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Liebe Freunde,
Wisst ihr noch, was ich mir für das vergangene Jahr vorgenommen hatte? War es mehr Sport? Mehr Blogposts? Mehr Zeit haben? Falls es das war: Es hat nicht geklappt. Und ich habe überhaupt keine Ahnung mehr, was oder ob ich mir überhaupt etwas Bestimmtes vorgenommen hatte — bis auf die Reise ans Meer, von der ich im Dezember davor noch geschwärmt hatte und die dann nicht zustande kam.
Darum wird das hier kein klassischer Jahresrückblick. Eher ein ehrlicher Zwischenstand. Wie lebt man mit vier kita- und schulfreien Kindern, Arbeit, einem schwächer werdenden Hund, pflegebedürftigen Eltern und zu wenig Raum? Und wie hält man dabei die eigene Freundlichkeit zusammen, wenn von außen dauernd schnelle Lösungen eintrudeln?
2025 in Kurzform
Wir leben noch immer mal reisend in Europa, mal in unserer Base in Deutschland. Mit vier Kindern, die weder Kita noch Schule besuchen, ist unser Alltag ohnehin selten ruhig. 2025 kam noch etwas dazu: Verantwortung, die sich nicht mehr vertagen ließ.
Anfang des Jahres fanden wir einen Käufer für mein Haus in Rumänien. Ich hatte schon einmal erzählt, dass wir dieses Haus einfach nicht mehr pflegen konnten. Wer schon ein Haus mit Garten versorgt, weiß, wie schnell selbst ein Zuhause zur Daueraufgabe wird. Zwei Häuser in rund 1000 Kilometern Entfernung voneinander sind dann kein Abenteuer mehr, sondern eine Überforderung mit Gartenschlauch.
Zur eigentlichen Hauptaufgabe des Jahres wurden aber meine Eltern, 700 Kilometer entfernt. Es fiel mir schwer zu begreifen, dass meine noch viel zu junge Mutter an Demenz erkrankt ist. Selbst wenn man meint, man kennt sich vielleicht von Berufswegen oder auch durch ein paar Bekannte mit Demenz aus: Für mich fühlte sich die Diagnose nicht wie von dieser Welt an.
Dabei hatte ich bereits lange Zeit vor dem ersten Arztbesuch dieses Chaos in Haushalt und Lebensführung einigermaßen versucht, in Schach zu halten. Nur benennt man so etwas am Anfang selten klar. Man räumt auf, organisiert, erinnert, beruhigt, übernimmt. Und merkt erst später, dass das alles schon nicht mehr bloß Hilfe war.
Wenn man helfen will und es trotzdem dauernd falsch aussieht
Die letzten Monate haben wir mit meinen Eltern zusammen in Deutschland gelebt. Vieles ist schwierig. Vieles lernt man unterwegs. Und aus vielem versucht man schlicht etwas zu machen, das nicht sofort auseinanderfällt. Die ärgsten Tyrannen dabei sind meine eigenen Vorwürfe und die Klugscheißerei anderer.
Meine eigenen Vorwürfe kreisen darum, ob ich früher mehr hätte da sein müssen. Oder ob ich zu oft widersprochen habe, wenn es wieder einmal um Politik ging. Die Vorwürfe von außen funktionieren anders. Sie kommen mit erstaunlicher Selbstgewissheit und fast immer als angeblich einfache Lösung.
Dann heißt es etwa: „Du kannst dir wohl nur noch Reisen zu deinen Eltern leisten? Ihr setzt euch immer nur ins gemachte Nest.“ Oder: „Wo liegt das Problem darin, die Eltern aufzunehmen? Eure gebuchte Ferienwohnung im Dachgeschoss ist ein Luxusproblem. Jetzt sollen die Eltern keinen Platz in ihrem eigenen Haus haben? Das ist ja traurig!“
Nebenbei treten natürlich noch die echten Expert:innen auf:
- „So wie sich deine Mutter ernährte (vegetarisch), ist es ja kein Wunder.“
- „Täglich ein Löffel Kokosöl heilt Demenz.“
- „Eure Kinder müssten ja eh besser zur Schule und in die Kita gehen, dann bräuchtest du nicht über fehlende Zeit für sie jammern.“
- „Geht doch mal zu diesem oder jenen Heiler.“
Solche Sätze helfen ungefähr so viel wie ein Regenschirm aus Keks. Aber ich will auch das andere nicht unterschlagen: Meine Schwester kümmert sich rührend, klug und mit erstaunlicher Ausdauer. Sie hat Know-how, Einfühlungsvermögen und immer frischen Kaffee, wenn bei uns der Filter in der Kaffeemaschine vergessen wurde oder andere Havarien passieren. Auch der Austausch mit meinen Tanten ist ein Anker.
Und dann ist da mein Mann Patrick, ohne den alles vollkommen drunter und drüber gehen würde. Dazu kommen Nachbarn und Freunde im In- und Ausland, die keine Wunderlösung anbieten, sondern etwas Selteneres: ein mitfühlendes Wort. Manchmal richtet einen genau das für fünf Minuten wieder auf.
Die schnellen Lösungen von außen fühlen sich selten wie Lösungen an
Wir haben zwar kein Baby mehr, aber vier Kinder, die genauso gesunde und nicht völlig abgespannte Eltern verdienen. Freies Lernen und Unschooling laufen im Moment oft nebenbei, obwohl wir uns wünschen, dass es wieder mehr sein kann als bloßes Durchkommen.
Zeit für ununterbrochene Spiele, für ruhiges gemeinsames Lernen, für Spaziergänge ohne Dauerstress, für ein paar Stunden Arbeit, in denen nicht parallel noch drei Küchenkrisen und zwei Pflegesituationen mitlaufen — das alles wünschen wir uns zurück.
Bald sollte der Pflegegrad festgestellt werden, damit Unterstützung durch einen Pflegedienst möglich wird. Ich hoffe darauf. Denn diese Wohnsituation auf 65 Quadratmetern kann auf Dauer keine gute Lösung sein. Ein Heim bringe ich im Moment nicht übers Herz. Das Haus meiner Eltern in Ungarn, ihr lang geplanter Rentnertraum, ist bisher aber auch keine wirkliche Alternative.
Ich schreibe das nicht, weil ich eine fertige Lösung hätte. Ich schreibe es, weil zwischen „einfach helfen“, „einfach loslassen“, „einfach Schule“, „einfach Kita“ und „einfach Heim“ in der Realität oft kein einziges echtes einfach steckt.
Was ich mir für 2026 trotzdem vornehme
Meine eigene Oma gab mir und anderen Familienmitgliedern einen Vers mit, den sie dem 1. Korintherbrief entnahm: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“
In den letzten Tagen des alten Jahres ging mir dieser Satz sehr durch den Kopf. Ganz gleich, ob ihr religiös seid oder nicht: Als kleiner Wertekompass taugt er erstaunlich gut. Nicht weil damit plötzlich alles leicht wird. Sondern weil er jede Alltagshandlung unangenehm klar befragt: Tue ich das gerade in Verbitterung, Pflichtstarre und Trotz? Oder wenigstens nicht gegen mich und die anderen?
Das klingt schnell nach Sozialarbeit, Philosophie und ein bisschen nach Ponyhofleben. Genau das mag ich daran. Denn ich wünsche mir weiterhin, dass Kinder frei und liebevoll aufwachsen. Dass man sie begleitet statt kleinmacht. Und dass man auch in Stressmomenten nicht sofort wieder bei Macht und Härte landet. Über gewaltfreie Kommunikation in der Familie habe ich hier schon einmal geschrieben. Im Kern geht es für mich um dieselbe Frage: Wie bleiben wir in Beziehung, wenn es gerade unerquicklich wird?
Vielleicht ist das kein Programm, eher eine Richtung. Eine Art kleiner innerer Test: Muss ich das gerade wirklich tun? Und wenn ja, kann ich es wenigstens ohne inneren Tritt gegen alles und alle tun?
Mein Ponyhof-Experiment
Das klingt abstrakt. Am ersten Januar sah es so aus:
Früh am Morgen stapfte meine Mutter durch unser Schlafzimmer. Ich wollte noch nicht aufstehen, also kniff ich die Augen zusammen und horchte, ob es so klang, als käme sie gerade noch ohne mich zurecht. Es klappte. Ich hatte also wenigstens noch nichts getan, wozu ich gerade keine Lust hatte.
Etwas später führte ich unseren Hund aus. Weil er schwächer wird, trug ich ihn. Immer wieder setzte ich ihn zum Pinkeln und Schnuppern ab. Ich weiß, dass dieses Jahr wohl sein letztes sein wird.

Winterlicher Abendspaziergang: Bello erkundet die verschneite Straße im warmen Licht der Laternen.
Und trotzdem war dieser Spaziergang nicht traurig. Eher zärtlich. Ich zeigte ihm ein Eichhörnchen. Wir gingen eben anders spazieren. Ungefähr wie eine Mama mit Tragling, nur mit Hund.
Am späten Nachmittag bekam mein Jüngster einen Wutanfall. Zu wenig Schlaf, zu viel Schnee im Gesicht, zu kurze Beine für zu hohe Verwehungen. Und weil ich die Mutter bin, war ich natürlich an allem schuld. Ich sei böse, gemein, überhaupt schrecklich. Außerdem wollte er kein Kaffeetrinken zuhause, sondern ganz allein.
Bei meinen drei jüngsten Kindern fällt es mir meist leicht, solche Sätze nicht persönlich zu nehmen. Beim Teenie ist das, kleine Randnotiz des Lebens, etwas anderes. Aber darum geht es hier nicht. Jedenfalls kamen wir ohne Krieg nach Hause.
Während sich der kleine Mann aus Schneeklamotten und Stiefeln schälte, bereitete ich schnell und, jawohl, in Liebe sein Kaffeetrinken vor. Der Rest der Familie saß bei meiner Schwester. Mein Bubi saß allein und glücklich im Wohnzimmer, vor Puppengeschirr und Kuscheltieren, denen er großzügig beim Essen half.

Fantasievolle Kaffeestunde auf dem Sofa.
Abends machte ich Essen in Liebe. Das gelang schon deshalb ganz gut, weil ich nichts kochen musste, was mir regelmäßig missglückt. Und ich versuchte, mich nicht über das Chaos aus Sauerkraut, Leinöl und tausend Krümeln zu ärgern, das meine Eltern wie so oft zehn Minuten vor und nach dem eigentlich gemeinsamen Essen auf dem Tisch hinterließen.

Zwischen Alltag und Achtsamkeit: Ein gedeckter Tisch kurz vor dem gemeinsamen Essen.
Als Großeltern und Kinder im Bett waren, wollte ich unbedingt noch Sport machen. Nicht aus Leidenschaft, sondern der Gesundheit wegen. Und sogar das ging leichter als sonst.
Und wisst ihr, was ich an diesem Tag dann auch noch schaffte? Diesen Artikel zu tippen. Weil ich wollte.
Vielleicht ist das der ganze Witz an meinem Ponyhof-Experiment: Nicht alles wird dadurch leichter. Demenz verschwindet nicht. Platz entsteht nicht magisch. Erschöpfung löst sich nicht in Konfetti auf. Aber manches bekommt weniger Widerstand, wenn ich nicht jeden Schritt innerlich schon vorher verfluche.
Ich hoffe, er konnte euch mitnehmen und schenkt euch ein bisschen Würze und Schmalz fürs neue Jahr. Damit noch ganz viele Dinge in Liebe geschehen dürfen — und nein, das ist nicht die Jahreslosung. 😉
Alles Liebe,
eure Evelin
Mein Ponyhofleben zwischen Demenz, Großfamilie und Neubeginn von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.