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Zuletzt aktualisiert: 15. August 2026

Liebe Kinderfreunde,

hattet ihr früher einen Adventskalender? Stand in eurem Kinderzimmer ein selbst gebastelter aus kleinen Schachteln? Oder hingen eure Eltern 24 kleine Säckchen auf? Die Überraschungen darin bereiteten uns jedenfalls Neugierde, Vorfreude und Spaß. Viele von uns hätten sicher nicht darauf verzichten wollen.

Wenn wir früh aus dem Bett kamen, kribbelte es schon in den Fingerspitzen. Die Füße trugen uns so schnell sie konnten zum Adventskalender. Und dann diese Suche: „Wo ist Nummer 15? Ah, hier auf dem Fensterchen der goldenen, gebastelten Turmspitze! Was wird wohl darin sein? Ein aufregendes Spiel, ein kleines Armband, eine gelbe Kiwi oder eine Sternfrucht? Oder wartet hinter dem Türchen etwas, was wir für fast selbstverständlich halten und was trotzdem unbedingt in einen Adventskalender gehört? Sowas wie ein paar Nüsse, ein Lebkuchen, ein Schokoladenstück oder eine Mandarine?“

Gewissheit und Vertrauen

Das Schöne am Adventskalender war: Man hatte die Gewissheit und das Vertrauen, dass sich hinter jedem Türchen etwas Tolles versteckt. Manchmal konnte man die Neugierde kaum aushalten: „Welches kleine Geschenk wird wohl morgen oder übermorgen verborgen sein? Und welches erst hinter der Vierundzwanzig? Vielleicht kann ich einen ganz kleinen Blick hineinwerfen? Mist, es ist zu dunkel in der Schachtel. Und wenn ich sie noch weiter öffne, verbiegt sie sich leicht und jeder sieht, dass ich daran war. Aber schütteln könnte ich das Ganze mal. Nach was hört sich dieses Rumpeln nur an? Oder ob ich mal daran schnuppere? Aber ja nicht zu derb die Nase hineinschieben …“

Heute bin ich „groß“ und öffne keinen Adventskalender mehr. Höchstens zum Befüllen, wenn es um den meiner eigenen vier Kinder geht. Allerdings bekomme ich jeden Tag selbst eine Überraschung. Es ist eine kleine Ahnung, Bestätigung oder Vorfreude auf etwas, wenn es um das Lernen meiner Kinder geht.

Was Freilernen und ein Adventskalender gemeinsam haben

Meine Kinder sind Freilerner. Sie besuchen keine Schule, und ich unterrichte sie zu Hause auch nicht. Wenn ihr erst einmal wissen möchtet, was wir mit Unschooling und selbstbestimmtem Lernen meinen, findet ihr dort unseren ausführlicheren Einstieg. Hier geht es um das, was ich in unserem Familienalltag beobachte: Ich vertraue darauf, dass meine Kinder aus eigenem Bedürfnis heraus lernen.

Schwibbogen und Adventskalender mit Türchen

Die „besonderen Gaben“ des Freilernens sind leicht zu beobachten: Meine Kinder lernen Ski fahren, schwimmen, töpfern, sticken, Instrumente zu spielen, Konflikte zu lösen oder befruchtete Hühnereier zu schieren. Es sind all die Dinge, von denen sich gut Fotos posten oder an die Großmütter verschicken lassen. „Seht ihr, unser Kind lernt schon wieder was Neues!“, schreibt man dann dazu und erntet viele Smilies und Insta-Herzchen.

Kommt Zeit, kommt Rat

Bei den Lerninhalten meiner Kinder ist einiges dabei, was in der Schule nicht, erst später oder nur am Rande auftaucht. Weil wir viel im Ausland unterwegs waren und sind, geht es bei uns gar nicht anders. Wenn wir nachts wegen eines Erdbebens mit unseren Betten durchs Zimmer rutschen, schauen wir am nächsten Morgen eben nach, wieso unser Reiseort erschüttert wurde und wie ein Erdbeben entsteht. Nicht in vier Jahren. Nicht erst dann, wenn irgendein Lehrplan das vorsieht. Sondern dann, wenn die Frage da ist.

Deshalb passt für uns auch der Begriff Worldschooling so gut. Auf Reisen tauchen Themen überall auf: in Museen, an Denkmälern, in Fabriken, Betrieben und Reservaten oder bei anderen Familien. Die Fragen kommen mit den Orten und Erlebnissen.

Die unscheinbaren Türchen: Lesen, Schreiben und Rechnen

Doch was ist mit all den „grundlegenden“ Dingen wie Mathematik, Lesen und Schreiben? Auch in einem Adventskalender bilden Füllungen wie Pfefferkuchen, Nüsse, Äpfelchen und Mandarinen die Basis. Man findet vor allem solche kleinen Selbstverständlichkeiten hinter den Türchen.

Rechnen und lesen lernen: Adventssocken mit Buch, Kerze und Zimtstangen

Rechnen und lesen lernen: Adventssocken mit Buch, Kerze und Zimtstangen

Und genauso sehe ich diese Dinge bei meinen Kindern, auch wenn kein Schulbuch im Kinderzimmer aufgeschlagen ist. Meine Töchter stellen fest, dass zwei mal 16 Treppenstufen 32 Stufen ergeben. Ich freue mich, mit welcher Leichtigkeit sie ein Buch nach dem anderen verschlingen, die Uhrzeit ablesen oder im Alltag der Bruchrechnung begegnen. Wer dazu weiterlesen möchte, findet bei uns auch einen eigenen Beitrag übers Mathe lernen.

Lassen wir uns überraschen!

Da meine Kinder jeden Tag selbst entscheiden, was, wann, wie und warum sie lernen, wird jede Beobachtung für mich zu einer Überraschung. Bei uns geschieht dieses Lernen ohne meine Anweisung und ohne Schulaufgaben, die ich mir für sie ausdenke. Mit anderen Worten: Ich öffne nicht ein Themen-Türchen, dessen Zeit noch nicht gekommen ist.

Natürlich bin ich trotzdem da. Ich höre zu, besorge Material, helfe, wenn Hilfe gefragt ist, und halte mich auch mal zurück. Begleiten ist für mich etwas anderes, als schon morgens festzulegen, welches Türchen heute dran ist.

Adventskalender zum Aufhängen

Ein Adventskalender, der immer Neues bereithält – wie das Lernen der Kinder für uns Eltern

Und das Gute ist: Meine Mädchen und Jungen brauchen mich nicht an die Füllungen zu erinnern. Und ich muss sie nicht ans Lernen erinnern. Wenn ich an Türchen 24 denke, also daran, was aus meinen Kindern einmal werden wird, bin ich mir sicher: Etwas Tolles! Einfach, weil sie es bereits sind. Ganz gleich, ob sie theoretische Physiker, Pizzabäcker, Hebammen oder Putzkräfte werden möchten – wichtig ist doch, dass sie bei allem, was sie tun, glücklich sind.

Ich wünsche euch allen frohe Momente, in denen ihr die natürlichen, kleinen „Lernerfolge“ eurer Kinder bestaunen könnt wie kleine Adventsgeschenke.

Alles Liebe, eure Evelin

CC BY-SA 4.0 Unschooling und Adventskalender: Was beides gemeinsam hat von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.