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Das Wort „unerzogen“ klebt schnell an Kindern, die nicht spuren, und an Eltern, die nicht spuren lassen. Dabei beschreibt Nichterziehung etwas anderes: keine Gleichgültigkeit, sondern eine bestimmte Haltung in der Beziehung zum Kind.
Das Konzept geht auf den deutschen Pädagogen Ekkehard von Braunmühl zurück, der in den 1970er-Jahren den Begriff „Antipädagogik“ prägte. Sein Kern: Kinder sind keine Objekte, die geformt werden müssen, sondern eigenständige Menschen, denen Vertrauen gebührt. Das ist eine normative Position, keine Forschungsthese. Wir teilen sie und erzählen, was daraus in unserem Familienalltag wird.
Inhalte
Freiheit mit einer Grenze
Wir schenken unseren Kindern Freiheit, solange sie die Freiheit anderer nicht verletzt. Das bedeutet in der Praxis: Wir setzen keine Grenzen, weil ein Verhalten uns stört oder nicht „kindgerecht“ aussieht. Wir benennen unsere eigenen Grenzen, wenn sie wirklich berührt werden. Regeln, Vorschriften und Sanktionen ersetzen wir durch Erklärungen.
Vertrauen statt Kontrolle
Wir vertrauen darauf, dass Kinder im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Richtige tun. Das heißt auch: Wir respektieren ihre Entscheidungen, selbst wenn wir uns für sie etwas anderes gewünscht hätten. Und wir nehmen ihre Bedürfnisse ernst, auch wenn sie uns im ersten Moment sinnlos erscheinen.
Was die Motivationsforschung dazu beisteuert: Studien im Rahmen der Selbstbestimmungstheorie zeigen, dass Autonomieunterstützung im Schnitt mit mehr Wohlbefinden zusammenhängt als psychologische Kontrolle (Bradshaw et al., 2025). Das sind statistische Zusammenhänge, keine Garantien. Temperament, Kultur und Kontext spielen eine Rolle.
Vorbild statt Anerziehung
Werte wie Freundlichkeit, Höflichkeit, Toleranz oder Hilfsbereitschaft lassen sich vorleben. Sie lassen sich kaum einfordern, ohne dass dabei etwas verloren geht. Deshalb versuchen wir, nicht als Lehrende aufzutreten, sondern als Menschen, die selbst noch lernen.
André Stern brachte das in seinem Vortrag auf den Punkt: Statt sich täglich zu fragen „Wie kann ich mein Kind erziehen?“, lohnt es sich zu fragen, was man selbst von seinem Kind lernen kann. Mehr dazu in unserem Beitrag zur Ökologie der Kindheit.
Was Nichterziehung nicht bedeutet
Nicht erziehen heißt nicht: nie eingreifen, Konflikte ignorieren, Kinder sich selbst überlassen. Es heißt: Eingreifen begründen, so wenig wie möglich und so viel wie nötig. Nicht als Machtgeste, sondern als Schutz.
Wer tiefer einsteigen will: Begriffsverwirrung: Erziehung, Wieso wir jede Art von Erziehung ablehnen und Warum wir unsere Kinder nicht erziehen.
Eure Evelin
Quellen
- Braunmühl, E. von (1975). Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung. Beltz.
- Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The „What“ and „Why“ of Goal Pursuits. Psychological Inquiry. DOI: 10.1207/S15327965PLI1104_01
- Bradshaw, E. L. et al. (2025). Disentangling autonomy-supportive and psychologically controlling parenting: A meta-analysis. American Psychologist. DOI: 10.1037/amp0001389
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