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Aktualisiert am 14. August 2026
Liebe Leser:innen, ich lebe aus Überzeugung vegan. Und ich wünsche meinen Kindern möglichst viel Selbstbestimmung beim Lernen und Aufwachsen. Damit landet unsere Familie ziemlich zuverlässig außerhalb dessen, was gerade als normal durchgeht.
Vor einer Weile erkundigte sich eine Nachbarin, wieso ich so „anders“ und „extrem“ sein will. Sie fragte mich das nicht persönlich, sondern über eine Freundin. Das ist verständlich; denn hinter meiner eher zarteren Statur lauert ein knallharter Schläger. Im Geheimen; um Lottas Worte aus der Krachmacher-Straße zu verwenden (Astrid Lindgren – Na klar, Lotta kann Rad fahren).
Bei Milch zeigt sich dieses „extrem“ besonders schön. Der gewohnte Blick beginnt beim Produkt im Kühlschrank. Meiner beginnt inzwischen bei der Kuh und ihrem Kalb.
Die große Mehrheit der Milchviehbetriebe trennt Kuh und Kalb unmittelbar nach der Geburt. Bei einer sehr frühen Trennung beschreibt die EFSA wenig oder keinen eigentlichen Trennungsstress, weil sich die Bindung erst entwickelt. Das Kalb verliert trotzdem die positiven Wirkungen des Kontakts zur Mutter. Nach Ausbildung der Bindung, ungefähr ab dem vierten Tag, fallen die Trennungsreaktionen stärker aus. Die EFSA empfiehlt mindestens einen Tag Kuh-Kalb-Kontakt und perspektivisch längeren Kontakt.[1]
Dazu gehört ein Einwand, der mehr verdient als eine sarkastische Pointe. Der Milchviehforscher J. D. Quigley verweist dabei auf zwei Risiken: Eine frühe Trennung erleichtere die kontrollierte Kolostrumversorgung und könne die Exposition des Kalbs gegenüber Krankheitserregern verringern.[2] Die fachliche Auseinandersetzung dreht sich also darum, wie Gesundheit, Kolostrumversorgung, Sozialkontakt und spätere Trennung zusammen organisiert werden können.
Unsere ethische Grenze setzt früher an. Für Milch werden Fortpflanzung, Körper und Mutter-Kalb-Beziehung in ein menschliches Nutzungssystem eingeordnet. Die Kuh bringt ihr Kalb zur Welt. Das Kalb sucht Kontakt, Milch und soziale Nähe.[1] Ihre Interessen zählen für uns unabhängig davon, wie vertraut diese Praxis wirkt. Wir nennen diese Nutzung Tierausbeutung.
Gesundheitswerbung über Milch richtet den Blick auf mögliche Vorteile für Menschen. Kuh und Kalb verschwinden dabei leicht aus dem Bild. Für mich liegt genau dort der Grund, Produkte aus Tierausbeutung aus unserem Alltag zu streichen.
Kleinlich? Dann habe ich offenbar Gesellschaft.
Bei Bildung stoßen wir auf eine andere gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Unsere Kinder sollen ihre Interessen, ihr Lerntempo und ihre eigenen Fragen möglichst weit selbst bestimmen können. Die heutige Rechtslage setzt diesem Wunsch Grenzen; die Einzelheiten gehören in unseren eigenen Beitrag zur Schulpflicht.
Ausgerechnet die Paulskirchenverfassung von 1849 macht die Geschichte interessanter. § 155 sah vor, dass Eltern ihren Kindern den für die unteren Volksschulen vorgeschriebenen Unterricht zukommen lassen. § 154 ließ häuslichen Unterricht zugleich ausdrücklich zu.[3] Der Verfassungstext verband also eine Unterrichtspflicht mit der Freiheit des häuslichen Unterrichts. In Kraft trat die Paulskirchenverfassung allerdings nie. Die heutige Anwesenheitspflicht braucht ihre eigenen rechtlichen Grundlagen.
Für unsere Familie zählt ein anderes Kriterium: Kinder sind eigenständige Menschen mit eigenen Interessen. Bildung soll ihnen Wissen, Beziehungen, Erfahrungen und Möglichkeiten eröffnen und ihre Eigenständigkeit respektieren.
Gewohnheiten haben Folgen weit über unseren Familienalltag hinaus. Bei Palmöl etwa untersuchten Vijay und Kolleg:innen Plantagen in 20 Ländern. Von den untersuchten Ölpalmenflächen in Südostasien lagen 45 Prozent auf Flächen, die 1989 noch Wald waren; in Südamerika waren es 31 Prozent, in Afrika 7 Prozent und in Mesoamerika 2 Prozent.[4] Palmöl kann also je nach Herkunft eine sehr unterschiedliche Geschichte der Flächennutzung haben.
Menschen entscheiden mit dem Wissen, den Gewohnheiten und den Handlungsmöglichkeiten ihrer Zeit. Das macht meinen Blick auf frühere Generationen vorsichtiger. Heute weiß ich manches, das frühere Entscheidungen für mich in einem anderen Licht erscheinen lässt. Dieses Wissen prägt eben meine eigenen.
Und meine Nachbarin? Ihr Wort „extrem“ beschreibt erst einmal ihren Blick auf mein Leben. Meine Grenze hängt an einer anderen Frage: Wessen Interessen berührt meine Entscheidung, und wer trägt ihre Folgen?
Falls wir irgendwann persönlich darüber sprechen, könnte ich ihr sagen: „Ich verstehe, dass manche unserer Entscheidungen von außen ungewöhnlich wirken. Für mich werden sie nachvollziehbar, sobald ich die Perspektive derjenigen einbeziehe, die die Folgen tragen.“
Ihr dürft euch dabei gern in den Arm genommen fühlen.
Eure Evelin
Quellen
- EFSA Panel on Animal Health and Welfare (2023): Welfare of calves, EFSA Journal 21(3):7896. DOI: https://doi.org/10.2903/j.efsa.2023.7896. Tragend: Summary und Abschnitt zum cow–calf contact/separation.
- Quigley, J. D. (2024): Invited review: An evaluation of EFSA opinion on calf welfare from a nutritional and management perspective. Journal of Dairy Science 107(10):7483–7503. DOI: https://doi.org/10.3168/jds.2024-24829. Tragend: Abstract.
- Verfassung des Deutschen Reiches vom 28. März 1849, §§ 154–155.
- Vijay, V.; Pimm, S. L.; Jenkins, C. N.; Smith, S. J. (2016): The Impacts of Oil Palm on Recent Deforestation and Biodiversity Loss. PLOS ONE 11(7):e0159668. DOI: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0159668. Tragend: Abstract.
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Liebe Evelin,
ich bewundere Euch für Euren Lifestyle, dafür, dass Ihr für die Werte, die Euch wichtig sind, geradlinig einsteht. Dabei nehmt Ihr sicher auch manches in Kauf, das Andere als Verzicht empfinden würden. Zum Beispiel Zeit für seine Kinder zu haben, mit ihnen zu lernen und zu wachsen, andere Wege in der Erziehung und Bildung zu gehen, heißt ja auch, dass unter Umständen weniger Verdienst da ist und die Familie auf einige Dinge „verzichten“ muss – auch wenn Ihr das selbst ganz anders seht. Oder auf Palmöl, Plastik und co so gut es geht zu verzichten, bedeutet eben auch, vieles nicht kaufen zu können, anders einkaufen zu müssen.
Was ich damit sagen will: alles, was einem fremd ist, was nicht „Mainstream“ ist, wird von Anderen als extrem wahrgenommen. Teilweise reagieren Menschen zunächst verständnislos, werden dann sogar aggressiv, wenn man sagt, dass man sich vegan ernährt, weil man das Tierleid nicht länger unterstützen will. Aber warum ist das so? Weil im Grunde eigentlich jeder genau weiß, was Sache ist in unserer Tier“industrie“, aber viele wollen es nicht wahrhaben oder etwas ändern am eigenen Konsumverhalten.
Was ich teilweise allerdings frustrierend finde, ist, wie schwer es einem die Industrie macht, wie extrem man wirklich vieles umstellen muss, um z. B. Plastik zu meiden. Und gerade vegane Ersatzprodukten, die es zumindest inzwischen viel zu kaufen gibt, sind oft massig in Plastik verpackt oder nicht aus biologischer Landwirtschaft… Wenn sich wirklich die Menschheit in großen Teilen ändern soll, muss die Industrie mitziehen. Und davon sind wir leider weit entfernt, wie ich immer wieder frustriert feststellen muss beim schnellen Einkauf im stressigen Familienalltag. Denn alles selbst zu machen, klappt einfach oft nicht bei uns. Daher denke ich: nur wer „extrem“ ist wie Ihr, kann derzeit viel ändern! Das macht Ihr. Ich finde das toll! Lasst Euch nicht entmutigen, auch wer komisch reagiert, denkt vielleicht im Stillen doch nach über seinen eigenen Lifestyle…
Liebe Grüße
Sabine
Noch einmal hallo, liebe Sabine,
ja, wir versuchen unser Bestes, gerade beim Einkaufen (oder eben beim Nicht-Einkaufen), aber, wie du schon sagst, es wird uns schwer gemacht. Was den Konsum und Kinderbevormundung durch ständige Erzieherei angeht, möchte ich manchmal gern in meine Zeitmaschine steigen.
Aber, um es kurz zu machen: Immer mehr werden sich unseres Konsum-Skandals bewusst. Sehen wir das Positive! 🙂
Herzliche Grüße, Evelin
Hallo, finde mich in vielen deiner Worte wieder. Ich wollte nicht anders sein. Oder extrem. Ich handle einfach anders, als viele andere. Weil ich es richtig finde und mir entspricht.
Liebe Grüße
Lena