Lesezeit: 15 Minuten

Hallo Erwachsene! 😉

Ist euch bewusst, wie selbstverständlich Adultismus in den Alltag vieler Kinder eingebaut ist? Wir bestimmen, wann sie sprechen dürfen, wie laut sie sein sollen, was als höflich gilt, wann eine Diskussion beendet ist und welche Gefühle gerade angemessen sind. Vieles davon läuft unter Erziehung. Dass wir mit einem anderen Erwachsenen niemals so umgehen würden, fällt oft erst auf, wenn man die Rollen einmal gedanklich vertauscht.

Was ist Adultismus?

Der Begriff Adultismus beschreibt ein Machtverhältnis, in dem Erwachsene Kinder und Jugendliche aufgrund ihres Alters weniger ernst nehmen, sie bevormunden oder über ihre Interessen hinweg entscheiden. Adultismus zeigt sich im Alltag oft unterschwellig: in Sätzen, Regeln und Gewohnheiten, die wir gegenüber Erwachsenen sofort als respektlos empfinden würden.

Genau hier berühren sich für mich die Kritik am Adultismus und die Kritik an einer Erziehung, die Kinder gezielt formen will.

Die Antipädagogik – hier als Kritik an genau diesem Formungsanspruch verstanden – stellt die Frage, die dahinterliegt: Sollten Erwachsene Kinder überhaupt zu bestimmten Menschen erziehen? Unsere Vorstellung von Nichterziehung knüpft daran an.

Mit substantieller Erziehung meine ich hier den Versuch, Kinder nach unseren Vorstellungen zu formen. Das ist für mich etwas anderes als Verantwortung zu übernehmen. Kinder brauchen Schutz, Fürsorge, Unterstützung, Orientierung und Erklärungen. Natürlich gibt es Situationen, in denen Eingreifen nötig ist: wenn ein Kind Schutz braucht, persönliche Grenzen oder Rechte anderer berührt sind oder das Zusammenleben Absprachen erfordert.

Dafür müssen wir keine besondere Autorität beanspruchen, nur weil wir erwachsen sind.

Vier Kinder und eine erwachsene Person sitzen auf einer Bank vor einer Bergkulisse.

Zusammen sein, ohne dass jemand den Ton angibt.

Diese Haltung vertrete ich seit meinem ersten Arbeitstag mit Kindern. Und ausgerechnet der Verzicht auf das klassische pädagogische Arsenal hat sich in meinem Umgang mit ihnen erstaunlich unspektakulär bewährt. Ich arbeite ohne Belohnungssysteme, ohne Bestechung und ohne ein „Wenn du jetzt …, dann bekommst du …“. Stattdessen begegne ich Kindern freundschaftlich, ernsthaft und gleichwürdig. Gleichwürdig heißt dabei nicht gleich verantwortlich. Kinder und Erwachsene können Unterschiedliches und tragen Unterschiedliches. Der Anspruch, ernst genommen zu werden, hängt aber nicht am Alter.

Ich habe damit gute Erfahrungen gemacht – mit den Kindern, mit denen ich arbeitete, aber auch mit Kindern, die ich vorher überhaupt nicht kannte. Egal ob am Strand, in der Nachbarschaft oder während längerer Aufenthalte im Ausland: Immer wieder suchen Kinder von sich aus Kontakt. Sie kommen, um zu reden, zu spielen oder einfach dabei zu sein.

Und trotzdem tanzt mir keines auf der Nase herum. Natürlich ist ein Nachmittag am Strand etwas anderes als ein Alltag, in dem jemand täglich Verantwortung für Schutz, Termine und Versorgung trägt. Meine Erfahrung zeigt mir aber: Gleichwürdigkeit führt nicht automatisch zu Kontrollverlust.

Vielleicht ist das weniger überraschend, als es zunächst klingt. Auch Erwachsene verbringen ihre Zeit lieber mit Menschen, die sie ernst nehmen, ihnen zuhören und nicht ständig versuchen, ihr Verhalten zu formen. Warum sollte das bei Kindern anders sein?

Dabei zeigt sich Adultismus nicht nur in großen Entscheidungen. Oft steckt er in den kleinen Dingen, die Erwachsene Kindern tagtäglich zumuten – mit den besten Absichten. Manchmal sogar gerade dann, wenn sie es besonders „pädagogisch richtig“ machen wollen.

Die folgenden 30 Beispiele betreffen ganz unterschiedliche Bereiche. Gerade darin liegt das Problem: Das Machtgefälle taucht beim Reden ebenso auf wie beim Essen, in der Familie ebenso wie in der Schule.

Zwei Kinder spielen auf einem Gehweg mit Bastelsachen, Rollschuhen und einer Gitarre.

Alltag aus Kinderperspektive: spielen, ausprobieren, eigene Ideen verfolgen.

Sprache, Respekt und Glaubwürdigkeit

1. „Sei nicht so laut!“, brüllt Papa

Kinder sollen ihre Lautstärke kontrollieren, während Erwachsene durchs Haus rufen oder selbst laut werden, sobald sie genervt sind. Das wirkt weniger wie eine Regel als wie ein Privileg für Erwachsene.

Besser: Für alle dieselbe Regel. Und wenn wir selbst zu laut werden, dürfen Kinder uns genauso darauf hinweisen.

2. Still sein, wenn Erwachsene sprechen

Ein Kind erzählt etwas, da fällt ihm ein Erwachsener ins Wort. Kurz darauf beginnt das Kind zu sprechen, während sich zwei Erwachsene unterhalten – und plötzlich soll man andere nicht unterbrechen. Ausreden zu dürfen ist offenbar eine Frage des Alters.

Besser: Wenn uns ein Kind unterbricht, sagen wir dasselbe wie zu einem Erwachsenen: „Ich würde den Satz gern noch kurz zu Ende sagen.“ Und wenn wir selbst dazwischenreden, entschuldigen wir uns genauso.

3. Kinder mit verstellter Stimme nachmachen

Ein Kind beschwert sich, protestiert oder sagt etwas Ungeschicktes. Daraufhin äfft ein Erwachsener es mit hoher Stimme nach. Was unter Erwachsenen ziemlich unverschämt wäre, läuft bei Kindern gern als Humor durch.

Besser: Wenn uns etwas nervt, sagen wir es normal. Ohne das Kind dafür lächerlich zu machen.

4. „Wie sagt man?“

Bitte. Danke. Entschuldigung. Erwachsene verlangen diese Wörter gern auf Kommando. Höflichkeit wird dadurch schnell zu einer kleinen Prüfung.

Besser: Höflichkeit vorleben. Kinder erleben jeden Tag, wie wir mit ihnen und mit anderen Menschen sprechen.

5. Jeden Satz korrigieren

„Kann ich noch ein Eis?“ – „Ob du kannst, weiß ich nicht. Und überhaupt: Du meinst wohl, ob du noch ein Eis haben darfst.“ Vielleicht war die Frage sprachlich nicht perfekt. Verstanden haben wir sie trotzdem.

Besser: Antworten, wenn klar ist, was gemeint ist. Nicht jedes Gespräch mit einem Kind muss gleichzeitig Sprachunterricht sein.

6. Über alles einen Witz machen

Kinder sagen erstaunliche, komische und manchmal herrlich schräge Dinge. Trotzdem möchte niemand ständig die Pointe für Erwachsene sein.

Besser: Mit Kindern lachen. Nicht über sie.

7. Über das Kind sprechen, obwohl es danebensteht

„Er ist momentan wieder total schwierig.“ – während „er“ einen Meter entfernt sitzt. Kinder bekommen erstaunlich häufig Gespräche über sich mit, an denen sie selbst nicht beteiligt werden.

Besser: Mit dem Kind sprechen, wenn es um das Kind geht, und seine Sicht hören. Was wirklich nicht für seine Ohren bestimmt ist, besprechen wir außerhalb seiner Hörweite.

8. Kinder automatisch für weniger glaubwürdig halten

Ein Kind und ein Erwachsener schildern dieselbe Situation unterschiedlich. Dann bekommt der Erwachsene schnell einen Vertrauensvorschuss – allein aufgrund seines Alters, noch bevor jemand genauer nachgefragt hat.

Gerade darin zeigt sich Adultismus: Schon das Alter beeinflusst, wem wir eher glauben.

Besser: Erst zuhören und nachfragen. Das Alter entscheidet nicht darüber, wer die Wahrheit sagt.

9. Respekt verlangen, aber keinen zurückgeben

Ein Kind soll warten, bis Erwachsene ausgesprochen haben. Erwachsene unterbrechen es. Es soll höflich antworten. Erwachsene machen sich über seine Worte lustig. Es soll erklären, was passiert ist. Die Entscheidung fällt, bevor jemand zugehört hat.

Und am Ende heißt es vielleicht trotzdem: „Du musst mich respektieren.“

Besser: Respekt nicht mit Gehorsam verwechseln. Wer von Kindern einen respektvollen Umgang erwartet, sollte ihn vorleben.

Nein, Körper und Selbstbestimmung

10. Aus einem Nein ein Ja verhandeln

Das Kind hat „Nein“ gesagt. Darauf folgen weitere Argumente, neue Angebote, Nachfragen und Überredungsversuche. Vielleicht kommt irgendwann doch das gewünschte Ja. Erwachsene können sich dann sagen: Es hat doch zugestimmt.

Manche wollen dabei besonders verständnisvoll sein. Trotzdem steht das Ergebnis oft längst fest.

Besser: Ein Nein ernst nehmen. Wo etwas wirklich notwendig ist, dürfen wir das klar und ehrlich sagen. Dafür brauchen wir kein Ja, das wir uns erst erdiskutiert haben.

11. Ein Nein zur Belastungsprobe machen

„Warum nicht?“ – „Aber nur kurz?“ – „Bist du sicher?“ – „Komm schon!“ Erwachsene nennen das gern Überreden. Für ein Kind kann es bedeuten, dass sein Nein erst zählt, wenn es genug Kraft hat, es immer wieder zu verteidigen.

Besser: Ein Nein als Nein behandeln. Niemand sollte seine Grenze ständig neu verteidigen müssen.

12. Freundlich klingende Drohungen

„Wenn du jetzt deine Schuhe anziehst, können wir nachher noch …“ klingt netter als eine Drohung. Manchmal ist es trotzdem eine: Das Kind soll tun, was wir wollen, sonst verliert es etwas Schönes.

Besser: Sagen, was wir brauchen und warum. Gibt es einen echten Zusammenhang, erklären wir ihn. Schöne Dinge sind kein Druckmittel.

13. Scheinentscheidungen anbieten

Die Frage „Möchtest du jetzt deine Jacke anziehen?“ klingt nach einer Wahl. Wenn „Nein“ keine mögliche Antwort ist, war es keine.

Besser: Offen sagen, was feststeht, und Wünsche als Wünsche benennen. Eine Wahl bieten wir nur dort an, wo wirklich gewählt werden darf: „Draußen ist es kalt. Möchtest du die Jacke anziehen oder erst einmal mitnehmen?“

14. Ein Kind anfassen, obwohl es das nicht möchte

Ein Küsschen für Oma, eine Umarmung für den Onkel oder einmal durchs Haar wuscheln: Erwachsene meinen es meist liebevoll. Für das Kind bleibt es trotzdem sein Körper.

Besser: Fragen – und ein Nein ohne beleidigte Gesichter akzeptieren.

15. Fotos einfach veröffentlichen

Weil Erwachsene das Foto niedlich finden, landet es im Familienchat oder im Internet. Das Kind selbst wurde manchmal nicht einmal gefragt.

Besser: Vorher fragen und ein Nein respektieren. Kann ein Kind die Folgen einer Veröffentlichung noch nicht einschätzen, ist Zurückhaltung umso wichtiger – besonders bei peinlichen, intimen oder sehr persönlichen Bildern.

16. Private Geschichten weitererzählen

Die lustige Panne beim Anziehen, das Missgeschick auf der Toilette oder der erste Liebeskummer sorgen beim Familienessen vielleicht für Unterhaltung. Für das Kind können sie ausgesprochen privat sein.

Besser: Vorher fragen, ob wir eine Geschichte weitererzählen dürfen. Kinder haben ebenfalls ein Recht auf Diskretion.

17. Das Essen eines Kindes kommentieren

„Nur so wenig?“ – „Iss wenigstens das Gemüse.“ – „Du hast doch gerade erst gegessen.“ Kaum jemand möchte jede Mahlzeit unter Beobachtung einnehmen.

Je nach Alter und Situation tragen Erwachsene einen Teil der Verantwortung dafür, welche Lebensmittel zur Verfügung stehen. Hunger und Sättigung spürt aber das Kind.

Besser: Verschiedene Lebensmittel anbieten und darauf vertrauen, dass das Kind Hunger und Sättigung selbst spürt.

Eine erwachsene Person und ein Kind an einem gedeckten Tisch; ein Hund steht daneben.

Auch beim Essen zeigt sich, wie schnell Erwachsene körperliche Signale von Kindern kommentieren oder bewerten.

18. Teilen müssen, weil man ein Kind ist

Kaum ein Erwachsener würde einem Gast sein neues Handy geben, nur weil dieser auch einmal damit spielen möchte. Bei Kindern erwarten wir solches Teilen erstaunlich selbstverständlich.

Besser: Eigentum respektieren. Teilen darf freiwillig sein – auch bei Kindern.

Gefühle und Alltag

19. Entschuldigungen erzwingen

„Jetzt sagst du ‚Entschuldigung‘!“ produziert zuverlässig das richtige Wort. Ob das Kind verstanden hat, was passiert ist, sagt dieses Wort allerdings nicht.

Besser: Gemeinsam schauen, was schiefgelaufen ist und wie man es wiedergutmachen kann. Eine echte Entschuldigung darf daraus entstehen.

20. „Du bist doch schon groß!“

Dieser Satz taucht auffällig oft dann auf, wenn ein Kind etwas tun soll, das es gerade nicht möchte oder schafft. Großsein wird damit zum Druckmittel.

Besser: Sagen, was wir brauchen oder warum etwas notwendig ist. Ohne das Alter des Kindes gegen es einzusetzen.

21. Weinen möglichst schnell abstellen

„Es ist doch nichts passiert.“ „Jetzt ist aber wieder gut.“ Vielleicht erscheint uns der Anlass winzig. Das Gefühl gehört trotzdem dem Kind.

Besser: Trost anbieten und Gefühle aushalten. Sie müssen nicht erst unsere Genehmigung bekommen, um berechtigt zu sein.

22. Immer sofort kommen müssen

Ein Erwachsener schreibt noch schnell eine Mail zu Ende, beendet sein Gespräch oder trinkt seinen Kaffee aus. Ein Kind baut gerade etwas, liest, spielt oder erzählt und soll bei „Komm jetzt!“ augenblicklich alles fallen lassen.

Besser: Vorwarnen und Übergänge ermöglichen: „In fünf Minuten wollen wir los.“

Das klappt natürlich nicht in jeder Situation. Aber erstaunlich oft.

23. Ständig zur Eile antreiben

„Schneller!“ „Mach hin!“ „Wir müssen los!“ Kinder bewegen sich tatsächlich manchmal langsamer, als unser Terminplan vorsieht. Diesen Terminplan haben allerdings meistens wir gemacht.

Besser: Mehr Zeit einplanen, wo das möglich ist. Und klar sagen, wenn wir es heute wirklich eilig haben.

Eine Gruppe von Kindern und Erwachsenen steigt einen schmalen felsigen Waldweg hinauf.

Gemeinsam unterwegs heißt nicht, dass alle im selben Tempo gehen müssen – und Größere dürfen gern Rücksicht nehmen.

24. Regeln aufstellen, an die Erwachsene sich selbst nicht halten

Kein Handy beim Essen, während Papas Telefon neben dem Teller liegt. Schuhe gehören weggeräumt – außer Mamas. Nicht fluchen – ihr wisst schon.

Besser: Entweder die Regel gilt für alle, oder wir erklären ehrlich, warum es einen Unterschied gibt.

25. Alles pädagogisch verwerten

Ein Streit, ein verlorenes Spiel, ein umgefallenes Glas – überall lauert eine Gelegenheit für ein „pädagogisch wertvolles“ Gespräch. Manchmal möchte ein Kind aber einfach weiterleben.

Besser: Nicht aus jedem kleinen Ereignis eine Unterrichtsstunde machen.

Schule und institutionelle Macht

26. Vorlesen müssen, damit man „Lesen übt“

Wer ohnehin unsicher liest, findet es selten motivierend, vor einer ganzen Gruppe vorgeführt zu werden. Ein Stolperer steht dann nicht mehr einfach zwischen Kind und Text, sondern plötzlich vor Publikum.

Besser: Lesen dort üben, wo Fehler kein Publikum haben – und Bücher vor allem einfach genießen dürfen.

27. Für jeden Toilettengang um Erlaubnis fragen

Gerade in der Schule erscheint uns das völlig normal: Ein Kind muss einem Erwachsenen erklären, dass es zur Toilette muss, und dieser entscheidet darüber.

Besser: Körperliche Bedürfnisse ernst nehmen. Auch eine Gruppe lässt sich organisieren, ohne dass Erwachsene jeden Toilettengang genehmigen.

28. Kinder vor allen anderen zurechtweisen

Manchmal muss etwas sofort gestoppt werden. Eine ausführliche Standpauke vor Geschwistern, Freund:innen oder einer ganzen Schulklasse braucht es dafür selten.

Besser: Stoppen, was gestoppt werden muss. Alles Weitere lässt sich meistens in Ruhe und ohne Publikum besprechen.

29. Kollektivstrafen

Ein Kind hat Unsinn gemacht, deshalb fällt für zehn, zwanzig oder dreißig Kinder etwas Schönes aus. Besonders in Schulen und Gruppen hält sich diese Methode erstaunlich hartnäckig.

Besser: Das Problem mit den direkt Beteiligten klären. Verantwortung funktioniert besser, wenn sie auch tatsächlich zugeordnet wird.

30. Sitzen, trinken, aufstehen: alles nur mit Erlaubnis

Der Toilettengang ist nur ein Beispiel. Wann sitzen, wann aufstehen, wann sprechen, wann essen, wann trinken? Gerade die Schule kontrolliert erstaunlich viele Bereiche des Alltags und des Körpers gleichzeitig.

Natürlich braucht eine Gruppe Organisation. Aber nicht jede Kontrolle ist deshalb notwendig. Adultismus beginnt lange vor offenem Zwang.

Besser: Bei jeder Regel fragen, wofür wir sie eigentlich brauchen: Schutz, Lernen oder ein gutes Miteinander. Wo Regeln alle betreffen, sollten Kinder an ihrer Entstehung und Überprüfung beteiligt sein. Dass Erwachsene bestimmen können, ist kein Grund.

Und wenn ein Kind trotzdem nicht will?

Ein Nein ist wichtig. Manchmal entscheide ich trotzdem gegen den Willen eines Kindes.

Ein Kind läuft in Richtung Fahrbahn. Dann halte ich es fest, auch wenn es das gerade nicht möchte. Ein Kind will sich im Auto nicht anschnallen. Dann kann ich warten, erklären und nach einer Lösung suchen – unangeschnallt loszufahren ist für mich aber keine davon.

Das sind die einfachen Fälle. Schwieriger wird es dort, wo keine unmittelbare Gefahr besteht und trotzdem nicht alles frei verhandelbar ist.

Vielleicht müssen wir zu einem Termin, den wir nicht einfach verschieben können, und das Kind möchte weiterspielen. Ich kann früh Bescheid sagen, erklären, warum wir losmüssen, und gemeinsam überlegen, was den Übergang leichter macht. Manchmal reicht das trotzdem nicht.

Dann kann es passieren, dass ich mich durchsetze. Das Spiel endet, obwohl das Kind weiter Nein sagt, und wir gehen trotzdem. Ich finde das nicht angenehm. Aber ich muss den Widerstand auch nicht in Zustimmung umdeuten oder daraus eine Lektion machen. Das Kind muss meine Entscheidung weder richtig finden noch anschließend „vernünftig einsehen“.

Genau darin liegt für mich ein wichtiger Unterschied zur substantiellen Erziehung. Ich entscheide in dieser Situation nicht, weil mein Erwachsensein mir grundsätzlich das Recht gibt, mich durchzusetzen. Ich entscheide, weil ich für eine konkrete Situation Verantwortung trage und tatsächlich kein gleichwertiger anderer Weg offensteht.

Deshalb muss ich mir auch die Gegenfrage gefallen lassen: Ist dieser Termin wirklich unvermeidbar? Hätten wir früher losgehen können? Habe ich den Zeitdruck selbst erzeugt? Gibt es doch eine Alternative, die ich gerade nur unbequemer finde? Bei Regeln wie einer festen Schlafenszeit sind dieselben Fragen umso berechtigter, weil der Spielraum dort meist größer ist.

Manchmal lautet die Antwort trotzdem: Wir müssen jetzt gehen.

Dann bleibt der Eingriff ein Eingriff. Ich kann den Ärger darüber ernst nehmen, erklären, warum ich so entschieden habe, und dort wieder Raum geben, wo der konkrete Grund für meine Entscheidung endet.

Und das Nein bleibt ein Nein. Ein Kind muss meine Entscheidung nicht gut finden, damit ich seine Perspektive ernst nehmen kann.

Fünf Kinder stehen mit dem Rücken zur Kamera vor einer Berglandschaft.

Gleichwürdigkeit lässt Raum für eigene Perspektiven – auch wenn Erwachsene Verantwortung tragen.

Adultismus erkennen, ohne Verantwortung abzugeben

Was wir selbst als „normal“ kennengelernt haben, erkennen wir erst spät als Adultismus. Erziehen zu müssen galt lange als selbstverständlich, und vieles davon steckt uns noch in den Knochen.

Wenn wir Kinder weniger formen wollen, geben wir unsere Verantwortung deshalb nicht ab. Wir müssen genauer hinsehen, erklären, warum etwas nötig ist, und unser Eingreifen begründen. Das ist anstrengender als eine Anweisung. Mir sind die Beziehungen dadurch trotzdem leichter geworden: Es gibt weniger durchzusetzen und weniger, wogegen sich ein Kind wehren muss.

Dabei können wir Kindern und anderen jungen Menschen mit demselben Respekt begegnen, den Erwachsene für sich selbst erwarten.

Welche Beispiele stecken in eurem Alltag, die Kinder im Grunde hassen? Macht dafür gern mal eine Umfrage auf dem Spielplatz oder im Kinderzimmer. Dort tauchen ganz andere Antworten auf als am Erwachsenentisch. 😉

Wenn euch noch etwas einfällt, schreibt uns gern per Mail. Gute Beispiele nehmen wir vielleicht noch in diesen Artikel auf.

Ich wünsche euch freundschaftliche Begegnungen mit „euren“ jungen Menschen.

Eure Evelin

CC BY-SA 4.0 Adultismus: 30 Dinge, die Kinder täglich aushalten müssen von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.