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Zuletzt aktualisiert: 10. März 2026
Hattet ihr früher einen Adventskalender? Vielleicht stand in eurem Kinderzimmer einer aus kleinen Schachteln. Vielleicht hingen 24 Säckchen an einer Schnur. Für viele gehörten zu diesen Dezembermorgen dieselben Dinge: kalte Füße auf dem Boden, hastige Finger und die ziemlich sichere Ahnung, dass hinter dem nächsten Türchen etwas wartet.
Genau daran denke ich bis heute, wenn ich ans Unschooling denke. Nicht, weil ein Adventskalender Bildung erklärt wie ein Lehrbuch. Sondern weil beides für mich mit derselben Haltung zu tun hat: nicht alles vorwegzunehmen und trotzdem darauf zu vertrauen, dass mit der Zeit etwas Sinnvolles sichtbar wird. Was ihr hier lest, ist keine allgemeine Werbung für selbstbestimmtes Lernen, sondern das, was ich in unserem Familienalltag beobachte.
Inhalte
Die Vorfreude auf etwas, das noch nicht offenliegt
Am Adventskalender mochte ich nie nur den Inhalt. Ich mochte diese Mischung aus Gewissheit und Spannung. Man wusste: Da ist etwas. Nur eben noch nicht, was genau. Manchmal konnte man die Neugier kaum aushalten. Was kommt morgen? Was übermorgen? Und was erst an der Vierundzwanzig?
Vielleicht ließ sich ein winziger Blick hineinwerfen. Vielleicht konnte man die Schachtel vorsichtig schütteln oder kurz daran schnuppern. Nur ja nicht so doll, dass sie sich verbiegt und alle sehen, dass man schon daran war. Gerade dieses kleine Vorausahnen ohne vollständige Kontrolle begegnet mir heute wieder – nicht an Weihnachten, sondern im Alltag mit unseren Kindern.
Warum mir dieser Vergleich nicht loslässt
Unsere Kinder gehen nicht zur Schule, und ich ersetze Schule zu Hause auch nicht durch Unterricht. Wenn ihr eher den begrifflichen Einstieg sucht, findet ihr ihn in unserem Beitrag über Unschooling und selbstbestimmtes Lernen. Hier geht es um etwas Konkreteres: wie sich diese Art zu lernen für mich im Alltag anfühlt.
Ich musste das Lernen nicht dauernd anstoßen, um es sehen zu können. Ich musste nicht jeden Tag ein neues Thema auf den Tisch legen, damit etwas passiert. Ich musste eher aufmerksam bleiben als Regie führen.
Manches sprang sofort ins Auge. Unsere Kinder lernten Ski fahren, schwimmen, töpfern, sticken, Instrumente zu spielen, Konflikte zu lösen oder befruchtete Hühnereier zu schieren. Das sind die auffälligen Türchen. Über solche Dinge lässt sich leicht ein Foto machen oder eine Nachricht an die Großmütter schicken: Seht ihr, schon wieder etwas Neues.

Bei uns kam noch das Reisen dazu. Weil wir viel im Ausland unterwegs waren und sind, landeten Themen nicht fein sortiert nacheinander auf dem Tisch. Wenn nachts wegen eines Erdbebens die Betten durchs Zimmer rutschen, schaut man am nächsten Morgen eben nach, wie Plattenverschiebungen funktionieren. Nicht in vier Jahren. Nicht erst dann, wenn irgendein Lehrplan das vorsieht. Sondern dann, wenn die Frage da ist. Deshalb passt für uns auch der Begriff Worldschooling so gut: Lernen hängt sich an Orte, Situationen und Begegnungen.
Die großen und die unscheinbaren Türchen
Ein Adventskalender besteht nicht nur aus den auffälligen Überraschungen. Hinter vielen Türchen liegen keine Sensationen, sondern Dinge, die fast selbstverständlich wirken: Nüsse, Pfefferkuchen, Äpfelchen, Mandarinen. Gerade sie machen den Kalender vollständig.
So erlebte ich es auch mit den Grundlagen. Kein Schulbuch lag aufgeschlagen im Kinderzimmer, und trotzdem tauchten Lesen, Schreiben und Rechnen ständig auf. Meine Töchter stellten fest, dass zwei mal 16 Treppenstufen 32 Stufen ergeben. Ich sah, mit welcher Leichtigkeit sie ein Buch nach dem anderen verschlangen, die Uhrzeit ablasen oder im Alltag der Bruchrechnung begegneten. Wer dazu weiterlesen möchte, findet bei uns auch einen eigenen Beitrag übers Mathe lernen.

Rechnen und lesen lernen: Adventssocken mit Buch, Kerze und Zimtstangen
Die Grundlagen blieben nicht aus. Sie traten nur nicht immer in der Form auf, die Erwachsene gewohnt sind. Auch die kleinen, unscheinbaren Türchen kamen zum Vorschein – eingebettet in echtes Leben statt in eine vorgegebene Reihenfolge.
Ich nerve nicht mit Themen-Türchen, deren Zeit noch nicht gekommen ist
Dieses Vertrauen heißt nicht, dass Erwachsene verschwinden. Es heißt nur, dass ich nicht dauernd vorab entscheide, welches Türchen heute geöffnet werden muss. Ich wollte nicht ständig Aufgaben erfinden, nur damit Lernen nach Lernen aussieht.
Begleitung hieß bei uns eher: zuhören, Material besorgen, Fragen mitnehmen, manchmal helfen, oft aushalten und nicht zu früh eingreifen. Ich öffne kein Themen-Türchen, dessen Zeit noch nicht gekommen ist.

Ein Adventskalender, der immer Neues bereithält – wie das Lernen der Kinder für uns Eltern
Und was ist mit Türchen 24?
Ein Adventskalender verrät euch nicht den ganzen Dezember auf einmal. Er nimmt euch die Zukunft nicht ab. Er erinnert euch nur daran, dass Entwicklung nicht vollständig auf Bestellung kommt.
Wenn ich an Türchen 24 denke, also an die Frage, was aus unseren Kindern einmal werden wird, hilft mir dieser Gedanke bis heute. Nicht, weil ich damit Berufe vorhersagen könnte. Sondern weil Kinder nicht erst später jemand werden. Sie sind es schon. Ob daraus theoretische Physiker, Pizzabäcker, Hebammen oder Putzkräfte werden, ist für mich nicht die eigentliche Pointe. Wichtig ist, dass sie ihr Leben nicht nur bestehen, sondern gern darin vorkommen.
Alles Liebe, eure Evelin
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