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Zuletzt aktualisiert: 06.08.2026

Das Schaubild aus unserem ursprünglichen Beitrag zeigt die Begriffe so, wie Ekkehard von Braunmühl sie in seiner antipädagogischen Erziehungskritik verwendet.
„Wir erziehen unsere Kinder nicht.“ Sobald wir diesen Satz sagen, dreht sich ein Gespräch schnell im Kreis. Manche verstehen unter „Erziehung“ fast das ganze Leben mit Kindern: trösten, versorgen, erklären, schützen und Grenzen benennen. Wir meinen mit dem Wort einen engeren Ausschnitt.
Die Verwirrung steckt schon im Begriff. In der Erziehungswissenschaft stehen mehrere Vorstellungen von Erziehung nebeneinander. Manche Theorien rücken absichtsvolle Einflussnahme in den Mittelpunkt. Andere beziehen gewohnheitsmäßige, spontane oder institutionell geprägte Praktiken ein. Darüber wird bis heute gestritten.12
Ein Begriff mit offenen Rändern
Eine einzige Definition räumt diese Verwirrung kaum aus dem Weg. Jürgen Oelkers zeigt, wie eng der Begriff mit Alltagssprache, gesellschaftlichen Erwartungen und verschiedenen Theorietraditionen verbunden ist. Arnd-Michael Nohl beschreibt an mehreren erziehungswissenschaftlichen Ansätzen, wie unterschiedlich Forschende die Rolle von Absicht fassen.12
Für unseren Artikel zählt deshalb eine engere Frage: Welche Art von Einfluss kritisieren wir, wenn wir von einem erziehungsfreien Umgang sprechen?
Woher unser Schaubild stammt
Unser altes Schaubild bringt zwei Unterscheidungen zusammen. Die Begriffe intentionale und funktionale Erziehung gehören zu einer älteren erziehungswissenschaftlichen Tradition. Ergänzende und substantielle Erziehung stammen aus Ekkehard von Braunmühls antipädagogischer Argumentation und bilden seine eigene Systematik. Andere erziehungswissenschaftliche Theorien ordnen den Begriff anders.23
Intentionale Erziehung
Intentional heißt: Erwachsene verfolgen ein Ziel. Sie möchten Verhalten, Einstellungen oder Fähigkeiten eines jungen Menschen in eine bestimmte Richtung beeinflussen und handeln aus dieser Absicht heraus.
Die Absicht beschreibt vor allem die Seite der Erwachsenen. Der junge Mensch bringt eigene Wahrnehmungen, Interessen und Reaktionen in die Situation ein. Dadurch entwickeln sich Verlauf und Ergebnis auch jenseits dessen, was Erwachsene geplant haben.2
Funktionale Erziehung
Funktionale Erziehung nennt diese ältere Tradition Einflüsse, die nebenbei entstehen. Ein Kind erlebt, beobachtet, widerspricht, übernimmt etwas oder entwickelt einen eigenen Umgang damit. Je nach Theorie beschreibt die heutige Fachliteratur solche Prozesse auch als Sozialisation, Lernen oder implizite Praxis.2
Ergänzende Erziehung
Braunmühl bezeichnet als ergänzende Erziehung eine Hilfe, die sich aus der aktuellen Situation oder aus einer Bitte des jungen Menschen ergibt. Dazu zählt er etwa eine beantwortete Frage, eine Erklärung, Unterstützung oder das Eingreifen bei einer akuten Gefahr. Die Hilfe setzt bei der Situation an.3
Substantielle Erziehung
Mit substantieller Erziehung meint Braunmühl den Versuch, einen jungen Menschen in seinem Charakter, seinen Gefühlen, Einstellungen oder Überzeugungen zu verändern. Erwachsene werten dabei seinen gegenwärtigen Zustand ab und verfolgen ein anderes Ergebnis.3
Die Schreibweise substantiell behalten wir bei, weil sie zu Braunmühls Begriff gehört.
Wie wir „Erziehung“ auf diesem Blog verwenden
Wenn wir auf diesem Blog Erziehung kritisieren, sprechen wir über substantielle Einflussnahme. Erwachsene entwerfen ein Bild davon, welche Persönlichkeit, Überzeugung oder Form der Anpassung ein junger Mensch entwickeln soll, und setzen dafür ihr Machtgefälle ein. Der junge Mensch wird so zur Aufgabe, die Erwachsene bearbeiten.
Fürsorge, Schutz, Information, Hilfe, persönliche Grenzen und gemeinsame Absprachen haben einen anderen Ausgangspunkt. Sie richten sich nach einer Situation, einer Gefahr oder den Interessen der Beteiligten. Erwachsene tragen dabei mehr Verantwortung, weil sie meist über mehr Wissen, Mittel und rechtliche Macht verfügen.
Woran ihr den Unterschied im Alltag spüren könnt
Eine Sicherheitsgrenze: Ein Kleinkind läuft auf eine Fahrbahn zu. Die erwachsene Person hält es fest und schützt es damit in einer akuten Gefahr. Schreck, Wut oder Weinen können trotzdem Teil der Situation sein. Die erwachsene Person begleitet auch diese Reaktion.
Information und Hilfe: Ein Kind fragt, warum der Himmel seine Farbe verändert. Eine erwachsene Person erklärt, was sie weiß, sucht gemeinsam nach einer Antwort oder sagt offen, wo ihr Wissen endet. Das Kind entscheidet, was es weiterverfolgen möchte.
Eine persönliche Grenze: Ein Familienmitglied braucht nachts Ruhe und spricht darüber. Alle Beteiligten suchen eine Absprache, die Schlaf, Nähe, Bewegung und Rückzug berücksichtigt. Die Grenze schützt eine Person und lässt den Charakter des Kindes unberührt.
Substantielle Einflussnahme: Ein Kind spricht in Gruppen selten. Erwachsene bewerten seine Zurückhaltung als Mangel und erzeugen mit Druck, Belohnungen oder Sanktionen ein Verhalten, das zu ihrem gewünschten Persönlichkeitsbild passt.
Durchgesetztes Verhalten: Eine erwachsene Person entzieht Aufmerksamkeit oder verhängt eine unangenehme Folge, um Gehorsam herzustellen. Sie nutzt das Machtgefälle als Mittel zur Formung des jungen Menschen.
„Kinder brauchen Erziehung, damit sie Rücksicht lernen“
Hinter diesem Einwand steht eine nachvollziehbare Sorge. Alle Familienmitglieder brauchen Sicherheit, Rücksicht und verlässliche Absprachen. Unser Streitpunkt liegt im Weg dorthin.
Erwachsene können Gründe erklären und Gefahren abwenden. Sie können Entscheidungen verantworten, persönliche Grenzen benennen, Einwände hören und die Sicht des jungen Menschen einbeziehen. Konflikte zeigen, dass Interessen aufeinandertreffen. Dann braucht es Klärung, Verantwortung und manchmal eine Entscheidung der Erwachsenen. Wo dabei etwas schiefgeht, gehört auch die Reparatur zur Beziehung.
Warum wir substantielle Erziehung ablehnen
Hier sprechen wir ausdrücklich über unsere ethische Position. Junge Menschen sind Rechtssubjekte der Gegenwart. Die UN-Kinderrechtskonvention verbindet die Verantwortung und Begleitung durch Eltern mit den sich entwickelnden Fähigkeiten des Kindes. Sie schützt das Recht junger Menschen, ihre Sicht zu äußern und ernsthaft berücksichtigt zu werden, und verpflichtet Vertragsstaaten zum Schutz vor körperlicher und psychischer Gewalt.45
Die Konvention richtet sich an Vertragsstaaten. Für unsere Haltung bildet sie einen menschenrechtlichen Rahmen: Verantwortung, Schutz, wachsende Selbstbestimmung und die Sicht des jungen Menschen gehören zusammen. Daraus folgt für uns: Das Machtgefälle erhöht die Verantwortung der Erwachsenen für Form, Sicherheit und Reparatur. Die Persönlichkeit des jungen Menschen besitzt einen eigenen Wert.
Was „Nichterziehung“ bei uns bedeutet
Nichterziehung bedeutet für uns den Verzicht auf planvolle Persönlichkeitsformung. Wir versorgen, schützen, informieren, helfen, benennen unsere Grenzen und erklären Entscheidungen. Junge Menschen bringen ihre Sicht und ihre Interessen in das Zusammenleben ein.
Der Satz vom Anfang markiert also eine Grenze: Wir übernehmen Verantwortung und achten den jungen Menschen als eigene Person.
Weiterführende Artikel auf FreeYourFamily.net
- Was ist „Nichterziehung“ eigentlich?
- Unser Weg zu einem erziehungsfreien Familienleben
- Wieso wir jede Art von Erziehung ablehnen
- Attachment Parenting: beziehungsorientierte Elternschaft
Quellen und Literatur
- Oelkers, Jürgen: „Erziehung“. In: Hannelore Faulstich-Wieland; Peter Faulstich (Hrsg.): Erziehungswissenschaft. Ein Grundkurs. Rowohlt, 2008, S. 82–108. Volltext: DOI 10.25656/01:9334. Tragend sind besonders S. 82–83 zur Verbindung von Alltags- und Theoriesprache.
- Nohl, Arnd-Michael: „Zur intentionalen Struktur des Erziehens. Eine praxeologische Perspektive“. Zeitschrift für Pädagogik 64 (2018), Heft 1, S. 121–138. DOI 10.25656/01:21815. Tragend sind S. 121–124 zur umstrittenen Rolle von Absicht sowie zur älteren Unterscheidung von funktionaler und planmäßiger Erziehung.
- von Braunmühl, Ekkehard: Antipädagogik – Studien zur Abschaffung der Erziehung. tologo, 2015. Primärtext der antipädagogischen Position und Quelle der Unterscheidung zwischen ergänzender und substantieller Erziehung. Die genaue Seitenstelle dieser Ausgabe war online unzugänglich.
- Vereinte Nationen: Übereinkommen über die Rechte des Kindes, besonders Artikel 5, 12 und 19. Offizieller Vertragstext: OHCHR.
- UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes: General Comment No. 12 (2009): The right of the child to be heard, besonders Absätze 1–4 und 69. CRC/C/GC/12.
Transparenz-Hinweis
Der folgende Buchtipp enthält einen Affiliate-Link. Wenn ihr darüber kauft, unterstützt ihr unsere Arbeit, ohne dass euch Mehrkosten entstehen.
Lesetipp: Ekkehard von Braunmühls Buch Zeit für Kinder hat bei uns damals einiges sortiert. Heute lesen wir es als historischen Primärtext der antipädagogischen Debatte. Aussagen über psychologische Wirkungen brauchen fachlich zuständige Forschung.
Zeit für Kinder: Theorie und Praxis von Kinderfeindlichkeit, Kinderfreundlichkeit, Kinderschutz*
Begriffsverwirrung „Erziehung“: Was gemeint ist und warum wir differenzieren von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
hallo ihr lieben, habe gestern Abend mal angefangen mich durchzulesen und ihr inspiriert mich sehr. habe euch über die googlesuche von ekkehard braunmühl gefunden, da ich die ersten Seiten seines Buches las und ein Gesicht dazu haben wollte.
Franziska klingkit, mit ihrem überaus anregenden Buch „wer sein kind liebt,…“ hat mich zu braunkühl gebracht. Franziskas buch wollte ich euch noch ergänzend empfehlen, hier geht es in erster Linie um Schulzwang, das recht eines jeden nein zu sagen- ein ganz besonderer querdenkerschatz. Liebe grüße, Mona
Liebe Mona!
Vielen Dank für Deinen Kommentar und die damit verbundene Buchempfehlung. 🙂 Bis die Schulpflicht ein sehr bestimmendes Thema bei uns wird, vergehen zwar noch wenige Jahre, dennoch ist es irgendwie immer „aktuell“, weil wir dieses auf uns noch zukommende Thema nie aus den Augen verlieren. Wir sind schon sehr gespannt auf das Buch. Es wird uns sicher Inspirationen für kommende Blogartikel schenken.
Herzliche Grüße
Patrick und Evelin