kindergartenkinder nach dem Abholen als „für den restlichen Tag nicht zu gebrauchen“.
Um den Kindern den Tag so angenehm und fürsorglich wie möglich zu gestalten, möchten Erzieherinnen am liebsten auf alles vorbereitet sein. Und natürlich wollt ihr nicht verschweigen, was eurem Kind bei Wutanfällen, Traurigkeit und Verzweiflung zuhause hilft. Gleichzeitig lohnt es sich, nicht aus einem Gespräch eine Bedienungsanleitung zu machen. Hochsensibilität lässt sich nicht „wegorganisieren“. Sie will gesehen werden, ohne dass das Kind auf sie reduziert wird.
Meine Erfahrungen als Erzieherin mit hochsensiblen Krippenkindern
Persönlich betrifft uns täglich die Hochsensibilität unserer Tochter. Mit hochsensiblen Krippen- und Kindergartenkindern machte ich die ersten Erfahrungen, wie viel Umsicht von mir als Erzieherin erforderlich ist.
Einst betreute ich eine 18-köpfige Gruppe wundervoller Zwei- bis Dreijähriger, darunter fünf Hochsensible. Da meine Kindergartengruppe nicht von einer anderen Kollegin unterstützt wurde, könnt ihr euch vorstellen, wie stark Erzieherinnen täglich gefordert sind.
Die Eingewöhnung eines Zweijährigen gelang zum Beispiel gut, weil ich ihn bei Ausflügen im Tragetuch hatte und versuchte, so viel Liebe wie möglich zu geben. Bei der Übergabe in eine andere Gruppe bekam er Probleme, weil alles anders war: jüngere, fordernde Kinder und andere, liebevolle Erzieherinnen. Der einst fröhliche Junge verbrachte die Spielzeit damit, ausdruckslos auf einem Stuhl zu sitzen, den Kopf auf den Tisch gelegt.
Ein Dreijähriger mit reichlich Klinikerfahrung wurde eingewöhnt. Die Mutter zeigte sich überzeugt, dass die Eingewöhnung ebenso unkompliziert vonstattengehen würde wie bei ihrer Tochter. Sie ließ sich nicht auf eine langfristige, stufenweise Eingewöhnung ein. Ihr Kind schrie täglich und war nur auf meinem Arm still. Eine Kollegin bezeichnete ihn als „kindergartenunfähig“. Der unzumutbare Zustand hielt über Wochen an, bis das Kind in eine größere Gruppe wechselte.
Zwei hochsensible Mädchen zeigten sich als wahre Sonnenscheinchen der Gruppe. Sie waren freundlich, höflich, hilfsbereit und begeistert von allem, was ich tat. Wurden sie am Mittag oder Nachmittag von den Großeltern abgeholt, luden sie all den angestauten Stress bei ihnen ab. Manchmal schimpften die Großeltern und Mütter deshalb mit ihnen. An Tagen, an denen die Mädchen nicht als „Mittagskinder“ gemeldet waren, achtete ich verstärkt darauf, dass gemeinsame Aktionen nicht zu laut wurden. Zudem half es, pädagogische Angebote, kreative Möglichkeiten und entspannende Aktionen wie Musizieren oder Vorlesen nach draußen zu verlegen, und kein Pflichtprogramm für alle Kinder daraus zu machen.
Mir scheint eine gering-stündige Fremdbetreuung für junge, hochsensible Kindergartenkinder im Sinne des Kindeswohls geeigneter.
…und hochsensiblen Kindergartenkindern
Einen ebenso liebevollen, hochsensiblen Jungen erlebte ich aufmerksam, kommunikativ, höflich und ausgeglichen. Sagte ich seinem Tischnachbar beim Mittagessen, dass Messerfuchtelei oder Ähnliches nicht geht, fühlte er sich selbst betroffen. Er fing schnell an zu weinen. Ich musste meine gerade ausgeführte Tätigkeit unterbrechen, um sofort zu trösten, sonst steigerte sich der Junge so hinein, dass er Atemprobleme bekam, ähnlich einer Panikattacke. Der regelmäßige Austausch zwischen seiner Mama und mir half, neue Situationen, Geschehnisse und Entwicklungen des Jungen zu kennen, und ihm dadurch eine angenehmere Kindergartenzeit zu schenken.
Auch während meiner Arbeit im Waldkindergarten wurden hochsensible Kinder betreut. Ich erinnere mich unter anderem an ein Mädchen einer kinderreichen Familie. Es war ruhiger als die anderen Mädchen. Da im Wald eine angenehme, harmonische Atmosphäre herrschte, fand das Kind bei den anderen Mädchen rasch Anschluss, und war aus der Gruppe der fröhlichen Kinder nicht mehr wegzudenken. Besonders dieses hochsensible Mädchen genoss es, Waldsofas zu bauen, um anschließend darauf die Ruhe in der Natur zu genießen. Ich denke, dass ihr der Wald gute Gelegenheiten schenkte, um sich auch vom Familienleben zu erholen.
In der Kommentarfunktion habt ihr die Möglichkeit, das weiterzugeben, was ihr mit hochsensiblen Kindergartenkindern erlebt habt, oder welche Gedanken euch zum Thema bewegen. Wenn ihr erfahren wollt, wieso unser Familienalltag keinen Kindergartenbesuch beinhaltet, könnt ihr das hier nachlesen.
FAQ: Hochsensible Kinder im Kindergarten
Woran merke ich, dass mein Kind im Kindergarten überreizt ist?
Oft zeigt es sich nicht in der Gruppe, sondern danach: „Zusammenbrechen“ zuhause, heftige Wut, Traurigkeit, Kopfweh, Rückzug oder auffällige Erschöpfung. Das ist kein Beweis, aber ein ernstzunehmendes Muster.
Sollten wir die Hochsensibilität im Eingewöhnungsgespräch ansprechen?
Wenn ihr damit konkrete Beobachtungen meint, ja. Vermeidet Etiketten als Hauptargument. Beschreibt lieber Situationen, in denen euer Kind stark reagiert, und was dann hilft.
Wie lange sollte eine Eingewöhnung dauern?
Das lässt sich nicht ehrlich pauschalieren. Bindungsorientierte Modelle rechnen häufig mit ein bis drei Wochen als grobem Rahmen, manchmal länger, je nach Kind, Bindung, Personal und Tagesform.
Waldkindergarten oder „normale“ Kita, was ist besser für Hochsensible?
Viele hochsensible Kinder profitieren von Natur, Bewegung und weniger Innenraum-Lärm. Das heißt nicht, dass Waldkindergarten immer „passt“. Entscheidend bleiben Gruppe, Haltung des Teams und euer Gefühl für euer Kind.
Was hilft im Alltag, ohne dass wir das Kind „optimieren“ müssen?
Vorhersehbarkeit, kleine Regenerationsinseln, weniger Termine am Nachmittag, und ein Abholen ohne Verhör. Manchmal hilft schon Stille und Nähe, statt sofortige Gespräche.
Was, wenn Erzieher*innen unser Kind als „Vorzeigekind“ feiern?
Freut euch über Wertschätzung, aber bleibt wach. Hochsensible Kinder funktionieren oft lange, bis sie kippen. Sprecht an, dass „brav“ nicht gleich „gut versorgt“ bedeutet.
Ist Hochsensibilität eine Diagnose?
Nein. Im wissenschaftlichen Kontext wird eher von „Sensory Processing Sensitivity“ als Temperamentsmerkmal gesprochen. Das erklärt vieles, ersetzt aber keine medizinische Abklärung, wenn ihr euch ernsthaft sorgt.
Weiterlesen bei uns
- Entspannte Eingewöhnung: Unsere Gedanken & Erfahrungen
- Mein Kind will nicht in den Kindergarten: Was tun?
- Kindergartenfrei, wenn Eingewöhnung nicht gelingt
- Hochsensible Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren
- Hochsensibilität: Leben mit geschärften Sinnen
- Mein Leben mit einem hochsensiblen Baby
Buchtipps (Transparenz)
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- Mit feinen Sensoren. Hochsensitive Kinder verstehen und ins Leben begleiten
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Quellen (wissenschaftlich, für den Begriffsrahmen): Aron & Aron (1997), DOI: 10.1037/0022-3514.73.2.345. Greven et al. (2019), DOI: 10.1016/j.neubiorev.2019.01.009. Eingewöhnung: Kita-Fachtexte (PDF) Das Berliner Eingewöhnungsmodell; socialnet Lexikon Berliner Eingewöhnungsmodell.
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