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Zuletzt aktualisiert: 22.02.2026

Im Video erzähle ich euch, wie ich den Mut fand, mich vom allgegenwärtigen Erziehungsdenken zu lösen. Dahinter steht eine Frage, die unser Familienleben bis heute prägt: Müssen Erwachsene Kinder erziehen – oder können sie Verantwortung übernehmen und Kinder zugleich als eigenständige Menschen achten?

Was wir mit Nichterziehung meinen

Mit „Nichterziehung“ meinen wir eine Beziehung, in der junge Menschen als vollständige Menschen der Gegenwart zählen. Ihre Wünsche, Grenzen und Sichtweisen verdienen Aufmerksamkeit, auch wenn Erwachsene am Ende eine Entscheidung treffen. Erwachsene besitzen mehr Macht, Wissen und Mittel. Darum tragen sie mehr Verantwortung für Schutz, Information, Unterstützung und die Art, wie sie eingreifen.

Sicherheitsgrenzen, persönliche Grenzen, gemeinsame Absprachen und Konflikte gehören dazu. Wir greifen ein, wenn eine Gefahr droht oder die Integrität eines anderen Menschen berührt ist. Wir erklären unsere Entscheidung, begleiten die Reaktion und suchen nach einer Lösung, die möglichst wenig übergeht.

Alte Erziehungsmuster sitzen tief

Zunächst gebe ich zu: Manchmal ist es hart, im Alltag auf Erziehung zu verzichten. Es gibt Situationen, in denen mich alle guten Geister verlassen und mir eine Moralpredigt nur so aus dem Mund quillen könnte. Dann merke ich, wie tief die Muster aus meiner eigenen Kindheit sitzen.

Ich erlebte mein Elternhaus, den Kindergarten und die Schule als Erziehungsinstanzen. Besonders die Schule vermittelte mir, ich müsse „gesellschaftsfähig“ werden und mich in die Masse eingliedern. Auch ich habe mich entsprechend gefügt.

Wie mir meine Begeisterung genommen wurde

Mit 13 oder 14 Jahren sah ich mich in meinem späteren Beruf durch ferne Länder reisen, ein elegantes Outfit tragen und vielen Menschen begegnen: Ich wollte Stewardess werden. Voller Begeisterung las ich alle Bücher, die ich über diesen Beruf auftreiben konnte, begann selbstständig eine zweite Fremdsprache zu lernen und löste sogar Mathematik- und Physikaufgaben fehlerfrei, sobald darin „Flug“ oder „Flugzeug“ vorkam.

In der Berufsberatung hörte ich dann einen einzigen Satz: Ich sei zu klein für diesen Beruf. Dieser Satz genügte damals, um meinen Traum beiseitezuschieben und meinen beruflichen Weg zu verändern.

Erziehung als Führung

Kurzum: Ich wählte eine Ausbildung zur Erzieherin. Dort begegnete mir erneut das Erziehungsdenken. Den Satz, den ich damals auswendig lernte, erinnere ich so: „Erziehung ist die beabsichtigte und zielgerichtete Beeinflussung meist junger Menschen.“ Wir lernten, Menschen kämen hilflos zur Welt und bräuchten deshalb Führung. Auf dieses Wort legte der Unterricht besonderen Wert. Genau dieses Wort stieß mich ab.

Während meiner Praktika in einem Waldkindergarten wollte ich herausfinden, welches Gewicht „Führung“ im Alltag tatsächlich bekam.

Der Waldkindergarten setzte eine andere Messlatte

Im Waldkindergarten erlebte ich eine Haltung, die mir viel näherlag: Die Erwachsenen übernahmen Verantwortung und vertrauten den Kindern. Auch ich fühlte mich damit wohl. Ich griff ein, sobald ich eine Gefahr sah oder die Grenze eines anderen Menschen berührt war.

Mein „Fehler“ im Koordinatensystem

Mit diesem Vertrau-dem-Kind-Ansatz kam ich aus dem Wald zurück in die Fachschule. Dort sollten wir unser Erzieherverhalten mithilfe eines Koordinatensystems nach Anne-Marie und Reinhard Tausch einschätzen. Im Video erzähle ich genauer davon. Am Ende urteilte ein Dozent, mein Verhalten sei falsch. Ich solle noch einmal darüber nachdenken.

Ich dachte viel darüber nach. Das Vertrauen in Kinder war für mich weiterhin der richtige Ausgangspunkt. In Kindergärten, Schulen und Familien konnte ich mit diesem Ansatz gut arbeiten. Zu Konflikten kam es vor allem, wenn Kolleg:innen korrigierend eingriffen: wenn sie Kriegsspiele kleiner Jungen beendeten, ein autistisches Kind im Rahmen einer sogenannten Festhaltetherapie festhielten oder Krippenkinder zum „richtigen“ Essen mit Besteck anhielten.

Autonomieunterstützung und psychologische Kontrolle

Die Motivationspsychologie unterscheidet zwischen Autonomieunterstützung und psychologischer Kontrolle. Emma Bradshaw und ihre Mitautor:innen beschreiben Autonomieunterstützung als eine Haltung, die die Perspektive des Kindes einbezieht, altersgemäße Entscheidungen ermöglicht, Gründe für Regeln erklärt und Selbstausdruck unterstützt. Psychologische Kontrolle wirkt dagegen über Zwang, äußeren Druck, Schuldgefühle, Drohungen oder Liebesentzug.[1] Auch Sicherheit und nachvollziehbare Grenzen gehören in diesem Forschungsmodell zu einem autonomieunterstützenden Rahmen.[1]

Die Meta-Analyse bündelte 238 Studien mit 126.423 Personen. Autonomieunterstützung hing im Mittel positiv mit Lebenszufriedenheit, Vitalität und positivem Affekt zusammen (r = 0,30; 95%-Konfidenzintervall 0,26 bis 0,33). Psychologische Kontrolle hing positiv mit negativem Affekt, Depression und Angst zusammen (r = 0,26; 95%-Konfidenzintervall 0,23 bis 0,28).[1] Die meisten Studien erhoben ihre Daten zu einem Zeitpunkt; der Studienaufbau trägt daher Korrelationsaussagen, während zeitliche Reihenfolge und Ursachen weitere Forschung erfordern. Nichtwestliche Regionen waren schwächer vertreten, und die Ergebnisse unterschieden sich deutlich zwischen den Studien.[1]

Die Begriffe helfen uns, im Alltag genauer hinzusehen: Geben wir Orientierung und Beteiligung, oder steuern wir über Schuld, Drohungen und Liebesentzug? Unsere Entscheidung für Nichterziehung beruht außerdem auf einer ethischen Position: Junge Menschen haben schon heute eine eigene Perspektive, eigene Interessen und einen Eigenwert.

Wissenschaftliche Quelle

  1. Bradshaw, E. L., Duineveld, J. J., Conigrave, J. H., Steward, B. A., Ferber, K. A., Joussemet, M., Parker, P. D., & Ryan, R. M. (2025). Disentangling Autonomy-Supportive and Psychologically Controlling Parenting: A Meta-Analysis of Self-Determination Theory’s Dual Process Model Across Cultures. American Psychologist, 80(6), 879–895. DOI: 10.1037/amp0001389. Tragende Stellen: Abstract; Abschnitte „Autonomy-Supportive and Psychologically Controlling Parenting in SDT“, „Results“ und „Limitations“.

Wie Nichterziehung in unsere Familie kam

Im sozialpädagogischen Studium fielen zwar Namen wie Alice Miller, doch Antipädagogik begegnete mir weiterhin kaum. Nach der Geburt unseres ersten Kindes beschäftigte mich das Thema wieder stärker.

Ich war schon vorher eigene Wege gegangen: freie Geburt, langes Stillen, Familienbett, Windelfrei, Tragen statt Schieben und breifreie Beikost. Als mein Kind laufen lernte, stand plötzlich diese unausgesprochene Erwartung im Raum: „Jetzt kommt die Phase, da muss man erziehen.“

Durch Zufall lernte ich eine Familie kennen, in der kaum klassische Erziehung stattfand. Ich kam mir vor wie in einem Pippi-Langstrumpf-Bilderbuch. Der liebevolle Umgang der Mutter berührte mich, und ich wollte mir etwas davon abschauen. Gestriegeltes Haar und andere Vorzeigemuster verloren für mich endgültig ihren Maßstab.

Verantwortung im Familienalltag

In unserem Alltag gehören Schutz, Orientierung und die Grenzen aller Beteiligten zusammen. Wir erklären unsere Entscheidungen, suchen nach Wiedergutmachung und gehen nach einem Bruch wieder aufeinander zu.

  • Bei akuter Gefahr stoppen wir die Handlung, erklären den Grund so knapp wie möglich und sprechen später darüber.
  • Eine persönliche Grenze schützt Körper, Kraft, Eigentum oder Integrität. Wir benennen, was uns betrifft und was wir tragen können.
  • Wenn Interessen kollidieren, helfen wir beim Übersetzen: „Du möchtest … und sie möchte …“ Danach suchen wir eine Lösung, die beide Seiten berücksichtigt.
  • Wenn wir eine Entscheidung treffen, nennen wir sie als Entscheidung und begründen sie. Wir begleiten die Reaktion des Kindes.
  • Wenn wir überfordert sind, sagen wir ehrlich: „Ich bin gerade am Limit.“ Danach sorgen wir für Entlastung und suchen später wieder das Gespräch.

Weiterführend im Blog

Warum wir unsere Kinder nicht erziehen

Für mich war der Punkt gekommen, an dem ich beschloss: Mein Kind soll einfach das Kind sein, das es ist. Ich brauche es nicht zu formen, sondern will ihm Vertrauen schenken. Ich will ihm helfen, das zu sein, was es ist. Und ich will ihm helfen, das zu werden, was es sein wird. Mehr und mehr will ich versuchen, mich in mein Kind hineinzuversetzen und das Erziehen Stück für Stück sein zu lassen.

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