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Unser Zuhause hat ein System. Patrick nennt es „organische Ablage“. Ich nenne es Hindernisparcours. Briefe, Ordner, Schlüssel, Gürtel, Geschirrtücher, Topflappen, Trinkgläser, Knabbertüten, Kabel – mal hier, mal dort, immer irgendwo. Schwarze Unterhosen landen auf dem Wäschekorb für Helles. Getragene Socken finden sich auf der Couch wieder. T-Shirts auf dem Boden. Herr Hempel, der Unordentliche aus dem Kinderbuch, hat bei uns einen realen Nachfahren gefunden.
Ich putze tatsächlich gerne. Nur wird mir das manchmal schwer gemacht.
Kennt ihr das? Ihr wechselt mit dem Kleinkind auf dem Arm das Zimmer, und im Vorbeigehen nehmt ihr mit dem freien Arm auf, was auf dem Boden liegt. Kein Aufwand, einfach Weg nutzen. So sieht das aus, wenn Ordnung und Bewegung sich verbünden; und man nebenbei eine Wohnung bewohnbar hält, ohne dass jemand davon einen großen Auftritt macht.
Bei Patrick verläuft das anders. Stufe für Stufe nach oben, das Spielzeug auf dem Treppenabsatz einfach dort, wo es liegt. Nicht weil er entschieden hätte, es liegen zu lassen, sondern weil es für ihn schlicht nicht da ist. Es existiert in einer anderen Dimension, außerhalb des Fokus, unsichtbar wie Tapete.
Zur Ehrenrettung: Patrick kocht täglich für uns alle. Er erledigt vieles, wenn man ihn darauf hinweist – und wenn er es gehört hat, denn manchmal ist eine Bitte schlicht nicht angekommen. Macht er dann auch gerne. Nur hat er dabei sein eigenes Zeitgefühl und seine eigenen Prioritäten. Und in der Lücke zwischen seiner Bereitschaft und seinem Tempo passiert bei mir meistens folgendes: Ich mach’s lieber selbst. Das ist mein Teil an dieser Gleichung. Was wirklich hilft, ist nochmal gezielt und freundlich nachfragen. Gewaltfreie Kommunikation hat uns da schon manches gerettet.
„Ziehst du das noch an?“
Ich wollte euch heute eigentlich den Artikel des kleinen Anatomiestudiums meiner Kinder präsentieren. Doch meine Familie lachte sich am Abendbrottisch schlapp, als ich die Anekdote erzählte, wie ich meinen Mann mit seinen eigenen Waffen schlug. Patrick meinte, ich soll sie euch auf keinen Fall vorenthalten. Es gibt so viele Dinge im Leben, die uns zum Schmunzeln bringen. Und damit sich das Lachen auf der Erde vermehren kann, streue ich gerne etwas Humor-Saatgut in die Welt.
Bevor ich morgens das Rollo unseres Schlafzimmers hinaufziehe, wische ich es mit einem Tuch trocken. Vor ein paar Tagen rangierte ich dazu ein altes T-Shirt Patricks aus – in den Achseln schon ziemlich löchrig, auch sonst recht zerfetzt. Als Haushaltslappen hielt ich es noch für passabel. Ich nutzte es also einige Zeit für das Rollo. Zum Trocknen legte ich es anschließend auf die sonnige Fensterbank.
An diesem Morgen wollte ich zuerst die Kochwäsche erledigen. Das Rollo konnte warten. Ich füllte die Waschmaschine mit dem Kleiderberg im Bad und suchte in der Wohnung liegengebliebene Klamotten zusammen. Im Kinderzimmer, auf der Couch – schnell gefunden. Im Schlafzimmer schaute ich unter das Bett. Daneben lag Patricks dunkelblaues Shirt auf dem Boden. „Schatz“, rief ich in den Vorsaal, „was ist mit dem T-Shirt neben dem Bett? Ziehst du das noch an?“
Patrick machte ein paar Schritte ins Zimmer. Seine Hände strichen den Pullover glatt, den er sich eben übergeworfen hatte. Sein Blick verriet, dass er keine Ahnung hatte, was ich von ihm wollte.
„Ziehst du das T-Shirt noch an, Liebling?“, fragte ich erneut.
Mit krausgezogener Miene: „Das habe ich längst aufgehoben und schnell angezogen, bevor du wieder meckerst.“
Jetzt verstand ich. Ich hob das blaue Shirt vom Boden und streckte es ihm entgegen: „Möchtest du lieber ein frischeres anziehen, Schatz?“
„Das, was ich anhabe, ist auch frisch. Hab extra dran gerochen.“
„Ja, die Löcher können überhaupt keinen Achselgeruch aufnehmen, so groß, wie die sind. Du hast den Scheuerlappen angezogen.“ Ich beruhigte ihn: „Mach dir nichts draus, Liebling. Albert Einstein soll auch so zerstreut gewesen sein.“
Dass zwei Menschen im selben Haushalt buchstäblich unterschiedliche Dinge sehen können – das ist weniger Charakterfrage als Gewohnheitsfrage. Was zur Unsichtbarkeit trainiert ist, bleibt unsichtbar. Was uns daran zusammenhält, ist unter anderem, dass wir darüber lachen können. Humor hält Nähe dort aufrecht, wo Reibung bleibt. Und das ist, glaube ich, keine schlechte Grundausstattung für eine glückliche Partnerschaft.
Ich lasse euch wissen, ob es ihm eine Lehre war.
Eure Evelin
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Schatz, du hast den Scheuerlappen angezogen! von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.